Archive for the ‘selbst’ Category

22. November 1989 - erster Besuch in Westberlin

Sonntag, November 22nd, 2009

891122.jpg

Heute war die Arbeit ausgesprochen schwer. Auch A. und R. sagen, daß sie schwer arbeiten. # Auch meine Kolleginnen A. und R. leisteten irgendwo “sozialistische Hilfe”. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo sie eingesetzt waren. #

Wegen der Schwere entschloß ich mich, nicht zum Kreisausschuß der Nationalen Front zu gehen. Vernünftige Gespräche mit den Kollegen auf Arbeit.

Hab’ übrigens gestern die Aktivitätsklasse “1.17 A5″ eingeführt, für (schwere) körperliche Arbeit. Desgleichen “1.14 Sq” - Ausdruck für sinnloses Warten. Sq - “Bedürfniskomplex” Sinnlosigkeit.

# Hier ausnahmsweise einmal ein Hinweis auf meine laufende statistische Erfassung von Zeit- und Geldaufwendungen für Aktivitäten und Bedürfnisse. Diese lief kontinuierlich neben dem Tagebuchschreiben einher. Wie früher bereits erwähnt, habe ich die Auswertung dieser Daten “auf Eis gelegt”. #

In der Kaufhalle hängt unsere WBA-Information nicht. Kiwitz # der Kaufhallenleiter # sagt, daß es bei seinen Kollegen dazu “einen Proteststurm” gegeben habe. Ich dränge. Sie wollen unsere Information zusammen mit einer Stellungnahme von ihnen aufhängen - bis zum Wochenende.

# Gestern in Westberlin:#  Einen Falt-Taschenplan von Berlin habe ich nicht bekommen – ausverkauft. Nähe Chausseestr.-Übergang falle ich unvermutet in einen Sex-Shop. Ja, das ist die kapitalistische Freiheit, die Befreiung des Einzelnen ohne Würde des Menschen. 

Wenn der Sozialismus die Freiheit des Einzelnen mit der menschlichen Würde verbinden könnte!

Mit mehr Freude sehe ich mir einige erotische Zeitschriften bzw. Herrenmagazine an. Jedoch, die Substanz dieser Freiheit bleibt ärmlich. Auf dem Rückweg in der Bernauer Str. an einem Haus:

Die Freiheit, die sie meinen, ist die der Deutschen Bank. DDR-ler lasst euch nicht kaufen.“

Tief beeindruckend - der Blick von einer Aussichtsplattform über die Mauer in den Osten. Das ist das entlarvendste Bild von uns, das wir ihnen seit Jahren geliefert haben. (Der stalinistische Sozialismus hat den Imperialismus stabilisiert.)

21. November 1989 - tiefe Krise der Partei

Sonntag, November 22nd, 2009

891121-2.jpg

Die gestrige Belegschaftsversammlung brachte fast keine Information. Die GO-Versammlung # Grundorganisation der SED # brachte die Delegiertenwahl # zum Sonderparteitag # und eine recht unerquickliche Diskussion. Wir sind 235, 193 sind anwesend (83%). Allgemeine Verwirrung, Resignation und zu kurzes Fragen nach den Ursachen (Alle Schuld hat die Parteiführung). Die Partei ist in einer Krise. In welcher Krise ist die Partei? Die Krise der SED hat leider sehr tiefe Wurzeln. Da ist der Stalinismus. Das geht schon sehr tief. Noch tiefer liegt aber die Wurzel Utopismus bei Marx und Engels. Die Rolle der politisch-kulturellen Verhältnisse war nicht tief genug begriffen. Illusionen über die Arbeiterklasse und damit auch die Diktatur des Proletariats.

Der Arbeitstag heute war anstrengend, fast keine Pause. Interessant: Das Ausladen von Wild.

Danach machte ich einen ersten dreistündigen Bummel durch WB. Nach Geldumtausch besitze ich jetzt erstmals 115,-DM. Der Eindruck ist groß! (Ein einsamer geschlagener Kommunist geht über den Markt.) Die Mauer – sie ist aber nur der Kulminationspunkt – hat uns sehr geschadet.

891121-3.jpg

Als ich 19.00 Uhr zu Hause ankomme, geht gerade C. mit Auszugshelfer Wulf aus der Wohnung. Damit mein Scherbenhaufen vollständig ist.

891121-1.jpg

20. November 1989 – sozialistische Hilfe

Freitag, November 20th, 2009

891120a.jpg

# Abschrift Protokoll Band 35 (20.11.1989 bis 29.3.1990, hier der Umschlag ) beginnt. #

Hab’ mir heut’ mein Visum geholt.

891120.jpg

 Mein erster Arbeitstag zeitweiliger Hilfe: Wir haben effektiv 2 1/2 Stunden gearbeitet, wurden 1/2 Stunden belehrt und haben die übrige Zeit gewartet. Mir scheint, dass wir dort nötig sind, weil die Arbeiter nicht ordentlich arbeiten.

Gleich gehe ich zur Belegschafts-/Parteiversammlung # des MSAB #.

# Einige Erläuterungen zur sozialistischen Hilfe, die ich seit heute leiste: Unsere (wir waren zu zweit) sozialistische Hilfe im November/Dezember 89 im VE (volkseigenen)-Fleischkombinat Berlin wurde damit begründet, die rechtzeitige Auslieferung der in den Kühlhäusern reichlich vorhandenen tief gefrorenen Hühner, Gänse und des Wildes an den Einzelhandel in der Vorweihnachtszeit zu sichern, einen drohenden Versorgungsengpass zu verhindern.

Mit sozialistischer Hilfe wurden in der DDR zeitlich begrenzte, mehr oder weniger freiwillige Arbeitseinsätze meist an „Brennpunkten der materiellen Produktion“ bezeichnet. Oft wurden in dieser Form saisonal bedingten Engpässen (z. B. bei Erntearbeiten), durch Wetterunbilden verursachten Unplanmäßigkeiten (Schneeberäumung, Aufarbeitung von Bruchholz nach schwerem Sturm) oder auch aus gesellschaftspolitischen Gründen eintretenden Verlusten (Republikflucht, Arbeitsverzögerung) und nicht zuletzt vom Planungssystem selbst verursachten Disproportionen entgegengewirkt.

Überwiegend wurden dabei Kräfte aus der Verwaltung aber auch aus der Produktionsvorbereitung, ja selbst aus der Forschung, Entwicklung und technischen Vorbereitung der Betriebe abgezogen und bei wenig qualifizierten Arbeiten eingesetzt.

Sozialistische Hilfe“ hatte verschiedenartige und gegensätzliche ideologische Bezüge. Nur zwei seien erwähnt:

- übertriebene Hochschätzung der körperlichen Arbeit in der materiellen Produktion und Geringschätzung der Arbeit der „Sesselfurzer“.

- solidarisches Verhalten von Menschen, die beitragen wollten, Alltagsschwierigkeiten des Lebens zu überwinden, die Mitverantwortung wahrnehmen wollten, um das sozialistische System zu stärken.

Ich habe mich auch deshalb mehrfach für solche Einsätze gewinnen lassen, weil ich damals wie heute körperliche Arbeit liebe und als befriedigend empfinde. Ich schätzte es auch, auf diesem Weg unmittelbaren Umgang mit Arbeitern zu haben.

Übrigens hatte ich im Verlauf meiner drei Wochen im Fleischkombinat einmall die Ehre, einen Lkw voller Wildbret zu entladen, die letzte „Strecke“, wie es hieß, von Erich Honecker.

Und eine andere Erinnerung: Während der Arbeit im Kühlhaus rutschte mir eine tiefgefrorenen Schweinehälfte zwischen den Armen hindurch und sauste, Rüssel voran, wie ein Speer, Richtung Fuß, landete doch mehr zwischen als auf meinen Zehen. Seitdem habe ich eine blasse Ahnung, wie sich ein Nagel durch den Fuß anfühlen könnte. (Der Kundige entnimmt dieser Schilderung, dass wir keine Arbeitsschutzschuhe mit steifer Kappe hatten.)

Und eine letzte Erinnerung: Als wir nach einigen Tagen mit den Arbeitern ins Gespräch kamen, wurden wir auch gefragt, was wir machen würden, „wenn es anders käme“. Ich sagte, dass ich vielleicht einen Zeitschriften- und Buchhandel aufmachen würde. Darauf sagte der Vorarbeiter der Gruppe: “Bei dir würde ich mal ein Buch kaufen.“ Damit waren wir „Bonzen“ akzeptiert, in einer Gruppe, in der auch ein ehemaliger Häftling (oft alkoholisiert, trotzdem zupackender Arbeiter) Stimmung machte und die halbe Mannschaft nach 14 Uhr in Westberlin zu finden war.

#

19.November 1989 - Zäsuren

Freitag, November 20th, 2009

Wofür muß ich mich schämen?

- jahrelang gutes Geld eingesteckt zu haben, ohne dafür ausreichend zu leisten

- die Familienbande nach Coburg skrupellos gekappt zu haben

- in meiner parteikritischen Position nicht radikal genug gewesen zu sein

- die ganze Macht der Wünsche des Volks nicht gekannt zu haben

- zuwenig “Ich” gewesen, zuviel geglaubt.( Auch jetzt muß ich mich immer vor zu schnellem Glauben hüten, so z. B., wenn die neue Qualität unserer Presse behauptet wird.)

891119-1.jpg

Wenn ich sonnabends arbeiten gehe, # die freiwillige Arbeit, vergl. Eintrag vom 15.11. # so auch aus Reue.

Der Marxismus hat das Problem der Gewalt und der Dialektik von Gewalt/Gewaltlosigkeit nicht tief genug erfaßt. 

Meine Position ist eine der Identifikation mit meiner Partei. C.s Position konzentriert sich auf Reflexion. Ich weiß bei allen Wirrnissen ziemlich sicher, woran ich glaube (und wußte es immer). C. glaubt an fast nichts (Sie glaubt an Schmerz und an Schrecken.)

Aus dieser Position handle ich (WBA, jetzt die freiwillige Arbeit). Sie handelt höchstens mir zuliebe (WBA) bzw. gar nicht. (Vergleiche das mit den Handlungsbedürfnissen von Frau Lathan, Frau Kluge.) (Oder sie muß das freie Handeln auch erst lernen? Ihr Vorschlag mit der Kaufhallenöffentlichkeit ist originär. Er bringt ein Teilstück in diesen kleinen demokratischen Prozeß, das unbedingt nötig war, auf das aber kein anderer gekommen war. Danach wollte sie wieder beobachten. “Ich bin gespannt…” Ich:”Kiwitz # der Kaufhallenleiter # wird erst etwas ‘raushängen, wenn ich die zusammenfassende Information geliefert habe. An mir liegt es.” Das hat sie dann auch begriffen und mir beim Fertigstellen dieser Information geholfen.)

(So führt die etwas genauere Betrachtung dieser Vorgänge zu dem Schluß, daß sie doch handelte und lernfähig war.)

Sie ist theoretisch weniger nachdrücklich auf eine Weiterentwicklung des Sozialismus orientiert. Meine Hinweise z. B. auf Jakowlew # Lektüre # greift sie nicht auf. Mehr interessiert sie die Weiterentwicklung der Demokratie schlechthin. Möglicherweise habe ich noch Illusionen über die Qualität der SED.

Die Divergenzen mit C. würden an sich ein freundschaftliches Verhältnis nicht ausschließen. Vielleicht schließen sie aber die Lebensgemeinschaft aus. Liebesbeziehung lebt auch von unmittelbarer emotionaler Gewißheit des Anderen, richtiger gesagt - Geborgenheit.

891119-2.jpg

So geht dies Buch mit einer Zäsur zu Ende. Zäsur auch in der Arbeit, da ich ab Montag # d.i. morgen # Broiler ausfahre. Als nächstes gilt es, den Entwurf eines ZF-Konzepts auf den Tisch zu legen.

# Damit, am 19.11.1989, endet der Band 34 meiner Tagebücher, der mit dem 11.7.1989 begonnen hatte. Es folgt ab morgen die Abschrift meiner Eintragungen des Bandes 35, beginnend mit dem 20.11.1989. Einige Überlegungen aus heutiger Sicht zu den Ereignissen des Bandes 34 habe ich in meinem opablog gepostet.

Zum Abschluß des Bandes 34 dokumentiere ich die ersten beiden Umschlagseiten von Heft 46/89 der Zeitschrift “Neue Zeit”, Moskau.#

891119-3.jpg

891119-4.jpg

17.November 1989 - Ich erlebe wirklich eine Revolution.

Mittwoch, November 18th, 2009

Den gestrigen Gedanken # von unserer Volksbewegung # weiterdenkend, sage ich: Es gab eine kleine Zahl heroischer Menschen (Helden, zu ihnen zähle ich die Aktivisten der Liebknecht-Luxemburg-Demo vor zwei Jahren) und dann haben, nachdem diese (fast) unheroische Etappe durchlaufen war, in einer bestimmten Situation, unter bestimmten Umständen, Massen von Menschen (einmal) heroisch gehandelt. Das war am 9.10.89 in Leipzig.

891117-1.jpg


 Dies schreibend mache ich mir bewußt, daß ich hier als Teilnehmer und Beobachter einer Revolution spreche! Ich erlebe wirklich eine Revolution! # Darauf sollte ich heute, 20 Jahre später, einmal zurückkommen. # (Dies bedenkend habe ich keine Angst um mein Schicksal. Ich muß nicht unbedingt Weiterbildung weiter machen. Ich muß vor allem “ins volle Menschenleben” hineingreifen.)

* Diese Revolution ist friedlich (bis jetzt).

* Sie wird von Menschen gemacht, denen es “gut geht”.

Vielleicht werden diese beiden Dinge einst als die größten Leistungen bewertet werden, die die DDR hervorgebracht hat.

891117-3.jpg

891117-2.jpg

WBA-Perspektivgespräch gestern mit H. Schillack # LDPD-Mitglied # und Karsten Rosenwald # CDU-Mitglied #. Wir kommen zu der Meinung:

* Die Parteien werden sich stark profilieren, und an der Basis (Wohngebiet) wird es Parteibüros geben, um die sich die Abgeordneten und die Parteiangehörigen gruppieren und versuchen werden, möglichst großen Einfluß im Wohngebiet zu erlangen.

* Zugleich wird es thematisch-inhaltlich, territorial, zeitlich relativ eng begrenzte Bürgerinitiativen geben, in denen mehrere oder alle Parteien aus ihrem jeweiligen spezifischen Interesse zusammenarbeiten werden. (Kommunal-)politischer Charakter dieser Bewegungen (trotzdem auch Kinderfest).

* WBA als Hilfsorgan anderer Kräfte und vor allem ungelöster staatlicher Aufgaben hat keine Perspektive.

* Wir werden Kontakt zu “Basisstellen” Westberliner Kommunalpolitik und Bürgerinitiativen aufnehmen, um ihre Mechanismen kennenzulernen.

Aus der Art und Weise der aktuellen Aktfotos einer Gesellschaft läßt sich auch viel über den Zeitgeist sagen (Fotos von heute, und von 10.10.).

16.November 1989 - Sonderjagdgebiete werden aufgelöst

Montag, November 16th, 2009

891116.jpg

# Sonderjagdgbiete sind ein Beispiel für Erscheinungen, die es in der DDR gab, die auch keineswegs streng geheim waren, und deren prinzipielle Bedeutung ich mir dennoch nie wirklich klar gemacht habe. Allgemeiner gilt: Man wußte von Privilegien bestimmter Personenkreise, man ärgerte sich darüber als braver (davon ausgeschlossener) Genosse, aber ich scheute mich durchaus, daraus Prinzipielles zu schließen, zu schließen, daß eine neue, sich partiell feudalistisch gebende Klasse entstanden sei (wie es Milovan Djilas vertrat und uns die Westmedien unter die Nase rieben). Diese Unentschiedenheit im Denken (und Handeln) meinte später Volker Braun, als er bezweifelte, daß das, was wir zu wollen glaubten unser WIRKLICHGEWOLLTES war.

Von der üblichen Situation des Unprivilegiertseins gab es oft einen fließenden Übergang zum nächsten Schritt: Der Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen einen Zipfel von den Privilegien der “Großen” zu erhaschen. Kleine (oder größere) Bröckchen wurden zur Belohnung für “Zuverläßigkeit”, Linientreue, kurz, Wohlverhalten absichtsvoll verteilt - eine sich immer weiter fressende Korrumpierung der Beziehungen, die die Realitätsmächtigkeit des Sozialismus im allgemeinen und die seiner führenden Szenerie im besonderen immer stärker schädigte, bis zum endgültigen Kollaps.

Dabei war es für das Schicksal des Sozialismus unerheblich, daß das Ausmaß, das materielle Niveau der Bevorzugungen verglichen mit privatem Reichtum und privater Macht im Realkapitalismus meist lächerlich gering waren. Das “Argument”, verglichen mit westlichen Eliteverhältnissen sei Wandlitz bescheiden, ja piefig gewesen, geht daran vorbei, daß der Sozialismus ganz Neues wollte (und der Realsozialismus es in Elementen tatsächlich lebte!) und gerecht nur an seinen eigenen Ansprüchen, Möglichkeiten und Schon-Wirklichkeiten gemessen werden konnte. #

Gestern Abend den Text von unserer HGL-Beratung zur Versorgung (vom 9.11.) formuliert. Ich hatte mir gestern Nachmittag Gedanken zum weiteren Schicksal des WBA gemacht und war davon ausgehend zu der Idee gekommen, im Wohnbezirk die Arbeit von Bürgerinitiativen, und überhaupt die demokratische Bewegung unterhalb und in Zusammehang mit den Abgeordneten kennenlernen zu wollen. ..

Gespräch mit C. zur Klärung unserer wechselseitigen Positionen. Das Gespräch zeigte uns beide unnachgiebig, und so legte sie (legten wir) fest, daß sie im Laufe der nächsten Tage auszieht.

Gelegentlich nochmal genauer unsere jeweilige Poition fixieren.

Mich schreckt schon, daß das, was bisher nur in Aussicht stand, wahr werden soll. Zugleich habe ich nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen.

Übrigens heute Telefonat mit Nasdala: Wir bestätigen uns eilfertig (ich wohl doch nicht eilfertig), daß wir beide für ganz weitreichende Veränderungen seien. Der Kerl ist der absolute Anpasser. Auf die neue Bewegung, wenn sie siegt, schmeißen sich alle Anpasser.

Unsere Volksbewegung? Nicht so sehr Heroismus hat sie groß gemacht, sondern die Erfahrung der Hilflosigkeit der Macht und der (relativen) Straflosigkeit des Protests.

 

14.November 1989 - Abbruch des laufenden Lehrgangs

Samstag, November 14th, 2009

Abbruch des 45. ZF-Lehrgangs wegen der besonderen Situation.


# Das war der letzte Tag meines Normalarbeitslebens. Merkwürdig war es, aber in seiner vollen Tragweite mir keineswegs bewußt. #

891114.jpg

12.November 1989 - Formulierung neuer Arbeitsaufgaben?

Samstag, November 14th, 2009

Nun also doch Sonderparteitag!!!

Mir scheint, daß da hinter den Kulissen eine Schlacht mit den Konservativen (vorläufig?) entschieden wurde. Diese haben sich vielleicht tatsächlich vorgewagt und ihre Rechnung ging nicht auf und nun werden sie weiter zurückgedrängt. !

Wir leben in einer Zeit des revolutionären Umbruchs!

Was soll ZF in dieser Zeit des revolutionären Umbruchs tun? Mehr denn je gilt:

Wir brauchen geistigen, theoretischen, konzeptionellen Vorlauf. Und mehr denn je gilt, daß die Praxis unser größter Lehrmeister ist.

Enorm wächst die Qualität der Aufgaben der Zentralstelle. Daraus folgen große Weiterbildungsaufgaben für die in der Zentralstelle arbeitenden Genossen. Nicht alle Qualitätsanforderungen an die Zentralstelle sind mit Weiterbildung vorhandener Genossen zu bewältigen. Zahlenmäßiger Abbau der Zentrale bedeutet, daß - zumindest zeitweilig - die Zuführung junger Kräfte relativ gering ist. (Diese Zufuhr hört aber nie völlig auf und wird nach zwei, drei Jahren wieder stärker.) D. h. Nachwuchskaderarbeit bleibt eine Aufgabe der ZF. Erste Aufgabe der ZF ist eine gründliche Analyse der Anforderungen an die Qualifikation der Genossen in der Zentrale (heute und in absehbarer Zukunft). Analyse der Solldaten. Denen sind die Istdaten gegenüberzustellen.

Erste Entscheidungen:

# vorfristige Beendigung des laufenden Lehrgangs am 15. oder 20.1. Regulär wäre das Ende am 29.2. gewesen. #

Verkürzung der Lehrgänge auf 15 Wochen # bisher 6 Monate #

Umstellung der Finanzierung.

Inhalte:

- Gesellschaftsstrategie/ökonomische Strategie

- Wirtschaftsmechanismus

- Unternehmensstrategie (Recht, Finanzen, Betriebswirtschaft)

- PC-Arbeit

- Verhaltenstraining/Psychologie

neu: Dreitages-Weiterbildungslehrgänge für MSAB-Kader # Mitarbeiter des Ministeriums für Schwermaschinen- und Anlagenbau #

- Sozialismuskonzeption

- Finanzen

- Wirtschaftsmechanismus/Unternehmensstrategie (Verhandlungsführung)

- Recht

- Analyse und Strategiebildung Wissenschaft und Technik

- Marktarbeit

- Außenbwirtschaft

- Rhetorik

 

# So habe ich damals geschrieben. Es war das letzte Mal, daß ich mir für meine Arbeit im und für den Sozialismus Gedanken gemacht habe. Habe ich tatsächlich geglaubt, daß ich in dieser Weise weiter arbeiten würde? Ich weiß es heute nicht mehr. Vielleicht war es nur ein Reflex meiner bisherigen Arbeitsmethode, die ich so chrakterisieren kann: Versuchen die Hauptlinie der Entwicklung zu erfassen und selbständig Schlußfolgerungen für mein persönliches Arbeitsfeld ziehen, nicht auf Anweisungen warten. Damit war ich bisher immer gut gefahren - mein langjähriger Chef wußte dies Herangehen im allgemeinen zu schätzen.

Vielleicht war es aber auch ein Stück Ausweichen ins Illusionäre. #

 

 

11.November 1989 - Tag nach der Maueröffnung

Samstag, November 14th, 2009

6.10 Uhr, heute Schlange am Zeitungsstand. Ich kriege aber noch “ND” und “JW”.

Die gestrige unerwartete Öffnung der Mauer hat mich mit großer Sorge erfüllt. Ich glaube, da war bei mir mehr Angst als gut war. Ich war auch noch vor 2-3 Wochen innerlich nicht fähig, mich an Straßendemonstrationen zu beteiligen. Was mangelende Zivilcourage, Opportunismus betrifft, werfe ich mir nicht viel vor. Ich habe immerhin meine politische Haltung so vertreten, daß ich mir eine berufliche Karriere verbaut habe. Und sie so vertreten, daß ich Parteiausschluß und Kriminalisierung riskiert hätte, das wollte ich nicht. Das wollte ich lange Zeit nicht, doch diese Frage reifte nach dem mich vergewaltigenden Agit-Stasi-Einsatz auf dem Alexanderplatz am 7.7. heran, und ich hätte sie schließlich - bei aller Zurückhaltung und Berechnung - mit “Zivilcourage” getroffen.

Ich werfe mir aber ungenügendes Begreifen des wahrhaft demokratischen Charakters, eigentlich des machtvoll demokratischen Charakters der Volksaktivitäten vor. Die “Erfahrung der Freiheit … auf der großen Straße in Leipzig” - wie Volker Braun heute im ND schreibt - das war nicht nur nicht meine Erfahrung, es war auch nicht mein Begriff von einer solchen Erfahrung. Ich glaube, daß meine halbstaatsapparatlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse mich so taub gemacht haben.

(Es entsteht der Wunsch, diese Lebensposition zu ändern - ist solch ein Wunsch nicht ein ganz brauchbares Kriterium für ernste Selbstkritik?)

Den Dreh- und Angelpunkt meiner geistig-theoretischen bisherigen Versäumnisse aber auch der künftigen Aufgaben möchte ich mit dem etwas unförmigen Begriff der “Souveränität der Basisdemokratie” bezeichen.

—————————————-

Krenz hat in dieser Hinsicht, also eigentlich was den Kern der qualitativen Erneuerung betrifft, keinen geistigen Vorlauf. Aber er ist mit aller Energie bestrebt, sich auf die Höhe der Zeit hinaufzuarbeiten und die Lektionen zu lernen. Die Entstehung des neuen Politbüros ist nur ein markantes Beispiel dafür, wie konservativ Krenz an diese Fragen heranging. (Das Krenz-Vorschlag-Politbüro im Amt bis Mai 90 - eine Horrorvorstellung!) Selbst dieses alte ZK hat ihm eine Lehre erteilt. Die Richtung freilich, die Krenz angibt, ist richtig. Das ist ein Grund, sich zu identifizieren damit. Der Mangel -und es ist ein schwerwiegender - besteht in Krenz’ ungenügendem Begreifen, wie radikal Bedingungen, Tatsachen geschaffen werden müssen, damit aus Erklärungen Taten werden. Da besteht eine z. T. noch bürokratische Zeitvorstellung von den Prozessen, nicht volles Erfassen des Zeitdiktats der Straße. Das hat nur Modrow. Jedoch und das ist der 2. Grund, der entscheidende, für Identifikation: Die Öffnung der Mauer ist die erste Tat seit dem 11.10., die nicht den Ereignissen hinterherläuft. Die schnelle Entwicklung, vom Entwurf des Reisegesetzes über die Regelung vom 9.11. bis zur jetzt geübten Praxis, möchte ich verstehen als Herausbildung der Fähigkeit, die Prozesse wirklich zu führen.

Man muß auch akzeptieren, daß es gilt, den Zusammenhalt der Partei zu wahren.

————————–

Übrigens war mir die jetzt geübte Praxis unverständlich. Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Und halte diese Form auch nicht für die Beste.

Boje, den ich im Lustgarten traf (Er kam gerade mit dem Fahrrad vom Kudamm zurück.) erzählte, daß manche meinten, dieses fast völlige Öffnen der Grenze sei von inneren Kräften bewußt lanciert worden, damit es zu Konflikten komme und so zum Vorwand für einen Militärputsch.

Ich halte dies nicht für ausgeschlossen. (Keßler geht in seiner Diskussionsrede auf der 10. Tagung so gut wie gar nicht auf seine Mitverantwortung ein. Dickel ebenfalls nicht selbstkritisch.)

Wie weiter?

Realistisch (fast skeptisch) über die 10. Tagung reden, persönliche Schlüsse ziehen - und für die Arbeit - und für WBA.

Gegen Opportunismus!

Gestern auf der Kundgebung rief übrigens einer der Redner nach Conny Naumann!

Hab’ soeben einen Spaziergang zur Oderberger Straße gemacht, zur durchbrochenen Mauer.

Gestern war Gründungstreffen “Neues Forum” in der Gethsemane.

Am 13.11. ist Bürgerforum im Prater.

Hab’ heut nachmittag 3 1/2 Stunden geschlafen.

# Ich zeige mich als überrascht und verwirrt. Ich versuche der Entwicklung etwas Positives (für den Sozialismus der DDR) abzugewinnen. Ich erlebe die klassische Situation einer paralysierten handlungsunfähigen Partei, einer, dem Anspruch nach, wissenschaftlich begründet agierenden Partei, die sich als völlig konzeptionslos und frei von Strategie erweist.

Einige Momente von damals halte ich für heute fest (weil sie mir im Laufe der Jahre unter dem antikommunistischen Trommelfeuer) zu sehr in den Hintergrund geraten waren:

Meine positive Bewertung der Volksaktivität.

Meine Befürchtungen hinsichtlich der Möglichkeit einer “chinesischen Lösung”.

Auf beides zurückkommen.#

 

04.November 1989 - Berliner Großdemo

Mittwoch, November 4th, 2009

n Mylau ausgiebiges Gespräch mit Schlesinger.

Intensives Lesen auf der Rückfahrt, so z. B. Heinrichs und Krause zur Wirtschaftsreform.

891104-1.jpg

891104-2.jpg

Zug hat 45′ Verspätung, auf der Hinfahrt 35′.

C. will, da ich nun heute auch zur Demo gehe, ihre Absprachen verändern, die sie mit W. und W. getroffen habe. # (Hintergrund: W., ehemaliger Leistungssportler, hatte den Wunsch, ein Fitnesscenter zu eröffnen, und C., die ihre Arbeitstelle wechseln wollte, äußerte die Absicht, dort anzufangen. Das ganze Vorhaben schmeckte mir gar nicht, nicht zuletzt aus Eifersucht.) # Ich sage aber, daß sie das nicht brauche: “Wir gehen sowieso aus verschiedenen Motiven zur Demo.” Als mein Hauptmotiv gebe ich Neugier an. So gehen wir also heute tasächlich getrennt zur Demo, was mir lieber ist. Morgen gehe ich zu den Gesprächen der offenen Tür. C. nicht.

Interesse an Sex.

Meine Thesen sind nun nach der gestrigen Erklärung von Krenz fast überholt, zumindest weitgehend eingeholt.

# Zu den folgenden Bildern: Ich habe damals nicht fotografiert, sah aber wenige Tage später bei einem Fotografen viele Bilder angeboten und habe im Bewußtsein des denkwürdigen Ereignisses eine ganze Anzahl gekauft. Hier eine Auswahl: #

891104-6.jpg

891104-7.jpg

891104-8.jpg

891104-9.jpg

891104-10.jpg

891104-11.jpg

891104-12.jpg

891104-13.jpg