Archive for the ‘Sinngebung’ Category

22. November 1989 - erster Besuch in Westberlin

Sonntag, November 22nd, 2009

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Heute war die Arbeit ausgesprochen schwer. Auch A. und R. sagen, daß sie schwer arbeiten. # Auch meine Kolleginnen A. und R. leisteten irgendwo “sozialistische Hilfe”. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo sie eingesetzt waren. #

Wegen der Schwere entschloß ich mich, nicht zum Kreisausschuß der Nationalen Front zu gehen. Vernünftige Gespräche mit den Kollegen auf Arbeit.

Hab’ übrigens gestern die Aktivitätsklasse “1.17 A5″ eingeführt, für (schwere) körperliche Arbeit. Desgleichen “1.14 Sq” - Ausdruck für sinnloses Warten. Sq - “Bedürfniskomplex” Sinnlosigkeit.

# Hier ausnahmsweise einmal ein Hinweis auf meine laufende statistische Erfassung von Zeit- und Geldaufwendungen für Aktivitäten und Bedürfnisse. Diese lief kontinuierlich neben dem Tagebuchschreiben einher. Wie früher bereits erwähnt, habe ich die Auswertung dieser Daten “auf Eis gelegt”. #

In der Kaufhalle hängt unsere WBA-Information nicht. Kiwitz # der Kaufhallenleiter # sagt, daß es bei seinen Kollegen dazu “einen Proteststurm” gegeben habe. Ich dränge. Sie wollen unsere Information zusammen mit einer Stellungnahme von ihnen aufhängen - bis zum Wochenende.

# Gestern in Westberlin:#  Einen Falt-Taschenplan von Berlin habe ich nicht bekommen – ausverkauft. Nähe Chausseestr.-Übergang falle ich unvermutet in einen Sex-Shop. Ja, das ist die kapitalistische Freiheit, die Befreiung des Einzelnen ohne Würde des Menschen. 

Wenn der Sozialismus die Freiheit des Einzelnen mit der menschlichen Würde verbinden könnte!

Mit mehr Freude sehe ich mir einige erotische Zeitschriften bzw. Herrenmagazine an. Jedoch, die Substanz dieser Freiheit bleibt ärmlich. Auf dem Rückweg in der Bernauer Str. an einem Haus:

Die Freiheit, die sie meinen, ist die der Deutschen Bank. DDR-ler lasst euch nicht kaufen.“

Tief beeindruckend - der Blick von einer Aussichtsplattform über die Mauer in den Osten. Das ist das entlarvendste Bild von uns, das wir ihnen seit Jahren geliefert haben. (Der stalinistische Sozialismus hat den Imperialismus stabilisiert.)

02. Oktober 1989 – ein Sohn-Vater-Briefwechsel in unruhiger Zeit

Samstag, Oktober 17th, 2009

Hallo Vater!

… Zwei Wochen Studium liegen nun schon hinter mir, und es läßt sich alles ganz gut an….Ich habe ja immerhin die Armee hinter mich gebracht. Man ist froh, wenn es vorbei ist, obwohl es mir wirklich nicht schlecht ging. Ich war in Seddin, Nähe Potsdam, und hauptsächlich waren wir bei der Deutschen Reichsbahn im Gleisbau, sind also im Prinzip arbeiten gegangen. Natürlich formt die Armee aber auch, und der Kontakt mit den meist um 3-5 Jahre älteren Kollegen hat mir doch eine Menge gegeben. Bestes Zeichen ist, daß trotz negativer Erfahrungen und Erlebnisse die Zeit doch recht schnell verging. Und nicht zuletzt hatte ich natürlich äußerst günstige Bedingungen für die Heimfahrt. Danach war ich noch 2 ½ Monate arbeiten. Über einen Freund habe ich bei den Theaterwerkstätten der Deutschen Staatsoper begonnen. Ich hatte zwar nur Kulissen zu schieben und sonstige Transportaufgaben zu erledigen, aber es war natürlich ganz interessant.

Und in der letzten Augustwoche bin ich noch nach Ungarn gefahren (und zurückgekommen). 4 Tage Budapest, 3 Tage Balaton, geschlafen auf dem Bahnhof. Budapest war für mich nach 3 Tagen schon so belastend, daß ich merkte, was man an unserem Berlin hat. Laut, voll Verkehr und Hektik und mit wenig Grün. Teuer ist Ungarn für uns ja nun sowieso, mich interessierten nur die Plattenläden. Balaton war dagegen paradiesisch, wenn auch das Wetter schlechter wurde. Vom ganzen Ausreiserrummel hat man dort am allerwenigsten mitbekommen, DDR-Bürger traf man sowieso auf Schritt und Tritt.

Ja und nun hat für mich also das (hoffentlich lustige) Studentenleben begonnen. Deutsch/Englisch-Lehrer in Rostock. 17 Mädchen, 3 Jungen, aber man kann damit leben. Nach zwei Wochen Vorbereitung und Wiederholung unterstützen wir jetzt unsere Landwirtschaft in Form von Kartoffelsortieren. Heute sind wir angekommen in einem Dorf bei Hagenow. Wenn aber die Arbeit so gut ist, wie das Quartier, ist uns nicht bange. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen. Ich mache mir aber keine großen Sorgen. Es ist ja noch der Anfang….”

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Lieber Cl.!

Über Deinen Brief, mit dem Du eine Menge erzählt hast, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den Eindruck bekommen, daß Du mit einem freundlichen Realismus an die Dinge herangehst, gleichmütig, ohne gleichgültig zu sein. Was es wohl heißen mag, daß Du Dich so sehr für Platten interessierst? Also nicht für Literatur, gar Lyrik?

Als ich von Deiner Gleisbauarbeit las, fiel mir ein Gedicht von Harald Gerlach ein: “Die Rotte”

Sperrgleis, für die Ramme frei – Leben

geht an uns vorbei: Züge halten, Züge

fahren. Wir sind, wo wir immer waren; ewig

steht für uns auf Halt das Signal. Wir bleiben

alt, eingeschlossenzwischen Schwellen. Schienen

singen. Pfiffe gellen, Warnlaut, gelb

die Flagge winkt. Hüfttief in den Schotter

sinkt, wer es wagt, sich loszureißen von den

ausgefahrnen Gleisen. Endstation. Mit unserm

Schweiß koffern wir das tote Gleis.”

Wüstungen” heißt der Gedichtband von Harald Gerlach, in dem ich etliche Gedichte gefunden habe, die mich berührt haben.

Ich habe von Jugend an bis heute immer Gedichte gelesen. Fast alle lesen in ihrer Jugend Gedichte (oder schreiben gar welche) und hören dann auf, wenn sie erwachsen werden.

In Ungarn war ich noch nie (von einem halben Tag Budapest vor Jahren auf der Durchreise abgesehen).

In Bulgarien war ich übrigens oft und könnte Euch verschiedene Privatadressen vermitteln, wenn Ihr daran interessiert wäret.

In den bulgarischen Boden habe ich sozusagen kleine Wurzeln gesenkt. Das hat sich über etwa 10 Jahre hingezogen. Dieses Reisen hat mich eigentümlich untauglich gemacht für Auslandsreisen. In den letzten Jahren bin ich nur in der eigenen DDR-Heimat herumgekommen (auch nicht mehr Bulgarien). Ich finde es sehr schön hier, wenn auch Vieles schmerzlich ist, aber es ist mein Eigentum. Auch dazu fällt mir ein Gedicht ein. Das schreibe ich Dir aber nicht ab. Es wäre zu lang. Außerdem: Was würdest Du von Deinem Vater denken? (Es ist “Mein Eigentum” von Hölderlin, ein Wegbegleiter.)

Reisen ins Ausland, nur um irgendwelche äußeren Schalen zu sehen, erscheint mir sinnlos. Und um die Schalen zu durchstoßen und ins Innere vorzudringen, fehlen Kraft und Zeit. Das soll aber nur realistisch, nicht resigniert klingen. In die UdSSR, das Land der Erneuerung des Sozialismus, zu fahren, habe ich mir fest vorgenommen.

Ich informiere mich intensiv über die Sowjetunion. Mein rusisch habe ich über Jahre vernachlässigt, so daß es mit Originalliteratur nichts ist. Aber die Moskauer “Neue Zeit” habe ich noch in letzter Minute, gleich nachdem die Perestroika begann, abonniert. Nun ist diese Zeitschrift wohl die wichtigste geistig-politische Quelle für mich geworden (zur Zeit).

Um das Studentenleben 17+3 beneide ich Dich ein wenig. Ich bin Zeit meines Lebens in Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen gegangen, wo die Männer eindeutig in der Überzahl waren. Nun seid iIhr also die Hähne im Korb? Ob Dein großer Bruder Cr. – er sagte mir, daß er in Rostock arbeitet – ein Auge auf Dich hat? Daß Du das Studentenleben nicht gar zu lustig nimmst? Ich hatte immer den Eindruck, daß er sich sehr für Dich verantortlich fühlt…”

30. August 1989 – Lehren aus den Weltkriegen?

Freitag, Oktober 16th, 2009

Im heutigen ND wieder ein großmächtiger Artikel zur „Diskussion“ vor dem XII. Parteitag (Ich möchte wissen, wer da diskutiert.) von Kurt Tiedtke, der wieder sämtliche Theoreme und Dogmen der Vergangenheit allen Widrigkeiten der Gegenwart zum Trotz verteidigt. Alle Fragen unserer Gegenwart werden auf den Klassenantagonismus reduziert, und in dieser Hinsicht hatten ja die Kommunisten schon immer absolut recht. In SuF 3/89 gestern las ich noch einen Artikel zu Ossietzky – „ungebundene Menschlichkeit“, der ganz vorsichtig zur Rolle des Humanismus versus kommunistischem Dogmatismus sich äußert – Vorsicht! Vorsicht!

Heute fühlbar: das Fehlen einer modernen, tiefgründigen Darstellung der Ursachen des II. Weltkriegs. Ich glaube diese Frage kann nicht beantwortet werden, ohne vorurteilslose Sicht auf die Politik der UdSSR und der Kommunisten überhaupt. (Ich spreche nicht von einer Mitschuld.) Diese vorurteilslose Sicht wiederum (nicht zu verwechseln mit leichtfertigen Schuldzuweisungen an die Kommunisten), erfordert ebenfalls eine tiefggründige Sicht auf die Ursachen des I. Weltkrieges.

Es steht in allem Ernst die Frage der Selbstausrottung der Menschheit.

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Die Erfahrungen des I. und II. Weltkrieges und die bisher dazu in der Vergangenheit gezogenen Schlußfolgerungen legen nahe, daß diese Gefahr Wirklichkeit wird. Welches neue Denken erforderlich ist, ist nach Gorbatschow in Ansätzen klar (in ersten Ansätzen). Ob das neue Denken Chancen hat zum herrschenden Denken werden zu können; wie es aussehen muß, um zum herrschenden Denken werden zu können (wie es sich mit Inhalt erfüllen und modifizieren muß) und vor allem – was kann ich selber tun, um nach meinen eigenen Kräften größtmöglich beizutragen? – all das sind offene Fragen. Und besonders quälend ist die fehlende Antwort auf die letzte Frage: Was tun? Für neuen Diskussionsstoff unter den Leuten ist gesorgt.

# Offensichtlich als Diskussionsstoff bis heute nicht erschöpft. #

Wortwechsel mit D. # Kaderchef des Ministeriums # Entzündet hatte er sich am Ausreiserproblem. Weiter zur notwendigen Konsequenz bei der Durchsetzung des Leistungsprinzips. Ich sage, daß dies nur mit politischen Konsequenzen zu realisieren sei. Er fragt nach Beispielen für notwendige politische Konsequenzen. Ich sage (nicht mit exakt diesen Worten): Die Manipulierung der Wahl. Er will mir das Gegenteil beweisen, kann es nicht, sagt: “Wenn Du das drüben bei Dir (im Lehrgang) sagst, bist Du fällig!“. Das ist das Diktat der Gedanken!

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25. August 1989 – Wir Komunisten und die Macht

Freitag, Oktober 16th, 2009

Tatsachen, wie die Regierungsbildung in Polen oder die Zusammenarbeit der ungarischen und der BRD-Behörden bei der Räumung der BRD-Botschaft in Ungarn von DDR- Bürgern – die spielen in meinem Protokoll kaum eine Rolle.

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Noch vor 1, 2 Jahren hätten solche Meldungen Heiligtümer verletzt. Heute begreife ich, daß die Kommunisten eben von ihrer führenden Rolle verdrängt werden, wenn sie es nicht fertigbringen, wirklich zu führen.

Wenn sie Führung mittels Gewalt und Druck behaupten müssen (nicht gegen irgendeinen Klassenfeind, sondern gegen ihr eigenes Volk), wird das Volk Wege finden, sich ihrer zu entledigen und bemüht sein, bessere Vertreter an ihre Stelle zu setzen. Das beweisen – und dafür sind sie hochwichtige Tatsachen – besonders die Bergarbeiterstreiks im Juli in der SU.

Die Revolution geht weiter“ – ein zutiefst wahres aber offensichtlich viel größeres Wort als noch vor zwei Jahren zu ahnen war. Es sind wahrhaft titanische Anstrengungen notwendig, um den administrativen Kommandoapparat durch ein flexibles, dialektisches, demokratisches Macht- und Leitungssystem zu ersetzen. Anstrengungen dieser Art kann nur die Arbeiterklasse aufbringen. Den alten Stil mit dem Kommunisten weiter an Einfluß verlieren, weil sie nicht zur Wahrheit vordringen, sondern sich auf Zweckpropaganda beschränken, beweist die SED z. B. mit nebenstehendem Kommentar.

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Man muß (wir müssen) den Weg zum „Neuen Denken“ finden und beschreiten, gerade auch unter der Bedingung, daß der imperialistische Hauptgegner unser Bemühen nicht honoriert, sondern zäh am alten Denken festhält. Er will kein neues Denken und muß durch die Macht der Verhältnisse und Tatsachen dazu gezwungen werden! (Das beweist eindeutig die USA-Politik gegenüber Afghanistan, Angola, Panama, SDI und andere qualitative Rüstung usw.)

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Mich kritisch betrachtend vermute ich, daß meine (spezifische) Schädigung durch dieses System darin besteht, Ansprüche reduziert zu haben. Und zwar in solchem Maße, daß ich, würde mir plötzlich die Möglichkeit zur Befriedigung dieser Ansprüche geschenkt, kaum Lust hätte, diese zu befriedigen (die damit verbundenen Mühen auf mich zu nehmen). Das Sichbescheiden, die Orientierung nach Innen (auf Null), ist mir zur Natur geworden.

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Übrigens nochmal nachgelesen Materialien KPdSU vom 18.7. – Äußerungen Ligatschow. Im Grunde formuliert er ein Junktim zwischen allgemeiner Abrüstung und Perestroika. Das ist gefährlich. Das könnte auf eine „Begründung“ für die Unmöglichkeit der Perestroika hinauslaufen.

Die Mauer“ - die Mauer hat zwei Seiten: Sie sperrt die Anderen aus und uns ein.

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21. August 1989 – Sommerurlaub, der letzte in der DDR

Donnerstag, Oktober 15th, 2009


Der Urlaub ist zu Ende. Heute ab 9 Uhr bin ich wieder auf Arbeit.

Nachhängen der Gedanken an Carwitz, wo es wirklich über alle Maßen schön war.

Nun endlich Brief an F. schreiben:

… Carwitz – Hinter dem Haus und Garten beginnt, zum See hin geneigt, eine Wiese, und dort, vielleicht 80 m hin, ist unter hohen Bäumen ein stabiler breiter Anlegesteg (privat), auf dem wir sitzen, palavern, ruhen und schlafen und von dem aus man in den Schmalen Luzin springen oder das Paddelboot hineinsetzen kann.

Der Luzin, 30m tief, ist im Grunde trinkwassersauber. Wir waren täglich, beginnend frühmorgens 7 Uhr nach dem Aufwachen, 5-, 6-mal baden. Öfter auch wieder nicht, da wir sowohl zu Fuß als auch mit dem Paddelboot lange Touren gemacht haben….

Auch Hin- und Rückfahrt haben uns gefallen über die schönen und schön gelegenen Städtchen Templin und Lychen. Beide haben wir zum ersten Mal gesehen, Templin dabei mit noch vollständig erhaltener Stadtmauer.

Über die Versorgungssituation und das Gaststättenwesen speziell, sollte man kein Wort verlieren. Es reicht wohl, wenn ich sage, daß es uns in diesen ganzen 14 Tagen Urlaub nur einmal (!) gelungen ist, ein Mittagessen in einer Gaststätte zu ergattern (ohne Anstehen). Im Urlauberzentrum Feldberg ist Anstehen vor allen Läden normal – nicht nur Bäcker, Fleischer, auch Textilwaren, Haushaltwaren; Fischladen sowieso…“

War in der HdM-Buchhandlung, dann HdSWK, französisches Kulturzentrum; bin erschöpft.

Ob man nicht einfach zu viel Informationen aufnimmt, nach unnötigen Informationen jagt?

Am Anlegesteg in Carwitz, unter den Zitterpappeln von Schmachte, braucht man nichts mehr.

10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

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Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

26. Mai 1989 – Ehrlichkeit und Wahlen

Montag, Juni 15th, 2009

Kerstin Kluge fragte mich nach der Realität unserer Wahlergebnisse. Sie erzählt von einem Gespräch mit Carsten Rosenwald, der die Sinnlosigkeit seiner Aktivität bei solchen Wahlen ausdrückte. Ich sagte ihr unverblümt meine Meinung zu dem Wahlfälschungsvorwurf.

# Kerstin und Carsten waren junge WBA-Mitglieder, bereit sich zu engagieren und etwas zu verändern. Ihre jetzt geäußerten Fragen und Zweifel sind ein Signal dafür, wie rasant jetzt die DDR-Staatsführung jedes Vertrauen verspielte. #

Ich mache eine Überschlagsrechnung. Mir sind bekannt, aus dem

WBA 9 etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen ?

WBA 10 etwa 30 Nichtwähler, Gegenstimmen 9

WBA 11 etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 51

WBA 12 104 Nichtwähler, Gegenstimmen 20

WBA 13a etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 18

WBA 13b etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 16

WBA 14a etwa 90 Nichtwähler, Gegenstimmen 26

Summen 624 Nichtwähler, Gegenstimmen 138

(Das ist eine Minimalrechnung)

# Die Abweichung des WBA 10 erklärt sich daraus, daß dieser Wohnbezirk Häuser umfaßte, die unmnittelbar an den Mauerstreifens anschlossen, weshalb dort fast ausschließlich SED-Parteimitglieder angesiedelt waren. #

Berlin-Mitte hat insgesamt 1700 Nichtwähler und 991 Gegenstimmen. D.h. unsere ca. 10% der Wahlberechtigten bringen mehr als 1/3 der Nichtwähler und 1/6 der Gegenstimmen. Auf die restlichen 55 T Wahlberechtigten des Stadtbezirks darf es nur 1100 Nichtwähler gegeben haben, d.h. eine Wahlbeteiligung von durchschnittlich 98%.

Aber lassen wir diese Überschlagsrechnungen, die doch nur bestätigen, was wir schon schätzen.

# Heute mag es unverständlich sein, daß schon solche “unschuldigen” Nachrechnungen unerwünscht, wenn nicht verboten waren. Jeder WBA-Vorsitzende war verpflichtet, seine Wahlergebnisse vertraulich zu behandeln. Die Ergebnisse untereinander wurde nur “unter der Hand” ausgetauscht. Offiziell wußte man nicht, wie die anderen gewählt hatten und konnte somit auch nicht systematisch nachrechnen. Und nachdem das Wahlergebnis offiziell verkündet worden war, galt jede andere Meinung als “ein Angriff auf Partei und Regierung”. Ja, wir hatten es weit gebracht bei der Perversion demokratischer Prozeduren.#

Bei der WBA-Anleitung nächste Woche werde ich zu den Wahlen sprechen.

# Die Anleitung aller WBA-Vorsitzen erfolgte in der Regel durch das übergeordnete Organ, den “Kreisausschuß der Nationalen Front” oder bei besonderer Wichtigkeit durch den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung. #

Ich werde nicht einfach Wahlfälschung vorwerfen. Ich verlange:

- eine gründliche detaillierte Darstellung und politische Einschätzung des Wahlergebnisses

- welche besonderen Maßnahmen müssen gezielt ergriffen werden? (Die Nichtwähler und Kabinenbenutzer sind oft junge Wähler/Mißerfolge unserer Jungwählerforen)

- die Ergebnisse der einzelnen Wahlkreise

- die Zahl und das Ergebnis der Vorwähler (Wähler in den Sonderwahllokalen)

- der Trend: Anstieg der Nichtwähler gegenüber der Wahl von 1986 bei mir 300%, Gegenstimmen verzehnfacht.

- Erforschung der Motive der Nichtwähler und Gegenstimmen (Nicht alles Feinde)

- Ehrlichkeit, um gewonnene Aktivität weiterzuentwickeln

- Wie widerlegen wir den Vorwurf der Wahlfälschung?

Es ist all das sinnlos fürchte ich oft, aber ich muß es tun. Nicht bis in alle Zukunft und bis in alle Sphären Selbstkrummschließer sein! Der politische Kampf hier ist schwer und nicht schön.

# Vorgriff: Die erwähnte WBA-Anleitung fand am 31.5. statt. Ich notierte im Tagebuch nur den Satz: “Diskussionsbeitrag zur Wahl abends bei der Anleitung der WBA-ler.” In der Diskussion sagte ich, was ich mir vorgenommen hatte. Der Kreissekretär zeigte sich in seinem Schlußwort irgendwie merkwürdig aber wenig berührt. Er orientierte bereits auf künftige Aufgaben und behandelte mich nur am Rande und wie einen Sonderling.

Eine traurige (aber nicht gänzlich unerwartete Erfahrung) war für mich das Verhalten der anderen WBA-Vorsitzenden. (Insgesamt waren wir etwa 40 Leute.) KEINER untertsütze meine Linie, auch nicht in abgeschwächter Form. Sie hatte alle die Zahlen ihrer eigenen WBA zur Verfügung. Hätten nur zwei, drei WBA ihre Zahlen hinzugefügt, wäre nachgewiesen worden, daß die offiziellen Zahlen des Kreises nicht stimmen konnten. Insgeheim hatte ich gehofft, daß solche “Ergänzung” kommen würde.

Dieses Erlebnis fällt mir immer wieder ein, wenn ich an Volker Brauns Geschichte “Das Wirklichgewollte” denke. Er hat es schlagend ausgedrückt: Wir haben es nicht wirklich gewollt!

Und eine letzte Bemerkung aus heutiger Sicht, 20 Jahre danach.

Nachdem nun die Leidenschaften für oder gegen Wahlfälschung längst erloschen sind, schätze ich, daß das Wahlergebnis in Wirklichkeit etwa so aussah: Wahlbeteiligung 85%, Gegenstimmen 5%. Jemand, der sich nicht an der Wahl beteiligte, hatte kaum mit nennenswerten Repressalien zu rechnen. 10 Monate später war die DDR Geschichte, die SED existierte nicht mehr und die PDS hatte bei Wahlen weniger als 20% erreicht.

Was lehrt uns das?#

08. Mai 1989 - Kommunalwahl

Freitag, Juni 12th, 2009

Klaus W. sagte gestern,

# Er war, wie schonmal erwähnt, der Parteisekretär unserer WPO (Wohnparteiorganisation). Die Partei SED war wesentlich in den Betrieben organisiert. Für Rentner, Hausfrauen und Andere  gab es aber auch die Organisation in territorialer Gliederung. #

daß per 31.12.1988 im WB12 nach polizeilichen Unterlagen 1062 Bürger, davon 888 im wahlberechtigten Alter, wohnten.

Mein WBA erhielt Wahlbenachrichtigungskarten Anfang April für 823 Bürger. Unsere Wählerliste am Wahltag gestern enthielt 842 Bürger, von denen 14 gestrichen waren = 828 (zur Wahl 1986 waren es 847). 6 Bürger standen nicht auf der Wählerliste und wählten auf Wahlschein (1986: 26). Die Gesamtzahl unserer Wahlberechtigten betrug also 834 Wähler (bzw. war so ausgewiesen). Davon waren 340 = 40,8% als Vorwähler (Sonderwahllokal) in der Wählerliste ausgewiesen. Bleiben am Wahltag Wahlberechtigte: 494.

Aus der Wahlurne wurden 390 Stimmzettel gezählt. Wahlbeteiligung am Wahltag also 78,9%, insgesamt # unter Hinzuzählung der uns gemeldeten Wähler aus dem Sonderwahllokal # also 87,5%. Es gab demnach 104 Nichtwähler, 1986 waren es 39.

Es gab 20 Gegenstimmen am Wahltag, das sind 4,05% am Wahltag (1986: 2 Gegenstimmen). Gegenstimmen aus dem Sonderwahllokal sind nicht bekannt. Die 20 Gegenstimmen auf alle 834 Wahlberechtigte bezogen, ergibt 2,39%.

Ungültige Stimmen gab es nicht. Auf 5 Wahlzetteln waren mehr oder weniger viele Kandidaten gestrichen. Diese Zettel wurden als Gesamt -Ja- Stimmen gewertet.  Gegenstimmen (und ebenso Nichtwähler) fast nur jüngere und mittlere Jahrgänge.

In den anderen WB lag die Wahlbeteiligung (nach nicht absolut präzisen Angaben von Klaus W.)

beim WBA 10 bei etwa 86%

beim WBA 11 bei etwa 77%

beim WBA 13 bei etwa 72%

beim WBA 9 bei etwa 72%.

Nach Schätzung meines Wahlvorstands sind ca. 40 Leute in die Kabine gegangen. Aus der Wahlliste gstrichen waren einige bekannte oder angekündigte Nichtwähler.

# also Bürger, die bei früheren Wahlen nicht gewählt hatten oder die in den Wahlwerbegesprächen vor der Wahl offen angekündigt hatten, daß sie nicht wählen würden.#

Andere angekündigte Nichtwähler waren nicht gestrichen.  Danach zu urteilen, daß wir von der Zentrale am Wahltag völlig unbeachtet blieben, lagen die negativen Schwerpunkte woanders. 

# das meint:nicht zu irgendwelchen Feuerwehraktionen verdonnert wurden, etwa um die Wahlbeteiligung zu erhöhen #

Hans S. # Er war der Saatliche Beauftragte unseres Wahlkreises 3 # hatte die folgenden Daten:

Der gesamte Wahlkreis hatte Anfang April 4937 Wahlbenachrichtigungskarten bekommen. In der Folgezeit der Wahlwerbung verweigerten 80 Bürger die Annahme der Karten. 438 Karten gingen wegen Unkorrektheiten an den Stadtbezirk zurück. 80 Karten kamen nach Korrektur vom Rat an den Wahlkreis zurück. Es gab also ziemlich genau 4,5 T Wahlberechtigte.

1000 bis 1200 sollen im Sonderwahllokal gewählt haben.  Insgesamt sollen im Stadtbezirk Mitte 14 T Stimmen im Sonderwahllokal abgegeben worden sein. # bei insgesamt 60654 Wahlberechtigten # Wenn das stimmt, können bedeutende Manipulierungen bereits der Wählerliste vermutet werden.

# Ich meine hier: Auf Ebene des Stadtbezirks sollen 23% im Sonderwahllokal gewählt haben. Auf Ebene des Wahlkreises 24%, auf Ebene meines WB aber 41%. Der große Anteil von Wählern im Sonderwahllokal erschien mir nicht plausibel, und ich war auch mißtrauisch, weil ich keinerlei Informationen über das Wahlverhalten im Sonderwahllokal bekommen konnte. Fazit all meiner analysierenden Bemühungen zum Wahlergebnis war,

- daß alle mir zugänglichen Daten bezüglich Wahlbeteiligung und Gegenstimmen deutlich negativer waren als die veröffentlichten Durchschnittszahlen.

- daß es keinen Grund gab, uns als große negative Abweichung zu betrachten und

- daß meine empirische Daten zwar die Unwahrscheinlichkeit der veröffentlichten offiziellen Gesamtzahlen bewiesen, aber daß meine empirische Basis zu schmal war, um mathematisch die Unmöglichkeit der Gesamtzahlen zu beweisen. #

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25. Januar 1989 - fehlende Öffentlichkeit

Montag, Februar 16th, 2009

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War gestern Abend im Konzert. Es war schön. Bei Bachs Triosonate hatte ich das Gefühl, daß ich alles mit weiser, verzeihender Gelassenheit nehmen sollte. Dann aber, des Abends, C. gegenüber, hatte ich nur Fremdheit in mir. Es wäre alles nicht so schlimm, wenn da nicht immer wieder der alte Verdacht wäre…

Anleitung beim Parteisekretär - stramme Führung durch unsere Partei - es ist deprimierend, durchgreifende Disziplinierungsübungen, Wirbel um das Kampfprogramm der GO. # Grundorganisation der SED #

Lehrgang startet in die Kollektivarbeit. Jetzt in der Vorbereitungsphase war viel Leerlauf. Sorgen um die Quartiere.

# Aus einem Brief an die Großmutter von F. nach Wasungen. #

 “… Die Tage hier - vermutlich anders bei Euch - vergehen eilig. Anscheinend geht das ganze Leben rasant vorbei. Die Tage sind nicht leer, nein angefüllt mit Getöse, sogar übervoll, es schwappt ständig über. Trotzdem, es gibt nicht nur Getöse. Oft schaffen wir uns Augenblicke, kleine Gewichte wirklichen Lebens. (Das erfordert viel Mühe, viel Widerstand.) Quälend ist aber sehr, daß die kleinen Momente wirklichen Lebens, die man als Einzelner oder paarweise schafft, in dieser unserer Gesellschaft so gar keine echte Resonanz finden. (Dabei suchen so viele Einzelne Resonanz. Aber alle sind sie eingemauert und in Watte gepackt. Da entsteht keine öffentliche Resonanz.) Gruß”