Archive for the ‘Musik’ Category

18. Januar 1990 - Trauer, “Ich kenne des Menschen nicht.”

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

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Bei F.s Geburtstag viele Diskussionen. Eva Vent, im „kindlichen Wahn“ würdigt sie „den Kapitalismus“ und spricht davon, wie tyrannisiert sie war, 40 Jahre.

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Die Grenze, jenseits der man streikt wird immer niedriger, das Gleiche passiert mit der Grenze zur Gewaltanwendung.

# Wahnhafte Züge des Handelns der Menschen? Ist dieser Wahn nicht immer latent vorhanden? (Vergl. Art des Gedenkens an den 17. Juni heute im Juni 2003) #

Ich verspüre viel Trauer ob des übermächtigen Rasens der Unvernunft. Der subjektive Zustand unterscheidet sich nicht sehr von dem vor einem halben Jahr. Es ist ein übermächtiger Gesellschaftsprozeß, der seinen Weg nimmt. Vor der jetzigen Zeit hatte ich den Glauben, mit der Grundrichtung dieses Prozesses doch übereinzustimmen. Mit der erwarteten Richtung (Kapitalisierung) des gegenwärtigen Prozesses stimme ich nicht überein. Die Illusion der Heimat wird gegen die klare Heimatlosigkeit getauscht. Sozialismus, der schon greifbar schien, wird wieder zur Utopie entrücken. 

Nasdala klärt mich gerade auf, daß er beabsichtigt, um seine Abberufung zu bitten. Er will wieder im ASMW anfangen. Mich will er vorschlagen zu berufen/hier als Leiter zu arbeiten. Ich würde das – so denke ich  - machen. Ich denke, wenn sie mich diesmal nicht für würdig erachten, diese Funktion auszuüben, dann gehe ich von hier weg.  

Heute Abend WBA. Ich möchte meine neuen Konzeptgedanken vorlegen. Telefonat mit Holger Wetuschat.

# H. W.  war einer meiner Mit-WBA-Vorsitzenden. Bei ihm war es der WBA 10, der die Häuser im Grenzbereich umfasste. Wir hatten  kein enges aber, so dachte ich, ein ganz gutes Verhältnis. Zwei, drei Jahre später trafen wir uns wieder. Er war in irgendeiner offiziösen Funktion, hatte, glaub ich, mit der Konversion von Militärflächen zu tun. Jedenfalls mußte ich verwundert feststellen, daß er mich nicht mehr kannte. Wie manche Menschen von einem Tag zum anderen ihre Orientierungen änderten - das war eine der frappierendsten Erfahrungen dieser Zeit. # 

# Zu der letzten Erläuterung ausnahmsweise auch mal im opablog. 

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

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Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

25. August 1989 – Wir Komunisten und die Macht

Freitag, Oktober 16th, 2009

Tatsachen, wie die Regierungsbildung in Polen oder die Zusammenarbeit der ungarischen und der BRD-Behörden bei der Räumung der BRD-Botschaft in Ungarn von DDR- Bürgern – die spielen in meinem Protokoll kaum eine Rolle.

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Noch vor 1, 2 Jahren hätten solche Meldungen Heiligtümer verletzt. Heute begreife ich, daß die Kommunisten eben von ihrer führenden Rolle verdrängt werden, wenn sie es nicht fertigbringen, wirklich zu führen.

Wenn sie Führung mittels Gewalt und Druck behaupten müssen (nicht gegen irgendeinen Klassenfeind, sondern gegen ihr eigenes Volk), wird das Volk Wege finden, sich ihrer zu entledigen und bemüht sein, bessere Vertreter an ihre Stelle zu setzen. Das beweisen – und dafür sind sie hochwichtige Tatsachen – besonders die Bergarbeiterstreiks im Juli in der SU.

Die Revolution geht weiter“ – ein zutiefst wahres aber offensichtlich viel größeres Wort als noch vor zwei Jahren zu ahnen war. Es sind wahrhaft titanische Anstrengungen notwendig, um den administrativen Kommandoapparat durch ein flexibles, dialektisches, demokratisches Macht- und Leitungssystem zu ersetzen. Anstrengungen dieser Art kann nur die Arbeiterklasse aufbringen. Den alten Stil mit dem Kommunisten weiter an Einfluß verlieren, weil sie nicht zur Wahrheit vordringen, sondern sich auf Zweckpropaganda beschränken, beweist die SED z. B. mit nebenstehendem Kommentar.

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Man muß (wir müssen) den Weg zum „Neuen Denken“ finden und beschreiten, gerade auch unter der Bedingung, daß der imperialistische Hauptgegner unser Bemühen nicht honoriert, sondern zäh am alten Denken festhält. Er will kein neues Denken und muß durch die Macht der Verhältnisse und Tatsachen dazu gezwungen werden! (Das beweist eindeutig die USA-Politik gegenüber Afghanistan, Angola, Panama, SDI und andere qualitative Rüstung usw.)

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Mich kritisch betrachtend vermute ich, daß meine (spezifische) Schädigung durch dieses System darin besteht, Ansprüche reduziert zu haben. Und zwar in solchem Maße, daß ich, würde mir plötzlich die Möglichkeit zur Befriedigung dieser Ansprüche geschenkt, kaum Lust hätte, diese zu befriedigen (die damit verbundenen Mühen auf mich zu nehmen). Das Sichbescheiden, die Orientierung nach Innen (auf Null), ist mir zur Natur geworden.

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Übrigens nochmal nachgelesen Materialien KPdSU vom 18.7. – Äußerungen Ligatschow. Im Grunde formuliert er ein Junktim zwischen allgemeiner Abrüstung und Perestroika. Das ist gefährlich. Das könnte auf eine „Begründung“ für die Unmöglichkeit der Perestroika hinauslaufen.

Die Mauer“ - die Mauer hat zwei Seiten: Sie sperrt die Anderen aus und uns ein.

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24. Juli 1989 – “Kohlenkutte”

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Abends “Kohlenkutte”. Drastische Szenen (Selbstbefiedigung). Danach und nach schwarzem Tee kann ich abends nicht einschlafen.

# Ganz interessant damals (finde ich aber erst heute) Rolf Schneider im “Spiegel” zu “Kohlenkutte”.#

polnisches Requiem” von Penderezki,

Verteidigung der Kollektivarbeit des 44. Lehrgangs, erfolgreich.

Morgen langer Tag mit Vorlesung Graichen (“Materialökonomie”).

17. Juli 1989 – “Mirabeau”, Garten

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Freitagabend nun also “Mirabeau”. Wir sind nach der Pause gegangen. Keine Steigerung gegenüber “Judith”, viele Zitate und Selbstzitate, Routine!

# “Mirabeau” ist eine Oper von Siegfried Matthus…. Als ich das schrieb, hatte ich keine Ahnung, daß mein nächster Staatsopernbesuch erst 20 Jahre später folgen würde! #

Wir lesen an den Abenden im Nibelungenlied in der Nacherzählung von Franz Fühmann. Das ist fesselnd. Frühs am Samstag nach Schmachte. Es ist windig und kühl aber fast immer trocken. In Schmachte große Sensaktion. Kieslage für Badebecken, Weinpflege, Bau des ersten Anfangs vom Spalier. C. erntet von unseren jungen Beerensträuchern schöne wenige Beeren. Dill und auch Petersilie sind gut gekommen. Absprache mit Nachbar W. zwecks Fällung dreier Bäume. Einigkeit mit C. über Anpflanzung zweier Haselnüsse, einer Reneklode, weiterer Himbeeren und zweier Beerensträucher.

09. Juni 1989 – Urlaub - “Figaro”

Montag, Juni 22nd, 2009

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Gestern “Figaros Hochzeit” - in einer mecklenburgisch-derben Aufführung (”ohne Finessen” - wie C. geschmäcklerisch meint) im Wismarer Theater. Mir hat es gut gefallen. Mozart holzschnittartig inszenieren - würde das gehen? Mozart durch Barlach gebrochen?

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Unser erstes Glas Joghurt (0,75l) erfolgreich produziert. Heute vormittag Dauerregen. Ich koche Frühlingssuppe. Gleich lesen wir.

Doch noch Rad- und Fußwanderung. Entdeckung: Kirche bei Blowatz (Der Schlüssel steckt.) Boddenbad beim Ferienheim Damekow, Spaziergang bei Fährdorf.

Trifonow:”Das Ende des Winters”.

 

08. Juni 1989 – Urlaub - Nikolaikirche Wismar

Montag, Juni 22nd, 2009

Orgelmusik in der Nikolaikirche, wir waren vorher schutzlos durch den Regen gelaufen. Wir froren, haben uns aber nicht erkältet. In der Nikolaikirche - ausgehängt politisch -soziale -ideologische Stellungnahmen. Schlimme Fernsehnachrichten (Fergana, Kreutz)

schlechtes Wetter, Einkaufsvormittag in Wismar, dem schönen Städtel. Joghurtbereiter gekauft.

Heute Abend ins Theater.

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07. Juni 1989 – Urlaub - Trifonow

Montag, Juni 22nd, 2009

Fernsehbericht im ZDF über sowjetische Kooperativen und Mafia.

 Ausflug, ca. 30km, zum Nordende der Insel nach Gollwitz. Ganz flache See, man muß hunderte Meter weit hineinlaufen. Trockenbrotmittag im Strandkorb, kühl. FKK-Strand Timmendorf, Gewitter abgepaßt. Abends zum Orgelkonzert.

Lesen: Trifonow: “Twerskoi Boulevard 3″ - ich bin begeistert.

06. Mai 1989 - Konzert der Domkantorei

Freitag, Juni 12th, 2009


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In Mylau Ärger mit dem Lehrgang

26. April 1989 - Schostakowitsch

Dienstag, Juni 9th, 2009


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Schönes Konzert.