Archive for the ‘selbst’ Category

13. März 1990 - zwei Damen mit viel Haar

Montag, Januar 23rd, 2012

# Es wird gefragt, welcher Teufel mich geritten hat, noch die langweiligsten Aktfotos, derer ich habhaft werden konnte, ins Tagebuch zu übernehmen. Heute verstehe und teile ich diese Frage. Damals ging es mir darum, mich zu meinem dauernden (und überwiegend unbefriedigten) sexuellen bzw. erotischen Interesse zu bekennen. Dazu gehörte der närrische Entschluß, auf kein Aktfoto zu verzichten. #

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12. März 1990 – Brief an Kurt Riemer

Sonntag, Januar 22nd, 2012

# “Freiheit braucht Raum” # 

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Am Wochenende war eine Flut von Westzeitungen im Angebot. Beim Einkaufen in der Ackerhalle sehe ich den Leistenhändler, dort, wo ich die runden Spiegel gekauft hatte, der an seiner Ladentür steht und  - ledergeschürzt – die Bildzeitung verkauft. Sie gehen weg, wie warme Semmeln, die Leute stürzen sich darauf wie auf ein endlos lang entbehrtes Labsal. Am Freitag hatte sie als Werbeexemplar im Haus der Statistik gelegen.

 # Das “Haus der Statistik“, Sitz der DDR-Zentralverwaltung für Statistik war ein am Alex gelegener Bürokomplex. „Bild“ war nun also bei den zentralen Staatsorganen der DDR präsent. Ich nahm ein Exemplar mi, um das Gesamtkunstwerk „Bild“ im Tagebuch zu  dokumentieren. #

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Die Beispiele der letzten Seiten zeigen, dass die Dämme gegen den ideologischen Dreck endgültig gebrochen sind.

Beiliegende Seite brachte der Sonntag ins Haus. Die Hilflosigkeit bedeutender Schriftsteller ist ein erstaunliches Phänomen.

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Meine geistigen Prozesse unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von denen dieser Leute:

-                      ich hatte nie ein euphorisches Verhältnis zum 4.11., habe vielmehr dieses Ereignis und noch mehr den 9.11. mit gemischten Gefühlen erlebt.

-                      Ich bin mir jederzeit der „Errungenschaften“ der DDR-Wirklichkeit bewusst. Wenn ich jetzt erlebe, dass sie physisch bedroht sind und teilweise schon zerstört werden, so heißt das keineswegs, dass sie in mir moralisch zerstört werden.

-                      Und wenn jetzt BRD-Imperialismus uns übernimmt, dies zumindest sehr entschieden betreibt, so ist das zwar ein physisches Faktum; also anerkenne ich diese Gewalt, aber sie hat auf mich kaum eine Überzeugungswirkung. Die „Gebrechen“ dieses Marktsystems sind offensichtlich.

Nötig, hierüber mal gründlicher zu schreiben. Schriftsteller – Leute, die, koste es was es wolle, ständig Ideen aus sich ‚rauspressen müssen - das kommt mir oft ziemlich krampfig vor. 

# Brief an Kurt Riemer. Einiges zum Hintergrund:

Kurt war für mich eine außerordentlich wichtige, orientierende Persönlichkeit. Zum Programm der Halbjahreslehrgänge unserer ZF (für das ich verantwortlich war)  gehörte immer ein Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Natürlich organisierte ich dazu eine kompetente Führung, und für diese wurde seit Ende der siebziger Jahre Kurt Riemer gewonnen. So lernten wir uns kennen. Kurt war etwa Jahrgang 1915 und Widerstandskämpfer von 1933 an. Er gehörte zur  Berliner Gruppe Robert Uhrig. Er war viele Jahre in Haft, darunter auch mehrere Jahre im KZ Sachsenhausen, an der Seite Matthias Thesens. Als die illegale Lagerleitung in Sachsenhausen im Oktober 1944 aufflog (und in der Folge auch Matthias Thesen ermordet wurde) verdankte Kurt Riemer der Standhaftigkeit Thesens, daß er überlebte. Kurt war bis zuletzt im KZ Sachsenhausen und nahm auch am Todesmarsch teil.

Kurt war für unsere Gruppe von Nachwuchsführungskräften auch deshalb besonders geeignet weil er in der DDR wichtige Funktionen in der Partei und als staatlicher Leiter ausgeübt hatte, er kannte sich also auch auf diesen Ebenen aus. Aus diesen Funktionen war er zur Zeit unserer Zusammenarbeit ausgeschieden und Rentner. Dies vordergründig wegen seiner angeschlagenen Gesundheit, wohl aber auch wegen einer Maßregelung (von der mir aber nichts Näheres bekannt ist).         

Von Kurt erfuhr ich viel von der, sozusagen, „Innenseite“ des Widerstandskampfes. Er mystifizierte nicht. In gewisser Weise sei es 1933 sehr einfach gewesen, meinte er. Man mußte sich einfach treu bleiben Punkt. Mein Brief drückt wohl deutlich aus, daß ich dem alten Genossen versichern wollte, daß ich unter den Bedingungen des Tages treu zu bleiben gedachte.

Wenig später hat er mir geantwortet. Dann noch einige weitere Ergänzungen.# 

„Lieber Kurt!                                                                                                                                                                                                     12.3.90

Ich möchte mich mal wieder kurz melden. Dir geht es hoffentlich gesundheitlich gut und überhaupt nicht schlecht. Aus dem beigelegten Papier # Es geht um mein persönliches Wahlflugblatt # siehst Du, wie bei mir die Arbeit, die Parteiarbeit, weitergeht. Eigentlich sollte es ein Flugblatt werden. Jeder in unserer Parteigruppe hatte sich vorgenommen, einen Entwurf zu machen.) Aber dann waren genügend gute gedruckte Flugblätter gekommen. Und ich habe mehr einen knappen Brieftext geschrieben, der hoffentlich eine gewisse Wirkung durch die persönliche Bekenntnisform gewinnt. Dies Papier habe ich 90x vervielfältigt und gebe, schicke es an alle, mit denen ich durch die WBA-Arbeit bekannt geworden bin. Eine Einwohnerversammlung zur Wahl hatte der WBA kürzlich auch veranstaltet. Wir hatten fünf konkrete Fragen an die wichtigsten Parteien/Vereinigungen gerichtet und sie um Sprecher gebeten. Ca. 60 Einwohner kamen aber nur wenige Parteien waren vertreten. Es war dennoch eine lebhafte Diskussion und PDS konnte dabei weine gute Rolle spielen. Solche Parteien, wie SPD oder CDU/DSU/DA waren nicht vertreten. Ich will aber nicht in’s lange Erzählen kommen, wollte Dir (Euch) nur ein kleines Lebenszeichen und einen Gruß schicken. Das Leben ist ja nicht dazu da, um sich unterkriegen zu lassen. So geht es mir ganz gut – auch im Garten habe ich schon wieder gewerkelt und sogar übernachtet.

Sei herzlich gegrüßt

Und ebenso Deine Frau

…“

 

10. März 1990 – Kinderbesuch

Donnerstag, Januar 12th, 2012

F. bei mir.

Wir malen und schenken uns gegenseitig Bilder. Ich mache Kalbsbraten.

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09. März 1990 – mein persönliches Wahlflugblatt

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Erfolgreicher Abschluß Dreitageskurs.

Nachher Infostand PDS?

Ich habe mein Flugblatt neu geschrieben und vervielfältigt. Ich werde es in der nächsten Woche allen mir im Wohngebiet bekannten zustellen. # Hab es 90x verteilt #

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07. März 1990 – Durchführung Dreitagesweiterbildung gegen alle Widerstände

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Vorlesung von Prof. Dr. H-J- Beyer beim Dreitageskurs. Hat er gut gemacht. Einer der Haltung zeigt.

Mich regt das alles offensichtlich ziemlich auf. Ich merke es an starken Schmerzen im linken Fuß, dem lädierten. Die Schmerzen sind so stark, daß ich nicht zur Frauentagsfeier der Volkssolidarität gehe. 

23. Februar 1990 – Streit um Weiterbildung. Wer ist der beste Kapitalist?

Dienstag, Januar 10th, 2012

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Nun, 16 Uhr, nach der Beratung bei Dr. W., ist wohl entschieden, daß meines Bleibens hier nicht länger ist.

# Im Tagebuch steht nur dieser Satz. Dahinter verbirgt sich aber eine Erfahrung von Gewicht. Dr. W., vormals Kaderchef des Ministeriums für Elektroindustrie, war nun Kader- und Bildungschef des neuen Wirtschaftsministeriums. Er war ein äußerst flexibler Mensch und konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt bereits (wie ich später erfuhr) voll und ganz auf die Bildungszusammenarbeit mit der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein in Kiel. (Später sollte aus dieser Zusammenarbeit seine eigene private Weiterbildungsakademie hervorgehen; doch ich greife vor.) In irgendeiner Form die Zusammenarbeit mit Dozenten aus der DDR fortzusetzen, diesen allesamt belasteten Kadern, kam ihm nicht in den Sinn. Folgerichtig hatten wir in dieser Beratung sofort einen Frontalzusammenstoß. Ich war sofort und komplett abgemeldet.

Zwei Tage später wurde das von mir vorgeschlagene Sofortprogramm der Weiterbildung von Dr. W. voll und ganz akzeptiert und in Kraft gesetzt. Was war geschehen? Eine Gewerkschaftsberatung hatte stattgefunden und Dr. W. war auf das Heftigste kritisiert worden, daß er nichts für die Weiterbildung der Mitarbeiter tue. Da holte er mein Konzept aus der Tasche, es war genau das Richtige. Er war gerettet. Ich war gerettet. Und die Mitarbeiter hatten ihren Rettungsstrohhalm Bildung. #

 Auf der Suche nach Schreibpapier für den folgenden Brief habe ich diese Zeitungsauschnitte gefunden („Sonntag“ Nr. 45 von 1982).

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# Im Tagebuch folgt hier ein Brief an meinen Freund Kurt. Ausnahmsweise habe ich dessen vollen Wortlaut nicht hier, sondern ins opablog eingestellt. #

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20. Februar 1990 – Kleine Ereignisse, Einzelmomente, aus denen sich der historische Prozess zusammensetzt

Sonntag, Januar 8th, 2012

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Mir scheint, daß dieser Brief viel Wahlkampfdemagogie enthält. Vielleicht ist das aber die Form und der Ausgangspunkt des Weges, der damit beginnt, daß man irgendwie versucht wieder miteinander zu sprechen.

Mein gestriger ötv-Partner in WB jedenfalls lehnte eine Teilnahme an der Veranstaltung am 27.2., an einer PDS-Veranstaltung, ab. #Vergl unser Flugblatt# Man akzeptiere PDS nicht als Partner, kaum den FDGB, der ähnlich diskreditiert sei.

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# Damals freute man sich noch über Bonmots dieser Art. Das war doch mal ein Parteiführer, der rhetorisch etwas drauf hatte. Erst später begriff ich, daß nun Bonmots und rhetorische Floskeln klare (und theoriegeleitete) Aussagen ersetzen würden. #  

Der Linie des nebenstehenden Briefes entspricht übrigens der von Henrich vor einigen Tagen im ND, der das weiterbestehende Medienmonopol meiner Partei anprangerte. Diese Leute reden schon mit uns in unseren Zeitungen aber noch und vor allem, um uns anzuklagen und uns möglichst viel zu unterstellen. Ihr Verhalten ist noch zweispältig.

Übrigens gestern auch bei der AL in WB. Sie wollen nach Möglichkeit jemanden zu uns schicken.900220-7.jpg

 Ich war dann noch in der dortigen Staatsbibliothek und hab mich orientiert. Dort gibt es passable Arbeitsbedingungen. Eigenartiges Erinnern an Studentenzeiten. Bei mir leider alles von sexueller Unbefriedigung überschattet.

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 # Den guten Herrn Thomae hab’ ich dann doch nicht geschafft, gründlich zu lesen. # 

Auf dem Rückweg treffe ich Peter ..?  von der Betriebsschule M-L. # Marxismus-Leninismus # Für seine Arbeit „Berufsbildung“ sieht er auch künftig eine gute Perspektive. Auch für ihn löst die völlige Niederlage des Systems des realen Sozialismus die Frage aus, ob nicht das kapitalistische System für den Menschen das bessere sei. Den guten, den reformierten („sozial-ökologisch“) Kapitalismus wollen viele enttäuschte Fortschrittler (so auch Günther Just im Fernsehen). Sozialdemokratismus.

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Erstaunlich, dass in dieser Zeit weitreichender Verwirrung, meine innere Stimme nicht im geringsten zweifelt an der Notwendigkeit, dass große Privateigentum an den Pm abzuschaffen. Und ich glaube auch nicht, dass das 1917 anders als gewaltsam möglich war. Diese Enteignung bleibt die größte Tat des realen Sozialismus (der damals übrigens noch kein stalinistischer war). Seine größte Untat war, dass ihr keine gesellschaftliche Aneignung folgte.

Parteigruppenversammlung abends. Wir sind wenige. Aber wir werden optimistischer. Wir beginnen zu handeln.  

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19. Februar 1990 – Das ND mit neuem Gesicht

Sonntag, Januar 8th, 2012

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In meiner einsamen ZF-Position höre ich Modrow vor dem Runden Tisch.

Die Sache hier bei der ZF hinschmeißen und in dem Kiosk sich verkriechen? Oder hier etwas aufzubauen versuchen? Ich bin sehr unsicher.

 Das ND mit neuem Gesicht gefällt mir.

08. Februar 1990 – Blick in die Zukunft

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

Die Wochen rasen. 

Brief von Kurt gestern. Er ist sehr deprimiert, müde. Es trifft ihn nun vielleicht auch noch, daß ihn die LPG aus dem Wochenendhaus rausschmeißt.

Das spektakuläre Angebot der BRD-Regierung zu Verhandlungen für eine Währungsunion (nachdem noch gestern der Bundesbankpräsident dies abgelehnt hatte, stimmt er heute zu!) beweist einmal mehr den klaren, geraden Kurs dieser Regierung auf die Zerstörung der DDR. Es gibt keine politische Kraft, dies aufzuhalten. Modrow kann nur (und jede Folgeregierung) unser Fell so teuer wie möglich verkaufen. Unser stellvertretender Bildungsminister Abend (?) (CDU-NF) kündigt auch auf diesem Gebiet die Restauration an. Berghofer in Davos präsentierte sich als Groß-Liquidator.

Schewardnadse warnte vor dem Revanchismus, der sich unter dem Deckmantel der deutschen Vereinigung kräftige. Carmen findet das nun doch übertrieben. Ich werfe ihr vor, dass sie Entwicklungen erst sehe, wenn sie eingetreten sind. Dabei erinnere ich sie, dass wir uns noch vor 14 Tagen erbittert über meine Worte stritten, dass es der BRD einzig und allein um den Anschluß der DDR gehe. Unter dem Eindruck des Ministers Abend (o.ä.), der sie auch deprimiert hatte, widerspricht sie diesmal meinen Vorwürfen nicht.  

Fernsehinterview mit Bärbel Bohley. Ich begreife deutlicher, dass diese Leute, diese wenigen Leute, die einzigen Helden unserer jüngsten Geschichte waren. Ich meine die Oppositionellen, die Verfolgung auf sich genommen haben, weil sie für die Demokratie kämpften. Sie waren vor ein, zwei Jahren eine verschwindende machtlose Minderheit und sie wir sind es auch jetzt und werden es auch in absehbarer Zukunft sein. Es geht – ich wiederhole es – heute nicht mehr um Demokratie in der DDR, sondern um die Zerstörung der DDR, d.h. die Vollendung dieses Prozesses und das Aufsaugen der Reste durch die BRD.

Was ich für die Zukunft erwarte:

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Die BRD (der BRD-Imperialismus) landet ohne einen einzigen Schuß abzugeben, ausschließlich mit ökonomischer und politischer Überlegenheit, einen absoluten Sieg über die DDR (Einverleibung). Die DDR wird entwaffnet bei Fortbestehen der Bundeswehr. (Ebenso ist der Warschauer Vertrag zerfallen, bei Fortbestehen der NATO, die sich nur modifiziert, auch militärisch gesehen)

Die „Verdauung“ der DDR bedeutet für die BRD eine große Anspannung, die sie aber – mit gelegentlichem Magendrücken – bewältigt (in 5-10 Jahren). Der BRD-Imperialismus (genauso der USA-Imperialismus) haben ein ungeheures Erfolgserlebnis. Die im Osten liegenden Ziele dieses Imperialismus (Polen, CSSR, Königsberg) werden zu Zielen realer Politik. Dabei beschränkt sich die BRD weiter auf den Einsatz ök. und pol. Macht (während sie die militärische Macht in Reserve hält, teilverringert, konserviert). Das Erringen einer gravierenden Herrschaft Dominanzposition im EG-Raum, d.h. in Europa überhaupt, wird weiter betrieben, läuft parallel zur offensiven Ostpolitik.

In Deutschland besteht immer und zunehmend eine nationalistische Komponente bzw. Alternative.

All dies ist wahrscheinlich, weil die UdSSR in den nächsten 15 Jahren ihre Rolle als Supermacht nicht voll wahrnehmen kann, vielleicht einige dieser Funktionen erfüllt aber in anderer Hinsicht (ich glaube einschließlich der Königsberger Frage) nur die Kräfte einer Regionalmacht aufbringen kann.

Welche neuen strategischen Ziele sich in dieser Situation der USA-Imperialismus setzt, ist mir unklar, aber sie werden auf jeden Fall offensiv sein, die SU in ihrer Handlungsfreiheit einschnüren und auf solider oder überragender (?) militärischer Stärke basieren.

Die Widersprüche zu den Armen der Welt werden in vieler Hinsicht unerträglich werden. Natürlich erstmal für diese. Es kann zu offenen Kämpfen kommen, die aber mit Niederlagen für die Zivilisation enden, egal, welche Seite siegt.

Die sozialen Konflikte in den triumphierenden Ländern der Kapitalherrschaft verschärfen sich. Es ist mir unübersehbar, welche Folgen die Beseitigung der realen stalinistischen Alternative haben kann. Ist es möglich, dass nach einer Etappe von vielleicht 20, 30 Jahren der Kapitalismus reale innere Reform- und Revolutionskräfte gebiert + in der SU ein demokratischer Sozialismus entstanden ist + die armen Länder (einschließlich China) Bedingungen und sogar Zwänge für eine grundsätzliche Reform des Kapitalismus schaffen? Das steht in den Sternen.

Heute, denke ich, geht es darum das Überleben bisheriger sozialistischer Ideen zu sichern und eine für die Zukunft mögliche sozialistische Idee zu entwickeln. Es wird - für wie lange? – keine Einheit der Linken geben. Sie werden also auch keine starke Vertretung im Bundestag haben (vielleicht gar keine). Freilich, nach der gegenwärtigen absoluten Niederlage der stalinistischen „Linken“, könnten einige zusätzliche Impulse für linke Positionen entstehen, so dass diese Kraft überlebt.

Für mich folgt: „Links“ (sozialistisch) wird wieder zu einer Frage von Zirkelpolitik (Machtlosigkeit). Handlungsmöglichkeiten bestehen auf demokratischer Ebene (Basisdemokratie).

Zukunft der Weiterbildung im Ministerium, meines Arbeitsgebietes… Sollte ich mich nicht davor bewahren, mich mit der ideologischen Formierung des neuen Systems zu beschmutzen. Das würde ich doch als Ideologe/Organisator machen. Sollte ich mich nicht lieber als Verkäufer meiner Ware Arbeitskraft ehrlich auf den Markt begeben. Mit den Marktgesetzen leben, spekulieren und ihr Opfer sein. Diese Linie des „Widerstand Leistens“ im System selbst, die bringt doch nichts, wie mir meine bisherige Praxis bestätigt (bringt nichts für die moralische Integrität und Gesundheit).

Hab‘ soeben unsere Flüge gebucht (im August nach Burgas und zurück). Ab morgen wären sie um mehr als 200,-M/Person teurer gewesen.

Soeben Termin gemacht mit Frau Beringer, der Kaderleiterin des Hauptpostamts 8.

Auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz traf ich Eberhard Ackermann aus Moskau kommend hier zum Soziologenkongreß, seit Oktober 89 nicht mehr in der DDR gewesen. Er findet vieles einfach unbegreiflich. Wir reden kurz über die Vereinigungseuphorie. Auch er ist noch in der Partei.

Lesend in „Initial“ 1/90, Brie, Peche, Sozialismuskonzeption ergeben neue Anregungen, fast möchte man sagen, aus der Theorie hergeleitete Hoffnungen. Nach dem Motto: Was geistig nicht wirklich überwunden wurde, kann nicht sterben. Aber andererseits sind es dann immer wieder Fakten des Tages, die solche Hoffnungskeime niederschlagen.

Für die Konzeption „Zentralschulen“ habe ich noch nichts aufgeschrieben, mache mir Gedanken, muß aber morgen ‚was zu Papier bringen.

02. Februar 1990 - Arbeitssuche

Sonntag, Dezember 25th, 2011

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Bei Frau Lippacher (gestern) ergeben sich kaum Chancen. # Lippacher war ein kleiner Dienst von Kleinanzeigen, dessen Inhaberin aus Altergründen aufgeben wollte. # Schon viele wären zu ihr gekommen. Sie entscheide sich aber erst im Februar, und dann würde sie auch andere schon länger kennen. „Man kommt sich schon wie gestorben vor.“ Ich sage, daß wir das ja vielleicht gemeinsam führen könnten. 

Gespräch mit Klaus Frick, der bereit ist zu einer Lektion an der ZF und etwas Hoffnung hinsichtlich der Perspektive verbreitet.

In der Mittagspause bei Marion Grothe (Amt für Arbeit). Hinsichtlich Zeitungskiosk oder einer antiquarischen Buchhandlung macht sie mir durchaus Hoffnung.

Brückner schickte unangemeldet seine Kolln Hofmann vorbei, um den PC abzuholen, da wir ja aufgelöst würden (Er hat es von der Gruppe Haushalt, wo Döring in dieser Weise rumquatschte.) Döring ist absolut stalinistisch deformiert. Dem Machthaber ist er strikt ergeben. Solche Leute machen jede Idee kaputt.

Wie nebenseitig zu sehen ist, lade ich zur nächsten WBA-Sitzung ein.

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Abends Schuhkauf

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