Archive for the ‘Marxismus-Leninismus’ Category
25. Dezember 1989 - Verbrecher-Kommunisten
Freitag, November 25th, 2011Kommunismus
Die größten Verbrecher des Jahrhunderts neben Hitler sind aus der kommunistischen Bewegung hervorgegangen; Stalin, Pol Pot, Ceauchescu.
Soeben meldet die AK # “ Aktuelle Kamera“ #, daß Ch. Hingerichtet worden sei.
23. Dezember 1989 - sozialistischer Radaukapitalismus?
Donnerstag, November 24th, 201122. Dezember 1989 - Menschenänderung
Donnerstag, November 24th, 2011# Artikel v. A. Brie gegen die Wiedervereinigung. Wie sich Menschen verändern können, darüber, muß ich aus diesem Anlaß mal im opablog nachdenken. #
Unsere, meine Schuld besteht darin, auf die Kontrolle der Macht verzichtet zu haben. Diese Pflicht haben wir missachtet und uns freiwillig mit diesem Zustand abgefunden. Das bisherige Machtsystem war demokratiefeindlich.
Der Verbrecher Ceauchescu wurde gestürzt.
Am Brandenburger Tor, das heute geöffnet wird, deutsche Nationalfarben. Auf dem Rückweg treffe ich R.s Mann und habe zur Weiterbildung (ZF) gleich einen Wortwechsel mit ihm.
# Der Mann meiner langjährigen Kollegin R. Wir waren durchaus einander freundlich gesinnte Bekannte gewesen. Man half sich gelegentlich. Man war auch mal in derselben Zeit in demselben Urlaubsheim. Jetzt überraschte er mich mit einer triumphierenden Bemerkung, daß es nun mit unserer Art der Weiterbildung an der ZF (meiner Arbeitsstelle), der marxistisch-leninistischen zu Ende sei. Ein kleines Beispiel dafür, wie in dieser Zeit Normalitäten, Gewißheiten (ob berechtigte oder nicht) von einer Minute zur anderen zusammenbrachen. #
Dies halte ich hier fest als die letzte Zuckung des Pfaffenschlager-Sekretariats (das aber eine appetitliche Sekretärin hatte).
27. November 1989 - Reform? Reformunfähigkeit!
Montag, November 30th, 2009Nasdallala # mein Chef # von Kur zurück. 3,5 Std. Beratung über meine Vorlage zur ZF-Konzeption; kaum Fachgespräch, sondern nur Gelaber. Eine Stunde streiten wir über den einen Satz auf der ersten Seite meines Konzepts: „Der sozialistische Rechtsstaat schließt die Aufhebung der Diktatur des Proletariats ein.“ Sonst äußert sich der „Chef“ nicht zu meinem Konzept. Er wird jetzt in den nächsten Tagen selbst ein Konzept erarbeiten. Ich bin mehr als skeptisch. Dieselbe dümmlich-mißtrauische Arroganz wie bei HoDö # Leiter für Kader und Bildung im MSAB # . Das ist das Ergebnis „negativer Auslese“.
Die Reformproblematik der Apparate im Sozialismus, das ist ein unerschöpfliches Thema, das noch kaum als Thema begriffen ist, von wirklicher Durchdringung ganz zu schweigen. Die Reformunfähigkeit der SED ist gravierend. Sie könnte erschrecken, wenn ich nicht ohnehin wenig erwartet hätte.
22. November 1989 - erster Besuch in Westberlin
Sonntag, November 22nd, 2009Heute war die Arbeit ausgesprochen schwer. Auch A. und R. sagen, daß sie schwer arbeiten. # Auch meine Kolleginnen A. und R. leisteten irgendwo “sozialistische Hilfe”. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo sie eingesetzt waren. #
Wegen der Schwere entschloß ich mich, nicht zum Kreisausschuß der Nationalen Front zu gehen. Vernünftige Gespräche mit den Kollegen auf Arbeit.
Hab’ übrigens gestern die Aktivitätsklasse “1.17 A5″ eingeführt, für (schwere) körperliche Arbeit. Desgleichen “1.14 Sq” - Ausdruck für sinnloses Warten. Sq - “Bedürfniskomplex” Sinnlosigkeit.
# Hier ausnahmsweise einmal ein Hinweis auf meine laufende statistische Erfassung von Zeit- und Geldaufwendungen für Aktivitäten und Bedürfnisse. Diese lief kontinuierlich neben dem Tagebuchschreiben einher. Wie früher bereits erwähnt, habe ich die Auswertung dieser Daten “auf Eis gelegt”. #
In der Kaufhalle hängt unsere WBA-Information nicht. Kiwitz # der Kaufhallenleiter # sagt, daß es bei seinen Kollegen dazu “einen Proteststurm” gegeben habe. Ich dränge. Sie wollen unsere Information zusammen mit einer Stellungnahme von ihnen aufhängen - bis zum Wochenende.
# Gestern in Westberlin:# Einen Falt-Taschenplan von Berlin habe ich nicht bekommen – ausverkauft. Nähe Chausseestr.-Übergang falle ich unvermutet in einen Sex-Shop. Ja, das ist die kapitalistische Freiheit, die Befreiung des Einzelnen ohne Würde des Menschen.
Wenn der Sozialismus die Freiheit des Einzelnen mit der menschlichen Würde verbinden könnte!
Mit mehr Freude sehe ich mir einige erotische Zeitschriften bzw. Herrenmagazine an. Jedoch, die Substanz dieser Freiheit bleibt ärmlich. Auf dem Rückweg in der Bernauer Str. an einem Haus:
„Die Freiheit, die sie meinen, ist die der Deutschen Bank. DDR-ler lasst euch nicht kaufen.“
Tief beeindruckend - der Blick von einer Aussichtsplattform über die Mauer in den Osten. Das ist das entlarvendste Bild von uns, das wir ihnen seit Jahren geliefert haben. (Der stalinistische Sozialismus hat den Imperialismus stabilisiert.)
21. November 1989 - tiefe Krise der Partei
Sonntag, November 22nd, 2009Die gestrige Belegschaftsversammlung brachte fast keine Information. Die GO-Versammlung # Grundorganisation der SED # brachte die Delegiertenwahl # zum Sonderparteitag # und eine recht unerquickliche Diskussion. Wir sind 235, 193 sind anwesend (83%). Allgemeine Verwirrung, Resignation und zu kurzes Fragen nach den Ursachen (Alle Schuld hat die Parteiführung). Die Partei ist in einer Krise. In welcher Krise ist die Partei? Die Krise der SED hat leider sehr tiefe Wurzeln. Da ist der Stalinismus. Das geht schon sehr tief. Noch tiefer liegt aber die Wurzel Utopismus bei Marx und Engels. Die Rolle der politisch-kulturellen Verhältnisse war nicht tief genug begriffen. Illusionen über die Arbeiterklasse und damit auch die Diktatur des Proletariats.
Der Arbeitstag heute war anstrengend, fast keine Pause. Interessant: Das Ausladen von Wild.
Danach machte ich einen ersten dreistündigen Bummel durch WB. Nach Geldumtausch besitze ich jetzt erstmals 115,-DM. Der Eindruck ist groß! (Ein einsamer geschlagener Kommunist geht über den Markt.) Die Mauer – sie ist aber nur der Kulminationspunkt – hat uns sehr geschadet.
Als ich 19.00 Uhr zu Hause ankomme, geht gerade C. mit Auszugshelfer Wulf aus der Wohnung. Damit mein Scherbenhaufen vollständig ist.
19.November 1989 - Zäsuren
Freitag, November 20th, 2009Wofür muß ich mich schämen?
- jahrelang gutes Geld eingesteckt zu haben, ohne dafür ausreichend zu leisten
- die Familienbande nach Coburg skrupellos gekappt zu haben
- in meiner parteikritischen Position nicht radikal genug gewesen zu sein
- die ganze Macht der Wünsche des Volks nicht gekannt zu haben
- zuwenig “Ich” gewesen, zuviel geglaubt.( Auch jetzt muß ich mich immer vor zu schnellem Glauben hüten, so z. B., wenn die neue Qualität unserer Presse behauptet wird.)
Wenn ich sonnabends arbeiten gehe, # die freiwillige Arbeit, vergl. Eintrag vom 15.11. # so auch aus Reue.
Der Marxismus hat das Problem der Gewalt und der Dialektik von Gewalt/Gewaltlosigkeit nicht tief genug erfaßt.
Meine Position ist eine der Identifikation mit meiner Partei. C.s Position konzentriert sich auf Reflexion. Ich weiß bei allen Wirrnissen ziemlich sicher, woran ich glaube (und wußte es immer). C. glaubt an fast nichts (Sie glaubt an Schmerz und an Schrecken.)
Aus dieser Position handle ich (WBA, jetzt die freiwillige Arbeit). Sie handelt höchstens mir zuliebe (WBA) bzw. gar nicht. (Vergleiche das mit den Handlungsbedürfnissen von Frau Lathan, Frau Kluge.) (Oder sie muß das freie Handeln auch erst lernen? Ihr Vorschlag mit der Kaufhallenöffentlichkeit ist originär. Er bringt ein Teilstück in diesen kleinen demokratischen Prozeß, das unbedingt nötig war, auf das aber kein anderer gekommen war. Danach wollte sie wieder beobachten. “Ich bin gespannt…” Ich:”Kiwitz # der Kaufhallenleiter # wird erst etwas ‘raushängen, wenn ich die zusammenfassende Information geliefert habe. An mir liegt es.” Das hat sie dann auch begriffen und mir beim Fertigstellen dieser Information geholfen.)
(So führt die etwas genauere Betrachtung dieser Vorgänge zu dem Schluß, daß sie doch handelte und lernfähig war.)
Sie ist theoretisch weniger nachdrücklich auf eine Weiterentwicklung des Sozialismus orientiert. Meine Hinweise z. B. auf Jakowlew # Lektüre # greift sie nicht auf. Mehr interessiert sie die Weiterentwicklung der Demokratie schlechthin. Möglicherweise habe ich noch Illusionen über die Qualität der SED.
Die Divergenzen mit C. würden an sich ein freundschaftliches Verhältnis nicht ausschließen. Vielleicht schließen sie aber die Lebensgemeinschaft aus. Liebesbeziehung lebt auch von unmittelbarer emotionaler Gewißheit des Anderen, richtiger gesagt - Geborgenheit.
So geht dies Buch mit einer Zäsur zu Ende. Zäsur auch in der Arbeit, da ich ab Montag # d.i. morgen # Broiler ausfahre. Als nächstes gilt es, den Entwurf eines ZF-Konzepts auf den Tisch zu legen.
# Damit, am 19.11.1989, endet der Band 34 meiner Tagebücher, der mit dem 11.7.1989 begonnen hatte. Es folgt ab morgen die Abschrift meiner Eintragungen des Bandes 35, beginnend mit dem 20.11.1989. Einige Überlegungen aus heutiger Sicht zu den Ereignissen des Bandes 34 habe ich in meinem opablog gepostet.
Zum Abschluß des Bandes 34 dokumentiere ich die ersten beiden Umschlagseiten von Heft 46/89 der Zeitschrift “Neue Zeit”, Moskau.#
17.November 1989 - Ich erlebe wirklich eine Revolution.
Mittwoch, November 18th, 2009Den gestrigen Gedanken # von unserer Volksbewegung # weiterdenkend, sage ich: Es gab eine kleine Zahl heroischer Menschen (Helden, zu ihnen zähle ich die Aktivisten der Liebknecht-Luxemburg-Demo vor zwei Jahren) und dann haben, nachdem diese (fast) unheroische Etappe durchlaufen war, in einer bestimmten Situation, unter bestimmten Umständen, Massen von Menschen (einmal) heroisch gehandelt. Das war am 9.10.89 in Leipzig.
Dies schreibend mache ich mir bewußt, daß ich hier als Teilnehmer und Beobachter einer Revolution spreche! Ich erlebe wirklich eine Revolution! # Darauf sollte ich heute, 20 Jahre später, einmal zurückkommen. # (Dies bedenkend habe ich keine Angst um mein Schicksal. Ich muß nicht unbedingt Weiterbildung weiter machen. Ich muß vor allem “ins volle Menschenleben” hineingreifen.)
* Diese Revolution ist friedlich (bis jetzt).
* Sie wird von Menschen gemacht, denen es “gut geht”.
Vielleicht werden diese beiden Dinge einst als die größten Leistungen bewertet werden, die die DDR hervorgebracht hat.
WBA-Perspektivgespräch gestern mit H. Schillack # LDPD-Mitglied # und Karsten Rosenwald # CDU-Mitglied #. Wir kommen zu der Meinung:
* Die Parteien werden sich stark profilieren, und an der Basis (Wohngebiet) wird es Parteibüros geben, um die sich die Abgeordneten und die Parteiangehörigen gruppieren und versuchen werden, möglichst großen Einfluß im Wohngebiet zu erlangen.
* Zugleich wird es thematisch-inhaltlich, territorial, zeitlich relativ eng begrenzte Bürgerinitiativen geben, in denen mehrere oder alle Parteien aus ihrem jeweiligen spezifischen Interesse zusammenarbeiten werden. (Kommunal-)politischer Charakter dieser Bewegungen (trotzdem auch Kinderfest).
* WBA als Hilfsorgan anderer Kräfte und vor allem ungelöster staatlicher Aufgaben hat keine Perspektive.
* Wir werden Kontakt zu “Basisstellen” Westberliner Kommunalpolitik und Bürgerinitiativen aufnehmen, um ihre Mechanismen kennenzulernen.
Aus der Art und Weise der aktuellen Aktfotos einer Gesellschaft läßt sich auch viel über den Zeitgeist sagen (Fotos von heute, und von 10.10.).
16.November 1989 - Sonderjagdgebiete werden aufgelöst
Montag, November 16th, 2009# Sonderjagdgbiete sind ein Beispiel für Erscheinungen, die es in der DDR gab, die auch keineswegs streng geheim waren, und deren prinzipielle Bedeutung ich mir dennoch nie wirklich klar gemacht habe. Allgemeiner gilt: Man wußte von Privilegien bestimmter Personenkreise, man ärgerte sich darüber als braver (davon ausgeschlossener) Genosse, aber ich scheute mich durchaus, daraus Prinzipielles zu schließen, zu schließen, daß eine neue, sich partiell feudalistisch gebende Klasse entstanden sei (wie es Milovan Djilas vertrat und uns die Westmedien unter die Nase rieben). Diese Unentschiedenheit im Denken (und Handeln) meinte später Volker Braun, als er bezweifelte, daß das, was wir zu wollen glaubten unser WIRKLICHGEWOLLTES war.
Von der üblichen Situation des Unprivilegiertseins gab es oft einen fließenden Übergang zum nächsten Schritt: Der Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen einen Zipfel von den Privilegien der “Großen” zu erhaschen. Kleine (oder größere) Bröckchen wurden zur Belohnung für “Zuverläßigkeit”, Linientreue, kurz, Wohlverhalten absichtsvoll verteilt - eine sich immer weiter fressende Korrumpierung der Beziehungen, die die Realitätsmächtigkeit des Sozialismus im allgemeinen und die seiner führenden Szenerie im besonderen immer stärker schädigte, bis zum endgültigen Kollaps.
Dabei war es für das Schicksal des Sozialismus unerheblich, daß das Ausmaß, das materielle Niveau der Bevorzugungen verglichen mit privatem Reichtum und privater Macht im Realkapitalismus meist lächerlich gering waren. Das “Argument”, verglichen mit westlichen Eliteverhältnissen sei Wandlitz bescheiden, ja piefig gewesen, geht daran vorbei, daß der Sozialismus ganz Neues wollte (und der Realsozialismus es in Elementen tatsächlich lebte!) und gerecht nur an seinen eigenen Ansprüchen, Möglichkeiten und Schon-Wirklichkeiten gemessen werden konnte. #
Gestern Abend den Text von unserer HGL-Beratung zur Versorgung (vom 9.11.) formuliert. Ich hatte mir gestern Nachmittag Gedanken zum weiteren Schicksal des WBA gemacht und war davon ausgehend zu der Idee gekommen, im Wohnbezirk die Arbeit von Bürgerinitiativen, und überhaupt die demokratische Bewegung unterhalb und in Zusammehang mit den Abgeordneten kennenlernen zu wollen. ..
Gespräch mit C. zur Klärung unserer wechselseitigen Positionen. Das Gespräch zeigte uns beide unnachgiebig, und so legte sie (legten wir) fest, daß sie im Laufe der nächsten Tage auszieht.
Gelegentlich nochmal genauer unsere jeweilige Poition fixieren.
Mich schreckt schon, daß das, was bisher nur in Aussicht stand, wahr werden soll. Zugleich habe ich nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen.
Übrigens heute Telefonat mit Nasdala: Wir bestätigen uns eilfertig (ich wohl doch nicht eilfertig), daß wir beide für ganz weitreichende Veränderungen seien. Der Kerl ist der absolute Anpasser. Auf die neue Bewegung, wenn sie siegt, schmeißen sich alle Anpasser.
Unsere Volksbewegung? Nicht so sehr Heroismus hat sie groß gemacht, sondern die Erfahrung der Hilflosigkeit der Macht und der (relativen) Straflosigkeit des Protests.



















