Es ist gleich 9 Uhr, eben gefrühstückt, in Antonowo, wo ich Zwischenstation mache, hoffentlich nicht festsitze. Denn gegen 11 oder 12 Uhr soll ein Bus aus Omurtag nach Weliko Tarnowo fahren, und mit dem ist erstmal mitzukommen. Habe mich entschlossen über W. Tarnowo ins Balkangebirge zu starten, denn sowohl das Wetter als auch meine Geschenklast verlocken nicht dazu, sich in große Abenteuer in der Wildnis zu stürzen.
Vorhin herzlicher Abschied von der ganzen Familie. Ismets Eltern sind bescheidene, herzliche Leute. Wir sollen alle, ganze Familie, für länger zu Besuch kommen.
Gestern noch fröhlicher Abend bei Kobrinka und Stefan, nachdem vorher bei Achmed reingeschaut. (Achmeds Schwester Emine, die immer im flotten roten Trainingsanzug rumläuft – sie trainiert 400m Leichtathletik – setzt sich ungehemmt an den Tisch der Männer und kriegt und trinkt auch ihr Gläschen Rakija.) Achmeds Vater, der auch noch dazu kommt, fragt, ob ich ihn wiedererkenne. „Nein“. Er sagt, ihn habe ich zuerst gefragt, bei meiner Ankunft im Dorf vor zwei Tagen, wo Ismet Kadirow wohne. Ich erinnere mich. Er hatte es mir nicht gesagt. Ich: Wenn er mir den Weg gezeigt hätte, hätte ich ihn sicher wieder erkannt. Dies Verhalten charakterisiert diese ganze Familie. Sie scheinen abwartend, beobachtend, ehrgeizig zu sein.
Bei Kobrinka (Stoitschews), wie gesagt, war es sehr fröhlich. Ihr Mann ist eine besondere Type, wie überhaupt die ganze Familie interessante Leute sind. Sie ist Russischlehrerin, er Kraftfahrer. Zwetomir („Blüte“) besucht die 6. Klasse. So wie er heißt, sieht er auch aus und ist der Stolz der Eltern.

Er bastelt gern Modelle. Sie haben zwei Zimmer, leben also nicht so beengt, wie fast alle anderen Leute hier. Sie tanzen gerne. Der Plattenspieler spielte griechische Lieder. Den Raki destillieren sie selbst (aus Pflaumen), was seit 2 Jahren erlaubt ist. Bienenhonig haben sie auch selber. Was Kobrinka kocht, schmeckt gut, z. B. Würstchen mit Schafskäse überbacken, Reis sehr schmackhaft.
Das Rezept für Reiswein interessiert sie, wie schon Stefan und Drenka.
Stefan Stoitschew trinkt gerne, reichlich und ohne dazu etwas zu essen (was unüblich ist). Er ist lustig, verschmitzt, männlich – “spokoini” - („In der Ruhe liegt die Kraft.“), interessanter aber passender Gegensatz zu Kobrinka.
Wir saßen gemeinsam mit dem jungen Kadir, Salim und Ismigül, von 19.30 Uhr bis nach 23 Uhr zusammen. Das ist viel, nach 22 Uhr ist schon außergewöhnlich.
Im allgemeinen verstehen sie, ein Ende zu finden, beim Trinken ebenso wie beim Feiern. Das hängt mit der Ungezwungenheit ihrer Geselligkeit zusammen, diese läßt sie spüren, wann es genug ist. Sie fühlen sich nicht verpflichtet, Müdigkeit zu überspielen. Im Gespräch wirken Salim (29) und Stefan (Ende 30) wie Vater und Sohn. Stefan ist mehr Persönlichkeit.
Spekulation:
Vielleicht sind die Türken, eben auch die Männer, überhaupt weniger Persönlichkeit, weil eben das weibliche Ferment viel zu sehr in seine dienende Rolle gedrängt und darauf beschränkt ist. Auch hier wäre demnach die Befreiung der Frau auch die wirkliche Befreiung des Mannes. Möglich, daß die jungen Leute (Emine) hier ein Stück weitergehen. Jedenfalls erzählt man, daß sie schon frühzeitig (mit 14, 15 Jahren) anfangen zu rauchen und zu trinken.
Soviel von Slawjanowo.
Ich fühle mich, nachdem ich hier seit einer Stunde ruhig sitze, doch recht abgespannt. Eine lange ruhige Nacht bestens Schlafes täte mir gut.
Leider dauernd leichte Zahnschmerzen und wüste träume in der Nacht:
Ich kriege einen Telefonanruf von einem Igor…., meine Frau sei tot, zerrissen worden, es habe in der Zeitung gestanden, sie sei mit einem Moto-Cross-Fahrer zusammengeraten, es war wohl eher ein Unfall. Ich brülle auf. Im Laufe meiner Schmerzbekundungen wird mir bewußt, daß nicht von L., sondern von Christel (meine geschiedene Ehefrau) die Rede ist. Ich brülle nicht mehr, obwohl ein Kummergefühl bleibt, in diesem Moment aufgewacht, mein erster Gedanke: Was wird nun mit den Kindern? Dann schlafe ich wieder ein und komme in mein Zimmer, irgendwelche Trauervorbereitungen zu treffen, als ich sehe, daß dort etliche Maurer am Werk sind, die Wände aufstemmen, weil sie neue elektrische Leitungen verlegen wollen….
Jetzt geht es auf 10 Uhr. Ich werde mich nach draußen zum Busbahnhof begeben, wo es ungemütlich kalt ist, und ein oder zwei Stunden auf den Bus warten.
Noch kann ich mich entscheiden, nach links – Weliko Tarnowo oder nach rechts – Omurtag, Kotel.
Abends (noch 2.10.):
Die Entscheidung lautete Gorna Orjachowitsa. Diesen Bus hatte mir die Fahrkartenverkäuferin empfohlen, weil dieser Ort nahe W. Tarnowo liegt. Das war nach zwei Stunden Warten in lausiger Kälte (den Pullover rauszukramen, war ich zu lustlos), draußen strömender Regen den ganzen Vormittag. Im Warteraum nur Türken und Zigeuner, Männer, Frauen, Kinder. Mir gegenüber zurückhaltend, die wenigen Worte aber, die wir wechseln, drücken Freundliches und Hilfsbereitschaft aus. Das war eine Menschengalerie, wie man sie bei uns einfach nicht zu sehen kriegt.
Gorna Orjachowitsa ist übrigens die Bahnstation, wo einst, am Montag (es kommt mir vor, wie eine Woche zurück) der Bulgare mit dem Dudelsack einstieg. Es ist die 2. Station vor Popowo.
Im Bus hierher reifte mein Entschluß, die Bergtouren bei diesem Wetter abzublasen. Gegen Kälte könnte ich mich ja noch schützen, gegen Dauerregen aber nicht, und selbst, wenn er aufhört, ist ja von unten alles naß. Und auch das Gewicht macht doch etliche Rasten erforderlich, bei denen man sich einfach ins Gras haut. Also Urlaub verkürzen, denn auch das Meer reizt jetzt natürlich nicht. Wenn ich aber sowieso versuchen muß, einen anderen Rückflug zu kriegen, dann kann ich das auch in Warna versuchen, das ich jetzt viel leichter erreichen kann als Burgas.
Daher sitze ich jetzt im Hotel von Gorna Orch. (diesselbe Atmosphäre wie einst im Hotel von Smoljan) um morgen mit der “Wljak” (Eisenbahn) nach Warna zu fahren.
Heute nachmittag Abstecher nach W. Tarnowo (jede Viertelstunde fährt ein Bus), Eindruck vom Städtchen gekriegt.
Zum ersten Mal auch ein paar Bulgarinnen gesehen, die rundum hübsch waren. (Bisher war der größte sexuelle Eindruck dieser Reise eine große Frau mit schönen Brüsten, die sie frei unter ihrem Pullover trug – an der Weißenseer Spitze in Berlin.)
Reichlich 10 Lewa kostet das Zimmer, mit Zuschlägen und Frühstück 13 Lewa. Jetzt ist es gleich 19 Uhr und ich haue mich zum Schlafen hin.