Archive for the ‘Stasi’ Category

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

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Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

14. Oktober 1982 – noch einmal Tätigkeitsanalyse. Und Hebbel

Montag, Dezember 8th, 2008

L. erzählt vom gestrigen Film “Spitzenklöpplerin”, der ganz und gar der Film ihrer ersten Liebe gewesen sei.

# Hier eine Beispielseite der täglichen Aktivitätenlisten aus dem Tagebuch. #

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Ein Tag, der mich nach schwerer Nacht müde gemacht hat. Zwar allein aber ganz zufrieden. Der – unerwartet - gute Verlauf des Gesprächs mit Jeanette trägt mich heute. Diese Belastung war doch wohl größer in der Nacht als mir bewußt war.

# Erläuterung: Möglicherweise vermissen aufmerksame LeserInnen auf der abgebildeten Aktivitätenliste den expliziten Ausweis von Tätigkeiten für das MfS. In der Tat hielt ich mich auch bei diesen Aufzeichnungen an die Regeln der Geheimhaltung. In der hier abgebildeten Aktivitätenübersicht vom 14.10. sind solche MfS-Aktivitäten unter 5.15.2 = “Kommunikation, Gespräche, Geselligkeit mit mehreren Partnern” klassifiziert, und nur mir ist aus den mitgeteilten Namen der Partner, in diesem Falle Jeanette und Sean, die spezielle Art der Tätigkeit erkennbar. #

Nun freue ich mich auf den Sonntag mit Heidrun, die ich morgen vielleicht mal anrufe.

Im Kopf bildet sich schon der Brief der nächsten Woche an Evi.

Netter Schwatz mit A. und R; wenn diese Runde doch nun hoffentlich wirklich meine Ausstandsrunde gewesen ist!

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Hebbel: “Ich bleibe dabei: die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der frühen Jugend…”

Tieck: “Nur wer Kind war, wird Mann.”

Hebbel ebd. über seinen Vater: Er war herzensgut “aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen. Ohne Glück keine Gesundheit, ohne Gesundheit kein Mensch!” (S. 177)

Hier ist Hebbel Materialist. (Vergl. S. 185, wo H. schreibt, daß ihm pekuniäre Rücksichten das zu häufige Briefeschreiben verbieten oder S. 186: Er habe “seit 21/2 Jahren, einen Sommer ausgenommen, nicht mehr warm gegessen…”

Diese ungeistigen Nebensächlichkeiten sind unerhört wichtig!

der größte Fortschritt der neueren Zeit, daß der Mensch sich jetzt nicht bloß wohl befinden, sondern auch gelten will…” (178)

(Etappen der Persönlichkeitsentwicklung in der Geschichte! Und heute?)

Die Menschheit läßt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt.” (181)

Auch das ist knurrig materialistisch.

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22. September 1982 – wenn Haß sich sammelt

Donnerstag, April 10th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost;

[…] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 158-167; „horizont“, Wochenpost

[…] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Haydn

[…] Wir kamen auf Grenzen zu sprechen, in denen man sich einrichtet. Der Käfig, in dem man sich fängt. So etwas gibt es ganz besonders (in naiver, unbezweifelter Weise) auch bei jungen Menschen. Was in unserem Leben erzieht zu diesem „Grenzenbewußtsein“? Die Rolle der Massen, die Industrie? Das (zumindest für das individuelle Empfinden) pattartige der Situation im Klassenkampf.

Babsy“, die Fasterin, die in Rostock im „shop“ arbeitet. # gemeint ist ein Valuta-Laden „Intershop“ # Die gesichtslose, moderne, „perfekte“ Frau, ihrer „Stellung“ bewußt. (!)

Eine Fasterfrau, „Gabi“, hat von einer CSSR-Reise mit Familie ein Erinnerungsbuch angelegt. Im Juni 1968 haben sie in 19 Tagen 2600 km mit ihrem Wartburg-Kombi zurückgelegt. Armselig, was da übrig geblieben ist: Ein detailliertes Festhalten der mit welchen Verkehrsmitteln zurückgelegten Strecken, ziemlich viel über speisen und Getränke, einige Preis- und Kaufkraftvergleiche, wenige politische Einsprengsel (Ost- und Westtouristen wandern gemeinsam, Slowaken auch gegen Sozialismus und Kommunismus, Manövertruppen, Partisanendenkmäler), nette Wirtsleute; dazu Etiketten von Flaschen und Schachteln aller Art, Fahrscheine, getrocknete Pflanzen – Müll! Das ist – nur bezogen auf das für mich Fremden sichtbare Ergebnis – hart gesagt aber nicht zu hart. (Aber es wurde aufgeschrieben! - Mal die eigenen Reiseaufzeichnungen nach längerer Zeit erneut kritisch lesen!)

Gestern im „Thema“: Rainer Kunze und andere Ex-DDR-Autoren treten aus dem von Bernt Engelmann geführten westdeutschen Schriftstellerverband aus. Ich sage verknappt: Sie wollen eine harte CDU/CSU-Politik. Sie leitet ein Maßstab: Haß auf die DDR, auf dies Herrschaftssystem. (Auch in mir sammelt sich ohnmächtiger Haß – Was fang ich mit ihm an, um nie mich dahin zu versteigen?)

# Hier ( http://opablog.twoday.net/stories/4855912/) hab ich aus heutiger Sicht zu dieser und ähnlichen Erfahrungen  etwas gesagt. #

Wie schon gesagt, als ich Bernd Wagner schrieb kam ich zu der Formulierung von der Gefahr des Erstickens. Dies Gefühl ist – wie ich weiter schrieb – unauflöslich verbunden mit dem Genuß dieses „Ungeheuers Leben“. „Das geht schon ins Monströse“. Mir ist bewußt, daß ich gefährlich, sozusagen ohne Netz lebe. Dadurch bleibe ich jung und all den Eingeschachtelten gegenüber so stark, überlegen, unabhängig. Weiß ich tief genug, daß es nach jedem Niederschlag einen Aufschwung gibt? (Und immer ist gerade dieser letzte der schönste.) Ich weiß es aber es hilft nicht viel. Nicht gefeit bin ich vor dem Augenblick, in dem ich alle Waffen nieder sinken lasse.

Entwicklungsphasen der Fastergruppe (die recht spontan abliefen):

In den ersten Stunden – jeder markiert seine „Erstposition“ (tosendes Gerede, jeder redet mit).

In den ersten Tagen – ausgedehntes Erzählen Einiger. Es wird die vorläufig stabile Position eingenommen; individuelle Differenzierung, Beziehungen entstehen, sehr aktive Phase. Das vorläufige Gesicht der Gruppe bildet sich.

In den ersten 10 Tagen – der Alltag kehrt ein. Zufälliges tritt zurück, erste Konfliktsituationen, zu denen sich die Einzelnen differenzierter verhalten, erste Auseinandersetzungen und teilweise Umbewertungen bzw. tiefere Bewertungen der Partner.

In dieser dritten Phase werden die Möglichkeiten mit der Gruppe zu arbeiten und negative Momente zurück zu drängen größer.

Das Problem der Evi könnte sein oder werden eine gewisse Nüchternheit, Phantasielosigkeit (Man kann damit anfangen aber darf dabei nicht bleiben.) Phantasiemangel, weil die Kindheit nicht glänzte?

21. September 1982 – Einladung von Evi

Mittwoch, April 9th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, 6 Schwesternschüler

Behandlungen: Lakenbad, Wickel; große Visite

[…] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 125-158

[…] Hören: (Kopfhörer): O. Resphigi („Römische Feste“), Beethoven, Schubert. „Thema“ gegen B. Engelmann (Friedensbewegung)

[…] Wie ich mich über die flüchtigste Begegnung, das kürzeste Gespräch mit Evi freue – ganz närrisch. Ich koste diese Augenblicke aus, die Möglichkeit und Fähigkeit so zu empfinden, so jugendlich. Solche „Jugendeselei“ werde ich nie verlieren und mich ihrer nie schämen.

Schreibe Bernd Wagner meine Evi-Verse. (Grad während ich dies schreibe, flimmert die Sonne durch die windbewegten Bäume auf dies Buch, ein zauberhaftes Spiel.) Schildere Bernd meine Situation und kam beim Schreiben darauf, daß es ein Erstickungsgefühl ist, das mich an ihn schreiben ließ.

Abends sitz ich, auf ihre Einladung, lange bei Evi. Ihr Familienname ist übrigens Steppan. Neu, diese Aktivität von ihr. Sie erzählt mir bald von ihrem Zukünftigen („Instandhalter“), der ihr kürzlich einen 10 Seiten lange Brief schrieb. (Er ist noch bis Anfang 83 bei der Armee.) Was war? „Durchzuckte es mich heiß“? Schmerzte mich der Verlust des noch nicht Gewonnenen? Es war auch in meinem Innern ganz undramatisch, obwohl ich doch wirklich auf eine Liebesbeziehung aus war, wenn auch keineswegs forciert. Geht in Wirklichkeit die Sehnsucht nach einer innigen, zärtlichen Freundschaft, die sich erst später zur Liebe entwickelt? (Vergl. Hebbel, S. 58. Manchmal denke ich schon:Freundschaft, die zur Liebe verkommt. Zur Freundschaft hat es nicht gereicht, also „liebten“ sie sich.) So habe ich doch auch meine Beziehung zu Marita angefangen und einstmals zu L. Jedenfalls fühl ich mich nun, da es nun keine Liebesträume mehr gibt, fast gar nicht ärmer in Bezug auf Evi. Nur von diesem vagen Traum mußte ich mich trennen und habe dabei – wie schön! - deutliche Äußerungen ihres Vertrauens und ihrer freundschaftlichen Offenheit und Zuneigung gewonnen.

Sie sehnt sich zweifellos nach einem Vater. Aber ich – erstaunlicher Gedanke – freue ich mich auf ein großes Kind, noch dazu eine Tochter? […]

Wichtig: das Erlebnis der Naivität, Zartheit, „Unverdorbenheit“ solcher jungen Menschen (Grit, Evi, Martina). Evi fragt mich, ob sie sich schminken solle – einstmals ein Thema zwischen Christel und mir. Ihr (Evis) aktiveres, freieres Verhalten zu mir ist zweifellos Folge ihres Zusammenseins mit ihrer „Mutti“, am Sonntag. (Meine Verse wird diese Frau in ihrer Situation gut verstanden haben. Was für eine Frau mag sie sein, von der die Tochter so liebevoll spricht? Ihr Mann, auf Kur, habe ihr jeden Tag einen Brief geschrieben. (Er war auch nicht fürs Schminken.))

16. Juni 1982 – Roderich

Dienstag, Januar 8th, 2008


[…] Ist die Katze aus dem Haus, tanzen auf dem Tisch die Mäuse. (Das Vorzimmer macht, was es will, weil sie mich erst ab 10:00 Uhr erwarten.)

Morgens ist ist das Ventil aus meinem Fahrrad raus: Kindersäue! Berliner Kindersäue! Ich könnte sie zerreißen.

Las im “horizont “, dass sehr oft auch “Hexenschuss” psychisch bedingt sei. Was ich stets sagte!

Roderich # mein Stasi-Führungsoffizier # meint, von ihnen gebe es grünes Licht für meine neue Arbeit. Unter drei Bewerbern sei ich sicher der würdigte.

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07. Mai 1982 - Vater und Sohn

Freitag, November 9th, 2007



[…]
5.45 aufstehen
6.10 Straßenbahn zur Arbeit (Denken an Roderich)
7.00 Lektüre, Zeitung, Eule
7.30 Diskussion mit Roderich

# Mit dem Phantasienamen “Roderich” bezeichnete ich meine Kontakte zu meinem Führungsoffizier der Staatssicherheit. Abgesehen von den letzten ein, zwei Jahren der DDR hielt ich mich diszipliniert an die Regeln der Konspiration und fertigte mir keine Notizen meiner IM-Tätigkeit an. Nur den Zeitauwand hielt ich im Protokollbuch fest. #

8.50 Büroarbeit
9.30 Protokoll
10.30 Wege zum HdM, Beratungen
12.00 Mittagessen
12.40 Lehrgangsplanung, Telefonate, Büroarbeit
14.40 Protokoll
15.30 Straßenbahn nach Hause (Sw GB 1/82 in der Bahn)

# “Sw GB” ist meine Abkürzung für die Zeitschrift “Sowjetwissenschaft Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge”, eine deutschsprachige Fachzeitschrift, in der monatlich eine Auswahl interessanter Veröffentlichungen aus den sowjetischen Gesellschaftswissenschaften erschien. #

16.10 Kaffeepause, im Rundfunk “Rock für den Frieden”
17.30 mit dem Rad in den Garten, etwas Obstbaumpflege, schön, wie alle neugepflanzten Obstgehölze treiben, selbst die trockene Stachelbeere, das ist geradezu spannende! An der Baumbank gebaut.
19.50 nach Hause
20.00 Fernsehen (Westen)
20.20 Abendessen, abwaschen
21.10 Protokoll
22.10 Fernsehen (überall gestöbert)
22.30 im Bett
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L. hat bei den “100 Grafiken” einen 2.Preis bekommen.

Ein Rias-Kommentar beschäftigt sich mit der Korruption von Funktionären im Sozialismus. Dieses Geschwür ist tatsächlich überall zu finden. Würde ich konsequent meiner politischen Moral entsprechend handeln, würde ich z. B. einen Teil unseres Benzin-Kontingents zurückgeben und Günthers Mißbrauch offen aussprechen.
Wenn unsere Beziehung zum Staat z. T. Züge von Entfremdung enthält (Vergleich. Behandlung meines Wohnungsantrags), obwohl das doch seinem Wesen widerspricht, so auch deshalb, weil wir uns selbst dem Staat entfremden mit unserem individualistischen Egoismus. Der Staat schenkte uns Vertrauen, aber wir beuten ihn auch aus, wenns unbemerkt geschehen kann, sind gerne mal “Staatskassenplünderer” (Lenin).
Das ist so menschlich - und unversehens ist es polnisch .
Ich sollte Günther nicht vor irgendeine Tatsache stellen, sondern ihn einfach mal nach seinem Parteigewissen fragen.

Stefan besuchte uns und war neugierig auf mein (unser) Leben. Es hat ihn auch beeindruckt.

# Stefan, Christof, Clemens sind meine Söhne aus der Ehe, die 1975 geschieden wurde. #

Die Armeezeit hat ihn reifen lassen. (Vor dem Studium erst zu arbeiten, ist eine solches Zeichen von Reife.) Vor allem ist er offen und sucht Orientierung (von klaren, festen Grundpositionen aus). Er hatte sich bewußt auch für die Partei entschieden.
L. meinte danach, daß meine Frau eines sympathischen Sohn erzogen hätte.
Er erzählte interessant von seinem Grenzdienst, auch von seinen Vorstellungen des Lehrerberufs.
Interessant unser kurzes Gespräch, als ich ihn zur S-Bahn begleitete. Vorwürfe wegen meines Verhaltens damals zu Marlies Glöß. (”Das hast Du keine gute Figur gemacht.”) und wegen angeblicher Kleinlichkeit bei den Unterhaltszahlungen.
Das erste mußte ich eindeutig und selbstkritisch zugeben und tue es auch. Beim zweiten erkläre ich den Sachverhalt und weise Vorwürfe zurück. Er betont, dass er nicht gekommen sei, um irgend etwas “aufzufrischen”, sondern “aus reiner Neugier”. Ich verstehe das. Auch mir geht es so, daß ich keine übliche Vater-Sohn-Beziehung empfinden kann. Doch ich finde es nicht gut, auf immer in irgendwelchen Schützengräben zu hocken, in die man geraten ist. In diesem vorsichtigen Gespräch ist viel Ungesagtes, Unsagbares. Wir müssen das Sprechen erst wieder lernen.
[…]
Zum Schluß sagt er, daß nach diesem Besuch seiner “Neugier” nicht gestillt sein und daß Christof ähnlich denke.
Ich gebe ihm einen Fahrkarte der S-Bahn - und dann noch eine Rückfahrkarte.
Eine weite Landschaft der Hoffnung glänzt mir auf - die mich auch in die Verantwortung nimmt (Meine pornografischen Interessen kann ich diesem jungen Mann nicht so leicht begreiflich machen.)
Neue böse Härten für die Mutter, wenn nun die Kinder sich ablösen müssen! Ich bedauere sie, doch ihr ist nicht zu helfen.
Menschen, denen nicht zu helfen ist! (Jens Str., Christel, Klaus-Dieter K)

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Es scheint diese Folgekette zu geben:
Zu spät aufstehen, Zeitnot > Appetitlosigkeit, dem Magen daher leichte Kost anbieten (calorien- und kohlehydratreich)> daher um 9 Uhr bereits wieder kräftiger Hunger> der Magen ist mittags bereits an voluminöse Nahrung gewöhnt und will wieder reichlich gefüllt sein> Übergewicht.
Möglicherweise fängt alles mit morgendlicher Zeitnot und einem zu leichten Frühstück an. Den Tag gefaßt und in aller Ruhe beginnen, das kann man nur, wenn man sich ganz und gar zu seinem Tag bekennt, ganz in ihm aufgeht.
[…]
Das Begrüßungslächeln vieler Menschen (Franz Fischer, letztens Barbara Bondzio) - oft nicht mehr als eine Grimasse.

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28. Oktober 1981 - ein Brief

Sonntag, Oktober 7th, 2007


 

# Nachzutragen ist der folgende Text, eine Briefkopie, die in den ersten Band des Tagebuchs lose eingelegt war. Ich kann mich an die näheren Umstände des Schreibens und „Absendens“ dieses Briefes nicht erinnern. Aber Inhalt und Diktion verweisen darauf, daß ich ihn offensichtlich in eigener Sache an meinen Führungsoffizier geschrieben habe. Den Regeln der Konspiration folgend, habe ich keine Dokumente meiner Zusammenarbeit mit dem MfS kopiert oder aufgehoben, hier also eine Ausnahme. Sich um eine Auslandsarbeit zu bemühen, war ein direkter Ausfluß meiner Beziehungskrise mit L. Praktische Folgen hatte dieser Brief nicht. #

Ich bin entschlossen, mein derzeitiges Arbeitsverhältnis etwa Mitte 1982 zu beenden.

Dieser Entschluß resultiert nicht aus irgendwelchen akuten Widersprüchen oder Konflikten. Meine Arbeit, die ich seit ca. 15 Jahren mache, ist im Grunde genommen interessant, verlangt Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit, ermöglicht Weiterbildung, wird angemessen bezahlt. Meine Beziehungen im Kollektiv sind nicht schlecht. Meine Perspektive als Leiter dieser Einrichtung ist zwar nicht festgelegt, erscheint aber als real.

Der Grund, diese Arbeit zu beenden liegt darin, daß sie mich schon seit längerer Zeit nicht mehr ernsthaft fordert. Die Aussicht, bis zur Rente dieselbe Arbeit zu machen (wenn auch in der gut bezahlten Position des Leiters), ist eine Schreckensvorstellung. Ich fühle noch genügend Kraft in mir, andere, neue Aufgaben zu lösen und habe auch die Absicht, diese Kraft (die sicher in zehn Jahren so nicht mehr vorhanden ist) jetzt anzuwenden.

In der Vergangenheit hatte ich die Perspektivvorstellungen, nach meiner Promotion 1874 einige Jahre als staatlicher Leiter in der Industrie zu arbeiten und dann eine Wissenschaftlerlaufbahn auf dem Gebiet der sozialistischen Wirtschaftsführung einzuschlagen. Trotz wiederholter Bemühungen konnte ich diese Vorstellungen nicht realisieren. (Über die Gründe bin ich mir nicht völlig klar. Sicher fehlte es an Unterstützung oder Förderung von anderer Seite, wahrscheinlich aber auch bei mir an Ehrgeiz.)

Bei meiner Zielvorstellung jetzt steht die Wissenschaftlerlaufbahn nicht mehr im Vordergrund (in Anbetracht meines Alters von 41 Jahren und noch ohne Promotion B).

Ich suche keine langjährig abgesicherte Perspektive, sondern eine Aufgabe, die mich jetzt fesselt und fordert. (Es ist selbstverständlich, daß das nur eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe sein kann.) Dabei möchte ich wieder stärker auf mein eigentliches Ausbildungsprofil zurückgreifen, das in den Bereichen liegt: Marxismus-Leninismus, Soziologie, Psychologie/Menschenführung, eventuell auch Persönlichkeits- oder Kulturtheorie.

Ich bin z. Z. dabei die Einsatzmöglichkeiten an der Hochschule für Ökonomie, Sektion Marxismus-Leninismus, Prof Dr. Hoell, zu erkunden. Dabei habe ich aber die erklärte Absicht, nach einer angemessenen Übergangs- bzw. Vorbereitungszeit an der Hochschule (ca. 1 Jahr) für mehrere Jahre in’s Ausland delegiert zu werden…

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