Archive for the ‘Malerei und Plastik’ Category

23. März 1982 - DDR-Kunstmarkt

Dienstag, Oktober 2nd, 2007


[…]

Rückenschmerzen, Erkältung […]

Wenn ich schon langsam ein bißchen Ordnung in mein Psychokostüm bringe, dann sollte ich bald mal nach Freßlust und Übergewicht fragen. […]

DR nach Leipzig. Ich lese im „Sonntag“ 9/82, lohnt sich einfach nicht dieses Blatt; „Neues Leben“, „Sinn und Form“ 1/82.

DDR-Zeitschriften: „Sonntag“ war Blatt des Kulturbundes. Ich hoffte immer wieder mal auf Interessantes aber es blieb ein angepaßtes Blättel; ist übrigens der Ostvorläufer des „Freitag“. „Neues Leben“ war ein monatlich erscheinendes Jugendmagazin in ziemlich schlechtem Druck (besonders der Bilder) aber gelegentlich ganz erfrischend, gelegentlich mit Aktfotos. Die rennomierte „Sinn und Form“, herausgegeben von der Akademie der Künste und nur von „Insidern“ gelesen, brachte ziemlich oft Lesenswertes. Als „lesenswert“ bezeichne ich hier pauschal Beiträge, die nicht sklavisch den geforderten Denkschablonen folgten.

In Leipzig: Nichts geht mehr in Kopf und Körper, wenn man 4 Stunden Museum und Pflaster getrabt ist. (Meine Augen brennen mir sowieso.) In der „Galerie am Sachsenplatz“ eine Ausstellung, die wegen der Vielzahl der ausstellenden Künstler anregend ist. Einige Namen (und Preise) habe ich mir notiert: Zuvorderst ein „Stilleben“ und „Drei Frauen am Strand“ von Jüchser, zwei wunderbare Bilder, je 7 1/2 TM. Weiter in bunter Folge: großes Frauenporträt von Uhlig, 3,5 TM (nicht schlecht). Kleines Stilleben von H.-P. Hund 850,-M. Ein Boys-Kopf von Peuker, 3100,-M! (muß der Boys für manche Leute wichtig sein! Ja, Boys ist eine Kristallisationsfigur für persönliche Originalität, Sensibilität, soziale Indifferenz.) Carl Marx mit seinen bunte erotischen Puppen, 2,8 TM; ein Proletariermädchen von Lachnit, 1925 für 7,-TM. J. Böttcher, „Stilleben mit Oboe“, sehr kultiviert, geradezu antik, zu chinesischem oder Meißner Porzellan, zu böhmischem Glas usw. wunderbar passend, 2,7 TextMaker; zwei A. Wigands, kostbare kleine Bilder (besonders „Ladenstraße“), ins Abstrakte gelenkt ein (nicht so bezeichnetes) „Industriestilleben“ von Nehmer für 4 TM; etwas langweilig ästhetisch gemalt, aber allein die hier zum ersten Mal bewußt wahrgenommene Möglichkeit solches Stillebens (nein, gabs auch schon bei Mayerl - „Bergmannsstilleben“) nimmt mich sehr ein, interessantes Porträt von Sabine Curio 1TM. Wüßte keine Berliner Galerie, die auf kleinem Raum so viel Sehenswertes bietet.

 

Im „Museum der bildenden Künste“ habe ich Glück und kriege noch die Impressionisten-Sonderausstellung zu Gesicht, die eigentlich bis 21.3. ging.

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Darauf freute ich mich besonders wegen R. Sterl aber es ist nicht sehr viel von ihm zu sehen. Neben den „Steinbrucharbeitern“ und Studien dazu eine Lasttrrägerstudie, offensichtlich aus Rußland 1912 und das Bild des Oberbürgermeisters 1913, sowie zwei kleine hessische Bilder, 1902. Sterl versteht es, das sozialpsychologische Umfeld oder Miteinander seiner Figuren mitzumalen. Diese Bilder fesseln mich umso mehr, je länger ich sie anschaue. Eben wegen dieser Einheit von konkreter inhaltlicher Aussage und künstlerisch-formaler Meisterschaft halte ich ihn für einen der Größten, auf den unsere Malerei aufbauen kann. Die früheren Bilder tendieren dagegen zur Idylle. Sterl gegenüber ist Corinth natürlich ein urwüchsiger, vitaler Meister aber völliger Individualist. Jede Figur, z. B. seiner „Kreuzabnahme“, tritt individuell mit dem Betrachter in Beziehung, stellt sich individuelle dar. Es ist wie ein Theaterstück.

Immer wieder behauptet sich auch Gotthard Kuehl in diesem Kreis. Liebermann ist mir allzu satt, statisch, langweilig; vielleicht bin ich nur zu ungeduldig, seine Qualität gerecht aufzunehmen. Lesser Ury mit einigen kleinen Radierungen vertreten, die ihn zum Ahnherrn der Berliner Belanglosigkeiten machen könnten.

Wieder an Max Klinger vorbei gelaufen, möchte wissen, was L. daran einst fasziniert hat.

(An Klinger bin ich eigentlich erst bei meiner Fahrradtour im Sommer 2007 nicht nur vorbei gelaufen.)

Und dann viel Arno Rink. Das ist nicht mein Fall. Das „Lied vom Oktober“ von 1969 ist ein wahres Schreckenslied. Schrecknisse des menschlichen Lebens werden dargestellt, werden ausgemalt und als ebenso verführerisch wie unvermeidlich suggeriert (nicht unbedingt absichtlich), keine Wärme, kein Glaube, so auch die Nackten. Die Menschen sind armselig, äußerlich auf diesen Bildern.

Mit nüchternem Interesse blicke ich auf die properen, in straffe Hosen gepreßten Leipzigerinnen, die flink blicken. Es reizt mich nicht. (Ich bin zu angeschlagen, mich reizen zu lassen.) Von Reichenbach her saß mir eine ganz nette Frau gegenüber. Ich war am Gespräch nicht interessiert, wollte lesen, dann aber doch etwas Unterhaltung. Viel zu oft ziehe ich das Buch dem lebendigen Austausch mit einem lebendigen Menschen vor.

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Ein Bild aus der Wochenzeitung “horizont”, das mir irgendwie gefallen hat.

 

 

 

21. März 1982 - Elisabeth Shaw

Donnerstag, September 27th, 2007


Einer schrieb mal (war es Hebbel?), daß es wichtig sei, das Negative nicht zu vernichten; zwar von mir abzutun (zu überwinden) aber in seinem Recht bestehen zu lassen. (Unterschied von absoluter und dialektischer Negation.)

Nach dem Abendessen entdeckte F. sein Küken unter dem Tisch. Er holte es hoch, fütterte es, gab ihm zu trinken, zeigte auf sein Hinterteil: „A, a“ Ich: „Muß das Küken auch a, a machen?“ Er kletterte vom Stuhl, holte seinen Topf aus dem Nebenzimmer und „setzte“ das Küken darauf. „Küken macht a, a, macht eine „Dampfwurst“, „macht viel“, erklärte er immer wieder. „Küken macht auch pinke“. Großes Lob für das Küken, für seine „Dampfwurst“. Schließlich überrede ich ihn, daß das Küken nun genug gemacht hat. „Nun den Topf ausleeren“ und gemeinsam leeren wir den (leeren) Topf in sein mittlerweile fertiges Badewasser aus. Dann bringt er den Topf wieder ins Nebenzimmer, das Küken läßt er achtlos wieder unter den Tisch fallen.

Hebbel: „Für den Menschen, der Geist und Herz möglichst nach allen Seiten sich frei erhalten, oder befreit hat, ist jede Zeit schlimm, denn jede führt, da sie auf bestimmte Interessen verwiesen ist, etwas Ausschließendes mit sich. Die aber ist die schlimmste, die wegen wirklicher oder vermeintlicher Schwäche ihres Fundaments, Mut und Kraft verdammt, so daß nur Kranke und Verschnittene ihr Dienste tun können oder dürfen.“ (S66)

„Jean Paul nennt Ludwig XIV. Ludwig den Vergrößerten“ (66)

„Damit sich der Mensch in seiner ganzen Menschheit, d.h.zur Persönlichkeit ausbilde, ist es notwendig, daß er alle verschiedenen Lebensperioden, die jener letzten, worin er stehen, wirken und genießen soll, voraufgehen, mit angemessener Freiheit durchgenieße. Erstlich die Periode der Passivität, wie ich sie nennen möchte, weil sie den Menschen mit Leben und Welt überschüttet.“ (68)

Erstaunlich, daß die Natur in irgendwelchen Nischen immer auch gleichartige, „nichtsnutzige“, fruchtbare, robuste Lebewesen hervorbringt: Spatzen, Brennesseln, Fliegen, Mäuse.

Was gefällt mir an E. Shaw?

Die beiden folgenden Seiten stammen aus dem “Magazin” vom Mai 1980. Der Elisabeth Shaw würdigende Text ist vermutlich von Herbert Sandberg, Zeichner und Karikaturist, Kommunist, der im “Magazin” eine endlose Serie “Der freche Zeichenstift” betreute. Wikipedia kennt sowohl E. Shaw als auch H. Sandberg! Eine schöne Website zu E. Shaw und ihren Mann Rene Grätz hat ihr Sohn gestaltet.

 

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20. März 1982 - Cezanne

Mittwoch, September 26th, 2007

Wie Empfindungen täuschen: Heute lief ich wieder ohne Leistungsziel.

(Meine Laufstrecke, die „Große Weißenseer Runde“ erstreckte sich über 2 x 3,5 km.)

Es fiel mir schwer (Seitenstechen, Magenschmerzen). Ich dachte das sei die Quittung für die vergangene Woche. Die Zeit aber (30’30,5“, ohne Endspurt) erweist sich als ziemlich gut. Cierpinski gibt als Pulsschlagempfehlung 180 minus Zahl der Lebensjahre, für mich also 140. Ich hatte 164. Diese Läufe sind eine der wenigen Situationen, in denen ich regelmäßig eine bestimmte Fähigkeit messe. 

Durch Hans-Dieter Schmidts Bemerkung in seiner „Entwicklungspsychologie“ über den Expressionismus (Rückgriff aufs Kindliche bzw. Primitive um die Jahrhundertwende) wurde ich angeregt, mir erneut Gedanken über Cezanne zu machen, insbesondere auch über das Bild seiner Utopie „Die großen Badenden“, das ich meist übergangen hatte. Der Text der Teillandier (Südwest Verlag München) weist darauf, wie sorglich, einzelne überstarke Gestaltungsmittel meidend, er seine Ziel (Volumen, Farbe) erreichte. So erscheint mir Cezanne als Genie des Realismus , als Maler, der alle Mittel in den Dienst des realen stellt. (Nicht wie kleinere Maler, die eine Seite der Realität verabsolutieren > die ganzen Ismen) Natürlich ist er als bürgerlicher Künstler nur im Natürlichen in diesem hohen Masse Realist. Im Sozialen bleibt er abstrakt.

Für den „sozialen Realisten“ ist auch die Kleidung der Bildgestalten sehr wichtig. Das stete Bevorzugen von Akten oder Verkleidungen aller Art ist ein Ausweichen (bei vielen Gegenwartsmalern!). (Vgl. den „Wurf“ zum „sozialen Realismus“ (bestimmter Prägung) den W. Mayerl machte.) […]

Hebbel-Schätze: Prinzip, das all meinem Streben zu Grunde liegt, „daß bei dem Menschen nie von äußerer Erleuchtung, sondern nur von innerem Tagen die Rede sein könne, … mein Evangelium ist, alles Höchste, in welchem Gebiet es auch sei, erscheint nur, und wird selbst durch den geweihtesten Priester vergebens gerufen; man entdeckt nichts durch die Wissenschaft, sondern nur bei Gelegenheit der Wissenschaft; dies aber gibt der Wissenschaft noch Würde genug.“ (S64) 

üble Laune höherer Menschen (nicht aus Mangel an Genuß), sondern aus unerträglichem Zustand innerer Leere, halb unbewußtes „Haschen der Seele nach irgend einer Art von Tätigkeit. Sie verwundet sich selbst, um nur zu erwachen.“ (64)

[…]

 

 

18. März 1982 - Willibald Mayerl

Dienstag, September 25th, 2007

Bus nach Hohndorf in Sachsen, wo früher Willibald Mayerl wohnte. Ich treffe seine Schwiegertochter, die mir viele seiner Bilder zeigt. 

[…]

Mayerl war Bergmann, Steiger und naiver, sehr produktiver Maler. Durch einen Artikel in der Zeitschrift „Magazin“ war ich auf ihn aufmerksam geworden. Wikipedia verfügt zwar über seine Lebensdaten (1896-1977), jedoch über keinen Artikel. Einige Abbildungen seiner Bilder gibt es hier:

http://kunstliebhaber.blogspot.com/

Eine dieser Abbildungen übernehme ich hiermit:

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Wahrscheinlich werde ich bald auf Opablog ein Posting zu Willibald Mayerl veröffentlichen.

Die Mayerl-Bilder beeindrucken mich stark. Selbstverständlicher Ausdruckswille! Fülle von Bildern. Es ist bedeutende Kunst, ohne daß der Autodidakt verleugnet wird. Für Ästheten ist es nichts. Bin mir nicht ganz sicher, ob ich ein, zwei Bilder haben möchte. Vielleicht fahre ich am 3.4. nochmal hin, wenn der Sohn da ist. Die Schwiegertochter war sehr freundlich und hat mir noch etliche Kataloge mitgegeben. Dieser Mann hatte etwas zu sagen, im Unterschied zu vielen Malern.

„Galerie oben“ (bekannte Galerie in Karl-Marx-Stadt) zeigt Münzner, der mich nicht fesseln kann.

Die von Mayerl selbst gebaute Gitarre!! 

Im übrigen war es in diesen Tagen viel zu wenig Schlaf und zu viel Alkohol. Ich habe nicht die geringste Lust, zu Hegrü zu fahren und entscheide mich in diesem Moment, es folglich nicht zu tun; werde sie vom Bahnhof aus anrufen und dann nichts wie nach Hause. […]

Hegrü am Telefon war betrübt. Ich kann es nicht ändern. Ohne die Absicht, mit ihr zu schlafen, kann ich mich dort nicht aufhalten. Soll sie mich abweisen, wenn ihr das zu wenig ist. 

Zu Hause: […] Christine zeichnet L. Sie hatten eigentlich Cordula, die Krankenschwester aus Buch, zum Zeichnen eingeladen. 19.30 Uhr hatte sie abgesagt, weil ihr geschiedener Mann, mit dem sie wieder lebt, es verboten hatte. („Dann komme ich auch mit.“) Welch ein Durcheinander sich die Leute schaffen! (Um wie viel besser ist das eigenen Durcheinander?) […]

Von Mayerl beeindruckt, frage ich mich, was erlebt L. eigentlich? Kind, alltägliche Besuche, gesellschaftliche Atmosphäre, doch sehr gefiltert. Mittleres! Große Kunst kann nur dort entstehen, wo die materiellen Grundprozesse der Gesellschaft selbst zum Schönen drängen (Renaissance).

 

16. Februar 1982 - Ende des allerersten Protokollheftes

Dienstag, Juli 24th, 2007

Gestern auch „Eule“ 7/82 kurz gesichtet.

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Die Besprechung von Paschillers Buch von Matthias Biskupek gefällt mir gut. Warum?
„Man“ (das heißt unter den Bekannten, unter denen, „die dafür ein Organ haben“) ist sich darüber einig, daß Doris Paschiller „eine Ausstrahlung hat“. „Sie hat etwas“, lautet meist der gewichtige, unbestimmte Satz.
Sie hat wirklich etwas - strahlende blaue Augen, ein Gleichmaß des Verhaltens und sich Äußerns, meinetwegen ein In-sich-ruhen. Ich glaube darüber hinaus, daß sie auch noch die Illusion hat, dies genüge schon. Wir „konnten nicht“ miteinander. Als sie - vor Jahren bei L.s Ausstellungseröffnung im Berliner Prater - sagte, sie habe schon fünf Schauspiele geschrieben, fiel bei mir so etwas wie eine Klappe. Danach versuchte ich sie zu reizen oder zu provozieren. Darauf sprang sie aber nicht an.
So blieb immer ein Patt zwischen uns (aber vielleicht ist das ihre Art sozialer Beziehung.)
Na und außerdem als Freundin des Maulaufreißers Jürgen (Max) Stock.

Der „Karin-Ohde-Exkurs“ ist auch für L. Anlaß, über uns (an Hand der K. Horney-Lektüre) nachzudenken. Zwingen so Tatsachen auch sie zu größerer Entschiedenheit? (Mich nicht so recht lieben, mit mir aber zusammen bleiben, andere partiell mögen (lieben), kaum Erotik zwischen uns - d.i. ja nicht zuletzt ein von L. ausgehendes Durcheinander, Inkonsequenz).

Mit Dr. Heyse ein 50 Std.-Verhaltenstraining vereinbart. Bei aller Partnerschaft keine ungehemmte Sympathie. Viele Psychologen, die ich kenne, scheinen mir irgendwie gehemmt, aber so, als verstünden sie es gekonnt, mit ihrer Hemmung umzugehen.
. Ich freue mich darauf, dieses umfangreiche Vt. kennenzulernen und mir anzueignen.
. Ich sehe davon ausgehend Möglichkeiten, der „psychologischen Optimierung“ unseres Lehrgangs einen Schritt näher zu kommen.
. Ich sammle damit zugleich Gedanken für meinen Diskussionsbeitrag/Erfahrungsbericht für die Rostocker Konferenz im September.

Mein soziales Grundgefühl ist, daß diese Gesellschaft mich braucht.
L.s soziales Grundgefühl ist eher, daß die Gesellschaft sie nicht braucht, und sie nicht die Gesellschaft.
So oder so gibt es dieses Gefühl bei vielen Anderen.
Bei anderen gibt es das Bedürfnis, mit Haß auf diese Gesellschaft zu antworten.

In der „Weltbühne“ u.a. wichtiger Artikel über die Memoiren des Schönhuber. Die nazistischen „Alternative“ ist in der BRD immer präsent.

„Welt der Kunst“, Monografie über Beckmann; kann man nicht schnell nebenbei lesen. Schon auf der ersten Seite exponiert Rimbaud:“Der Vorstoß des Poeten ins Unbekannte“.
Auch meine Protokolle stellen einen solchen Versuch dar.
Doch Feindschaft will ich halten, gegen das nur in sich selbst rasende Individuum.

Ende dieses ersten Heftes von Protokollversuchen. Weiter geht es mit einem A4-Band und Bemühungen zu rationellerer und übersichtlicherer Darstellung.

06. Februar 1982

Freitag, Juni 29th, 2007

8.00 Wecken, F. versorgt, 4 Waschmaschinen gewaschen, Kokosläufer geklopft, Plakate im Treppenhaus angebracht, L.s Nähmaschine in Gang gesetzt, L. kochte herrlichen Eintopf und buk Apfeltorte.

gestern gekauft: Reclam: „Deutscher Renaissancehumanismus“ und Lessing: „Die Aber kosten Überlegung“.

Die Eindrücke von gestern waren:
- Heimfried erzählte so bildhaft aus seinem Betrieb, Mathias-Thesen Werft
- die Mocambique-Ausstellung
- Margots Brief
- Henry Miller

Heimfried erzählte davon, wie sie den Fahrer eines Tanklastzugs aus Westdeutschland, der Öl für die Schiffsmotoren brachte, angeführt haben: „Die haben doch nur so ein Kurzvisum, müssen am selben Abend zurück. Doll sehen sie ja aus, diese Tanklastzüge, aber mit ihren Pumpen ist es nicht so weit her. Einem haben sie ganz schön angst gemacht:
Das schaffst Du nie mit Deiner Pumpe (Es muß einige Meter hochgepumpt werden, da kommt bloß noch ein fingerdicker Strahl.) Da werden sie Dich wohl an der Grenze gleich hochziehen…. Wir haben ja ‘ne richtige Pumpe…..Weißt Du, da lang und da rum ist ein Intershop…. Wenn Du willst, lutschen wir Dir Dein Ding gleich aus. Deine (Pumpe), die macht doch bloß so im Saft rum….
Noch in derselben Schicht war der Lastzug leer. Ich sagte bloß den Jungens, sie sollen sich nicht an Bord blicken lassen, und den Rest der Schicht saßen sie bei ihrer Pulle im Waschraum.“

Die Ausstellung von Mocambique ist beeindruckend. In ihren besten Sachen ist unverfälschte und bedeutende Volkskunst zu sehen und zwar sowohl in den aus einem Stück Sandel- oder Ebenholz geschnitzten Plastiken, als auch in der Malerei, die traditionell fast nur gelb, braun, schwarz (Material aus Termitenhaufen) kennt, heute aber auch kühne Farben einsetzt.
Handwerkliches Können! Expressivität, jedoch nicht als Pose oder bloßes Kunstmittel, sondern als Lebensausdruck (z. B. Gemälde „Verteidigung der Familie“, „1. Mai“, „Nach dem Krieg“, Skulptur „Geburt“, großes Holzrelief u.v.a. Arbeiten).
Diese Ausstellung gehört zu den bedeutendsten der letzten Jahre in Berlin. Und: Eine der seltenen Ausstellungen, die mich allein schon durch ihr Plakat zum Besuch bewogen.
Kraftvolle Parteinahme, man spürt, die Künstler bzw. Künste sind inmitten, sind Bestandteil der dort geführten Kämpfe. Auch einige mehr Genreszenen, z. B. „Wasserträgerinnen“, „Auf dem Weg zum Markt“, „Alphabetisation“.

Zeitweilig schloß ich mich einer Führung durch einen dicken Mocambiquaner an:
Er weist auf die immer wieder dargestellten großen Brüste der Frauen hin, lacht, verschmitzt, genießerisch, etwas fettig. Das rege an. Er sieht sich um - keine fröhliche Zustimmung aus der Gruppe (viele junge Frauen, Mädchen dabei). Er bekräftigt: Ja, wenn so was z. B. in der Literatur dargestellt sei, das rege ihn an.
Es gab nicht gerade ein peinliches Schweigen, nur eine gewisse Reglosigkeit.
Bei uns denkt man so etwas, tut man so etwas, aber öffentlich äußern - das tut man nicht.

Von Anfang bis Ende aber tut das Henry Miller. „Wendekreis des Krebses“ - das „schlimme Buch“, nun auch mir bekannt. Ich bin, nachdem ich gerade einiger seiner Erzählungen gelesen hatte, ziemlich enttäuscht. Manches, was Wert hat, habe ich vielleicht aus Eile nicht gefunden Aber im Ganzen gilt doch: Seine Philosophie des einsamen Menschen, des leidenden, natürlichen Menschen ist auch in diesen Erzählungen. Die künstlerische Kraft, Ursprünglichkeit, Bildhaftigkeit schien mir in ihnen stärker. Am meisten enttäuscht bin ich über das rüde Sexualgetöne; wo ich menschliche Erotik erwartet hatte, natürlich direkt, natürlich kraß, meinetwegen obszön aber doch genau und differenziert, da gab es viel Sexualgeschwätz und -radau und großmäulig bornierte Einseitigkeit.

Weitergelesen in Knoblochs „Moses“, einem Buch, das ganz auf die sanfte Gewalt der Tatsachen und der Vernunft baut.
Das „Gift“ der Aufklärung in unserer Zeit!
Der englische Botschafter schreibt 1776 über Friedrichs Untertanen: Sie „sind meist arm, eitel, unwissend und ohne Grundsätze. Wären sie reich, dann hätte der König seinen Adel nimmermehr dazu vermocht, mit Eifer und Leidenschaft als Subaltern-Offizier zu dienen… Ihre Unwissenheit erstickt in ihnen jede Vorstellung von Freiheit und Widerspruch, und ihre Grundsatzlosigkeit macht sie zu willigen Werkzeugen, die jeden beliebigen Befehl ausführen, ohne zu überlegen, ob der Befehl sich rechtfertigen läßt oder nicht.“ (S. 244).

Knobloch selbst zieht die Parallele zur Gegenwart, die mir sofort in die Gedanken kam:

Im Jugendmagazin „Neues Leben“ 2/82 gibt es ein Interview mit Prof. H.-D. Schmidt (dem ich meine Äußerung zu seinem Buch „Entwicklungswunder Mensch“, nun, da sie nicht gedruckt wird, zusenden möchte), in dem es um seine Gutachtertätigkeit beim Majdanek-Prozeß geht:

Prof. H-D. Schmidt

Sind das nicht fast wörtlich die gleichen Begriffe, wie 1776 beim Eff Zwo?

Und welches Ergebnis kommt heraus, wenn wir mit diesen Kriterien manchen messen, der bei uns Karriere machen kann?
Was wir als unseren Alltag erleben - grundsätzlich historisch, theoretisch wichtig nehmen - das ist das Neue in meinem Suchen und Mühen, etwas zu verstehen.

Die Gegenwart hat mehr Gewicht und steht höher als Absichten und Erklärungen von gestern.
Den Tatsachen das Gesicht zu!
Nachdenken, ohne die Antworten schon vorher zu wissen! (Auch deshalb diese Protokolle.)

Wie sehr gleicht unser Leben (im realen Sozialismus) jedem früheren Leben:
„O Jahrhundert! O Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben, wenn man auch nicht ausruhen darf… Die Studien blühen auf, die Geister regen sich. He, du, Barbarei, nimm einen Strick und erwarte deine Verbannung.“ (U. v. Hutten, 25. 10. 1518)

Ebenfalls denke ich an Puschkins „Den Kameraden“ (Poesiealbum 169, S. 3f).

Das Gedicht hatte ich nicht fürs Protokoll abgeschrieben. Es findet sich jetzt hier:http://opablog.twoday.net/stories/4015330/

 

13. Dezember 1981

Donnerstag, Mai 24th, 2007

“… ich fühle eine tiefe Sehnsucht nach der Kraft, die aus Nüchternheit und Klarheit kommt, und bin dem Romantischen ziemlich gram. Ich spüre in dem schlechthin Echten, für das es wieder kein Erkennungszeichen gibt, das Wesen, auf das es bei allem Kunsttreiben und schließlich Leben allein ankommt. Der Grad Echtheit beim Menschen enthüllt sich vor Kunst, das Wesen richtet das Wesen, erkennt sich selbst wieder in der anderen Form; da, im immer reineren Herauskristallisieren will mir ein Sinn aufgehen, der das Leben zu höheren Stufen treibt. Mir wird Persönlichkeit immer wesenloser, immer wichtiger Hineingehen in ein Übersich…”

E. Barlach an K. Barlach 5.5.1922

“Ich bin oft empört über mich selbst; daß man das alles so hinnimmt, bin ich allein so, oder geht’s auch andern so? Aber die täglichen Nöte und Familiensorgen sind wichtig wie vorher, und die schwere Not der Allgemeinheit kommt eigentlich nur in kurzen Augenblicken wie eine Erscheinung von scheußlicher Gespensterhaftigkeit über mich. Da ich aber zu klein bin, sie so groß, so ist’s, als ob ich unversehrt durch sie dringe und weder von ihr verschlungen noch überhaupt bemerkt bin…”

E. Barlach an Fr. Düsel, 28.12.1918

Franzsprache. “Staubsauger” - “Stabauter”

Kaum sage ich “Staubsauger”, da schleppt er den Hocker und die Fußbank herbei und legt sie auf das Sofa.

Drei Grafiken von Gisela Neumann gekauft. Es war mir irgendwie wichtig, wohl auch, um L. zu erfreuen. Und doch wird mir klar, daß mir letzten Endes dieser Psychologismus zuwider ist, dieses Abbilden der Realität als Ausdruck des persönlichen Empfindens. Bei L. dagegen geht es (letzten Endes) um das Entdecken des menschlich Bedeutsamen in der Realität.

24. Oktober 1981

Samstag, Mai 19th, 2007

Besuch bei Walter Libuda in Leipzig, der mich sehr beeindruckt. Er ist ein großes Talent und wohl schon mehr; mit einer Spur Wahnsinn.

(Ich besitze Grafiken von W. L. aus dieser Zeit. Leider ist meine kleine Sammlung zur Zeit nicht bei mir. Ich werde später einige Blätter hier im Blog abbilden (übrigens auch Werke von Quevedo und natürlich L). Libudas Entwicklung habe ich seit den 80-er Jahren nicht weiter verfolgt. Wie es für viele DDR-Namen zutrifft, bringt Wikipedia über ihn noch keinen eigenen Artikel. Immerhin ist erwähnt, daß er 1999 den Fred-Thieler-Preis erhielt. Das ist nun wieder ein Preis, der mir bislang völlig unbekannt war.)

Unausweichlich folgt er seinem Gesetz. Das, was solche Menschen erfahren und für die Gesellschaft zu Tage fördern, ist himmelweit verschieden von dem, was andere ebenso wertvolle Menschen schaffen, so verschieden, daß beide sich kaum verstehen können (obwohl einer die notwendige Ergänzung des anderen ist). Das ist der Fluch der Arbeitsteilung (der mit ihrem Segen verwachsen ist):

Arbeitsteilungsketten: Walter Libuda - Ich - Kurt oder: Bernd Wagner - Ich - Rolf.

Ich bin durch meine ganze Entwicklung und durch Veranlagung so geworden, daß ich mich in beiden Bereichen halbwegs auskenne. (Das ist sehr belastend für mich, weil ich zu nichts ganz gehöre aber es ist vielleicht auch meine Möglichkeit.)

10. Oktober 1981

Mittwoch, Mai 16th, 2007

Einige Stücke aus dem „Wohltemperierten Klavier“ lassen mich wieder atmen.

Ausstellung der Berliner Maler und ebenso Ausstellung „100 Grafiken“ - die Künstlerseismographen zeigen an: Nichtbegreifen, Nichtdurchdringen der Zeit. Viele gestalten Schmerz, Angst, Sinnlosigkeit, Entsetzen, Unglaube. Ich glaube, diese Tendenz wächst. Andere (aus gleicher Ursache) ziehen sich zurück auf die Form; Kultiviertheit, die schon akademisch wird oder einfach flach.

Unsere Künstler sind nicht an den Wurzeln des praktischen und geistigen Lebens unserer Gesellschaft! Auch L. nicht. Jedoch die Größe ihrer Aufträge (Motteck, Ruth Werner, Wilhelmine), die sie gemeistert hat, hat sie weitergeführt als fast alle anderen.

Mir scheint, das eigentliche Entwicklungsproblem (für den Künstler aber auch darüber hinaus) beginnt erst, wenn er sich, „seine Handschrift“, gefunden hat. Dann wird sozusagen „Entwicklung auf eigener Grundlage“ möglich. Vielen aber wird diese eigene Handschrift zur Fessel. Sie wiederholen sich nur noch (Metzkes, Böhme, Händler, Böttcher u.v.a., Brendel, Womacka sowieso), auch Leber, Vent rucken an dieser Fessel. Der „Käfig“ des eigenen Stils. Überhaupt „Käfig Künstlertum“.

 

Der göttliche Funke des J. S. Bach besteht vielleicht darin, die Welt im individuellen Erlebnis wie in einem Tautropfen zu spiegeln und mit dem Glanz des Tautropfens; die Welt und nicht mein trübes Gefühl von der Welt. Auch die schwerste Tragik wird in die künstlerische Form aufgehoben und dadurch erst wirklich vermenschlicht („menschheitlich geläutertes Individualerleben“).

 

F. ist erkältet muß aber zur Krippe. Heute scheint er über den Berg. Für Kakao sagt er „Kaken“, sagte heute zum ersten Mal „Peter“. Ist sehr eigenwillig und setzt sich zu oft durch. In ihm steckt ein ganz pfiffiges (L.)-teufelchen.

Nach dem Aufwachen sieht er mich im Bett gegenüber schlafen. Leise sagt er:“ Papa, heia, Bett“.

27. September 1981

Mittwoch, Mai 16th, 2007

Gestern im Museum für deutsche Geschichte, wo ich je öfter, je mehr entdecke. Wie die Urmenschen doch so viele ihrer Alltagsgegenstände verzierten! Sie delegierten ihren Schönheitswillen nicht auf Künstler.

 

„Parsifal“ am Abend. Ein großes Kunstwerk, aus einem Guß. Als Ganzes aber doch ein großes Götzenbild. Beeindruckend die Amfortasklage im 1. Akt. Und wichtig Kundry. Die Verteufelung des Weibes. Warum versuchten sich viele Künstler in dieser Zeit gerade durch Dämonisierung des Weibes der gesellschaftlichen Widersprüche bewußt zu werden (Corinth, Munch, Wedekind, Strindberg, Schnitzler, Freud)?

Wie turmhoch demgegenüber der Marxismus!

Im Individuellen, bei Mißachtung oder Unkenntnis (bzw. Nichtahnung) der gesellschaftlichen Gesetze den „Zeitgeist“ fassen zu wollen, bringt nur Zerrbilder, bringt sogar „Ungeheuer“ hervor. Andererseits erübrigt die Kenntnis der gesellschaftlichen Gesetze es nicht, das Individuelle als besonderen Gegenstand anzuerkennen. Davon handeln die letzten zig Seiten in diesem Heft und das bestätigt z. B. Gorki mit „Klim Samgin“.

Welche Dämonie der Kundry wird aus der (einer) Erbsünde abgeleitet! Wie durch und durch sachlich sieht demgegenüber Dürer Adam und Eva oder wieder anders Michelangelo. Zuzeiten, wenn die Gesellschaft zum „individuellen Ausdruck drängt“ („die Praxis selbst zum Gedanken drängt“), wenn eine Zeit ist, die „Riesen braucht und Riesen zeugt“, dann gibt es keine Art Dualismus „Individuum-Gesellschaft“ im Individuum (eher zwischen verschiedenen Individuen). Doch nicht immer sind solche Zeiten. Mir scheint, gesetzmäßig folgen auf solche „Hoch-Zeiten“ des gesellschaftlichen Fortschritts solche des „Verdauens“, des teils scheinbaren, teils tatsächlichen Stagnierens und Zurückschwingens. (Und diese soziale Situation bringt notwendig bestimmte individuelle Krisen hervor, krasser gesagt: Der gesellschaftliche Fortschritt vollzieht sich dann maßgeblich nicht auf der Straße, sondern über individuelle Krisen (wenn ich mal davon absehe, daß er letzten Endes immer in de rmateriellen Produktion wurzelt). Eine solche Zeit war die Romantik, war die Zeit zwischen 1850 und 1900. Kurze Pausen dieser Art waren in Rußland 1907-1913, vielleicht auch Sowjetunion 1931-1941, und eine solche Zeit erleben wir, zumindest seit etwa 1961.)

Daher können uns immer wieder selbst älteste Kunstwerke noch etwas sagen (ich denke an altägyptische Lyrik - das Reclambändchen), daher bleiben bestimmte Mythen, Legenden, Figuren ewig jung. Auch der Marxismus ist nicht das Ende all dessen. Wir werden die alten Mythen nicht aus Pietät und auch nicht nur aus Ironie und Überlegenheit weiter beleben, sondern weil wir ihre Wahrheit brauchen und uns mit ihr in Beziehung setzen müssen.

 

Eine kleine Metzkes-Ausstellung in der Galerie „Unter den Linden“. interessant, daß in derselben Zeit, in derselben Gesellschaft so unterschiedliche Künstlerhandschriften existieren, die jede auf ihre Art gültig sind - Metzkes, Quevedo, Libuda.