Archive for the ‘Stasi’ Category

10.November 1989 - rasende Zeit

Montag, November 9th, 2009

Renates Mann, Siegfried, spazierte vergangene Nacht zwischen 0 Uhr und 2 Uhr in Westberlin herum. Fremde prosteten einander mit Sekt und Wein zu.

891110-1.jpg Gestern gute WBA-Sitzung zur Versorgungssituation.

C. und ich hörten gestern gegen 22 Uhr vom Westfernsehen von den neuen Reiseregelungen Das Westfernsehen berichtete da, daß die ersten DDR-Bürger schon kämen Ein Übergang (Welcher?) wurde gezeigt, wo noch keiner durchgekommen war; der Reporter vor Ort sagte aber, daß sie telefonisch wüßten, daß Bornholmer Straße schon DDR-Bürger durchgelassen worden seien.

Die Mauer wird geöffnet.

Ich bin erschreckt vom Anblick derer, die am Brandenburger Tor auf der Mauer sitzen.

Beratung mit HoDö über freiwillige Arbeit.

Abends Kundgebung im Lustgarten.

Anruf von Roderich - wie ich’s fände.

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04.November 1989 - Berliner Großdemo

Mittwoch, November 4th, 2009

n Mylau ausgiebiges Gespräch mit Schlesinger.

Intensives Lesen auf der Rückfahrt, so z. B. Heinrichs und Krause zur Wirtschaftsreform.

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Zug hat 45′ Verspätung, auf der Hinfahrt 35′.

C. will, da ich nun heute auch zur Demo gehe, ihre Absprachen verändern, die sie mit W. und W. getroffen habe. # (Hintergrund: W., ehemaliger Leistungssportler, hatte den Wunsch, ein Fitnesscenter zu eröffnen, und C., die ihre Arbeitstelle wechseln wollte, äußerte die Absicht, dort anzufangen. Das ganze Vorhaben schmeckte mir gar nicht, nicht zuletzt aus Eifersucht.) # Ich sage aber, daß sie das nicht brauche: “Wir gehen sowieso aus verschiedenen Motiven zur Demo.” Als mein Hauptmotiv gebe ich Neugier an. So gehen wir also heute tasächlich getrennt zur Demo, was mir lieber ist. Morgen gehe ich zu den Gesprächen der offenen Tür. C. nicht.

Interesse an Sex.

Meine Thesen sind nun nach der gestrigen Erklärung von Krenz fast überholt, zumindest weitgehend eingeholt.

# Zu den folgenden Bildern: Ich habe damals nicht fotografiert, sah aber wenige Tage später bei einem Fotografen viele Bilder angeboten und habe im Bewußtsein des denkwürdigen Ereignisses eine ganze Anzahl gekauft. Hier eine Auswahl: #

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25. Oktober 1989 - “Demonstration in der Berliner Innenstadt”

Samstag, Oktober 24th, 2009

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Die gestrige KA-Tagung # Kreisausschuß der Nationealen Front # zeigte, daß sie nun fast alle das neue Vokabular perfekt “drauf” haben; der senile Kurt Goldberg noch nicht einmal das. Ich lasse mich in eine Polemik mit Naumann, 1. Stellvertreter des Bürgermeisters, ein und stelle den Antrag, daß der Kreisausschuß eine Position zur Qualifizierung des Wahlrechts gemeinsam mit WBA-Vorsitzenden erarbeiten soll. Beifall gibt es, der Antrag wird aber gar nicht aufgegriffen (vom Präsidium).

Als wir aus dem Berliner Verlag treten, treffen wir genau auf eine friedliche Demo. Sie fordern direkte Wahl des Staatsoberhaupts, sind gegen die “Dreieinigkeit”, skandieren “Pressefreiheit”. (Vom Verlagsgebäude wird ihnen zugewinkt.) “Schließt euch an!” “Mielke in das Altersheim!” “Schnitzler in die Muppetshow!”

90% der Leute sind zwischen 18 und 35, auch Familien, auch Fahrräder. Es war ein guter, machtvoller, faszinierender Anblick. Die Zahl war groß, aber begrenzt. (Der Westen spricht von 5-10 T.) 

Roderich # Vergleiche meine kurze Erläuterung hier. # meint, ich solle meine Thesen in’s ZK geben. Denke, daß ich das mache, werde aber Aktualisierungen, Verbesserungen, Präzisierungen einarbeiten.

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14. Oktober 1989 - Gilbert Furian

Montag, Oktober 19th, 2009

# Gilbert ist der Ex-Mann meiner Partnerin C. Er hatte eine Studie über Punks in der DDR erabeitet, wofür er (bzw. für ihre Veröffentlichung im Westen) mehrere Monate ins Gefängnis kam. Er war aktiv in der kirchlichen Opposition bzw. Bürgerrechtsbewegung/Neues Forum. Nach dem Untergang der DDR beschäftigte sich G. F. mit der Analyse der Arbeit der Staatssicherheit., veröffentlichte dazu Studien und Bücher. Unser damaliges Verhältnis war - wie man sich leicht vorstellen kann - in mehrfacher Hinsicht von erheblicher Distanz, keineswegs jedoch von Feindseligkeit geprägt. Kürzlich ist er mir im Fernsehen wiederbegegnet - als Rahmenfigur beim Besuch der Frau Bundeskanzlerin in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Trotz dieses hohen Anlasses war er immer noch in altbekannter Manier sympathisch-nachlässig gekleidet. #

 Gestern Abend Besuch von Gilbert (mit Katharina und Wilhelm). G. und K. berichten von Gestapomethoden der Staatssicherheit, sogar Vergewaltigungen habe es gegeben.

Fahrt ins Wochende nach Skaby.

# Update: Übrigens vertrat Gilbert immer den Standpunk, daß er die DDR nicht gegen die westdeutsche Republik eintauschen wollte, sondern, daß er eine bessere DDR wollte. Das war glaubwürdig. #

13. Oktober 1989 - Dialog hin - Polizeiübergriffe her

Montag, Oktober 19th, 2009

ND und BZ von heute.

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Hab’ heute mal Zeitungen genauer gelesen, um ein konkretes Bild von der neuen Dialogbereitschaft zu erhalten. Solange die alten Knacker den Ton angeben (Siehe Folgebeispiele), ist nichts zu hoffen. Der ganze Fortschritt erschöpft sich bisher darin: Es darf etwas geredet werden.

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Das Folgende aus der “Jungen Welt”, das finde ich schon charakteristischer, dreifach charakteristisch. Charakteristisch ist es für Aurich (diese Art Meldung vom 11.10.)

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# Aurich war der 1. Sekretär des Zentralrats der FDJ #. Der Druck der Künstler ist freilich so stark, daß die Klarstellung vom 13.11. veröffentlicht werden mußte.

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Das ist charakteristisch für unsere gegenwärtige Situation (und nicht für Aurich). Und weiter charakteristisch ist, daß die erwähnte Resolution der Unterhaltungskünstler (die ich in den Räumen des VBK # Verband Bildender Künstler # in der Liebknechtsstr. gelesen habe. Dort lagen auch Resolutionen des VBK, des Berliner Schriftstellerverbandes u.v.m.) nach wie vor nicht veröffentlicht wird. 3x charakteristisch.

Der Schluß kann nur lauten, soviel basisdemokratischen Druck wie möglich zu machen.

Diese Zahl ist festzuhalten: Der Westen berichtete, daß um den 7.10. herum, 3000 Westbesuchern der Zugang verwehrt wurde. Mir scheint, das wären 3000 zu viel gewesen, R. dagegen fand es kleinlich, diese nicht reinzulassen. Diese und ebenso Großmutters gestrige Bemerkung über den Friedenskampf legen mir nahe, sich bewußt zu bleiben, daß in der übergreifenden Einhelligkeit unserer Kritik durchaus sehr unterschiedliche Positionen verborgen bleiben (Das ist auch an C.s Position zu sehen.)

Nasdala, eben vom Parteigespräch zurück, möchte mit mir über mein künftiges Parteigespräch reden, mir helfen mich einzustellen (mich warnen). Er erwähnt Franzens Bemerkung, daß ich gestern in der APO-Leitungssitzung von Systemveränderung = Veränderung des Sozialismus (seine Überwindung?) gesprochen hätte. Natürlich soll man sich präzise ausdrücken, Mißverständnisse vermeiden. Doch hier ging es nicht um ein Mißverständnis.

 

War eben bei Jürgen Nitschke, er macht wahrscheinlich bei der Leitung der Ortsgruppe der Volkssolidarität mit. # Herrn Nitschke hatte ich im Rahmen meiner Wohngebietsaktivität (WBA) kennengelernt. Wir hatten Vertrauen zueinander gefaßt. # Er erzählt voller Empörung vom Einsatz unserer “SS” (”Staatssicherheit”) in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch # 10. zum 11. Oktober # im Umkreis der Gethsemanekirche (übrigens in Polizeiuniform). Kollegen von ihm, die im Abstand von 100, 150m von der Absperrung sich aufhielten (”Gaffer” sage ich), wurden von Rollkommandos einkassiert und mußten in der Feuerwache Weißensee (Der Keller des SEZ # Sport- und Erholungszentrums # war überfüllt.) 14 Stunden mit erhobenen Händen, Gesicht zur Wand, Beine auseinander, stehen; Frauen 9 Std.; bei der geringsten Bewegung wurden sie zusammengeschlagen. (Nitschke: “Ich hab’ gesehen, wie sie aussahen.”) Sie wurden erkennungsdienstlich behandelt. Eine Kollegin sei bloß mit ihrem Hund über den Alex gegangen, wurde einkassiert, die Nacht über in der Keibelstr. festgesetzt.Als sie einmal austreten wollte, antwortete man ihr: “Wenn Du Deine eigene Pisse säufst, dann kannst Du gehen.” Nitschke: “Ich kenne die Kollegin, die würde solche Worte nie gebrauchen.” N. meint, daß die Politbüroerklärung nichts löst.

Im Rias soeben ein Interview mit dem Stellvertreter des Ministers für Kultur Dietmar Keller (der sich in Wolfenbüttel aufhielt). Er ist für ein Gespräch mit allen, auch Anhängern des “Neuen Forum”.

 

Gedanken

0. Sofort Zeichen setzen! Ursachen (Verantwortliche) benennen.

1. Notwendig ist eine tiefgreifende Erneuerung, qualitative Höherentwicklung des Sozialismus, eine Reform aller Seiten des sozialistischen Systems, vorrangig der politischen und ökonomischen. Dieser Prozeß muß von der Partei geführt werden, also müssen die Parteiführer die Fähigkeit zur Durchführung solcher Reformen haben. Maßgebliche Führer der Partei haben sich seit mindestens 4 Jahren dazu als unfähig erwiesen (angefangen beim Generalsekretär) und müssen abtreten. Wenn die Partei nicht sofort einen neuen anerkannten Führer zur Verfügung hat, sollte sie bis zum Parteitag von einem kollektiven Führer (3-5 Genossen) geleitet werden, und der Parteitag soll - nach entsprechender Vorbereitung - demokratisch einen neuen Führer wählen.

2. Der Prozeß der tiefgreifenden Erneuerung unserer Gesellschaft kann nicht ohne politische und soziale Auseinandersetzungen verlaufen. Wer jedes Risiko von Erschütterungen vermeiden will, verzichtet auf die Erneuerung und setzt damit den Sozialismus selbst aufs Spiel. Ziel der Partei muß es sein, die unvermeidbaren scharfen Auseinandersetzungen bzw. Erschütterungen so gering wie möglich zu halten, bzw. rechtzeitig Lösungen zu finden, so daß (unter unseren Bedingungen) Menschenopfer vermieden werden. Notwendig ist ein gut intakter Polizie- und Sicherheitsapparat, der gegen Kriminalität und gegen äußere Eingriffe (und nur gegen diese) einzusetzen ist. Das muß öffentlich und parlamentarisch kontrolliert werden. Gesetzesverletzungen durch Polizei- und Sicherheitskräfte sind öffentlich gerichtlich zu ahnden.

07. Juli 1989 - unerwartet Stasi

Dienstag, Juli 7th, 2009

Gestern Geburtstagsgeschenke für C. und Katja in “Skarabäus” gekauft. Bullenhitze (37°C).

Heute APO-Leitungssitzung mit sinnvollem Vorschlag von mir.

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# Wegen der Lesbarkeit schreibe ich den Text auf der abgebildeten Tagebuchseite ab. #

Dies war im Marx-Engels-Auditorium der HUB. Danach:

Wir waren dort einige 100 “Agitatoren” # Ich erinnere mich nicht mehr, unter welcher Maßgabe ich zur Teilnahme an dieser Veranstaltung veranlaßt wurde. # - kurzerhand bis Samstagvormittag zu Mitwirkenden der Staatssicherheit erklärt und wurden eingewiesen in unseren Einsatz zur Verhinderung einer Provokation, betitelt “Zwei Monate danach” am Alex. Die vorgesehene Demonstration wurde tatsächlich verhindert. Ich war dabei. Der äußere Vorgang war nicht besonders dramatisch. Aber innerlich zu verarbeiten gibt es genug. Vermutlich waren das die letzten Tropfen für mein Faß, das nun überläuft. Die nächste Zeit wird es zeigen.

# Wir - hunderte Leute aus Berliner Institutionen - waren also nichtsahnend zu einer etwas merkwürdigen, weil festlich-kulturellen Agitatorenzusammenkunft versammelt worden. Dort wurden wir, wie im Text beschrieben, völlig unvorbereitet und unerwartet zu zeitweiligen Mitarbeitern der Staatssicherheit erklärt/vergattert. Viele waren damit nicht einverstanden, Etliche erklärten sich nicht bereit, so mit sich verfahren zu lassen und verließen den Raum. Ich war in einem besonderen Zwiespalt: Die handstreichartige Verpflichtung durch das MfS ärgerte mich zwar, aber als IM der Staatssicherheit, der ich seit langem war, hatte ich natürlich grundsätzlich mit dieser jetzt erfolgten “Inpflichtnahme” kein Problem. Jedoch ging es darum, eine demonstrative Mahnveranstaltung von Oppositionellen aus Anlaß der vor 2 Monaten durchgeführten Kommunalwahl zu zerstreuen, zu unterbinden. Dazu konnte ich mit meinen Erkenntnissen über die Wahl nicht bereit sein. Ich beteiligte mich trotzdem an dieser Aktion; in der Erwartung und Absicht, dort tatsächlich mit Oppositionellen zu einem Austausch über die Wahl zu kommen. (Ich hatte möglicherweise die hunderte freien Diskussionsgruppen auf dem Alex zu Zeiten der Weltfestspiele oder der Deutschlandtreffen im Hinterkopf.) Die Veranstaltung am Alex lief dann ganz anders ab. Es standen hunderte “Agitatoren” herum. Ich bekam EINE Oppositonelle/Bürgerbewegte zu Gesicht, die mit Baby auf dem Arm durch die Menge hastete, und das war’s.

Was blieb, war nicht nur das Gefühl benutzt worden zu sein, sondern auch die Erfahrung, daß man von den Mächtigen in Situationen, potentiell Handlungsweisen, verstrickt werden konnte, zu denen man keinesfalls bereit war.#

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

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Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

14. Oktober 1982 – noch einmal Tätigkeitsanalyse. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

L. erzählt vom gestrigen Film “Spitzenklöpplerin”, der ganz und gar der Film ihrer ersten Liebe gewesen sei.

# Hier eine Beispielseite der täglichen Aktivitätenlisten aus dem Tagebuch. #

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Ein Tag, der mich nach schwerer Nacht müde gemacht hat. Zwar allein aber ganz zufrieden. Der – unerwartet - gute Verlauf des Gesprächs mit Jeanette trägt mich heute. Diese Belastung war doch wohl größer in der Nacht als mir bewußt war.

# Erläuterung: Möglicherweise vermissen aufmerksame LeserInnen auf der abgebildeten Aktivitätenliste den expliziten Ausweis von Tätigkeiten für das MfS. In der Tat hielt ich mich auch bei diesen Aufzeichnungen an die Regeln der Geheimhaltung. In der hier abgebildeten Aktivitätenübersicht vom 14.10. sind solche MfS-Aktivitäten unter 5.15.2 = “Kommunikation, Gespräche, Geselligkeit mit mehreren Partnern” klassifiziert, und nur mir ist aus den mitgeteilten Namen der Partner, in diesem Falle Jeanette und Sean, die spezielle Art der Tätigkeit erkennbar. #

Nun freue ich mich auf den Sonntag mit Heidrun, die ich morgen vielleicht mal anrufe.

Im Kopf bildet sich schon der Brief der nächsten Woche an Evi.

Netter Schwatz mit A. und R; wenn diese Runde doch nun hoffentlich wirklich meine Ausstandsrunde gewesen ist!

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Hebbel: “Ich bleibe dabei: die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der frühen Jugend…”

Tieck: “Nur wer Kind war, wird Mann.”

Hebbel ebd. über seinen Vater: Er war herzensgut “aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen. Ohne Glück keine Gesundheit, ohne Gesundheit kein Mensch!” (S. 177)

Hier ist Hebbel Materialist. (Vergl. S. 185, wo H. schreibt, daß ihm pekuniäre Rücksichten das zu häufige Briefeschreiben verbieten oder S. 186: Er habe “seit 21/2 Jahren, einen Sommer ausgenommen, nicht mehr warm gegessen…”

Diese ungeistigen Nebensächlichkeiten sind unerhört wichtig!

der größte Fortschritt der neueren Zeit, daß der Mensch sich jetzt nicht bloß wohl befinden, sondern auch gelten will…” (178)

(Etappen der Persönlichkeitsentwicklung in der Geschichte! Und heute?)

Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt.” (181)

Auch das ist knurrig materialistisch.

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22. September 1982 – wenn Haß sich sammelt

Donnerstag, April 10th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost;

[…] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 158-167; „horizont“, Wochenpost

[…] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Haydn

[…] Wir kamen auf Grenzen zu sprechen, in denen man sich einrichtet. Der Käfig, in dem man sich fängt. So etwas gibt es ganz besonders (in naiver, unbezweifelter Weise) auch bei jungen Menschen. Was in unserem Leben erzieht zu diesem „Grenzenbewußtsein“? Die Rolle der Massen, die Industrie? Das (zumindest für das individuelle Empfinden) pattartige der Situation im Klassenkampf.

Babsy“, die Fasterin, die in Rostock im „shop“ arbeitet. # gemeint ist ein Valuta-Laden „Intershop“ # Die gesichtslose, moderne, „perfekte“ Frau, ihrer „Stellung“ bewußt. (!)

Eine Fasterfrau, „Gabi“, hat von einer CSSR-Reise mit Familie ein Erinnerungsbuch angelegt. Im Juni 1968 haben sie in 19 Tagen 2600 km mit ihrem Wartburg-Kombi zurückgelegt. Armselig, was da übrig geblieben ist: Ein detailliertes Festhalten der mit welchen Verkehrsmitteln zurückgelegten Strecken, ziemlich viel über speisen und Getränke, einige Preis- und Kaufkraftvergleiche, wenige politische Einsprengsel (Ost- und Westtouristen wandern gemeinsam, Slowaken auch gegen Sozialismus und Kommunismus, Manövertruppen, Partisanendenkmäler), nette Wirtsleute; dazu Etiketten von Flaschen und Schachteln aller Art, Fahrscheine, getrocknete Pflanzen – Müll! Das ist – nur bezogen auf das für mich Fremden sichtbare Ergebnis – hart gesagt aber nicht zu hart. (Aber es wurde aufgeschrieben! - Mal die eigenen Reiseaufzeichnungen nach längerer Zeit erneut kritisch lesen!)

Gestern im „Thema“: Rainer Kunze und andere Ex-DDR-Autoren treten aus dem von Bernt Engelmann geführten westdeutschen Schriftstellerverband aus. Ich sage verknappt: Sie wollen eine harte CDU/CSU-Politik. Sie leitet ein Maßstab: Haß auf die DDR, auf dies Herrschaftssystem. (Auch in mir sammelt sich ohnmächtiger Haß – Was fang ich mit ihm an, um nie mich dahin zu versteigen?)

# Hier ( http://opablog.twoday.net/stories/4855912/) hab ich aus heutiger Sicht zu dieser und ähnlichen Erfahrungen  etwas gesagt. #

Wie schon gesagt, als ich Bernd Wagner schrieb kam ich zu der Formulierung von der Gefahr des Erstickens. Dies Gefühl ist – wie ich weiter schrieb – unauflöslich verbunden mit dem Genuß dieses „Ungeheuers Leben“. „Das geht schon ins Monströse“. Mir ist bewußt, daß ich gefährlich, sozusagen ohne Netz lebe. Dadurch bleibe ich jung und all den Eingeschachtelten gegenüber so stark, überlegen, unabhängig. Weiß ich tief genug, daß es nach jedem Niederschlag einen Aufschwung gibt? (Und immer ist gerade dieser letzte der schönste.) Ich weiß es aber es hilft nicht viel. Nicht gefeit bin ich vor dem Augenblick, in dem ich alle Waffen nieder sinken lasse.

Entwicklungsphasen der Fastergruppe (die recht spontan abliefen):

In den ersten Stunden – jeder markiert seine „Erstposition“ (tosendes Gerede, jeder redet mit).

In den ersten Tagen – ausgedehntes Erzählen Einiger. Es wird die vorläufig stabile Position eingenommen; individuelle Differenzierung, Beziehungen entstehen, sehr aktive Phase. Das vorläufige Gesicht der Gruppe bildet sich.

In den ersten 10 Tagen – der Alltag kehrt ein. Zufälliges tritt zurück, erste Konfliktsituationen, zu denen sich die Einzelnen differenzierter verhalten, erste Auseinandersetzungen und teilweise Umbewertungen bzw. tiefere Bewertungen der Partner.

In dieser dritten Phase werden die Möglichkeiten mit der Gruppe zu arbeiten und negative Momente zurück zu drängen größer.

Das Problem der Evi könnte sein oder werden eine gewisse Nüchternheit, Phantasielosigkeit (Man kann damit anfangen aber darf dabei nicht bleiben.) Phantasiemangel, weil die Kindheit nicht glänzte?

21. September 1982 – Einladung von Evi

Mittwoch, April 9th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, 6 Schwesternschüler

Behandlungen: Lakenbad, Wickel; große Visite

[…] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 125-158

[…] Hören: (Kopfhörer): O. Resphigi („Römische Feste“), Beethoven, Schubert. „Thema“ gegen B. Engelmann (Friedensbewegung)

[…] Wie ich mich über die flüchtigste Begegnung, das kürzeste Gespräch mit Evi freue – ganz närrisch. Ich koste diese Augenblicke aus, die Möglichkeit und Fähigkeit so zu empfinden, so jugendlich. Solche „Jugendeselei“ werde ich nie verlieren und mich ihrer nie schämen.

Schreibe Bernd Wagner meine Evi-Verse. (Grad während ich dies schreibe, flimmert die Sonne durch die windbewegten Bäume auf dies Buch, ein zauberhaftes Spiel.) Schildere Bernd meine Situation und kam beim Schreiben darauf, daß es ein Erstickungsgefühl ist, das mich an ihn schreiben ließ.

Abends sitz ich, auf ihre Einladung, lange bei Evi. Ihr Familienname ist übrigens Steppan. Neu, diese Aktivität von ihr. Sie erzählt mir bald von ihrem Zukünftigen („Instandhalter“), der ihr kürzlich einen 10 Seiten lange Brief schrieb. (Er ist noch bis Anfang 83 bei der Armee.) Was war? „Durchzuckte es mich heiß“? Schmerzte mich der Verlust des noch nicht Gewonnenen? Es war auch in meinem Innern ganz undramatisch, obwohl ich doch wirklich auf eine Liebesbeziehung aus war, wenn auch keineswegs forciert. Geht in Wirklichkeit die Sehnsucht nach einer innigen, zärtlichen Freundschaft, die sich erst später zur Liebe entwickelt? (Vergl. Hebbel, S. 58. Manchmal denke ich schon:Freundschaft, die zur Liebe verkommt. Zur Freundschaft hat es nicht gereicht, also „liebten“ sie sich.) So habe ich doch auch meine Beziehung zu Marita angefangen und einstmals zu L. Jedenfalls fühl ich mich nun, da es nun keine Liebesträume mehr gibt, fast gar nicht ärmer in Bezug auf Evi. Nur von diesem vagen Traum mußte ich mich trennen und habe dabei – wie schön! - deutliche Äußerungen ihres Vertrauens und ihrer freundschaftlichen Offenheit und Zuneigung gewonnen.

Sie sehnt sich zweifellos nach einem Vater. Aber ich – erstaunlicher Gedanke – freue ich mich auf ein großes Kind, noch dazu eine Tochter? […]

Wichtig: das Erlebnis der Naivität, Zartheit, „Unverdorbenheit“ solcher jungen Menschen (Grit, Evi, Martina). Evi fragt mich, ob sie sich schminken solle – einstmals ein Thema zwischen Christel und mir. Ihr (Evis) aktiveres, freieres Verhalten zu mir ist zweifellos Folge ihres Zusammenseins mit ihrer „Mutti“, am Sonntag. (Meine Verse wird diese Frau in ihrer Situation gut verstanden haben. Was für eine Frau mag sie sein, von der die Tochter so liebevoll spricht? Ihr Mann, auf Kur, habe ihr jeden Tag einen Brief geschrieben. (Er war auch nicht fürs Schminken.))