Archive for the ‘Stasi’ Category

16. Juni 1982 – Roderich

Dienstag, Januar 8th, 2008


[…] Ist die Katze aus dem Haus, tanzen auf dem Tisch die Mäuse. (Das Vorzimmer macht, was es will, weil sie mich erst ab 10:00 Uhr erwarten.)

Morgens ist ist das Ventil aus meinem Fahrrad raus: Kindersäue! Berliner Kindersäue! Ich könnte sie zerreißen.

Las im “horizont “, dass sehr oft auch “Hexenschuss” psychisch bedingt sei. Was ich stets sagte!

Roderich # mein Stasi-Führungsoffizier # meint, von ihnen gebe es grünes Licht für meine neue Arbeit. Unter drei Bewerbern sei ich sicher der würdigte.

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07. Mai 1982 - Vater und Sohn

Freitag, November 9th, 2007



[…]
5.45 aufstehen
6.10 Straßenbahn zur Arbeit (Denken an Roderich)
7.00 Lektüre, Zeitung, Eule
7.30 Diskussion mit Roderich

# Mit dem Phantasienamen “Roderich” bezeichnete ich meine Kontakte zu meinem Führungsoffizier der Staatssicherheit. Abgesehen von den letzten ein, zwei Jahren der DDR hielt ich mich diszipliniert an die Regeln der Konspiration und fertigte mir keine Notizen meiner IM-Tätigkeit an. Nur den Zeitauwand hielt ich im Protokollbuch fest. #

8.50 Büroarbeit
9.30 Protokoll
10.30 Wege zum HdM, Beratungen
12.00 Mittagessen
12.40 Lehrgangsplanung, Telefonate, Büroarbeit
14.40 Protokoll
15.30 Straßenbahn nach Hause (Sw GB 1/82 in der Bahn)

# “Sw GB” ist meine Abkürzung für die Zeitschrift “Sowjetwissenschaft Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge”, eine deutschsprachige Fachzeitschrift, in der monatlich eine Auswahl interessanter Veröffentlichungen aus den sowjetischen Gesellschaftswissenschaften erschien. #

16.10 Kaffeepause, im Rundfunk “Rock für den Frieden”
17.30 mit dem Rad in den Garten, etwas Obstbaumpflege, schön, wie alle neugepflanzten Obstgehölze treiben, selbst die trockene Stachelbeere, das ist geradezu spannende! An der Baumbank gebaut.
19.50 nach Hause
20.00 Fernsehen (Westen)
20.20 Abendessen, abwaschen
21.10 Protokoll
22.10 Fernsehen (überall gestöbert)
22.30 im Bett
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L. hat bei den “100 Grafiken” einen 2.Preis bekommen.

Ein Rias-Kommentar beschäftigt sich mit der Korruption von Funktionären im Sozialismus. Dieses Geschwür ist tatsächlich überall zu finden. Würde ich konsequent meiner politischen Moral entsprechend handeln, würde ich z. B. einen Teil unseres Benzin-Kontingents zurückgeben und Günthers Mißbrauch offen aussprechen.
Wenn unsere Beziehung zum Staat z. T. Züge von Entfremdung enthält (Vergleich. Behandlung meines Wohnungsantrags), obwohl das doch seinem Wesen widerspricht, so auch deshalb, weil wir uns selbst dem Staat entfremden mit unserem individualistischen Egoismus. Der Staat schenkte uns Vertrauen, aber wir beuten ihn auch aus, wenns unbemerkt geschehen kann, sind gerne mal “Staatskassenplünderer” (Lenin).
Das ist so menschlich - und unversehens ist es polnisch .
Ich sollte Günther nicht vor irgendeine Tatsache stellen, sondern ihn einfach mal nach seinem Parteigewissen fragen.

Stefan besuchte uns und war neugierig auf mein (unser) Leben. Es hat ihn auch beeindruckt.

# Stefan, Christof, Clemens sind meine Söhne aus der Ehe, die 1975 geschieden wurde. #

Die Armeezeit hat ihn reifen lassen. (Vor dem Studium erst zu arbeiten, ist eine solches Zeichen von Reife.) Vor allem ist er offen und sucht Orientierung (von klaren, festen Grundpositionen aus). Er hatte sich bewußt auch für die Partei entschieden.
L. meinte danach, daß meine Frau eines sympathischen Sohn erzogen hätte.
Er erzählte interessant von seinem Grenzdienst, auch von seinen Vorstellungen des Lehrerberufs.
Interessant unser kurzes Gespräch, als ich ihn zur S-Bahn begleitete. Vorwürfe wegen meines Verhaltens damals zu Marlies Glöß. (”Das hast Du keine gute Figur gemacht.”) und wegen angeblicher Kleinlichkeit bei den Unterhaltszahlungen.
Das erste mußte ich eindeutig und selbstkritisch zugeben und tue es auch. Beim zweiten erkläre ich den Sachverhalt und weise Vorwürfe zurück. Er betont, dass er nicht gekommen sei, um irgend etwas “aufzufrischen”, sondern “aus reiner Neugier”. Ich verstehe das. Auch mir geht es so, daß ich keine übliche Vater-Sohn-Beziehung empfinden kann. Doch ich finde es nicht gut, auf immer in irgendwelchen Schützengräben zu hocken, in die man geraten ist. In diesem vorsichtigen Gespräch ist viel Ungesagtes, Unsagbares. Wir müssen das Sprechen erst wieder lernen.
[…]
Zum Schluß sagt er, daß nach diesem Besuch seiner “Neugier” nicht gestillt sein und daß Christof ähnlich denke.
Ich gebe ihm einen Fahrkarte der S-Bahn - und dann noch eine Rückfahrkarte.
Eine weite Landschaft der Hoffnung glänzt mir auf - die mich auch in die Verantwortung nimmt (Meine pornografischen Interessen kann ich diesem jungen Mann nicht so leicht begreiflich machen.)
Neue böse Härten für die Mutter, wenn nun die Kinder sich ablösen müssen! Ich bedauere sie, doch ihr ist nicht zu helfen.
Menschen, denen nicht zu helfen ist! (Jens Str., Christel, Klaus-Dieter K)

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Es scheint diese Folgekette zu geben:
Zu spät aufstehen, Zeitnot > Appetitlosigkeit, dem Magen daher leichte Kost anbieten (calorien- und kohlehydratreich)> daher um 9 Uhr bereits wieder kräftiger Hunger> der Magen ist mittags bereits an voluminöse Nahrung gewöhnt und will wieder reichlich gefüllt sein> Übergewicht.
Möglicherweise fängt alles mit morgendlicher Zeitnot und einem zu leichten Frühstück an. Den Tag gefaßt und in aller Ruhe beginnen, das kann man nur, wenn man sich ganz und gar zu seinem Tag bekennt, ganz in ihm aufgeht.
[…]
Das Begrüßungslächeln vieler Menschen (Franz Fischer, letztens Barbara Bondzio) - oft nicht mehr als eine Grimasse.

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28. Oktober 1981 - ein Brief

Sonntag, Oktober 7th, 2007


 

# Nachzutragen ist der folgende Text, eine Briefkopie, die in den ersten Band des Tagebuchs lose eingelegt war. Ich kann mich an die näheren Umstände des Schreibens und „Absendens“ dieses Briefes nicht erinnern. Aber Inhalt und Diktion verweisen darauf, daß ich ihn offensichtlich in eigener Sache an meinen Führungsoffizier geschrieben habe. Den Regeln der Konspiration folgend, habe ich keine Dokumente meiner Zusammenarbeit mit dem MfS kopiert oder aufgehoben, hier also eine Ausnahme. Sich um eine Auslandsarbeit zu bemühen, war ein direkter Ausfluß meiner Beziehungskrise mit L. Praktische Folgen hatte dieser Brief nicht. #

Ich bin entschlossen, mein derzeitiges Arbeitsverhältnis etwa Mitte 1982 zu beenden.

Dieser Entschluß resultiert nicht aus irgendwelchen akuten Widersprüchen oder Konflikten. Meine Arbeit, die ich seit ca. 15 Jahren mache, ist im Grunde genommen interessant, verlangt Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit, ermöglicht Weiterbildung, wird angemessen bezahlt. Meine Beziehungen im Kollektiv sind nicht schlecht. Meine Perspektive als Leiter dieser Einrichtung ist zwar nicht festgelegt, erscheint aber als real.

Der Grund, diese Arbeit zu beenden liegt darin, daß sie mich schon seit längerer Zeit nicht mehr ernsthaft fordert. Die Aussicht, bis zur Rente dieselbe Arbeit zu machen (wenn auch in der gut bezahlten Position des Leiters), ist eine Schreckensvorstellung. Ich fühle noch genügend Kraft in mir, andere, neue Aufgaben zu lösen und habe auch die Absicht, diese Kraft (die sicher in zehn Jahren so nicht mehr vorhanden ist) jetzt anzuwenden.

In der Vergangenheit hatte ich die Perspektivvorstellungen, nach meiner Promotion 1874 einige Jahre als staatlicher Leiter in der Industrie zu arbeiten und dann eine Wissenschaftlerlaufbahn auf dem Gebiet der sozialistischen Wirtschaftsführung einzuschlagen. Trotz wiederholter Bemühungen konnte ich diese Vorstellungen nicht realisieren. (Über die Gründe bin ich mir nicht völlig klar. Sicher fehlte es an Unterstützung oder Förderung von anderer Seite, wahrscheinlich aber auch bei mir an Ehrgeiz.)

Bei meiner Zielvorstellung jetzt steht die Wissenschaftlerlaufbahn nicht mehr im Vordergrund (in Anbetracht meines Alters von 41 Jahren und noch ohne Promotion B).

Ich suche keine langjährig abgesicherte Perspektive, sondern eine Aufgabe, die mich jetzt fesselt und fordert. (Es ist selbstverständlich, daß das nur eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe sein kann.) Dabei möchte ich wieder stärker auf mein eigentliches Ausbildungsprofil zurückgreifen, das in den Bereichen liegt: Marxismus-Leninismus, Soziologie, Psychologie/Menschenführung, eventuell auch Persönlichkeits- oder Kulturtheorie.

Ich bin z. Z. dabei die Einsatzmöglichkeiten an der Hochschule für Ökonomie, Sektion Marxismus-Leninismus, Prof Dr. Hoell, zu erkunden. Dabei habe ich aber die erklärte Absicht, nach einer angemessenen Übergangs- bzw. Vorbereitungszeit an der Hochschule (ca. 1 Jahr) für mehrere Jahre in’s Ausland delegiert zu werden…

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