Archive for the ‘meine Arbeit’ Category

08. Dezember 1989 - Kultur in Westberlin

Dienstag, Dezember 8th, 2009

In meiner Aktivitätsstatistik neue Kategorie 5.60 einführen: “Besuch von West-Kulturveranstalungen”?

Letzter Arbeitstag im Broiler-Lager.

Nachmittags nach WB. Sehr schöner Egon Schiele-Kalender für C. Und Sexfilm „Emanuelle 5“ - hat mich kurzzeitig animiert aber dann gelangweilt.

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Abends lange Fernsehen vom außerordentlichen SED-Parteitag.

Spätes Schlafen.

07. Dezember 1989 - schwere Arbeit - Zeitungsschau

Dienstag, Dezember 8th, 2009

Schwere Arbeit! (9 1/2 Stunden), 20 Kunden mit Geflügel beliefert (Trinkgeld 17,-M:2, zwei Mahlzeiten).

# Vielleicht erscheint es als Zumutung nachfolgend einen Zeitungsausschnitt nach dem andern einzustellen. Mein Tagebuch sieht wohl deshalb so aus, weil ich von der Arbeit wirklich erschöpft war und keine Kraft zu langen Einträgen hatte. Andererseits waren die Zeitungen voller bisher ungehörter Stimmen, und ich verfolgte sie intensiv. Es herrschte das Gefühl eines unerhörten Tempos. Das Leben schien sich täglich zun beschleunigen. Ohne mein Zutun. #

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# Gibt es eine gründliche, wissenschaftliche Darstellung und Analyse der Arbeit des Ausschusses zur Untersuchung der Ereignisse vom 7. und 8. 10.1989? Ich weiß es nicht. Wie hier schon früher dargestellt, haben auch mich diese Ereignisse stark beeindruckt und beeinflußt. Den Untersuchungsprozeß habe ich nur am Rande verfolgt, bin aber sicher, daß er prinzipielle Einsichten in die Denk- und Verhaltensweisen von Mächtigen in der Endphase der DDR ermöglicht. #

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# Solche Bedenken waren neuartig. Beobachtungen einer Telnehmerin an den Leipziger Montagsdemonstrationen. Ein Bild von Differenzierung, wie es heute nach 20 Jahren längst unter die Räder der offiziellen “historisch-heroischen Erinnerung” gekommen ist. #

 # Es folgt ein repräsentatives Meinungsbild der DDR-Bevölkerung von Ende November 1989.#

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# Und zwei interessante, sensible Stimmen, die im “Sonntag” (Vorläufer des “Freitag”) zu finden waren. #

06. Dezember 1989 - Auslieferung von Tiefkühlfleisch

Sonntag, Dezember 6th, 2009

Gestern Weihnachtsfeier der Volkssolidarität.

Schwere Arbeit! (11 Stunden), 20 Kunden, u.a. in Rahnsdorf, Schmöckwitz (Trinkgeld 38,-M:2, zwei Mahlzeiten).

# Wir fahren täglich Geflügel und Wild aus. Wir beliefern Gaststätten aller Art und Betriebsküchen. Ich bin Beifahrer und der eigentliche Träger. Wir haben einen der modernen Merzedes-Lkw. Der Fahrer und ich, wir kommen gut miteinander aus. Er faßt durchaus kräftig mit an. Das Trinkgeld nimmt er entgegen und teilt es halbe halbe mit mir. Er weiß welche Abnehmer uns ein Mittagessen anbieten, wenn wir dort um die Mittagszeit auftauchen und wo es nachmittags Kaffe gibt. Wenn Abnehmer “stur” sind, beeinflussen wir (in Grenzen), wie gut sie beliefert werden. #

01. Dezember 1989 - Die Krise der SED treibt zum Höhepunkt

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

Konzeption ZF mit N. # meinem Chef # abgestimmt. # Hat was Groteskes, das wir weiter an der Zukunftskonzeption unserer Einrichtung gearbeitet haben. #

Skandal Gotsch/Lauck um Parteitagskandidierung, Achim Döhler ist auf Draht. Charakteristisch Wohlbür und Fischer Franz.

# Plötzlich erscheinen in meiner Abschrift Namen statt nur Anfangsbuchstaben. Zugleich keine Beschreibung der Vorgänge. - Ich möchte damit die Turbulenz der Ereignisse dieser Tage andeuten. Der Wirbelsturm ist jetzt im Innern der Partei und langsam beim letzten Genossen angekommen. Jetzt beginnen die Kämpfe “mit Haken und Ösen” ums eigene Überleben.

Zugleich gibt es Andere, denen es weiter, vielleicht mehr denn je, um “die Sache” geht. Man muß sich die eigentlich unglaubliche Situation klar machen, daß die sog. ehrlichen Genossen, “die Linken in der SED”, wie ich sie nenne (und zu denen ich mich zähle) bis zu diesem Tag noch in keiner Weise öffentlich sichtbar, selbständig aufgetreten sind. Meine illusionslose Kritik der Führer des realsozialistischen Kommandoapparats muß ich erweitern auf die eigene Unfähigkeit, eine durchdachte Alternative zu formulieren und laut und deutlich politisch wahrnehmbar zu vertreten. #

Volkskammer zu Verbrechen – Krenz erweist sich als unfähig.

Der verzweifelte Genosse Arbeiter im Ratskeller am Bersarinplatz!

28. November 1989 - Wandlitz

Montag, November 30th, 2009

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Gestern zig Seiten HUB-Sozialismuskonzept kopiert. # Materialien der Gruppe um Dieter Klein, Michael Brie, Rainer Land von der Humboldt-Uni. # Endlich hab ich ein modernes Material!

 Telefonat mit D. Voraussichtlich am 16./17.12. nach Coburg.! # Verwandtenbesuch #

S. # mein Neffe # ist mit Familie Anfang November abgehauen.

Familienbrüche auch bei … auf Rügen.

Die Zeitungen sind voller Interessantem!

Heute Abend gehe ich in F.’s Schule.

Auf Arbeit heute schmerzhafte Prellung des linken Fußes.

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Das Trauerspiel um die Transporte aus Wandlitz, (die erst in den letzten Tagen getätigt wurden!), offenbart ein solches Unmaß der Amoralität der Ex-Machthaber, dass selbst einem in diesen Sachen kaltblütigen Menschen, wie mir, die Galle hochkommt.

Welch Krise der Partei!

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27. November 1989 - Reform? Reformunfähigkeit!

Montag, November 30th, 2009

Nasdallala # mein Chef # von Kur zurück. 3,5 Std. Beratung über meine Vorlage zur ZF-Konzeption; kaum Fachgespräch, sondern nur Gelaber. Eine Stunde streiten wir über den einen Satz auf der ersten Seite meines Konzepts: „Der sozialistische Rechtsstaat schließt die Aufhebung der Diktatur des Proletariats ein.“ Sonst äußert sich der „Chef“ nicht zu meinem Konzept. Er wird jetzt in den nächsten Tagen selbst ein Konzept erarbeiten. Ich bin mehr als skeptisch. Dieselbe dümmlich-mißtrauische Arroganz wie bei HoDö # Leiter für Kader und Bildung im MSAB # . Das ist das Ergebnis „negativer Auslese“.

Die Reformproblematik der Apparate im Sozialismus, das ist ein unerschöpfliches Thema, das noch kaum als Thema begriffen ist, von wirklicher Durchdringung ganz zu schweigen. Die Reformunfähigkeit der SED ist gravierend. Sie könnte erschrecken, wenn ich nicht ohnehin wenig erwartet hätte.

26. November 1989 - Konzeptarbeit

Montag, November 30th, 2009

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In diesen Tagen interessante Gespräche und Erfahrungen im Wild- und Geflügellager.

Reichlich Samstagarbeit - konzeptionelle Überlegungen für eine neue ZF. Weiterarbeit vom Samstag.

# Es waren die wenigen Tage, Wochen, in denen es Vielen schien, daß eine entschiedene Erneuerungsarbeit für DDR und Sozialismus nicht nur notwendig, sondern auch möglich wäre. #

Abends zu F. Dann “Serkalo” #”Spiegel” # von Tarkowski.

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22. November 1989 - erster Besuch in Westberlin

Sonntag, November 22nd, 2009

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Heute war die Arbeit ausgesprochen schwer. Auch A. und R. sagen, daß sie schwer arbeiten. # Auch meine Kolleginnen A. und R. leisteten irgendwo “sozialistische Hilfe”. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo sie eingesetzt waren. #

Wegen der Schwere entschloß ich mich, nicht zum Kreisausschuß der Nationalen Front zu gehen. Vernünftige Gespräche mit den Kollegen auf Arbeit.

Hab’ übrigens gestern die Aktivitätsklasse “1.17 A5″ eingeführt, für (schwere) körperliche Arbeit. Desgleichen “1.14 Sq” - Ausdruck für sinnloses Warten. Sq - “Bedürfniskomplex” Sinnlosigkeit.

# Hier ausnahmsweise einmal ein Hinweis auf meine laufende statistische Erfassung von Zeit- und Geldaufwendungen für Aktivitäten und Bedürfnisse. Diese lief kontinuierlich neben dem Tagebuchschreiben einher. Wie früher bereits erwähnt, habe ich die Auswertung dieser Daten “auf Eis gelegt”. #

In der Kaufhalle hängt unsere WBA-Information nicht. Kiwitz # der Kaufhallenleiter # sagt, daß es bei seinen Kollegen dazu “einen Proteststurm” gegeben habe. Ich dränge. Sie wollen unsere Information zusammen mit einer Stellungnahme von ihnen aufhängen - bis zum Wochenende.

# Gestern in Westberlin:#  Einen Falt-Taschenplan von Berlin habe ich nicht bekommen – ausverkauft. Nähe Chausseestr.-Übergang falle ich unvermutet in einen Sex-Shop. Ja, das ist die kapitalistische Freiheit, die Befreiung des Einzelnen ohne Würde des Menschen. 

Wenn der Sozialismus die Freiheit des Einzelnen mit der menschlichen Würde verbinden könnte!

Mit mehr Freude sehe ich mir einige erotische Zeitschriften bzw. Herrenmagazine an. Jedoch, die Substanz dieser Freiheit bleibt ärmlich. Auf dem Rückweg in der Bernauer Str. an einem Haus:

Die Freiheit, die sie meinen, ist die der Deutschen Bank. DDR-ler lasst euch nicht kaufen.“

Tief beeindruckend - der Blick von einer Aussichtsplattform über die Mauer in den Osten. Das ist das entlarvendste Bild von uns, das wir ihnen seit Jahren geliefert haben. (Der stalinistische Sozialismus hat den Imperialismus stabilisiert.)

21. November 1989 - tiefe Krise der Partei

Sonntag, November 22nd, 2009

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Die gestrige Belegschaftsversammlung brachte fast keine Information. Die GO-Versammlung # Grundorganisation der SED # brachte die Delegiertenwahl # zum Sonderparteitag # und eine recht unerquickliche Diskussion. Wir sind 235, 193 sind anwesend (83%). Allgemeine Verwirrung, Resignation und zu kurzes Fragen nach den Ursachen (Alle Schuld hat die Parteiführung). Die Partei ist in einer Krise. In welcher Krise ist die Partei? Die Krise der SED hat leider sehr tiefe Wurzeln. Da ist der Stalinismus. Das geht schon sehr tief. Noch tiefer liegt aber die Wurzel Utopismus bei Marx und Engels. Die Rolle der politisch-kulturellen Verhältnisse war nicht tief genug begriffen. Illusionen über die Arbeiterklasse und damit auch die Diktatur des Proletariats.

Der Arbeitstag heute war anstrengend, fast keine Pause. Interessant: Das Ausladen von Wild.

Danach machte ich einen ersten dreistündigen Bummel durch WB. Nach Geldumtausch besitze ich jetzt erstmals 115,-DM. Der Eindruck ist groß! (Ein einsamer geschlagener Kommunist geht über den Markt.) Die Mauer – sie ist aber nur der Kulminationspunkt – hat uns sehr geschadet.

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Als ich 19.00 Uhr zu Hause ankomme, geht gerade C. mit Auszugshelfer Wulf aus der Wohnung. Damit mein Scherbenhaufen vollständig ist.

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20. November 1989 – sozialistische Hilfe

Freitag, November 20th, 2009

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# Abschrift Protokoll Band 35 (20.11.1989 bis 29.3.1990, hier der Umschlag ) beginnt. #

Hab’ mir heut’ mein Visum geholt.

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 Mein erster Arbeitstag zeitweiliger Hilfe: Wir haben effektiv 2 1/2 Stunden gearbeitet, wurden 1/2 Stunden belehrt und haben die übrige Zeit gewartet. Mir scheint, dass wir dort nötig sind, weil die Arbeiter nicht ordentlich arbeiten.

Gleich gehe ich zur Belegschafts-/Parteiversammlung # des MSAB #.

# Einige Erläuterungen zur sozialistischen Hilfe, die ich seit heute leiste: Unsere (wir waren zu zweit) sozialistische Hilfe im November/Dezember 89 im VE (volkseigenen)-Fleischkombinat Berlin wurde damit begründet, die rechtzeitige Auslieferung der in den Kühlhäusern reichlich vorhandenen tief gefrorenen Hühner, Gänse und des Wildes an den Einzelhandel in der Vorweihnachtszeit zu sichern, einen drohenden Versorgungsengpass zu verhindern.

Mit sozialistischer Hilfe wurden in der DDR zeitlich begrenzte, mehr oder weniger freiwillige Arbeitseinsätze meist an „Brennpunkten der materiellen Produktion“ bezeichnet. Oft wurden in dieser Form saisonal bedingten Engpässen (z. B. bei Erntearbeiten), durch Wetterunbilden verursachten Unplanmäßigkeiten (Schneeberäumung, Aufarbeitung von Bruchholz nach schwerem Sturm) oder auch aus gesellschaftspolitischen Gründen eintretenden Verlusten (Republikflucht, Arbeitsverzögerung) und nicht zuletzt vom Planungssystem selbst verursachten Disproportionen entgegengewirkt.

Überwiegend wurden dabei Kräfte aus der Verwaltung aber auch aus der Produktionsvorbereitung, ja selbst aus der Forschung, Entwicklung und technischen Vorbereitung der Betriebe abgezogen und bei wenig qualifizierten Arbeiten eingesetzt.

Sozialistische Hilfe“ hatte verschiedenartige und gegensätzliche ideologische Bezüge. Nur zwei seien erwähnt:

- übertriebene Hochschätzung der körperlichen Arbeit in der materiellen Produktion und Geringschätzung der Arbeit der „Sesselfurzer“.

- solidarisches Verhalten von Menschen, die beitragen wollten, Alltagsschwierigkeiten des Lebens zu überwinden, die Mitverantwortung wahrnehmen wollten, um das sozialistische System zu stärken.

Ich habe mich auch deshalb mehrfach für solche Einsätze gewinnen lassen, weil ich damals wie heute körperliche Arbeit liebe und als befriedigend empfinde. Ich schätzte es auch, auf diesem Weg unmittelbaren Umgang mit Arbeitern zu haben.

Übrigens hatte ich im Verlauf meiner drei Wochen im Fleischkombinat einmall die Ehre, einen Lkw voller Wildbret zu entladen, die letzte „Strecke“, wie es hieß, von Erich Honecker.

Und eine andere Erinnerung: Während der Arbeit im Kühlhaus rutschte mir eine tiefgefrorenen Schweinehälfte zwischen den Armen hindurch und sauste, Rüssel voran, wie ein Speer, Richtung Fuß, landete doch mehr zwischen als auf meinen Zehen. Seitdem habe ich eine blasse Ahnung, wie sich ein Nagel durch den Fuß anfühlen könnte. (Der Kundige entnimmt dieser Schilderung, dass wir keine Arbeitsschutzschuhe mit steifer Kappe hatten.)

Und eine letzte Erinnerung: Als wir nach einigen Tagen mit den Arbeitern ins Gespräch kamen, wurden wir auch gefragt, was wir machen würden, „wenn es anders käme“. Ich sagte, dass ich vielleicht einen Zeitschriften- und Buchhandel aufmachen würde. Darauf sagte der Vorarbeiter der Gruppe: “Bei dir würde ich mal ein Buch kaufen.“ Damit waren wir „Bonzen“ akzeptiert, in einer Gruppe, in der auch ein ehemaliger Häftling (oft alkoholisiert, trotzdem zupackender Arbeiter) Stimmung machte und die halbe Mannschaft nach 14 Uhr in Westberlin zu finden war.

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