Archive for the ‘Traum’ Category

08. Juli 1982 - nach einer Trennung

Donnerstag, Januar 24th, 2008


[…]
Fernsehen: endlos Fußball, WM Halbfinale Polen - Italien, BRD - Frankreich

Kann ich mich zu einer neuen Einstellung gegenüber L. erheben? […] Wenn wir miteinander fertig sind, wenn ihre Liebe seit langen und ganzen naturwüchsig erkaltet und gestorben ist, wenn nicht das inzwischen ebenso und auch in seiner Notwendigkeit empfinde (nicht nur rational einsehe), dann sollte ich doch ihre ferneren Handlungen nicht mehr auf mich beziehen und immer wieder neu verletzt sein. Dann sollte ich mich doch über das, was ihre positive Qualität ausmacht, freuen (und als Befreundeter oder Fremder aneignen) und zugleich froh über meine Freiheit von ihren negativen Zwängen sein.
So könnte ich ein sachlich - korrektes und zugleich ihr positiv zugewandtes Verhältnis zu haben.[…]

Kurzer Traum von Heidi: drückte sie (prüfend) an mich und war überrascht von der Fülle ihrer Brüste. (Vor paar Tagen war mir eingefallen, dass ich gar keine Vorstellung von ihren Brüsten habe.) Auf dem Kopf hatte sie eine dunkle Perücke mit drahtigen, eng das Gesicht umrahmenden Haaren.

08. Juni 1982 – F. Bacon über Garten

Samstag, Dezember 22nd, 2007


 

 

[…]

Bacon Essays S. 191: „Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten.“ (Moses II Seite acht) „… und in der Tat ist dies die reinste aller menschlichen Freuden.: es ist die größte Erfrischung für den Geist des Menschen, ohne welchem alle Gebäude und Paläste nur rohe Machwerke sind; und man wird stets finden, dass die Menschen mit dem Fortschritt der Jahrhunderte zur Bildung und Verfeinerung zuvor prachtvolle Bauten aufführen, ehe sie schöne Gärten anlegen als ob der Gartenbau eine höhere Entwicklungsstufe wäre.“

Ein Garten, der in jedem Monat höchste Schönheit entfaltet. Man kann sich tatsächlich einen „ewigen Frühling“ verschaffen (Vergil, Gedicht vom Landbau), wenn man sich nach dem richtet, was der Boden jeweils bringt…“

Interessant ist die Arbeit mit den Kaderakten. Mit nicht zu überbietender Ignoranz werden alle Genossen entgegen der Weisung des Ministers delegiert. Und die Verantwortlichen der Kaderabteilungen lassen sich das ohne ein Zucken bieten. Es ist eine unglaubliche Schlamperei. Erstes Gespräch mit einem der Neuen. Er ist F- und E-Ingenieur und hat schon 1625,-M. Natürlich ist der an einer Arbeit im MSAB, überhaupt an echter Leitungstätigkeit (wenn sie über den Gruppenleiter hinausgeht) nicht im geringsten interessiert. In Leitungstätigkeit freilich könnte er noch reinschlittern, aber für das MSAB besteht keine Chance.

Neuer Krieg Israels. Es klappt wieder anscheinend alles.

Reagan reißt in London das Maul auf, speziell gegen die Mauer in Berlin, für einen („friedlichen“) Kreuzzug gegen den Bolschewismus, für ein Fernsehduell (!!!) mit Breshnew. Er ist doch wirklich ein Superarsch. Bilder: R. zu Pferde, in Westminster, er platzte schier, der Frosch.

Und doch bleibt für die Menschen nur das maßgebend, was sie eingedroschen kriegen, zumindest, was sie im Bauch, im Schwanz usw. verspüren.

Das Gegeneinanderleben gegen L. ist belastend, dies besonders heute zu spüren, wo sie eine Art Zeichenfete im Garten machen; ihr verkniffener Mund, aus dem jede Wärme getilgt ist (ich zu ihr genauso). Nicht nur, dass nun wohl schon seit Monaten Sex überhaupt nicht mehr stattfindet. Darüber hinaus gibt es keine emotionale Gelöstheit, kein zu Hause mehr. Der Mensch braucht aber Momente mit einem anderen Menschen, in denen er ganz ohne rationale Steuerung sich geben kann. Vielleicht kann mancher dies in die Arbeit, in ein Werk packen, das sich vielleicht sogar aus dieser ungestillten Sehnsucht speist. Meine Lösung ist das letztlich nicht. (Auch um den Preis, dass mir letztlich F. entzogen wird, denn das wird die letzte Rache sein.) F. ist ganz besonders erfreut und lieb zu mir, als ahnte er, dass ein Ende mit dem Papa kommen wird.

Frühmorgens, auf Arbeit, R. kommt gerade zur Tür herein, erzählt sie gleich einen Sextraum, den sie mit mir hatte. Es ging Vieles durcheinander. A. schwirrte herum. Neger schwirrten herum, dann wieder in meinem Bürozimmer. Ich massiere ihr von hinten die Brüste, und wir sind darüber hinaus (besser: darunter hinaus) im schönsten Vollzuge als in der Wand eine Luke aufgeht und die Küchenhilfe der “Mutter“ hereinschaut, was uns aber nicht stört, fortzubumsen. Ja, nicht nur mir ist heiß.

# „Mutter“ war die Betreiberin der Imbissstube in unserem Bürogebäudet. #

 

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Nebenstehender Akt übrigens gefällt mir nicht so sehr. Natürlich ist er ganz schön aggressiv. Aber die betonte Handsprache ist mir zu geziert. Das Drumherum zeigt mir, in welch eigentlich „schwüler„ Atmosphäre auch fotografiert werden kann. Man muß (und kann) sich wirklich alles erlauben (wenn man bedenkt, dass dies ohne weiteres veröffentlicht wird.) Ich muß mich hüten, dass mein Aktinteresse nicht eine neue Art von Ersatzbefriedigung wird.

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25. Mai 1982 - Womacka-Ausstellung

Donnerstag, November 22nd, 2007



[…] Zum ersten Mal, so lang ich denken kann, sehe ich Spargel in manchen Schaufenstern, zum Kilopreis von 13,- bis 16,-M.

Erscheinung-Wesen-tieferes Wesen: Auf den ersten Blick erscheint Marita charmant, freundlich, von überströmender Herzlichkeit geradezu. Wesentlich ist ihr zwanghaftes, auf Sieg gerichtetes, Verhalten. Noch tiefer liegt ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, nach dem Geben und Nehmen tiefer Liebe.

Diese drei Ebenen sind in einem ziemlichen Spannungsverhältnis. Es herrscht aber die zweite Ebene (zumindest im Verhalten gegenüber Männern).

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L. träumte von zwei Kindern, die aneinandergekettet waren, an einer Haltestelle lagen und schliefen.

Die Womacka-Ausstellung verschlägt mir Naivling wieder mal die Sprache. - Zum Kotzen! # Vergl. meine Bemerkung vom Vortag. # b820525-2.jpg

Doch ist das ja nur die eine Seite. Die andere fast noch schlimmere ist seine offizielle Wertschätzung (von wem ausgehend?). Was kann man dazu sagen, ohne nur zu Schimpfen und seinen Widerwillen auszudrücken? „Gußeiserne Sensibilität“? Hohn ausdrücken! Die Vorbilder, die überall durchkommen (Picasso, Leger (?), Sitte, Modigliani, wer noch?) erspart es, diese Originale zu sehen, „Sternstunde realistischer Malerei“, bunt, bunt, bunt ist die Welt (Er kennt auch drohendes Schwarz, aber weiß, wohin es gehört.). Manche Bilder werden gleich doppelt gehängt. (Erika Steinführer - der Beifall ist gewiß, der Thematik wegen.) Bewegt sich erfolgreich auf allen Kunstmärkten (Sammlung Ludwig Aachen). Berliner Stadtlandschaften; ein Mann in allen Sätteln gerecht; kleine, ausgesucht gerahmte Kostbarkeiten (unter Glas). Tripticha - links Müll, Mitte Kampf, rechts ideale Perspektive (doch bei E. Steinführer nicht - also der geniale Neuerer). Kinder in Blumen - wer kann danach noch ruhig schlafen? Ein Mann, der sich nicht festlegen läßt > Chile-Grafiken - Köpfe im Netzwerk der Strahlen, der Diktator aber in gekrümmten Linien. Sittlichkeit - am Strand, Akte mit Höschen; frühe Zeichnungen beweisen: Am Anfang war auch hier Talent.

# Meine Abneigung gegen Womacka war nicht nur in dessen schlichter/schlechter Malerei begründet. Sie resultierte auch daraus, daß er eine der offiziellen Ikonen der Kunstpolitik war UND, daß er ein beträchtliches Maß von Popularität erreicht hatte, die ich immer als Volkstümlichkeit für den sozialistischen Spießer empfand. Wie ich bei Wikipedia las, habe er nach 1990 vermehrt „sozialkritische und politisch motivierte“ Werke geschaffen. Seine schöne DDR-Malerei finde ich auch heute noch sterbenslangweilig. Seine Werke nach 1990 möchte ich mal sehen. #

Im BE „Turandot“, b820525-1.jpg

danach habe ich das Gefühl, daß Brecht hier große Möglichkeiten verschenkt hat. Der Grundgedanke - der Abend dieser Art Vernunft - ist sehr bedeutend; aber im Ganzen, wie im Detail, reißt die „Realisierung“ dich nicht vom Stuhl. Vielleicht zu spät oder zu früh geschrieben dies Stück? Und außerdem des eigenen Könnens zu sehr bewußt?

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22. März 1982 - Traum

Montag, Oktober 1st, 2007


[…] Rückenschmerzen

[…] Dr. Wallat, der eine interessante Vorlesung hält, bringt Abbildungen von einer mozambiquanischen Ausgabe des „Kommunistischen Manifests“. Textauszüge, Bilder und Sprechblasen (mit volkstümlicher „Übersetzung“ des Originaltextes) der handelnden Personen. Die Bilder sind höchst originell und volkstümlich-deftig. Eine großartige Sache für Analphabeten und nicht nur für sie!
Alle im Lehrgang Mylau betrachten das interessiert. Aber mehr Ablehnung als Zustimmung, es ist alles so anders, nackte Frauen im „Kommunistischen Manifest“!

[…] Traum: Innerhalb der Stadt, in der ich wohnte, gab es ein hermetisch abgeriegeltes großes Viertel, mit großen düsteren Gebäuden. Dort wohnten die Yiahs oder Yähs (Swift, „Gullivers Reisen“?). Ich, unsereins, wurden dort als Arbeitssklaven gehalten. (Ich träumte keine Terrorszenen, war aber von ungeheurer Furcht erfüllt, Hintergrund Apartheid-Vorstellungen?) Im Laufe der Zeit arbeitete man sich (ich mich) durch diese Stadt hindurch, ging oder schlich auch abends durch menschenleere Straßen mit erleuchteten Schaufenstern einem verborgenen, unverschlossenen, großen, eisernen Tor zu, durch das man ins Freie gelangte. All das ging quälend langsam und war immer mit der Furcht verbunden, auf Bewohner zu stoßen, die einen willkürlich zurückjagen konnten. Die Klinke des eisernen Tores war sehr hoch angebracht, nur im Sprung zu erreichen. Ich schaffte es beim ersten mal und war frei. Und fand mich unmittelbar darauf in denselben Straßen wieder, auf demselben Weg. Diesmal gingen einige andere meinesgleichen vor mir. In unmittelbarer Nähe des Tores lungerten übrigens immer einige Yähs herum, die einen dort aber nicht mehr aufhielten. Mich verbeugend, ihre Blicke hinter mir her (Nur jetzt nichts falsch machen.), ging ich an ihnen vorbei. Das Tor fiel gerade ins Schloß. Ich sprang, aber völlig aussichtslos, die Klinke zu erreichen. Da kehrte der Kumpel vor mir zurück (Er war blond und blaß.) und machte die Tür von außen auf, und ich stand auf der Brücke, die in die Freiheit führte, hinter mir die finsteren Gebäudemassen.

[…] Was auf Dauer nicht geht: Gestern hab’ ich mich selbst sexuell ge- und entspannt. Ich kalkuliere, daß mir etwa ab Freitag wieder ein GV gut täte, deshalb schreibe ich heute eine Karte an Hegrü, um sie dafür zu öffnen (um nicht allzu rücksichtslos und bockartig bei ihr zu erscheinen). Ich berechne und plane also meine voraussichtliche Bedürfnisbefriedigung, obwohl das Bedürfnis noch gar nicht besteht. Eine solche „Befreiung“ besteht also darin, sich in einen ausgeklügelten Rahmen zu passen oder sich auf die Brutalität zu beschränken. Die wirkliche ganzmenschliche Liebesbefriedigung kann nur aus einem ganzmenschlichen Liebesverhältnis kommen.

Mir scheint, Erotik oder gar Sex kommen zur Wirklichkeit nicht nur, wenn sie sehr stark sind, sondern auch, wenn die anderen Persönlichkeitsbereiche ausreichend „abgearbeitet“ sind und ihn (den Sex) nicht mehr im spannungsvollem Gleichgewicht halten können.

[…] Heinrich Mann rühmte die Einsamkeit des Exils, nicht als Zustand der Verzweiflung, sondern als etwas Stärkendes, das sich dem feigen Rückzug in die Arme irgendeiner Gemeinschaft entgegenstellt, und dies gerade im Interesse der Massen, denn große Veränderungen werden auch von Einzelnen vorbereitet, die gerade tätig werden, indem sie sich leichten und verlogenen Lösungen verweigern. (nach Stefan Hermlin, „Sinn und Form“, 1/82, S.13)

04. März 1982

Donnerstag, August 30th, 2007

Traum: Ich und eine mir zufällig bekannt gewordene Frau schwimmen, paddeln im Wasser bei einer Dampferanlegestelle Die Heckteile mehrerer Schiffe und Boote sind uns zugewandt, so daß wir von 3, 4 verschiedenen Schiffsschrauben umgeben sind. Das Schiff, mit dem wir fahren wollen, soll bald starten. Bekannte sind schon drauf, wir machen keine Anstalten aus dem Wasser zu gehen und auch einzusteigen. Ich sage: „Bald geht es los, wir sollten uns etwas von den Schrauben entfernen.“ Dann fährt unser Schiff rückwärts (im Bogen) von der Anlegestelle ins offene Wasser. Ich kriege den Bug zu fassen und werde in sausender Fahrt mitgezogen, meinerseits habe ich die Frau an der Hand gefaßt. Dann stoppt der Kahn, groß wie ein Dampfer der Weißen Flotte. Ich höre den Kapitän sagen:“ Na, 80 Std/km hatten wir erreicht.“ Dann beginnt die langsame Fahrt vorwärts, und ich glaube, wir steigen ein. […]

Ein Beispiel, wie es in einem „geistig arbeitet“, ohne daß man dies bewußt tut: Am 23.2. hatte ich mit E. Lassow telefoniert,

Prof Dr. E. Lassow ein Bekannter, früherer Arbeitskollege an philosophischen Institut der Humboldt Universität zu Berlin

Termin ausgemacht für 10.3. zwecks Information über Arbeitsmöglichkeit für mich an der HUB. Damals schien mir nichts besonders mitteilenswert von diesem Gespräch. Er sagte (sinngemäß):“Unser Gespräch muß aber ganz unverbindlich sein. Ich kann Dir keinerlei Zusagen machen, Du kannst Dich nicht darauf berufen, und daraus können sich keine weiteren Aktivitäten ergeben.“

Der letzte Nebensatz ist es, der für mich zunehmend meine ganze Erwartung, Einstellung auf dieses Gespräch bestimmt, dieser Nebensatz in seiner peinlich übervorsichtigen Ablehnung möglicher Verbindlichkeit. […]

Man schaue sich Angelika G. an, Petra K., Petra H., auch Bernd Wagners Freundin (?). Wie eh und je ist ihr Dasein nicht erfüllt, wenn sie nicht ein Kind hervorgebracht haben. Die Weiber sollen (und wollen) gebären.Neu ist vielleicht, daß sie den Mann nur als „Initialzünder“ brauchen, dann nicht mehr (bzw. glauben sie es, bzw. geht es nicht anders) und daß sie (vielleicht deswegen) nur ein Kind haben wollen.

Daß das alles geht - ist es nicht Ausdruck des neuen Humanismus, der Toleranz und Freundlichkeit in unserer Gesellschaft? Und wohin wird sich solche Tendenz verlängern?

Bewegung ist absolut, auch im menschlichen Leben. Doch jeder Mensch braucht auch relative Ruhemomente. Ganz bewußt die Relativität der Ruhe (in jeder Hinsicht) leben! Für Viele ist jedes kleine Moment relativer Ruhe ein konsequentes, (teilweises) pflichtbewußtes Gestorbensein. (Daher der starre oder verbiesterte Gesichtsausdruck vieler Menschen. - Sie haben stets ein Ziel, Motiv, dem sie nachstreben und müssen dabei ständig über ärgerliche Hindernisse steigen.) […]

Habe ich ein Recht so viel Zeit für dieses Buch zu verwenden? B. Wagner erzählte, daß er zeitweilig nichts anderes tat, als ein immer ausgefeilteres Tagebuch zu schreiben (freilich mehr ein Sudelbuch nach Art von G. Chr. Lichtenberg).[…]

Frauen, die du gehabt hast, haften an dir und wecken das Interesse neuer Frauen, vielleicht sogar noch mehr als Interesse: Eine Lust, sich zu messen (mit deiner Vergangenheit). Freilich mußt du gern und froh die Aura der von dir geliebten oder zumindest gern besessenen Frauen tragen, darfst es nicht verdrängen. Dein bisheriger „Erfolg“ (Glück) gebiert neuen „Erfolg“ (Glück). Dass habe ich heute deutlich im Bus gespürt. Das Erlebnis, A. zu besitzen hat mir Mut und Reiz gegeben, die Aufmerksamkeit einer wirklich schönen (Ähnlichkeit mit Angelika Domröse), beherrschten, und befriedigten modernen Frau zu erregen, obwohl sie ursprünglich wirklich uninteressiert war.

 

02. März 1982 - Traum

Mittwoch, August 29th, 2007

Ein Lkw mit Rückkehrern (demobilisierten Soldaten) ist angekommen. Die Seitenbordwand wird heruntergelassen. Knisternde Stille bei den unten Wartenden, keiner rührt sich. Jemand ruft: „Nun nehmt (oder gebt) doch erstmal die Koffer runter.“ Ich bin der Kopf einer kurzen Transportschlange, die sich bildet. Dann kommt der erste Soldat, in olivgrünem, stinkendem Mantel. Ich laß ihn mir (der ich unten stehe) auf die Schultern gleiten. Er ist völlig willenlos (entfernt ähnlich dem, wie sich F. manchmal in mich ‘reinfallen läßt), gleichsam knochenlos. Im Moment, wo er auf meinen Schultern ruht, bricht brausender Jubel los.

[…]

 

27. Februar 1982 - Objektivierung durch Tagebuch

Mittwoch, August 22nd, 2007

Wohl den Menschen, die nach dem Aufwachen noch liegenbleiben und sinnen können, wie ich heute. Das heißt, das Gold zu bergen, das die Morgenstunde im Munde hat. Am Abend bis du ganz von Streben, vom Handeln, vom Ausgesetztsein des Tages zerfetzt. Am Morgen bist du in allen Teilen, besonders in deinen besten Teilen, die am schnellsten ermüden (dem Geist), hellwach, bist ganz.

Eine Menge Träume; wußte morgens keinen mehr. Doch ein Bruchstück fiel mir ein: Wir hatten Besuch (eine Legierung aus Bernhard Zmsyslony und Leifer) und von einem Dritten erfuhren wir, was er über uns gesagt hatte: „Bei ihnen wird nicht gesungen…..“

Mit Erstaunen stelle ich fest, daß „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, die ich gerade anfange, ziemlich erotisierend auf mich wirken. Dabei gibt es doch kaum äußerliche Anreize dafür. Ich denke immer entschiedener: Alles ist wert, erlebt zu werden. Freilich, manches wird man halten, bewahren (und „aufheben“), manches wird man hinter sich lassen. Ich kann auch das Miese, das mir anhaftet, nur dann hinter mir lassen, wenn ich es durchlebt habe. So muß ich mich auch in Zukunft dazu bekennen, wenn das Sexuelle sich bei mir verselbständigt. Bekennen heißt, es hier im Protokoll als Tatsache aufschreiben und es bedenken.

Aber sich sexuelle Wünsche einzugestehen heißt nicht gleichzeitig, sich jeden sexuellen Wunsch zu erfüllen. Es darf verantwortlich gehandelt werden. Natürlich heißt, seine sexuellen Wünsche kennen, auch, sie nicht in alle Ewigkeit (und eigentlich aus Schwäche) zu verdrängen.

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Durch das Protokoll wird vieles nur Empfundene, unterhalb der Begriffsschwelle Liegende objektiviert (Eigentlich objektiviert in diesem Sinne jeder Künstler.), wenn auch zunächst nur in Schrift- bzw. Sprachgestalt, aber diese liegt dann ebenso vor, wie die Äußerung eines Fremden.* Ich kann sie mir wieder aneignen, mich erneut und von anderer Seite bzw. „unvoreingenommen“ damit auseinandersetzen. Ich werde von solcher Objektivierung mehr bestimmt, angeregt, eventuell fixiert als von der flüchtigen Empfindung. In diesem Sinne wirkt das Buch wie ein Katalysator, der Empfindung, denken und Handeln näher zusammenbringt….

Dabei scheint es so zu sein, daß nicht schlechthin das Bewegende, sondern das problematisch Bewegende niedergeschrieben wird. Die Politik Reagans, die Ereignisse in Polen u.v.a. bewegen mich außerordentlich, aber sie sind in diesem Buch kaum zu spüren.

Interessant, daß ich hiermit die genannten Ereignisse nicht als „problematisch bewegend“ einordnete. Sie schienen mir zwar wichtig, aber waren nicht Anstoß zu tieferem Nachdenken. Ich glaubte, die richtigen Wertungen zu kennen. Weiterdenken war nicht angesagt.

 

Viele tiefe, handlungsbestimmende Gefühle können an dieser Art Protokoll nicht abgelesen werden, doch es wäre nicht richtig, sie deshalb zu leugnen. (Sie müssen aus Taten rekonstruiert werden? In der ersten glücklichen Zeit der Liebe z. B. habe ich gar nichts ins Tagebuch eingetragen.)

Ich glaube, das ist eine wichtige Frage jeglicher Tagebuchschreiberei: In welchem Verhältnis steht das Aufgeschriebene zum nicht Fixierten. Gerade weil im Protokoll so viel aufgeschrieben wird, verdient das Beschwiegene besondere Aufmerksamkeit.

 

 

* Dieselbe Rolle spielen die hier gesammelten Aktfotos. Sie täuschen (berechtigt) einen weiteren Schritt der Objektivierung vor. Dabei kommt, glaube ich, ein starkes pornographisches Moment hinein, obwohl die Bilder selbst ja leider nicht pornographisch sind. Aber ich trage es hinein, indem ich völlig willkürlich, völlig nach meinem subjektiven Ermessen (gedanklich) mit der im Bild gegebenen Frau verfahre. Ich bin von allen Tabus befreit, und sie ist mir völlig willenlos ausgeliefert. Das kann man mit gutem Recht als säuisch (tierisch) bezeichnen, da frei von sozialer Wertung. (Dabei kommt es in meinem Erleben nicht zu irgendwelchen Perversionen, zu keinen Handlungen, die dem Objekt Schaden zufügen, wohl aber zum (gedanklichen) Ausschöpfen aller nur möglichen sexuellen Genußweisen. Die Geneigtheit des Objekts wird nicht mitgedacht, sondern von vornherein unterstellt.)

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20. Februar 1982 - Untreue; Traum

Donnerstag, August 9th, 2007

Punkt 7.00 Uhr wache ich aus Träumen auf (erstmals Träume seit Wochen) und sehe sofort, daß L. noch nicht da ist (von ihrer Faschingsfete)….

Das Herz hämmerte mir nicht in dieser quasi Eifersuchtssituation, das registrierte ich; beim Waschen bemerkte ich aber, daß ich unter den Achseln einen dollen Schweißausbruch hatte.

Beim Frühstücken und dem Umgang mit den Kindern bin ich äußerlich ruhig, innerlich aber doch angespannt und bei kleinen Anlässen zum „aus der Haut fahren“ bereit….

Heute geträumt in der Nacht.
Zuerst irgendwie im Gespräch mit K.H. Sch.

K.H. Sch ist einer meiner ältesten Freunde.

Er will sich ein Sommerhaus am Baikal-See anlegen, ich bin interessiert, mitzumachen.
Danach ein Auto, ein Traktor mit irgendeinem Bodenbearbeitungsgerät, ein Mähdrescher. Am Traktor wird erst herumgebastelt, dann geht die Fahrt los. In einem weiten Bogen fahren das Auto, dann der Traktor vom Hof. Der Mähdrescher folgt. Der Fahrer nimmt mich zu sich hinauf. Bald fahren wir auf einem Feldweg. Aus voller Kehle singen wir das sowjetische Lied „Auf dem Weg“ („putj“).
Danach in Bulgarien. Ein hünenhafter Bulgare ist zuerst freundlich zu mir. Dann habe wir uns überworfen (wegen meiner Frau?). Wir stehen uns gegenüber. (Ich weiß inzwischen, daß er ein Gewaltverbrecher ist.) Freunde von ihm drumherum. Mit ausgestreckten Armen hebt er mich hoch, an meinen Schultern oder Armen, und hält mich in der Luft, ich trete ziemlich wirkungslos gegen seine Arme und seine Brust, einer seiner Freunde mischt sich ein, obwohl ich ziemlich wehrlos bin. Irgendeinen Arm versuche ich zu hebeln. Zuletzt gebe ich dem Hünen mit meinem schweren Schuh einen furchtbaren Tritt an den Hals (zuerst hatte ich gezögert, das zu tun), Er fällt und alle stieben davon. Wir flüchten (auch L.) zu einer Grenzstation, In weinroten Kostümen kommen uns einige Beamte (Frauen) entgegen. Erleichtert höre ich: „Sie sind jetzt auf sowjetischem Gebiet.“

2. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 29th, 2007
Es ist gleich 9 Uhr, eben gefrühstückt, in Antonowo, wo ich Zwischenstation mache, hoffentlich nicht festsitze. Denn gegen 11 oder 12 Uhr soll ein Bus aus Omurtag nach Weliko Tarnowo fahren, und mit dem ist erstmal mitzukommen. Habe mich entschlossen über W. Tarnowo ins Balkangebirge zu starten, denn sowohl das Wetter als auch meine Geschenklast verlocken nicht dazu, sich in große Abenteuer in der Wildnis zu stürzen.
Vorhin herzlicher Abschied von der ganzen Familie. Ismets Eltern sind bescheidene, herzliche Leute. Wir sollen alle, ganze Familie, für länger zu Besuch kommen.
Gestern noch fröhlicher Abend bei Kobrinka und Stefan, nachdem vorher bei Achmed reingeschaut. (Achmeds Schwester Emine, die immer im flotten roten Trainingsanzug rumläuft – sie trainiert 400m Leichtathletik – setzt sich ungehemmt an den Tisch der Männer und kriegt und trinkt auch ihr Gläschen Rakija.) Achmeds Vater, der auch noch dazu kommt, fragt, ob ich ihn wiedererkenne. „Nein“. Er sagt, ihn habe ich zuerst gefragt, bei meiner Ankunft im Dorf vor zwei Tagen, wo Ismet Kadirow wohne. Ich erinnere mich. Er hatte es mir nicht gesagt. Ich: Wenn er mir den Weg gezeigt hätte, hätte ich ihn sicher wieder erkannt. Dies Verhalten charakterisiert diese ganze Familie. Sie scheinen abwartend, beobachtend, ehrgeizig zu sein.
Bei Kobrinka (Stoitschews), wie gesagt, war es sehr fröhlich. Ihr Mann ist eine besondere Type, wie überhaupt die ganze Familie interessante Leute sind. Sie ist Russischlehrerin, er Kraftfahrer. Zwetomir („Blüte“) besucht die 6. Klasse. So wie er heißt, sieht er auch aus und ist der Stolz der Eltern.
Zwetomir
Er bastelt gern Modelle. Sie haben zwei Zimmer, leben also nicht so beengt, wie fast alle anderen Leute hier. Sie tanzen gerne. Der Plattenspieler spielte griechische Lieder. Den Raki destillieren sie selbst (aus Pflaumen), was seit 2 Jahren erlaubt ist. Bienenhonig haben sie auch selber. Was Kobrinka kocht, schmeckt gut, z. B. Würstchen mit Schafskäse überbacken, Reis sehr schmackhaft.
Das Rezept für Reiswein interessiert sie, wie schon Stefan und Drenka.
Stefan Stoitschew trinkt gerne, reichlich und ohne dazu etwas zu essen (was unüblich ist). Er ist lustig, verschmitzt, männlich – “spokoini” - („In der Ruhe liegt die Kraft.“), interessanter aber passender Gegensatz zu Kobrinka.
Wir saßen gemeinsam mit dem jungen Kadir, Salim und Ismigül, von 19.30 Uhr bis nach 23 Uhr zusammen. Das ist viel, nach 22 Uhr ist schon außergewöhnlich.
Im allgemeinen verstehen sie, ein Ende zu finden, beim Trinken ebenso wie beim Feiern. Das hängt mit der Ungezwungenheit ihrer Geselligkeit zusammen, diese läßt sie spüren, wann es genug ist. Sie fühlen sich nicht verpflichtet, Müdigkeit zu überspielen. Im Gespräch wirken Salim (29) und Stefan (Ende 30) wie Vater und Sohn. Stefan ist mehr Persönlichkeit.
Spekulation:
Vielleicht sind die Türken, eben auch die Männer, überhaupt weniger Persönlichkeit, weil eben das weibliche Ferment viel zu sehr in seine dienende Rolle gedrängt und darauf beschränkt ist. Auch hier wäre demnach die Befreiung der Frau auch die wirkliche Befreiung des Mannes. Möglich, daß die jungen Leute (Emine) hier ein Stück weitergehen. Jedenfalls erzählt man, daß sie schon frühzeitig (mit 14, 15 Jahren) anfangen zu rauchen und zu trinken.
Soviel von Slawjanowo.
Ich fühle mich, nachdem ich hier seit einer Stunde ruhig sitze, doch recht abgespannt. Eine lange ruhige Nacht bestens Schlafes täte mir gut.
Leider dauernd leichte Zahnschmerzen und wüste träume in der Nacht:
Ich kriege einen Telefonanruf von einem Igor…., meine Frau sei tot, zerrissen worden, es habe in der Zeitung gestanden, sie sei mit einem Moto-Cross-Fahrer zusammengeraten, es war wohl eher ein Unfall. Ich brülle auf. Im Laufe meiner Schmerzbekundungen wird mir bewußt, daß nicht von L., sondern von Christel (meine geschiedene Ehefrau) die Rede ist. Ich brülle nicht mehr, obwohl ein Kummergefühl bleibt, in diesem Moment aufgewacht, mein erster Gedanke: Was wird nun mit den Kindern? Dann schlafe ich wieder ein und komme in mein Zimmer, irgendwelche Trauervorbereitungen zu treffen, als ich sehe, daß dort etliche Maurer am Werk sind, die Wände aufstemmen, weil sie neue elektrische Leitungen verlegen wollen….
Jetzt geht es auf 10 Uhr. Ich werde mich nach draußen zum Busbahnhof begeben, wo es ungemütlich kalt ist, und ein oder zwei Stunden auf den Bus warten.
Noch kann ich mich entscheiden, nach links – Weliko Tarnowo oder nach rechts – Omurtag, Kotel.
Abends (noch 2.10.):
Die Entscheidung lautete Gorna Orjachowitsa. Diesen Bus hatte mir die Fahrkartenverkäuferin empfohlen, weil dieser Ort nahe W. Tarnowo liegt. Das war nach zwei Stunden Warten in lausiger Kälte (den Pullover rauszukramen, war ich zu lustlos), draußen strömender Regen den ganzen Vormittag. Im Warteraum nur Türken und Zigeuner, Männer, Frauen, Kinder. Mir gegenüber zurückhaltend, die wenigen Worte aber, die wir wechseln, drücken Freundliches und Hilfsbereitschaft aus. Das war eine Menschengalerie, wie man sie bei uns einfach nicht zu sehen kriegt.
Gorna Orjachowitsa ist übrigens die Bahnstation, wo einst, am Montag (es kommt mir vor, wie eine Woche zurück) der Bulgare mit dem Dudelsack einstieg. Es ist die 2. Station vor Popowo.
Im Bus hierher reifte mein Entschluß, die Bergtouren bei diesem Wetter abzublasen. Gegen Kälte könnte ich mich ja noch schützen, gegen Dauerregen aber nicht, und selbst, wenn er aufhört, ist ja von unten alles naß. Und auch das Gewicht macht doch etliche Rasten erforderlich, bei denen man sich einfach ins Gras haut. Also Urlaub verkürzen, denn auch das Meer reizt jetzt natürlich nicht. Wenn ich aber sowieso versuchen muß, einen anderen Rückflug zu kriegen, dann kann ich das auch in Warna versuchen, das ich jetzt viel leichter erreichen kann als Burgas.
Daher sitze ich jetzt im Hotel von Gorna Orch. (diesselbe Atmosphäre wie einst im Hotel von Smoljan) um morgen mit der “Wljak” (Eisenbahn) nach Warna zu fahren.
Heute nachmittag Abstecher nach W. Tarnowo (jede Viertelstunde fährt ein Bus), Eindruck vom Städtchen gekriegt.
Zum ersten Mal auch ein paar Bulgarinnen gesehen, die rundum hübsch waren. (Bisher war der größte sexuelle Eindruck dieser Reise eine große Frau mit schönen Brüsten, die sie frei unter ihrem Pullover trug – an der Weißenseer Spitze in Berlin.)
Reichlich 10 Lewa kostet das Zimmer, mit Zuschlägen und Frühstück 13 Lewa. Jetzt ist es gleich 19 Uhr und ich haue mich zum Schlafen hin.
				

30. September 1980 (Bulgarienreise)

Mittwoch, April 25th, 2007
Die Nacht im Zelt war eigentlich ganz erträglich. Bin zwar oftmals aufgewacht, aber wegen Härte der Unterlage, nicht wegen Kühle.
Jetzt ist es 8 Uhr, und ich fühle mich ganz gut ausgeschlafen.
Der Himmel ist leider durchgehend bedeckt, und einen Nieselschauer hat es auch schon gegeben.
Ich lasse mir hier Zeit und gehe nachher rüber nach Slawjanowo, von wo Geräusche der Arbeit herüberschallen.Gestern im Zug stieg übrigens noch ein alter Bulgare in Nationaltracht zu, hünenhaft, den Dudelsack unter dem Arm und fing gleich zu spielen an. Das wäre was für L.s Malerauge gewesen! Auch die Reaktionen der Passagiere: der Zigeuner, der Polizist, die dicke alte Frau, die dünne alte Frau, das lesende Mädchen u. Andere! 

Soviel bis jetzt. Es nieselt wieder. Ich bummle, sehe gerade Leute zur Feldarbeit gehen, und gleich gibts Frühstück. (Nächster Kauf ein Blechteller.)

Heute Nacht war ich übrigens in einem Antiquitätengeschäft, und die Verkäuferin überzeugte mich, unter Aufbietung vieler Freundlichkeiten und Zärtlichkeiten, ein gläsernes Schälchen und zwei Weingläser zu kaufen. Zusammen mit einem Buch gab das eine Rechnung von 70 Mark.