Archive for the ‘Massenmedien’ Category

10.November 1989 - rasende Zeit

Montag, November 9th, 2009

Renates Mann, Siegfried, spazierte vergangene Nacht zwischen 0 Uhr und 2 Uhr in Westberlin herum. Fremde prosteten einander mit Sekt und Wein zu.

891110-1.jpg Gestern gute WBA-Sitzung zur Versorgungssituation.

C. und ich hörten gestern gegen 22 Uhr vom Westfernsehen von den neuen Reiseregelungen Das Westfernsehen berichtete da, daß die ersten DDR-Bürger schon kämen Ein Übergang (Welcher?) wurde gezeigt, wo noch keiner durchgekommen war; der Reporter vor Ort sagte aber, daß sie telefonisch wüßten, daß Bornholmer Straße schon DDR-Bürger durchgelassen worden seien.

Die Mauer wird geöffnet.

Ich bin erschreckt vom Anblick derer, die am Brandenburger Tor auf der Mauer sitzen.

Beratung mit HoDö über freiwillige Arbeit.

Abends Kundgebung im Lustgarten.

Anruf von Roderich - wie ich’s fände.

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05.November 1989 - Nachlese zur gestrigen Demo

Donnerstag, November 5th, 2009

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Gestern noch Besuch von Kurt und Erika. Heute mit F., Kurt und Erika bei den Gesprächen der offenen Tür in der Kongreßhalle und im Roten Rathaus. K. und E. mittags nach Stralsund zurück. Die Erlebnisse der letzten (drei) Tage sind sehr beeindruckend und lassen mich neue Einsichten formulieren:

Bei der gestrigen Demonstration: Auch bei allergrößter Mühe nicht zu übersehen: Der unheimliche Vertrauensverlust der SED.

Das Volk glaubt der SED nicht mehr. Der Dialog bringt kein Jota mehr Vertrauen hervor, sondern führt erst einmal nur dazu, daß der Vertrauensverlust allgemein ausgesprochen und damit erst richtig in seiner ganzen Dimension sichtbar und begriffen wird.

Das Volk will Taten sehen. Nur Taten können überzeugen. Die SED hat erste Taten vollbracht, kündigt weitere Taten an. - Also alles in Butter?

Ganz und gar nicht!

Zu welchen Taten ist die SED tatsächlich fähig? Ist sie vertrauenswürdig?

Die SED ist bis heute zu einem kühnen, durchgängig durchgeführten Reformkurs (Erneuerungskurs) nicht fähig.

* Krenz selbst ist, trotz seiner Anstrengungen, nicht voll vertrauenswürdig: Dabei geht es noch nicht einmal um die Vergangenheit (Jugendpolitik, Leiter der Wahlkommision, Mai 89), sondern um gegenwärtiges Verhalten:

** Wie steht er wirklich zum “himmlischen Frieden”? (Ich denke er hielt und hält dies für eine Möglichkeit. Beweis:

1. Frühere Erklärungen zu den Pekinger Ereignissen.

2. Die “Polizeiübergriffe” am 7. und 8. 10. 89. Am 9.10. in Leipzig gab es keine Übergriffe, weil dies gegenüber 100 Tausend nicht opportun war. In der Nacht vom 10. zum 11. gab es in Berlin die Übergriffe (im Umkreis der Getsemanekiche). Weil es gegenüber den wenigen tausend dort opportun war?

Vertrauen also nur,

* wenn sich Krenz und die ganze Partei entschieden und eindeutig vom “himmlischen Frieden” distanziert. (Was in Peking möglich war, bedeutet den Verlust des Sozialismus auf deutschem Boden.)

* alle diesbezüglichen Fehlhandlungen aufgeklärt und bestraft werden

* alle Möglichkeiten solcher Fehlhandlungen, jede Möglichkeit der “chinesischen Karte” beseitigt wird.

** Die Partei und Krenz müssen sich eindeutig dazu bekennen, daß nicht die Partei und schon gar nicht ihre Führung die Wende herbeigeführt haben. Das Volk hat die Wende erzwungen. Und nur, wenn das Volk weiter handelt (was heute und morgen auch immer auf der Straße sein muß (und durch Ausreise) wird die Wende unumkehrbar und die Erneuerung das objektiv Notwendige leisten.)

** Krenz ist selbt auf undemokratische Weise an die Macht gekommen (nicht nur unter Ausschluß der Partei, sondern auch unter Ausschluß des willfährigen ZK.)

** Obwohl Krenz jetzt zahlreiche Zeichen ernsten Reformwillens (weil Reformmüssens) gibt (und deshalb seine Chance verdient (die ihm ohnehin z. Z. keiner nehmen kann)), ist die Partei nicht vertrauenswürdig, weil sie alle entscheidenden Positionen weiter in alter Weise (mit Leuten, die nur in alter Weise handeln können) ausfüllt. Beweise: Tisch-Ablösung, Kimmel-Neuwahl; Laabs für Honecker? und weitere tausend Auftritte im alten Stil. Hierbei auch Privilegienfrage!

Fazit: Diese SED heute ist nicht voll führungsfähig und daher auch nur eingeschränkt vertrauenswürdig (Chr. Wolf hat diesen Zwiespalt gestern richtig artikuliert.) Dies ist der innere Sinn, die innere Berechtigung von M. Wolfs gestrigen Vorschlag einer außerordentlichen Parteikonferenz.

Schluß:

Die SED muß sofort die Macht teilen. Die Regierung muß sofort zurücktreten und auf breiter Basis neu gebildet werden, d.h. mit gewichtiger Machtverlagerung zu den Parteien des Demokratischen Blocks und nach Möglichkeit unter Einbeziehung oppositioneller Kräfte (”Neues Forum”, “Demokratischer Aufbruch” oder/und andere).

Festzuhalten sind zwei, drei weitere Momente des Erlebens der letzten beiden Tage:

- Zeichen von Extremismus beachten

- Erscheinungsformen der Demagogie ernst nehmen (Die bisher ignorante SED wird nun von neuen Ignoranten (der anderen Seite) gebeutelt.

- die Massen suche nach politischer Führung und finden sie z. Z. nicht.

- SED bleibt paralysiert.

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04.November 1989 - Berliner Großdemo

Mittwoch, November 4th, 2009

n Mylau ausgiebiges Gespräch mit Schlesinger.

Intensives Lesen auf der Rückfahrt, so z. B. Heinrichs und Krause zur Wirtschaftsreform.

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Zug hat 45′ Verspätung, auf der Hinfahrt 35′.

C. will, da ich nun heute auch zur Demo gehe, ihre Absprachen verändern, die sie mit W. und W. getroffen habe. # (Hintergrund: W., ehemaliger Leistungssportler, hatte den Wunsch, ein Fitnesscenter zu eröffnen, und C., die ihre Arbeitstelle wechseln wollte, äußerte die Absicht, dort anzufangen. Das ganze Vorhaben schmeckte mir gar nicht, nicht zuletzt aus Eifersucht.) # Ich sage aber, daß sie das nicht brauche: “Wir gehen sowieso aus verschiedenen Motiven zur Demo.” Als mein Hauptmotiv gebe ich Neugier an. So gehen wir also heute tasächlich getrennt zur Demo, was mir lieber ist. Morgen gehe ich zu den Gesprächen der offenen Tür. C. nicht.

Interesse an Sex.

Meine Thesen sind nun nach der gestrigen Erklärung von Krenz fast überholt, zumindest weitgehend eingeholt.

# Zu den folgenden Bildern: Ich habe damals nicht fotografiert, sah aber wenige Tage später bei einem Fotografen viele Bilder angeboten und habe im Bewußtsein des denkwürdigen Ereignisses eine ganze Anzahl gekauft. Hier eine Auswahl: #

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02.November 1989 - Diskussionen im Kollegenkreis

Mittwoch, November 4th, 2009

Intensives Zeitunglesen

In Mylau: Viel Bewegung, darunter auch Substantielles. Intensive Diskussion auch mit dem Lehrgang.

Meine Thesen lasse ich kopieren. Ein Exemplar an Schlesinger, eins an den Lehrgang…

Fernsehdiskussion mit Klopfer, Bayreuther - alt!

30. Oktober 1989 - Flut demokratischer Aktivität

Dienstag, November 3rd, 2009

Am Freitagabend Abuladses Film “Das Gebet” - tief beeindruckt !

Weiterhin Tempo in der Politik.

In Schmachte Samstag und Sonntag, bei freundlichem Wetter Herbstarbeiten, Auslichten, Ernte von Petersilie, Dill. C. findet großartige Parasols. Ewiglanger guter Schlaf.

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Am Sonntagabend Konzert - schöne Musik.

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Heute zur Zahnärztin. Alles politisiert. C. am 4.11. zur Demo - ich nicht. Es wird unglaublich viel geredet - gut. Taten sind notwendig.

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27. Oktober 1989 - Erneuerung des Sozialismus - Thesen für das ZK

Dienstag, November 3rd, 2009

Nun aber schnell nachgetragen! Gestern also Besuch von Ch. mit seiner Freundin Anke. (Sie kennen sich vom Studium seit drei Jahren, im März erwarten sie ein Kind.) Sie arbeitet beim ZBfN # Zentrales Büro für Neuererwesen # des Bauwesens. Er ist Bau-Ing. im Tiefbau des Energiekombinats. (Er ist mehr auf der Strecke Mechanik und Instandhaltung tätig.) Schönes langes Gespräch. Ch. kann gut erzählen, z. B. von seiner Reise nach Saarbrücken. Er hat vernünftige Ansichten.

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Meine überarbeiteten “10 Thesen” (vom 26.10.89) heute zum ZK gebracht, dort abgegeben. Das Manuskript liegt in diesem Buch.


# Als ich zwei Wochen zuvor begann, diese rücksichtslosen Thesen aufzuschreiben, verstand ich das noch als eine Tat. Nicht nur ich. Inzwischen brachten die zugestandene “Wende” und zugleich die sichtbaren Versuche, alles beim alten zu lassen, eine Flut von ungeduldigen Äußerungen hervor. Die meisten, nicht alle, waren explizit auf die Erneuerung der sozialistischen DDR gerichtet. Als ich mein Papier zum ZK brachte, so etwas zum ersten Mal in fast 30 Jahren Parteimitgliedschaft tat, wurde ich zu einem kleinen Seiteneingang verwiesen. Dort wurde mein Schreiben von irgendeinem Sachbearbeiter entgegengenommen. Ich hatte das Gefühl, mein Herzens- (und Geistes-)erguß würde in einem großen Papierstapel verschwinden und nie eine Menschen erreichen.

Mit einem Blick in die Zeitung an demselben Abend konnte ich mich muhelos überzeugen, daß das ZK jetzt (und vermutlich schon seit einiger Zeit) mit konstruktiven Anregungen und Stellungnahmen, viele davon sicher weitaus konkreter und qualifizierter als meine, überschüttet wurde.

Es war nicht so, daß der Sozialismus keine Ideen hervorgebracht hatte, wie er weiterzuentwickeln sei, wie er “sich neu erfinden könne”. Aber unsere Macht - also die Personen Machthaber und wir selbst, jeder Mitmacher im Machtsystem - hatten eine wahrhaft titanische Arbeit geleistet, den Sozialismus so steril zu machen, daß er in einer Sackgasse landen mußte.

Meine 10 Thesen liegen dem Protokollband mit Schreibmaschine geschrieben bei. Da ich sie seit dem 13. Oktober laufend in ihrem Entstehungsprozeß hier eingestellt habe, verzichte ich jetzt darauf, sie in ihrer endgültigen Form nochmal zu veröffentlichen. Für mich subjektiv waren sie von großer Bedeutung, objektiv waren sie es nicht.

Vielleicht entschließe ich mich, sie mit einer sehr gegenwärtigen Kommentierung im opablog komplett zu veröffentlichen.#

# Reformvorschläge des Kollegiums der Rechtsanwälte:#

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# Reformideen aus der Humboldt-Universität: #

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# Der Versuch einer diffenrenzierten Wertung von Demonstrationen - bald erwies sich: Zu spät, vergeblich: #

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 Heute Abend noch “Das Gebet” von Abuladse.

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26. Oktober 1989 - “Kinder am Elbufer”

Dienstag, November 3rd, 2009

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# Mehrfach von mir erwähnt, die Moskauer “Neue Zeit”, eine Vorreiterin der Perestroika. Hier ein aktuelles Titelblatt und eine Karikatur #

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Gestern R.s bei uns. Wir diskutieren über alles, auch meine 12 Thesen. Mich verwundert ein wenig, daß es kaum gravierende Hinweise gibt. Die Diskussionen erlauben mir aber, die Thesen zu präzisieren. (Eigentlich nur z. T. die Diskussionen, mehr ist es das eigene, davon nur z. T. abhängige Nachdenken.) Mich beeindrucken R.s Schilderungen von seinem Erleben von Racket in Leningrad.

Gestern noch A. Jakowlew über die französische Revolution gelesen. Dieser Mann beeindruckt mich stark.

“Fotografie” 9/89, Bilder von 1989 und 1945. # ich finde, daß sie sich in ihrer tristen Stimmung gleichen.#

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Abraham Pisarek (1901-1983), Kinder am Elbufer, Meißen 1945

In der gestrigen Diskussion schöner Versprecher von C. Sie redet bezogen auf führende Funktionäre von der “Kraft ihrer Sabbersuppe”.

Habe ganz schön geackert bei der Überarbeitung meiner 12 Thesen (Jetzt sind es 10.) Nun damit fertig!

 

25. Oktober 1989 - “Demonstration in der Berliner Innenstadt”

Samstag, Oktober 24th, 2009

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Die gestrige KA-Tagung # Kreisausschuß der Nationealen Front # zeigte, daß sie nun fast alle das neue Vokabular perfekt “drauf” haben; der senile Kurt Goldberg noch nicht einmal das. Ich lasse mich in eine Polemik mit Naumann, 1. Stellvertreter des Bürgermeisters, ein und stelle den Antrag, daß der Kreisausschuß eine Position zur Qualifizierung des Wahlrechts gemeinsam mit WBA-Vorsitzenden erarbeiten soll. Beifall gibt es, der Antrag wird aber gar nicht aufgegriffen (vom Präsidium).

Als wir aus dem Berliner Verlag treten, treffen wir genau auf eine friedliche Demo. Sie fordern direkte Wahl des Staatsoberhaupts, sind gegen die “Dreieinigkeit”, skandieren “Pressefreiheit”. (Vom Verlagsgebäude wird ihnen zugewinkt.) “Schließt euch an!” “Mielke in das Altersheim!” “Schnitzler in die Muppetshow!”

90% der Leute sind zwischen 18 und 35, auch Familien, auch Fahrräder. Es war ein guter, machtvoller, faszinierender Anblick. Die Zahl war groß, aber begrenzt. (Der Westen spricht von 5-10 T.) 

Roderich # Vergleiche meine kurze Erläuterung hier. # meint, ich solle meine Thesen in’s ZK geben. Denke, daß ich das mache, werde aber Aktualisierungen, Verbesserungen, Präzisierungen einarbeiten.

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20. Oktober 1989 - die Wende

Donnerstag, Oktober 22nd, 2009

Die ersten Aktivitäten von Krenz sind ermutigend. Länger als eine Stunde habe ich das heutige ND gelesen. Deutlich, daß da wirklich eine Wende eingeleitet wird. Auf dem neuen Weg müssen dann alle Fragen, auch die tiefsten, gelöst werden.

Für mich gilt (und das überall sagen): Ich muß auf drei Ebenen arbeiten:

- auf der Ebene meiner unmittelbaren Verantwortung (als Mitarbeiter, als WBA-Vorsitzender). Es geht um die tägliche eigene Kleinarbeit.

- Ich muß zu den aktuellen Grundfragen der Politik meine Position einbringen (von den Medien über die Reisen und Ausreisen bis zu den Polizeiübergriffen), kurz, zu den Themen, die die Parteiführung Dank neu gewonnener Einsicht nun zur Diskussion freigibt und

- - dies ist in gewisser Weise das Wichtigste- ich muß Vorschläge zur Systemveränderung machen, zur Systemqualifizierung, damit künftig derartige und jedesartige Irrwege und Machtmißbräuche und Entartungen unmöglich werden.——————————————–

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Es bleibt eine gravierende Tatsache: Nicht die tausendfachen Informationen und Hinweise der Parteibasis, nicht die Hinweise und Vorschläge aus den verbündeten Parteien und den gesellschaftlichen Organisationen haben Leute im Politbüro zur Besinnung gebracht.

Das waren 100 000 Ausreiser und 100 000 Demonstranten in Leipzig.

Und die Ausreiserwelle haben die Ungarn in Gang gebracht.

Interessante Anschläge am Wandbrett der Mensa. Aufruf des “Neuen Forum” im Kunstbuchladen “Unter den Linden” gefunden und mitgenommen.

Meine 12 Thesen habe ich an Kurt und an R.s geschickt. Ich suche die Diskussion. Ich entschließ mich, meine “12 Thesen” zur Grundlage meines Parteigesprächs an die APO-Leitung zu geben. Als ich das A. und R. sage, sind sie erschrocken.

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18. Oktober 1989 - meine Thesen zur Erneuerung des Sozialismus (Thesen 10, 11)

Donnerstag, Oktober 22nd, 2009

Mit C. gestern meine “Gedanken” durchgesprochen. Gilbert bringt spätabends noch ein Material vom “Neuen Forum”.

ND von heute: Man kann den Eindruck gewinnen, daß die Zeitungen beginnen, ihre eigentliche Rolle zu erfüllen. Ich werde das nicht alles hier im Protokoll dokumentieren aber es ist zusammenzufassen: Es werden Probleme, Positionen Andersdenkender (in erstem bescheidenen Umfang) dem Leser zur Kenntnis gebracht. Es gibt weiter Abgrenzung gegenüber dem “Neuen Forum”, gegenüber einer Opposition. Der mir bekannte Text des “Neuen Forum” erlaubt es nicht, diese Gruppierung als Dialogpartner auszuschließen.

Weiter mit meinen Gedanken:

10. Unsere Erneuerung des Sozialismus muß voll und ganz den spezifischen Bedingungen der DDR entsprechen. Unter den Bedingungen, die günstige Voraussetzungen für die Reformen in der DDR darstellen, seien nur die folgenden genannt.

- Die DDR erleidet gegenwärtig keine ökonomische Krise. Trotz schwerwiegender ungelöster und lang angestauter ökonomischer Probleme, die die gegenwärtige Situation enorm und zunehmend belasten, ist die DDR-Wirtschaft leistungs- und entwicklungsfähig. Das Gros der Wirtschaftseinheiten ist gefestigt und fähig, das zukunftsorientierte strategische ökonomische konzept der Partei zu verwirklichen.

- Aus ihren historischen Wurzeln heraus ist die DDR vertraut mit den Traditionen der westeuropäischen bürgerlich-parlamentarischen Demokrtie. Diese Traditionen wurden zu der neuen Form des Demokratischen Blocks, einem Mehrparteiensystem im Sozialismus, geführt. Das Potential dieses Demokratischen Blocks für die Zukunft ist enorm und muß kühn erschlossen werden.

- Die DDR erwuchs aus reifen kapitalistischen ökonomischen und sozialen Traditionen, d.h. das Volk war zu einem hohen Stand der Leistung ( und Leistungsideologie), der Quantität und Qualität der Arbeit erzogen. Vorkapitalistische “Bärenhäuterei” und Gleichmacherei haben nicht die traditionelle Kraft wie in anderen sozialistischen Ländern.

- Der Aufbau des Sozialismus vollzog sich lange Zeit bei offener Grenze (und vollzieht sich bis heute bei weitgehend offenen Einwirkungsmöglichkeiten der westlichen Massemedien) - die Partei (und ihre Verbündeten) haben vielfältige Erfahrungen aus der täglichen hautnahen Auseinandersetzung mit dem ganzen Spektrum sozialismusfremder und sozialismusfeindlicher Kräfte. Sie hat Erfahrungen des Dialogs mit Andersdenkenden. Diese Erfahrungen müssen kritisch aufgearbeitet und für eine höhere Überzeugungskraft wirksam gemacht werden.

- Auf der Basis der in wichtigen ideologischen Fragen vorhandenen Einheit unseres Volkes kann und muß der unvermeidliche und erwünschte direkte Vergleich mit der BRD zu einem Ansporn der eigenen Entwicklung gemacht werden.

- Die DDR hat in der UdSSR einen strategisch sicheren Bündnispartner.

11. Die Erneuerung der Partei ist die erste Frage (dies nicht zeitlich verstanden) der Erneuerung des Sozialismus. Dem Wesen nach unterscheiden sich die Erfordernisse der Erneuerung unserer Partei nicht von denen, die Genosse Gorbatsdchow in seiner Rede auf der Beratung vom 18.7.1989 für die KPdSU dargestellt hat. In unserer demokratischen Gesellschaft muß die Partei Ausdruck der höchsten und konsequentesten Form der Demokratie sein. Zur Frage der Erneuerung der Partei sollte eine gründliche innerparteiliche Diskussion begonnen werden. Kernstück ihrer Erneuerung ist eine solche Demokratisierung, die eine wesentliche Erhöhung ihrer realen Fähigkeit, die sozialistische Gesellschaft zu führen hervorbringt.

Innerparteiliche Demokratie äußert sich darin, die inhaltlichen Grundprobleme der Führung vor ihrer Entscheidung der Masse der Parteimitglieder zur Diskussion gestellt werden. Das kann auf Verlangen der Parteiführung, wie auch der Parteibasis geschehen. Es müssen unterschiedliche, auch gegensätzliche Positionen vertreten und diskutiert werden. Erst dann dürfen Mehrheitsbeschlüsse gefaßt werden. Die Beschlüsse sind für das Handeln aller Parteimitglieder verbindlich, ohne jedoch die Weiterführung der geistigen Auseinandersetzung in der Partei zu unterbinden. In den Parteiwahlen ist das Alternativprinzip durchzusetzen.

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Erhalte soeben die Information, daß Krenz zum Generalsekretär gewählt wurde. Krenz hat in letzter Zeit Verantwortung für die Kommunalwahlen getragen. Ich hab’ ihn vor längerer Zeit zumindest unbeholfen gegenüber Westjournalisten gesehen. Kürzlich hat er intensiv in Peking studiert.

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