Archive for the ‘Sinngebung’ Category

10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

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Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

26. Mai 1989 – Ehrlichkeit und Wahlen

Montag, Juni 15th, 2009

Kerstin Kluge fragte mich nach der Realität unserer Wahlergebnisse. Sie erzählt von einem Gespräch mit Carsten Rosenwald, der die Sinnlosigkeit seiner Aktivität bei solchen Wahlen ausdrückte. Ich sagte ihr unverblümt meine Meinung zu dem Wahlfälschungsvorwurf.

# Kerstin und Carsten waren junge WBA-Mitglieder, bereit sich zu engagieren und etwas zu verändern. Ihre jetzt geäußerten Fragen und Zweifel sind ein Signal dafür, wie rasant jetzt die DDR-Staatsführung jedes Vertrauen verspielte. #

Ich mache eine Überschlagsrechnung. Mir sind bekannt, aus dem

WBA 9 etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen ?

WBA 10 etwa 30 Nichtwähler, Gegenstimmen 9

WBA 11 etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 51

WBA 12 104 Nichtwähler, Gegenstimmen 20

WBA 13a etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 18

WBA 13b etwa 100 Nichtwähler, Gegenstimmen 16

WBA 14a etwa 90 Nichtwähler, Gegenstimmen 26

Summen 624 Nichtwähler, Gegenstimmen 138

(Das ist eine Minimalrechnung)

# Die Abweichung des WBA 10 erklärt sich daraus, daß dieser Wohnbezirk Häuser umfaßte, die unmnittelbar an den Mauerstreifens anschlossen, weshalb dort fast ausschließlich SED-Parteimitglieder angesiedelt waren. #

Berlin-Mitte hat insgesamt 1700 Nichtwähler und 991 Gegenstimmen. D.h. unsere ca. 10% der Wahlberechtigten bringen mehr als 1/3 der Nichtwähler und 1/6 der Gegenstimmen. Auf die restlichen 55 T Wahlberechtigten des Stadtbezirks darf es nur 1100 Nichtwähler gegeben haben, d.h. eine Wahlbeteiligung von durchschnittlich 98%.

Aber lassen wir diese Überschlagsrechnungen, die doch nur bestätigen, was wir schon schätzen.

# Heute mag es unverständlich sein, daß schon solche “unschuldigen” Nachrechnungen unerwünscht, wenn nicht verboten waren. Jeder WBA-Vorsitzende war verpflichtet, seine Wahlergebnisse vertraulich zu behandeln. Die Ergebnisse untereinander wurde nur “unter der Hand” ausgetauscht. Offiziell wußte man nicht, wie die anderen gewählt hatten und konnte somit auch nicht systematisch nachrechnen. Und nachdem das Wahlergebnis offiziell verkündet worden war, galt jede andere Meinung als “ein Angriff auf Partei und Regierung”. Ja, wir hatten es weit gebracht bei der Perversion demokratischer Prozeduren.#

Bei der WBA-Anleitung nächste Woche werde ich zu den Wahlen sprechen.

# Die Anleitung aller WBA-Vorsitzen erfolgte in der Regel durch das übergeordnete Organ, den “Kreisausschuß der Nationalen Front” oder bei besonderer Wichtigkeit durch den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung. #

Ich werde nicht einfach Wahlfälschung vorwerfen. Ich verlange:

- eine gründliche detaillierte Darstellung und politische Einschätzung des Wahlergebnisses

- welche besonderen Maßnahmen müssen gezielt ergriffen werden? (Die Nichtwähler und Kabinenbenutzer sind oft junge Wähler/Mißerfolge unserer Jungwählerforen)

- die Ergebnisse der einzelnen Wahlkreise

- die Zahl und das Ergebnis der Vorwähler (Wähler in den Sonderwahllokalen)

- der Trend: Anstieg der Nichtwähler gegenüber der Wahl von 1986 bei mir 300%, Gegenstimmen verzehnfacht.

- Erforschung der Motive der Nichtwähler und Gegenstimmen (Nicht alles Feinde)

- Ehrlichkeit, um gewonnene Aktivität weiterzuentwickeln

- Wie widerlegen wir den Vorwurf der Wahlfälschung?

Es ist all das sinnlos fürchte ich oft, aber ich muß es tun. Nicht bis in alle Zukunft und bis in alle Sphären Selbstkrummschließer sein! Der politische Kampf hier ist schwer und nicht schön.

# Vorgriff: Die erwähnte WBA-Anleitung fand am 31.5. statt. Ich notierte im Tagebuch nur den Satz: “Diskussionsbeitrag zur Wahl abends bei der Anleitung der WBA-ler.” In der Diskussion sagte ich, was ich mir vorgenommen hatte. Der Kreissekretär zeigte sich in seinem Schlußwort irgendwie merkwürdig aber wenig berührt. Er orientierte bereits auf künftige Aufgaben und behandelte mich nur am Rande und wie einen Sonderling.

Eine traurige (aber nicht gänzlich unerwartete Erfahrung) war für mich das Verhalten der anderen WBA-Vorsitzenden. (Insgesamt waren wir etwa 40 Leute.) KEINER untertsütze meine Linie, auch nicht in abgeschwächter Form. Sie hatte alle die Zahlen ihrer eigenen WBA zur Verfügung. Hätten nur zwei, drei WBA ihre Zahlen hinzugefügt, wäre nachgewiesen worden, daß die offiziellen Zahlen des Kreises nicht stimmen konnten. Insgeheim hatte ich gehofft, daß solche “Ergänzung” kommen würde.

Dieses Erlebnis fällt mir immer wieder ein, wenn ich an Volker Brauns Geschichte “Das Wirklichgewollte” denke. Er hat es schlagend ausgedrückt: Wir haben es nicht wirklich gewollt!

Und eine letzte Bemerkung aus heutiger Sicht, 20 Jahre danach.

Nachdem nun die Leidenschaften für oder gegen Wahlfälschung längst erloschen sind, schätze ich, daß das Wahlergebnis in Wirklichkeit etwa so aussah: Wahlbeteiligung 85%, Gegenstimmen 5%. Jemand, der sich nicht an der Wahl beteiligte, hatte kaum mit nennenswerten Repressalien zu rechnen. 10 Monate später war die DDR Geschichte, die SED existierte nicht mehr und die PDS hatte bei Wahlen weniger als 20% erreicht.

Was lehrt uns das?#

08. Mai 1989 - Kommunalwahl

Freitag, Juni 12th, 2009

Klaus W. sagte gestern,

# Er war, wie schonmal erwähnt, der Parteisekretär unserer WPO (Wohnparteiorganisation). Die Partei SED war wesentlich in den Betrieben organisiert. Für Rentner, Hausfrauen und Andere  gab es aber auch die Organisation in territorialer Gliederung. #

daß per 31.12.1988 im WB12 nach polizeilichen Unterlagen 1062 Bürger, davon 888 im wahlberechtigten Alter, wohnten.

Mein WBA erhielt Wahlbenachrichtigungskarten Anfang April für 823 Bürger. Unsere Wählerliste am Wahltag gestern enthielt 842 Bürger, von denen 14 gestrichen waren = 828 (zur Wahl 1986 waren es 847). 6 Bürger standen nicht auf der Wählerliste und wählten auf Wahlschein (1986: 26). Die Gesamtzahl unserer Wahlberechtigten betrug also 834 Wähler (bzw. war so ausgewiesen). Davon waren 340 = 40,8% als Vorwähler (Sonderwahllokal) in der Wählerliste ausgewiesen. Bleiben am Wahltag Wahlberechtigte: 494.

Aus der Wahlurne wurden 390 Stimmzettel gezählt. Wahlbeteiligung am Wahltag also 78,9%, insgesamt # unter Hinzuzählung der uns gemeldeten Wähler aus dem Sonderwahllokal # also 87,5%. Es gab demnach 104 Nichtwähler, 1986 waren es 39.

Es gab 20 Gegenstimmen am Wahltag, das sind 4,05% am Wahltag (1986: 2 Gegenstimmen). Gegenstimmen aus dem Sonderwahllokal sind nicht bekannt. Die 20 Gegenstimmen auf alle 834 Wahlberechtigte bezogen, ergibt 2,39%.

Ungültige Stimmen gab es nicht. Auf 5 Wahlzetteln waren mehr oder weniger viele Kandidaten gestrichen. Diese Zettel wurden als Gesamt -Ja- Stimmen gewertet.  Gegenstimmen (und ebenso Nichtwähler) fast nur jüngere und mittlere Jahrgänge.

In den anderen WB lag die Wahlbeteiligung (nach nicht absolut präzisen Angaben von Klaus W.)

beim WBA 10 bei etwa 86%

beim WBA 11 bei etwa 77%

beim WBA 13 bei etwa 72%

beim WBA 9 bei etwa 72%.

Nach Schätzung meines Wahlvorstands sind ca. 40 Leute in die Kabine gegangen. Aus der Wahlliste gstrichen waren einige bekannte oder angekündigte Nichtwähler.

# also Bürger, die bei früheren Wahlen nicht gewählt hatten oder die in den Wahlwerbegesprächen vor der Wahl offen angekündigt hatten, daß sie nicht wählen würden.#

Andere angekündigte Nichtwähler waren nicht gestrichen.  Danach zu urteilen, daß wir von der Zentrale am Wahltag völlig unbeachtet blieben, lagen die negativen Schwerpunkte woanders. 

# das meint:nicht zu irgendwelchen Feuerwehraktionen verdonnert wurden, etwa um die Wahlbeteiligung zu erhöhen #

Hans S. # Er war der Saatliche Beauftragte unseres Wahlkreises 3 # hatte die folgenden Daten:

Der gesamte Wahlkreis hatte Anfang April 4937 Wahlbenachrichtigungskarten bekommen. In der Folgezeit der Wahlwerbung verweigerten 80 Bürger die Annahme der Karten. 438 Karten gingen wegen Unkorrektheiten an den Stadtbezirk zurück. 80 Karten kamen nach Korrektur vom Rat an den Wahlkreis zurück. Es gab also ziemlich genau 4,5 T Wahlberechtigte.

1000 bis 1200 sollen im Sonderwahllokal gewählt haben.  Insgesamt sollen im Stadtbezirk Mitte 14 T Stimmen im Sonderwahllokal abgegeben worden sein. # bei insgesamt 60654 Wahlberechtigten # Wenn das stimmt, können bedeutende Manipulierungen bereits der Wählerliste vermutet werden.

# Ich meine hier: Auf Ebene des Stadtbezirks sollen 23% im Sonderwahllokal gewählt haben. Auf Ebene des Wahlkreises 24%, auf Ebene meines WB aber 41%. Der große Anteil von Wählern im Sonderwahllokal erschien mir nicht plausibel, und ich war auch mißtrauisch, weil ich keinerlei Informationen über das Wahlverhalten im Sonderwahllokal bekommen konnte. Fazit all meiner analysierenden Bemühungen zum Wahlergebnis war,

- daß alle mir zugänglichen Daten bezüglich Wahlbeteiligung und Gegenstimmen deutlich negativer waren als die veröffentlichten Durchschnittszahlen.

- daß es keinen Grund gab, uns als große negative Abweichung zu betrachten und

- daß meine empirische Daten zwar die Unwahrscheinlichkeit der veröffentlichten offiziellen Gesamtzahlen bewiesen, aber daß meine empirische Basis zu schmal war, um mathematisch die Unmöglichkeit der Gesamtzahlen zu beweisen. #

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25. Januar 1989 - fehlende Öffentlichkeit

Montag, Februar 16th, 2009

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War gestern Abend im Konzert. Es war schön. Bei Bachs Triosonate hatte ich das Gefühl, daß ich alles mit weiser, verzeihender Gelassenheit nehmen sollte. Dann aber, des Abends, C. gegenüber, hatte ich nur Fremdheit in mir. Es wäre alles nicht so schlimm, wenn da nicht immer wieder der alte Verdacht wäre…

Anleitung beim Parteisekretär - stramme Führung durch unsere Partei - es ist deprimierend, durchgreifende Disziplinierungsübungen, Wirbel um das Kampfprogramm der GO. # Grundorganisation der SED #

Lehrgang startet in die Kollektivarbeit. Jetzt in der Vorbereitungsphase war viel Leerlauf. Sorgen um die Quartiere.

# Aus einem Brief an die Großmutter von F. nach Wasungen. #

 “… Die Tage hier - vermutlich anders bei Euch - vergehen eilig. Anscheinend geht das ganze Leben rasant vorbei. Die Tage sind nicht leer, nein angefüllt mit Getöse, sogar übervoll, es schwappt ständig über. Trotzdem, es gibt nicht nur Getöse. Oft schaffen wir uns Augenblicke, kleine Gewichte wirklichen Lebens. (Das erfordert viel Mühe, viel Widerstand.) Quälend ist aber sehr, daß die kleinen Momente wirklichen Lebens, die man als Einzelner oder paarweise schafft, in dieser unserer Gesellschaft so gar keine echte Resonanz finden. (Dabei suchen so viele Einzelne Resonanz. Aber alle sind sie eingemauert und in Watte gepackt. Da entsteht keine öffentliche Resonanz.) Gruß”

28. Oktober 1982 – zwei Arten Orgasmus

Sonntag, Januar 4th, 2009

Hörspiel Günter Rücker “Einer Reise zusehen”

Lesen: “Temperamente” 2/82 Report “Kutscher und Solotänzer” (Hanusch), “Deutsche Zeitschrift für Philosophie” 9/82, Geerdts über Goethe 74-96)

Nach dem Hörspiel von Rücker: Kunst darf es, schafft es, uns innerst anzuregen, spricht uns aus dem Herzen. Darf, kann Wissenschaft das heute nicht mehr, speziell die Philosophie?

Es gibt Zeiten, wo Gedanken für dies Tagebuch geradezu sprudeln, Gedankenknäuel würgen sich hervor. Es wäre gut, dazu Näheres mitzuteilen. Doch dazu nachher. Jetzt erstmal das Knäuel zu Tage gebracht:

Das Sinken meines sexuellen Begehrens Heidruns geht einher mit einem (noch schwachen) Aufflackern meines Aktinteresses. […]

Davon ausgehend wurde ich zum Nachdenken, eigentlich nur Staunen, über mich angeregt: Mit welcher Gier betrachte ich meist Aktfotos. […] Wobei die Gier das eindeutige Ziel hat, das weibliche Geschlechtsteil in den vielfältigsten Darbietungen oder Verstecknissen zu erspähen. Was hab’ ich nur davon? Da hast du eine Viertelstunde lang, meinetwegen auch eine halbe Stunde, dies Teil nach Herzenslust ausgekaut (wobei Geschäftigkeit waltet, Bemühtheit aber nicht Erschütterung). Und nun?

Der Stier stößt nach dem roten Tuch, in Wirklichkeit aber in die Luft.

Mephisto lässt die Studenten in Auerbachs Keller begehrlich zugreifen, der Zauber entgleitet, Nasen und Ohren haben sie gepackt.

Diese Entzauberung (meine, nicht die der Studenten) wird durch die Triebbefriedigung vermittelt. Also: Ich bin vor dem Geschlechtsverkehr ein anderer Mensch als nachher. Mein ganzes Empfinden ist geändert (aus physiologische Ursachen). Mein ganzes?

Es gibt auch einen anderen Erlebnisablauf. […]

Der sexuelle Ablauf entsprach dem oben erwähnten (und war durchaus momentan relativ verselbständigt), jedoch war er eingebettet in einen “Orgasmus des Menschlichen, Psychischen, Sozialen”. Ich war von Gier auf diesen Menschen, diese Persönlichkeit erfüllt und schleuderte mich selbst als ganze Persönlichkeit in sie hinein. Mir entriss sich Samenflüssigkeit, und dies gab die bekannten elementaren Emotionen ; doch dieser Vorgang verschmolz mit einem anderen. Er war nur das Pferd, der andere der (spornende) Reiter. Es war zugleich mein menschlich Innerstes, Keimhaftes, Zartestes, Zukünftigstes, das sich mir entriss, also verschenkt wurde (und gleicherweise von mir empfangen wurde).

Dieses Erlebnis war Seligkeit […], und dies Erlebnis zerstörte keinen Zauber, sondern machte ihn eigentlich ganz wirklich. (All das ist etwas Besonderes, nicht beliebig reproduzierbar, obwohl es sicher viele Menschen irgendwann mal erleben. Hoffentlich machen sie es sich bewußt.) Das menschliche Erlebnis ist nur maximal als zugleich physischer Vorgang. Die Physis drängt, soweit geschlechtlich, rhythmisch auf Betätigung, gleichgültig ob all die anderen Bedingungen für solch Gipfelerlebnis erfüllt sind oder nicht. Sind sie es nicht, so gaukeln die Reflexe Erinnerungen als Erwartungen vor, und schon kommt es dazu, daß ich vom Reiben des Schwanzes ein Paradies erwarte.

Übrigens, wenn menschliche Beziehungen als physische maximal sind, so ist zu fragen, welches die physische Gestalt von Freundschaftsbeziehungen sein kann.

Wenn dies alles so halbwegs durchdacht, was also tun?

Natürlich offen sein für die Menschen, für die Liebe. Jedoch solange sie nicht kommt? Die Verzauberung nicht schmähen! Die Entzauberungen durchleben! So wie der Schmied das Eisen immer wieder in die Glut legt, dann ihm einige Schläge versetzt, dann wieder in die Glut usf., viele Male wiederholt, bis dem plumpen Kloben seine Schlacken herausgedroschen sind und Festigkeit, Leichtigkeit, vielleicht sogar edle Form erreicht sind (manchmal zerbricht ein halbfertiges Stück).

27. Oktober 1982 – Kritik der Zeit

Samstag, Januar 3rd, 2009

Lesen: ND, horizont, BZ, Geerdts RUB 916 # “Reclams Universalbibliothek” # über Faust II, Becher, Hölderlin, Otto Emersleben: “Länder des Goldes”

Gartenarbeit

Film: “La Strada”

Eine wahre Kritik der Zeit braucht einen ganz neuen Anfang. Ihn kann keiner geben, heute. Unserer Zeit am tiefsten angemessen – das Fragen, das Sinnen, das Grübeln (beim Tun).

# Damals konnte den neuen Anfang keiner geben, (obwohl ich noch den Optimismus erkennen lasse, daß er beim grüblerischen Tun gefunden werden könnte). Die DDR trieb in ihre Krise, ohne daß irgend jemand “das Steuer herumreißen konnte”. Nach dem Untergang des Realsozialismus gab es kaum ernsthafte Ansätze, etwas ganz Neues zu beginnen. Und heute - wir stehen vor einer tiefen Krise des Kapitalismus - deutet nichts auf die grundsätzliche Lösung der sich türmenden Widersprüche. #

15. Oktober 1982 – Neue Deutsche Welle. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

Gymnastik,

Lesen: “Sinn und Form”, 5/82, “Weltbühne” 41/82, BZ, “Budapester Rundschau”, “Kleingarten”

Noch einmal zum Hebbel-Bild des Menschen als Fluß:

Ja, und selbst ist man wie ein Wanderer, der die Flüsse quert. Ich steige in den Fluß hinein, er erscheint mir breit, unendlich wie das Meer (besonders, wenn ich halb verdurstet und in Finstern einstieg), seine Strömung trägt mich; doch schwimme ich unablässig weiter, so kommt das andere Ufer in Sicht, ich gehe an Land und überschaue rückblickend von der Uferhöhe den ganzen Strom in seiner Breite (während seine Länge, sein Lauf weiter Geheimnis bleibt).

Heute früh kommt L. Auf die “Spitzenklöpplerin” zurück. Die unerfüllte Sehnsucht sei die wirklich vollkommene, ideale Liebe (sinngemäß). Sie hebt am stärksten empor und läßt die größte Kunst entstehen. Ich vergaß, daran zu erinnern, daß nur die Erfüllung wirkliche Kinder zeugt, was in gewisser Weise über jedem Kunstprodukt steht. […]

Alles in allem: Ich vertrete das übergreifende, das goethesche, das faustische, realistische Ideal; das Werden und Vergehen, das Sehnen (Knospen)/Blühen/Reifen/Sterben (Winterschlafen). Poesie im ganzen Kreislauf, also subjektive Erhöhung, Belichtung, Vergeistigung des ganzen profanen Prozesses, während andere (L.) mit einer Art poetischen (oder auch ängstlichen?) Starrsinns auf der Phase beharren, die alles Schöne im Kern enthält (ohne seinen Untergang mitzufühlen, ohne sein Janusgesicht zu erkennen….

Mit der idealen Sicht zerbricht die Sicht oder es kommt die freie Sicht.

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Else Lasker-Schüler, um 1905

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Neue Deutsche Welle:

Wir sind glücklich!

Solange der Bildschirm die Träume uns gibt,

Solange der Kanzler uns so innig liebt,

Solange die Hoffnung im Frühformat winkt,

Solange die Sonne im Osten versinkt…

[…]

Ein Lied der aufs Streckbett gespannten Ironie, nicht das einzige dieser Art; wieviel noch deutlichere mag es geben, die nicht gesendet werden?

Auch das Lied “Vergiß es, vergiß es…” drückt durchaus “Zeitgeist” aus, besonders der Refrain:

Vergiß es, das Leben geht weiter,

bis zur Grenze, dann kommt mal’n Ende.

Vergiß es, vergiß es, es kommt, wie es kommt,

Ist doch klar, daß nicht jeder oben schwimmt.”

Gehirnamputiert”

Da war so ein Traum.

Es ist was Tolles passiert,

Ganz aus Versehen, gehirnamputiert.

Nie mehr Probleme,

Egal was passiert,

Bist Du gehirnamputiert.

 

Durch Realität schon völlig frustriert,

Doch dann dieser Traum gehirnamputiert.

Problemloses Dasein ist garantiert,

Bist Du gehirnamputiert.

 

Du fühlst Dich wohl, es geht Dir gut,

nie mehr Probleme,egal, was passiert

bist Du gehirnamputiert.

 

Warum wurde diese “Welle” produziert? Wird sie mit Kohl als Bundeskanzler weiter produziert?

Die ausgewählten Texte repräsentieren aber nicht das ganze Gesicht dieser Welle. Sie deuten mehrt an, woran die Manipulatoren anknüpfen.

 

Und das Meisterstück, textlich, wie musikalisch, wie interpretatorisch, das “Lied von der Königin” (wie die Szene einer Oper!).

Na so eine komische Königin,

die hat ja Räder unten dran.

Na, das ist ja eine Königin,

Wärst Du da gerne Untertan?

Rollt sie durch ihr Reich,

Vom Gebirge bis zum Deich.

Sie rollt und rollt ganz ungeniert,

Wie toll sie dabei noch regiert,

Eine tolle Königin.

 

Bergab regiert sie ziemlich milde,

Bergauf schimpft sie auch manchmal wilde,

Bergab weht ihr Gewand, das Schöne,

Berauf senkt sie auch mal die Löhne.

In der Stadt ist ihr das Volk lieb und teuer.

Im Wald erhöht sie dann die Steuer…

Eine perfekte Königin,

Prima, prima

Mit Rädern unten dran.

Hebbel: Ich glaube eine Weltordnung, die der Mensch begreift, würde ihm unerträglicher sein, als diese, die er nicht begreift. Das Geheimnis ist seine eigentliche Lebensquelle, mit seinen Augen will er etwas sehen, aber nicht alles; sieht er alles, so meint er, er sieht nichts.” (182) Vergl. S. 188: “Der Mensch ist die Kontinuation des Schöpfungsaktes, eine ewig werdende, nie fertige Schöpfung.”

Interessant zum (systematischen) Denken, das nicht eine allgemeine Gabe, sondern ein ganz besonderes Talent sei…. (184). Er betont die Produktivität (Kreativität) des echten Denkens.

Beschäftigung, nur Beschäftigung, und man ist geborgen, man weiß solange nichts von sich, als man etwas tut.” (185)

Goethes spätere Urteile… sind nicht Urteile seines Magens, sondern seines Gaumens.” (186)

Einen Sachverhalt in ein richtiges, reiches, leicht verständliches Bild setzen, wie hier H. können wir heute so schlecht. Wir versuchn eine Gestalt durch Abstraktionen zu umreißen. Doch die Abstraktionen sollten selbst wieder in Gestalten sclüpfen, sollen “tanzen”, wenn sie für uns da sein wollen.

Ehemals waren die Erwachsenen, wie die Kinder; wie hoffnungslos sind die Zeiten, wo die Kinder wie die Erwachsenen sind. Warum lernen wir so viel und so schnell!” (187)

(Kaum ein Gedanke von H., der nicht “aufgehoben” werden muß.)

Es ist kaum ein Trost, daß wir immer höher kommen, da wir immer auf der Leiter bleiben.” (189)

Zum Geist: Es könnte sein, weil er aus fremden Welten stammt, daß er “uns nur besuchte, nicht aber in uns wohne.” (191)

(Er tappt auf etwas Richtiges, Tiefes. Das Wesen des Menschen ist kein dem Individuum innewohnendes Abstraktum.)

Nicht, was der Mensch soll: was und wie er’s vermag, zeige die Kunst!” (193) (Dann wird sie realistisch sein.)

Nichts kann bewiesen werden, als – was zu beweisen sich nicht verlohnt.” (193)

Man verfault im bloßen Umgang mit sich selbst.” (193)

Stoff ist Aufgabe:Form ist Lösung.” (194)

Die Prosa stellt das Gedachte, die Poesie das Gelebte dar.” (195)

Unsere Tugenden sind meist die Bastarde unserer Sünden.” (198)

Die Erinnerung ist das einzig Feste, was dem Menschen bleibt; dies sollte der Bösewicht bedenken, daqnn würd’ er sich nicht aus so vielen Stunden Höllen zusammenzimmern.” (198)

(Die Erinnerung! – ein großartiger Gedanke (für junge Menschen).)

Philosopheme: Verstandesträume” (199)

Das Aufbrausen ist die Lebensäußerung des Zorns und zugleich sein Tod.” (200)

Jeder Klotz paßt hin, wo man ihn hinstellt.” (201)!

Die Poesie soll alle Strahlen des Menschen, dieser Nebelsonne, auffangen, sie verdichtet auf ihn zurückleiten und ihn so durch sich slbst erwärmen.” (201) “Das Leben gehört soweit in die Poesie, als es innerlich produktiv ist.” (210)

Nur das Geendete ist unendlich.” (202)

Das Gemeine ist verloren, sobald es kämpft.” (205) (Wenn’s doch so wäre!)

Es ist ungleich sündlicher, das Göttliche inm unserer Nähe nicht zu ahnen, es ohne weitere Untersuchung für sein schzwarzes Gegenteil zu halten, als es in weltmörderischer Raserei zu zerstören, weil wir es nicht besitzen können.” (208)

Sagen wir “das Neue”, statt “das Göttliche”, wie steht es dann um uns?

Das Göttliche in seiner Nähe zu ahnen – ist das nicht der einzige wirkliche Auftrag des Menschen?

 “Schon Ratschläge sind in vielen Fällen Angriffe auf die Selbständigkeit;…” (211)

(Helfen heißt auf dem vom Subjekt eingeschlagenen Weg helfen.)

 

Das Bewußtsein ist nicht produktiv, es schafft nicht, es beleuchtet nur, wie der Mond;” (213)

Die Frucht des Baumes ist nicht für den Baum.”(218)

 

Notiz übert das Entleeren:

Mein Prinzip in diesem Buch ist doch, nichts Menschliches auszusparen, nichts “Unmoralisches” zu verdrängen. Es kommt viel Sex zur Sprache. Noch nie kam ich darauf, den Gang zum Abort zu registrieren (wohl aber die Orgasmen). Was ist dafür der eigentliche wesentliche Grund? Physische Selbstverständlichkeiten sind uninteressant; die Atemzüge usw.

Die Lidbewegungen lohnt es nicht, zu registrieren (solange sie sozial bedeutungslos sind).

Heidrun stimmte heftig zu, als ich sagte, nichts Menschliches sei mir fremd. (Für mich kulminiert dies in “Schweinereien”. Für sie offensichtlich in Mordgedanken. – Als wir hier nicht dasselbe meinten, nahm sie gleich zurück.)

Heidrun, eine sensibel-sinnlich-leidenschaftliche Frau mit einem (vielleicht von Kindheit herrührendem) Defizit an kluger Selbstlenkung, -führung. In dieser Hinsicht von gewisser Grobheit, Unbeholfenheit, Ratlosigkeit, die zu ihrer Depressivität führt. H. erwähnte, wie leicht sie manchmal zui rühren ist.

Ahne ich damit etwas von den “Ufern” dieses Stroms?

Jedenfalls bin ich ihr gut gesonnen. Doch werde ich mich nicht auffressen lassen.

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12. Oktober 1982 – ein sinnvolles Leben führen; Brief an Mayerl

Mittwoch, Dezember 3rd, 2008

# Abschrift Protokoll Band 6 beginnt. #

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 Bus nach Buch, Blutabnahme, beim GD Sero, Anruf von Heidrun (die sich freut, daß ich mich freue).

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Versuch Anruf bei Gross, klappt nicht. Gymnastik – So wie es wieder in der Wade brennt… verdammt, ich könnte es mit der Angst kriegen. Anruf von Roderich. Brief an Mayerl.

In der Kunst wie im Leben: Sich wiederholen oder Realist sein!

[…]

Dieser Akt sagt nachdrücklich, wie schön Teilansichten, Detailaufnahmen sein können.

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Vor kurzem schrieb ich, daß ich ergründen möchte, wofür Evi, Angehörige dieser Generation der 20-Jährigen, leidenschaftlich sind. (Ich glaube die einzige wirkliche Leidenschaft ist die für die Schönheit des Lebens.) Genauso möchte ich das von Frau Rudolph wissen, die wieder ein anderes Jahrzehnt, das der 30-Jährigen repräsentiert. Frau Rudolph, die sich ziemlich mühsam durch Aitmatows „Weißen Dampfer“ quälte, die Spitzweg mag aber nicht „Schulmeisterlein Wuz“.

Ich ergrübelte mir, nicht wenig geleitet von Goethe, daß der Sinn des Lebens darin besteht, es schön zu finden. (Ein ähnlicher Scheinzirkel wie der von Strittmatter, wenn er sinngemäß sagt, sein Nachdenken führe dazu, daß der Sinn des Lebens darin besteht, darüber – genussvoll – nachzudenken.)

Andere (Evi; Grit) grübeln darüber nicht, sondern finden das Leben einfach tatsächlich schön, freuen sich ihres Lebens. Im Extremfall erfüllen sie den Sinn des Lebens, ohne je einen einzigen tieferen Gedanken daran zu verschwenden.

Solche Lebenshaltung und –praxis ist nur unter ganz bestimmten („gesunden“) Lebensverhältnissen möglich. Diese müssen möglichst bewußt geschaffen werden. Der Versuch, ausschließlich aus individueller Sicht, ohne tieferes (philosophisches) Nachdenken, ein „schönes“ Leben führen zu wollen, führt notwendig zu Kollisionen (mit den eigenen „Fernwirkungen“), gefährdet die Ziele und zwingt dann zum Nachdenken. Das Neue in diesem Prozess besteht zunehmend darin, daß dieser Prozess immer weniger spontan ablaufen soll, also auf einer hohen Stufe des sozusagen normalen „Vorausdenkens“.

# Zu Willibald Mayerl vergleiche hier. #

Werte Herr und Frau Mayerl!                                                 Berlin, 12.10.82

Mein Besuch bei Ihnen liegt schon solange zurück, daß ich am besten damit anfange, mich noch einmal vorzustellen. Ja, ich bin der Herr K. aus Berlin, der Sie Ende März des Jahres aus Interesse für die Bilder Ihres Vaters bzw. Schwiegervaters besuchte und der versprach, sich wieder zu melden. Sie waren damals so freundlich, Frau Mayerl, mir die Bilder zu zeigen und haben mich auch reichlich mit Katalogen versehen.

Warum ich mich nicht gleich im April wieder meldete weiß ich jetzt nicht mehr. Dafür war der Grund danach umso zwingender: Seit April/Mai hatte ich zunehmend unter Ischias/Bandscheibenvorfall zu leiden und war, wie man so sagt, 3 ½ Monate ans Bett gefesselt. Vorgestern wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Mein Interesse für die Bilder Ihres Vaters ist unvermindert groß, und wenn es möglich wäre würde ich gerne eins kaufen,natürlich keins der Riesenformate und auch keins aus der „naiven Zeit“, sondern aus der Bergmannszeit.

Ist es zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, mir brieflich mitzuteilen, ob Sie überhaupt verkaufen und wenn ja, in welcher Größenordnung sich der Preis bewegt? (Wie gesagt, für ein Format, das man sich in die Stube hängen kann.)

Übrigens ist ein Bekannter von mir an dieser Frage ebenso interessiert, wie ich. Er ist ein großer Liebhaber und ich darf wohl sagen auch Kenner besonders von Grafik. (Wir sind beide nicht reich, verlangen aber auch nichts geschenkt.)

Bitte geben Sie eine kurze Antwort (denn die Reise ist ohne Auto all zu umständlich) und seien Sie herzlich gegrüßt, von

P. K:

 

Welche tieferen Motive treiben weibliche Aktmodelle, alle ihre Reize zu offenbaren? Ist es vielleicht das Selbstbewusstsein (oder auch Machtbewusstsein) für einen Mann viel zu schön zu sein, der Wunsch, die ganze Welt zu Füßen zu haben und nicht nur zu Füßen, diese ganze Welt in sich aufzunehmen und zu befriedigen und so die Mutter und Hurenkönigin von allen zu sein?(Dasselbe Streben treibt den Mann in die letzte Falte des weiblichen Körpers.)

11. Oktober 1982 – Ende des 5. Bandes

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

 Abschiedsbesuch in Buch. Dr. Krause schreibt mich schon heute für den 23.10. gesund. Das ist überraschend für mich.

Treffen mit den Zimmerkumpels, dann mit Dr. Krause, Dr. Piotrowski, Dr. Hahn, Schwester Christa, Schwester Cordula, Frau Rudolph. Ich baue meine Geschenke auf: drei Flaschen Sekt, selbst gepflückter Blumenstrauß aus dem Garten, eine Grafik, mein Dankgedicht “Mein kleines Testament”.

Telefoniert mit Dr. Hahn, die sehr freundlich ist. Fester Händedruck mit ihr beim zufälligen Zusammentreffen. Ein Roman mit dieser Schönheit, das wäre….!

Eilbrief von H. Gross.

Zum ersten Mal lese ich marxistisch-leninistischer Philosoph etwas von Nietzsche, “Also sprach Zarathustra” – und bin verwundert.

Spätabends Kassette “Neue Deutsche Welle”, “Gehirnamputiert”, “Wir sind glücklich”, “Die Königin”, “Eiszeit”.

Damit schließt sich dieser Band des Schmerzes und des Duldens. Doch noch mehr war es eine Zeit neuer Menschen, neuer Verhältnisse. Es war eine interessante und oftmals schöne Zeit. Ich bin nicht unglücklich über diese zwei Monate.

Mit dem morgigen Tag beginnt ein neuer Abschnitt, denn ich melde mich beim GD Sero.

Morgen wahrscheinlich auch Treff mit Gross.

Und ich könnte wieder erblicken Evi und Dr. Hahn, zwei Kleinigkeiten, über die sich mein Herz am meisten freut.

Die Einen denken lange nach über den Sinn des Lebens und finden, daß er darin besteht, zu leben.

Die Anderen leben einfach.

(Diese Beobachtung ist schon einige Tage bewußt. Sie wird sicher im neuen Band ihre Rolle spielen.)

Möge dieser bildarme Band mit einer anspruchslosen Freude fürs Auge enden.

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