Archive for the ‘meine Arbeit’ Category

19.November 1989 - Zäsuren

Freitag, November 20th, 2009

Wofür muß ich mich schämen?

- jahrelang gutes Geld eingesteckt zu haben, ohne dafür ausreichend zu leisten

- die Familienbande nach Coburg skrupellos gekappt zu haben

- in meiner parteikritischen Position nicht radikal genug gewesen zu sein

- die ganze Macht der Wünsche des Volks nicht gekannt zu haben

- zuwenig “Ich” gewesen, zuviel geglaubt.( Auch jetzt muß ich mich immer vor zu schnellem Glauben hüten, so z. B., wenn die neue Qualität unserer Presse behauptet wird.)

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Wenn ich sonnabends arbeiten gehe, # die freiwillige Arbeit, vergl. Eintrag vom 15.11. # so auch aus Reue.

Der Marxismus hat das Problem der Gewalt und der Dialektik von Gewalt/Gewaltlosigkeit nicht tief genug erfaßt. 

Meine Position ist eine der Identifikation mit meiner Partei. C.s Position konzentriert sich auf Reflexion. Ich weiß bei allen Wirrnissen ziemlich sicher, woran ich glaube (und wußte es immer). C. glaubt an fast nichts (Sie glaubt an Schmerz und an Schrecken.)

Aus dieser Position handle ich (WBA, jetzt die freiwillige Arbeit). Sie handelt höchstens mir zuliebe (WBA) bzw. gar nicht. (Vergleiche das mit den Handlungsbedürfnissen von Frau Lathan, Frau Kluge.) (Oder sie muß das freie Handeln auch erst lernen? Ihr Vorschlag mit der Kaufhallenöffentlichkeit ist originär. Er bringt ein Teilstück in diesen kleinen demokratischen Prozeß, das unbedingt nötig war, auf das aber kein anderer gekommen war. Danach wollte sie wieder beobachten. “Ich bin gespannt…” Ich:”Kiwitz # der Kaufhallenleiter # wird erst etwas ‘raushängen, wenn ich die zusammenfassende Information geliefert habe. An mir liegt es.” Das hat sie dann auch begriffen und mir beim Fertigstellen dieser Information geholfen.)

(So führt die etwas genauere Betrachtung dieser Vorgänge zu dem Schluß, daß sie doch handelte und lernfähig war.)

Sie ist theoretisch weniger nachdrücklich auf eine Weiterentwicklung des Sozialismus orientiert. Meine Hinweise z. B. auf Jakowlew # Lektüre # greift sie nicht auf. Mehr interessiert sie die Weiterentwicklung der Demokratie schlechthin. Möglicherweise habe ich noch Illusionen über die Qualität der SED.

Die Divergenzen mit C. würden an sich ein freundschaftliches Verhältnis nicht ausschließen. Vielleicht schließen sie aber die Lebensgemeinschaft aus. Liebesbeziehung lebt auch von unmittelbarer emotionaler Gewißheit des Anderen, richtiger gesagt - Geborgenheit.

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So geht dies Buch mit einer Zäsur zu Ende. Zäsur auch in der Arbeit, da ich ab Montag # d.i. morgen # Broiler ausfahre. Als nächstes gilt es, den Entwurf eines ZF-Konzepts auf den Tisch zu legen.

# Damit, am 19.11.1989, endet der Band 34 meiner Tagebücher, der mit dem 11.7.1989 begonnen hatte. Es folgt ab morgen die Abschrift meiner Eintragungen des Bandes 35, beginnend mit dem 20.11.1989. Einige Überlegungen aus heutiger Sicht zu den Ereignissen des Bandes 34 habe ich in meinem opablog gepostet.

Zum Abschluß des Bandes 34 dokumentiere ich die ersten beiden Umschlagseiten von Heft 46/89 der Zeitschrift “Neue Zeit”, Moskau.#

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17.November 1989 - Ich erlebe wirklich eine Revolution.

Mittwoch, November 18th, 2009

Den gestrigen Gedanken # von unserer Volksbewegung # weiterdenkend, sage ich: Es gab eine kleine Zahl heroischer Menschen (Helden, zu ihnen zähle ich die Aktivisten der Liebknecht-Luxemburg-Demo vor zwei Jahren) und dann haben, nachdem diese (fast) unheroische Etappe durchlaufen war, in einer bestimmten Situation, unter bestimmten Umständen, Massen von Menschen (einmal) heroisch gehandelt. Das war am 9.10.89 in Leipzig.

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 Dies schreibend mache ich mir bewußt, daß ich hier als Teilnehmer und Beobachter einer Revolution spreche! Ich erlebe wirklich eine Revolution! # Darauf sollte ich heute, 20 Jahre später, einmal zurückkommen. # (Dies bedenkend habe ich keine Angst um mein Schicksal. Ich muß nicht unbedingt Weiterbildung weiter machen. Ich muß vor allem “ins volle Menschenleben” hineingreifen.)

* Diese Revolution ist friedlich (bis jetzt).

* Sie wird von Menschen gemacht, denen es “gut geht”.

Vielleicht werden diese beiden Dinge einst als die größten Leistungen bewertet werden, die die DDR hervorgebracht hat.

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WBA-Perspektivgespräch gestern mit H. Schillack # LDPD-Mitglied # und Karsten Rosenwald # CDU-Mitglied #. Wir kommen zu der Meinung:

* Die Parteien werden sich stark profilieren, und an der Basis (Wohngebiet) wird es Parteibüros geben, um die sich die Abgeordneten und die Parteiangehörigen gruppieren und versuchen werden, möglichst großen Einfluß im Wohngebiet zu erlangen.

* Zugleich wird es thematisch-inhaltlich, territorial, zeitlich relativ eng begrenzte Bürgerinitiativen geben, in denen mehrere oder alle Parteien aus ihrem jeweiligen spezifischen Interesse zusammenarbeiten werden. (Kommunal-)politischer Charakter dieser Bewegungen (trotzdem auch Kinderfest).

* WBA als Hilfsorgan anderer Kräfte und vor allem ungelöster staatlicher Aufgaben hat keine Perspektive.

* Wir werden Kontakt zu “Basisstellen” Westberliner Kommunalpolitik und Bürgerinitiativen aufnehmen, um ihre Mechanismen kennenzulernen.

Aus der Art und Weise der aktuellen Aktfotos einer Gesellschaft läßt sich auch viel über den Zeitgeist sagen (Fotos von heute, und von 10.10.).

16.November 1989 - Sonderjagdgebiete werden aufgelöst

Montag, November 16th, 2009

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# Sonderjagdgbiete sind ein Beispiel für Erscheinungen, die es in der DDR gab, die auch keineswegs streng geheim waren, und deren prinzipielle Bedeutung ich mir dennoch nie wirklich klar gemacht habe. Allgemeiner gilt: Man wußte von Privilegien bestimmter Personenkreise, man ärgerte sich darüber als braver (davon ausgeschlossener) Genosse, aber ich scheute mich durchaus, daraus Prinzipielles zu schließen, zu schließen, daß eine neue, sich partiell feudalistisch gebende Klasse entstanden sei (wie es Milovan Djilas vertrat und uns die Westmedien unter die Nase rieben). Diese Unentschiedenheit im Denken (und Handeln) meinte später Volker Braun, als er bezweifelte, daß das, was wir zu wollen glaubten unser WIRKLICHGEWOLLTES war.

Von der üblichen Situation des Unprivilegiertseins gab es oft einen fließenden Übergang zum nächsten Schritt: Der Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen einen Zipfel von den Privilegien der “Großen” zu erhaschen. Kleine (oder größere) Bröckchen wurden zur Belohnung für “Zuverläßigkeit”, Linientreue, kurz, Wohlverhalten absichtsvoll verteilt - eine sich immer weiter fressende Korrumpierung der Beziehungen, die die Realitätsmächtigkeit des Sozialismus im allgemeinen und die seiner führenden Szenerie im besonderen immer stärker schädigte, bis zum endgültigen Kollaps.

Dabei war es für das Schicksal des Sozialismus unerheblich, daß das Ausmaß, das materielle Niveau der Bevorzugungen verglichen mit privatem Reichtum und privater Macht im Realkapitalismus meist lächerlich gering waren. Das “Argument”, verglichen mit westlichen Eliteverhältnissen sei Wandlitz bescheiden, ja piefig gewesen, geht daran vorbei, daß der Sozialismus ganz Neues wollte (und der Realsozialismus es in Elementen tatsächlich lebte!) und gerecht nur an seinen eigenen Ansprüchen, Möglichkeiten und Schon-Wirklichkeiten gemessen werden konnte. #

Gestern Abend den Text von unserer HGL-Beratung zur Versorgung (vom 9.11.) formuliert. Ich hatte mir gestern Nachmittag Gedanken zum weiteren Schicksal des WBA gemacht und war davon ausgehend zu der Idee gekommen, im Wohnbezirk die Arbeit von Bürgerinitiativen, und überhaupt die demokratische Bewegung unterhalb und in Zusammehang mit den Abgeordneten kennenlernen zu wollen. ..

Gespräch mit C. zur Klärung unserer wechselseitigen Positionen. Das Gespräch zeigte uns beide unnachgiebig, und so legte sie (legten wir) fest, daß sie im Laufe der nächsten Tage auszieht.

Gelegentlich nochmal genauer unsere jeweilige Poition fixieren.

Mich schreckt schon, daß das, was bisher nur in Aussicht stand, wahr werden soll. Zugleich habe ich nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen.

Übrigens heute Telefonat mit Nasdala: Wir bestätigen uns eilfertig (ich wohl doch nicht eilfertig), daß wir beide für ganz weitreichende Veränderungen seien. Der Kerl ist der absolute Anpasser. Auf die neue Bewegung, wenn sie siegt, schmeißen sich alle Anpasser.

Unsere Volksbewegung? Nicht so sehr Heroismus hat sie groß gemacht, sondern die Erfahrung der Hilflosigkeit der Macht und der (relativen) Straflosigkeit des Protests.

 

15. November 1989 - Konflikte

Samstag, November 14th, 2009

Diskussion am Montag mit dem nun abgebrochenen Lehrgang. Sie berichten von der Forderung, die Parteiorganisation im Betrieb aufzulösen, hauptamtliche Parteifunktionäre im Betrieb abzuschaffen, Parteiarbeit auschließlich außerhalb der Arbeitszeit durchzuführen.

 Ich denke, daß man sich solchen Forderungen stelleh muß. Man muß alle Konsequenzen des Prinzips der Trennung von Partei und Staat ziehen.

Im Betrieb unmittelbar muß gesichert sein, daß die Werktätigen ihre Miteigentümerfunktion ausüben können. In der polis muß gesichert sein, daß sie ihre politische Funktion/Teilnahme an der Macht ausüben können. Beides darf nicht verwischt werden.

Auch das denken: Die Niederlage unserer Partei bei eventuellen Wahlen bedeutet nicht automatisch die Liquidierung des Sozialismus in der DDR. (Es geht aber um die revolutionäre Weiterentwicklung des Sozialismus in der DDR!)

Die montäglichen DIskussionen unter den Genossen im Lehrgang ebenso wie in der APO-Versammlung zeigen tiefgehende Verwirrung und beunruhigende Hilflosigkeit. Die Genossen entwaffnen sich selbst, indem sie das, was die Partei nun schon gibt, nicht ernst nehmen, kaum kennen: Das Aktionsprogramm, den Diskussionsbeitrag Modrows.

Daß wir einen qualitativen Umbruch erleben - ich hoffe einen revolutionären - wird deutlich und schmerzhaft daran sichtbar, daß die Brüche bis in die Familien und überhaupt in die persönlichen Bereiche gehen

- Auseinandersetzungen zwischen R. und D.

- A. beschäftigt erstmals ernsthaft der Gedanke, im Westen zu leben

- Auseinandersetzungen zwischen C. und mir.

Sie war gestern in Westberlin, kam gegen 21 Uhr und erzählte nun. Ich hörte interessiert zu. Aber natürlich hab’ ich nur mehr oder weniger höfliches Interesse, tief bewegen mich andere Fragen: das Schicksal unserer Republik, unserer Partei und anderes.

Demonstrativ wollte sie mein Interesse noch mehr wecken, den inneren Kontakt finden und erzählte weiter und begann - mangels Masse - mir auf dem Plan ihren Fahrweg zu beschreiben. Da sagte ich ruhig, daß mich das nicht interessiere.

Generell bestätigte ich, daß ich an Reisen interessiert sei, meinen Paß beantragen werde, wenn das nicht mehr stundenlanges Anstehen bedeute und erst mit meinem Paß reisen werde. Was den kommenden Sonnabend betrifft, hatte ich ohnehin angekündigt, daß ich in der Charite arbeiten wolle.

# Weil die reisetrunkenen Ossis (den Begriff gab es damals noch nicht) jede freie Stunde (und manche Arbeitsstunde) im Westen sein wollten, wuchs der Arbeitskräftemangel sprunghaft an. Daher wurden brave Genossen zu freiwilligen Hilfsschichten in Arbeits-Brennpunkten geworben. So sollte/wollte ich Hilfsarbeiten in der Charite ausführen. Andere Einsatzgebiete waren der Handel. #

Solche Arbeit kam für C. nicht in Frage (da sie vergangenes Wochenende zu arbeiten hatte und überhaupt auch noch in der Krebsnachsorge sei.) Was die weitere Zeit betrifft, erklärte C., daß sie sich nicht dem Diktat meiner Reiseabsichten unterwerfen werde, sie möchte öfter ‘rübergehen, möchte das freilich nicht alleine, werde dann eben mit “jemand anders” gehen.

Damit war dieses Gespräch beendet und Sprachlosigkeit hergestellt.

Heute früh kam sie auf mich zu und sagte, daß ich so bös (schweigend) zu ihr sei. Ich sagte, daß mir nicht nach Herzlichkeit zu mute ist, wegen der Sorgen, die ich mir mache, allgemein politische Sorgen und Sorgen um uns in dieser Situation. “Unsere Wege trennen sich.”, sagte ich. Das ist eine empirische Tatsache. “Ich versuche zu verstehen, was das bedeutet.” Ich sagte ihr, daß ich - vorausgesetzt ich erlebe meine Schicht am kommenden Samstag als notwendig - entschlossen bin, bis Weihnachten solche Samstagschichten zu machen. Sie werde dann mit anderen Begleitern in den Westen gehen. Das wird uns entschieden auseinanderbringen. Es gehe nun nicht mehr um unterschiedliche politische Auffassungen, sondern um gegensätzliches praktisches Verhalten; unsere Lebensverhältnisse trennen sich.

Wir werden zweifellos heute Abend auf dieses Thema zurückkommen. Sie wird sich nicht auf einmal meinen Werten anschließen. Wir stehen auf verschiedenen Grundlagen! So werden wir uns trennen.

War nun bei der Charite. Diesen Samstag brauchen sie mich nicht. Soll mich Mittwoch wieder melden.

14.November 1989 - Abbruch des laufenden Lehrgangs

Samstag, November 14th, 2009

Abbruch des 45. ZF-Lehrgangs wegen der besonderen Situation.


# Das war der letzte Tag meines Normalarbeitslebens. Merkwürdig war es, aber in seiner vollen Tragweite mir keineswegs bewußt. #

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12.November 1989 - Formulierung neuer Arbeitsaufgaben?

Samstag, November 14th, 2009

Nun also doch Sonderparteitag!!!

Mir scheint, daß da hinter den Kulissen eine Schlacht mit den Konservativen (vorläufig?) entschieden wurde. Diese haben sich vielleicht tatsächlich vorgewagt und ihre Rechnung ging nicht auf und nun werden sie weiter zurückgedrängt. !

Wir leben in einer Zeit des revolutionären Umbruchs!

Was soll ZF in dieser Zeit des revolutionären Umbruchs tun? Mehr denn je gilt:

Wir brauchen geistigen, theoretischen, konzeptionellen Vorlauf. Und mehr denn je gilt, daß die Praxis unser größter Lehrmeister ist.

Enorm wächst die Qualität der Aufgaben der Zentralstelle. Daraus folgen große Weiterbildungsaufgaben für die in der Zentralstelle arbeitenden Genossen. Nicht alle Qualitätsanforderungen an die Zentralstelle sind mit Weiterbildung vorhandener Genossen zu bewältigen. Zahlenmäßiger Abbau der Zentrale bedeutet, daß - zumindest zeitweilig - die Zuführung junger Kräfte relativ gering ist. (Diese Zufuhr hört aber nie völlig auf und wird nach zwei, drei Jahren wieder stärker.) D. h. Nachwuchskaderarbeit bleibt eine Aufgabe der ZF. Erste Aufgabe der ZF ist eine gründliche Analyse der Anforderungen an die Qualifikation der Genossen in der Zentrale (heute und in absehbarer Zukunft). Analyse der Solldaten. Denen sind die Istdaten gegenüberzustellen.

Erste Entscheidungen:

# vorfristige Beendigung des laufenden Lehrgangs am 15. oder 20.1. Regulär wäre das Ende am 29.2. gewesen. #

Verkürzung der Lehrgänge auf 15 Wochen # bisher 6 Monate #

Umstellung der Finanzierung.

Inhalte:

- Gesellschaftsstrategie/ökonomische Strategie

- Wirtschaftsmechanismus

- Unternehmensstrategie (Recht, Finanzen, Betriebswirtschaft)

- PC-Arbeit

- Verhaltenstraining/Psychologie

neu: Dreitages-Weiterbildungslehrgänge für MSAB-Kader # Mitarbeiter des Ministeriums für Schwermaschinen- und Anlagenbau #

- Sozialismuskonzeption

- Finanzen

- Wirtschaftsmechanismus/Unternehmensstrategie (Verhandlungsführung)

- Recht

- Analyse und Strategiebildung Wissenschaft und Technik

- Marktarbeit

- Außenbwirtschaft

- Rhetorik

 

# So habe ich damals geschrieben. Es war das letzte Mal, daß ich mir für meine Arbeit im und für den Sozialismus Gedanken gemacht habe. Habe ich tatsächlich geglaubt, daß ich in dieser Weise weiter arbeiten würde? Ich weiß es heute nicht mehr. Vielleicht war es nur ein Reflex meiner bisherigen Arbeitsmethode, die ich so chrakterisieren kann: Versuchen die Hauptlinie der Entwicklung zu erfassen und selbständig Schlußfolgerungen für mein persönliches Arbeitsfeld ziehen, nicht auf Anweisungen warten. Damit war ich bisher immer gut gefahren - mein langjähriger Chef wußte dies Herangehen im allgemeinen zu schätzen.

Vielleicht war es aber auch ein Stück Ausweichen ins Illusionäre. #

 

 

11.November 1989 - Tag nach der Maueröffnung

Samstag, November 14th, 2009

6.10 Uhr, heute Schlange am Zeitungsstand. Ich kriege aber noch “ND” und “JW”.

Die gestrige unerwartete Öffnung der Mauer hat mich mit großer Sorge erfüllt. Ich glaube, da war bei mir mehr Angst als gut war. Ich war auch noch vor 2-3 Wochen innerlich nicht fähig, mich an Straßendemonstrationen zu beteiligen. Was mangelende Zivilcourage, Opportunismus betrifft, werfe ich mir nicht viel vor. Ich habe immerhin meine politische Haltung so vertreten, daß ich mir eine berufliche Karriere verbaut habe. Und sie so vertreten, daß ich Parteiausschluß und Kriminalisierung riskiert hätte, das wollte ich nicht. Das wollte ich lange Zeit nicht, doch diese Frage reifte nach dem mich vergewaltigenden Agit-Stasi-Einsatz auf dem Alexanderplatz am 7.7. heran, und ich hätte sie schließlich - bei aller Zurückhaltung und Berechnung - mit “Zivilcourage” getroffen.

Ich werfe mir aber ungenügendes Begreifen des wahrhaft demokratischen Charakters, eigentlich des machtvoll demokratischen Charakters der Volksaktivitäten vor. Die “Erfahrung der Freiheit … auf der großen Straße in Leipzig” - wie Volker Braun heute im ND schreibt - das war nicht nur nicht meine Erfahrung, es war auch nicht mein Begriff von einer solchen Erfahrung. Ich glaube, daß meine halbstaatsapparatlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse mich so taub gemacht haben.

(Es entsteht der Wunsch, diese Lebensposition zu ändern - ist solch ein Wunsch nicht ein ganz brauchbares Kriterium für ernste Selbstkritik?)

Den Dreh- und Angelpunkt meiner geistig-theoretischen bisherigen Versäumnisse aber auch der künftigen Aufgaben möchte ich mit dem etwas unförmigen Begriff der “Souveränität der Basisdemokratie” bezeichen.

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Krenz hat in dieser Hinsicht, also eigentlich was den Kern der qualitativen Erneuerung betrifft, keinen geistigen Vorlauf. Aber er ist mit aller Energie bestrebt, sich auf die Höhe der Zeit hinaufzuarbeiten und die Lektionen zu lernen. Die Entstehung des neuen Politbüros ist nur ein markantes Beispiel dafür, wie konservativ Krenz an diese Fragen heranging. (Das Krenz-Vorschlag-Politbüro im Amt bis Mai 90 - eine Horrorvorstellung!) Selbst dieses alte ZK hat ihm eine Lehre erteilt. Die Richtung freilich, die Krenz angibt, ist richtig. Das ist ein Grund, sich zu identifizieren damit. Der Mangel -und es ist ein schwerwiegender - besteht in Krenz’ ungenügendem Begreifen, wie radikal Bedingungen, Tatsachen geschaffen werden müssen, damit aus Erklärungen Taten werden. Da besteht eine z. T. noch bürokratische Zeitvorstellung von den Prozessen, nicht volles Erfassen des Zeitdiktats der Straße. Das hat nur Modrow. Jedoch und das ist der 2. Grund, der entscheidende, für Identifikation: Die Öffnung der Mauer ist die erste Tat seit dem 11.10., die nicht den Ereignissen hinterherläuft. Die schnelle Entwicklung, vom Entwurf des Reisegesetzes über die Regelung vom 9.11. bis zur jetzt geübten Praxis, möchte ich verstehen als Herausbildung der Fähigkeit, die Prozesse wirklich zu führen.

Man muß auch akzeptieren, daß es gilt, den Zusammenhalt der Partei zu wahren.

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Übrigens war mir die jetzt geübte Praxis unverständlich. Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Und halte diese Form auch nicht für die Beste.

Boje, den ich im Lustgarten traf (Er kam gerade mit dem Fahrrad vom Kudamm zurück.) erzählte, daß manche meinten, dieses fast völlige Öffnen der Grenze sei von inneren Kräften bewußt lanciert worden, damit es zu Konflikten komme und so zum Vorwand für einen Militärputsch.

Ich halte dies nicht für ausgeschlossen. (Keßler geht in seiner Diskussionsrede auf der 10. Tagung so gut wie gar nicht auf seine Mitverantwortung ein. Dickel ebenfalls nicht selbstkritisch.)

Wie weiter?

Realistisch (fast skeptisch) über die 10. Tagung reden, persönliche Schlüsse ziehen - und für die Arbeit - und für WBA.

Gegen Opportunismus!

Gestern auf der Kundgebung rief übrigens einer der Redner nach Conny Naumann!

Hab’ soeben einen Spaziergang zur Oderberger Straße gemacht, zur durchbrochenen Mauer.

Gestern war Gründungstreffen “Neues Forum” in der Gethsemane.

Am 13.11. ist Bürgerforum im Prater.

Hab’ heut nachmittag 3 1/2 Stunden geschlafen.

# Ich zeige mich als überrascht und verwirrt. Ich versuche der Entwicklung etwas Positives (für den Sozialismus der DDR) abzugewinnen. Ich erlebe die klassische Situation einer paralysierten handlungsunfähigen Partei, einer, dem Anspruch nach, wissenschaftlich begründet agierenden Partei, die sich als völlig konzeptionslos und frei von Strategie erweist.

Einige Momente von damals halte ich für heute fest (weil sie mir im Laufe der Jahre unter dem antikommunistischen Trommelfeuer) zu sehr in den Hintergrund geraten waren:

Meine positive Bewertung der Volksaktivität.

Meine Befürchtungen hinsichtlich der Möglichkeit einer “chinesischen Lösung”.

Auf beides zurückkommen.#

 

10.November 1989 - rasende Zeit

Montag, November 9th, 2009

Renates Mann, Siegfried, spazierte vergangene Nacht zwischen 0 Uhr und 2 Uhr in Westberlin herum. Fremde prosteten einander mit Sekt und Wein zu.

891110-1.jpg Gestern gute WBA-Sitzung zur Versorgungssituation.

C. und ich hörten gestern gegen 22 Uhr vom Westfernsehen von den neuen Reiseregelungen Das Westfernsehen berichtete da, daß die ersten DDR-Bürger schon kämen Ein Übergang (Welcher?) wurde gezeigt, wo noch keiner durchgekommen war; der Reporter vor Ort sagte aber, daß sie telefonisch wüßten, daß Bornholmer Straße schon DDR-Bürger durchgelassen worden seien.

Die Mauer wird geöffnet.

Ich bin erschreckt vom Anblick derer, die am Brandenburger Tor auf der Mauer sitzen.

Beratung mit HoDö über freiwillige Arbeit.

Abends Kundgebung im Lustgarten.

Anruf von Roderich - wie ich’s fände.

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09.November 1989 - Parteikonferenz? Sonderparteitag?

Montag, November 9th, 2009

Gestern vorm ZK-Gebäude die Demonstration von Genossen. Es sind die konsequenten Erneuerer. Zu ihnen rechne ich mich. (Dr. Brie)

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# Krenz-Vorschlag für neues Politbüro #

Abends in der Rheinsberger 61 Beratung zur Volkssolidarität mit Wandrei, Friedrich, Freiberg, Nitschke, Kluge. Wir haben es geschafft, wieder Leute für einen arbeitsfähigen Vorstand zu gewinnen.

Ich meine - in der Diskussion mit C. - daß die Partei einen neuen Anfang macht. Sie versteift sich weiter aus “Nein”.

Es heißt (Quelle Schabowski), daß Honecker und Mielke den Befehl zum Einsatz der Sicherheitskräfte am 9.10. in Leipzig bereits gegeben hatten.

Kerstin erzählte, daß Bekannte noch am 4.11. an der Teilnahme an der Demo gehindert worden seien.

Ich komme kaum zum Arbeiten.

Heute Abend große WBA-Beratung.

Die Frauen hier an der ZF (und der Lehrgang) vertrauen mir.

Fr. # unser amtierender APO-Sekretär # überraschte mich gegen Mittag (auf Anfrage der Kreisleitung) mit der Frage, ob ich für eine Parteikonferenz sei oder für einen Sonderparteitag. Ich hatte erst Stunden zuvor im Statut nachgelesen, was beide Gremien können und war nun eindeutig für außerordentlichen Parteitag. 2 Std. später informierte er mich, daß das ZK nun schon beschlossen habe, Parteikonferenz durchzuführen. G. wolle nun den GO-Standpunkt gar nicht mehr der KL geben. (86% der Genossen unserer APO waren für Parteitag.) Fr. vertritt morgen beim Zusammentreffen aller APO-Sekretäre die Forderung “Sonderparteitag”.

Böhme sei schon wieder aus dem Politbüro ‘rausgepurzelt. (Was sollen Lange und Müller da drin?) Und Schürer?

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08.November 1989 - unsere GO (Parteigrundorganisation) handlungsunfähig

Montag, November 9th, 2009

Sich überschlagende Ereignisse, MR # Ministerrat - die Regierung # zurückgetreten. Nur die SED-(Führung) tritt weiter auf der Stelle.

G. # der Parteisekretär unserer Grundorganisation # sagt, daß im Politbüro Krenz und Schabowski allein stünden.

Agitatorenanleitung heute mit D. und G., ich trage die entscheidenden Passagen meines Papiers vom 7.11. vor. Die Diskussion, von Lehmann, mir und Matthias getragen, ist entschieden. Aber kein Ergebnis, Blockade durch die Verantwortlichen.

Abwarten. SED-Genossen warten ab und führen dann Weisungen aus!

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Gestern etwas mit Erfolg getan: Die Platte für die Modelleisenbahn von F. mit ihm gemeinsam angefangen umzubauen.