Archive for the ‘zu diesem Tagebuch’ Category

22. November 1989 – erster Besuch in Westberlin

Sonntag, November 22nd, 2009

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Heute war die Arbeit ausgesprochen schwer. Auch A. und R. sagen, daß sie schwer arbeiten. # Auch meine Kolleginnen A. und R. leisteten irgendwo “sozialistische Hilfe”. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo sie eingesetzt waren. #

Wegen der Schwere entschloß ich mich, nicht zum Kreisausschuß der Nationalen Front zu gehen. Vernünftige Gespräche mit den Kollegen auf Arbeit.

Hab’ übrigens gestern die Aktivitätsklasse “1.17 A5″ eingeführt, für (schwere) körperliche Arbeit. Desgleichen “1.14 Sq” – Ausdruck für sinnloses Warten. Sq – “Bedürfniskomplex” Sinnlosigkeit.

# Hier ausnahmsweise einmal ein Hinweis auf meine laufende statistische Erfassung von Zeit- und Geldaufwendungen für Aktivitäten und Bedürfnisse. Diese lief kontinuierlich neben dem Tagebuchschreiben einher. Wie früher bereits erwähnt, habe ich die Auswertung dieser Daten “auf Eis gelegt”. #

In der Kaufhalle hängt unsere WBA-Information nicht. Kiwitz # der Kaufhallenleiter # sagt, daß es bei seinen Kollegen dazu “einen Proteststurm” gegeben habe. Ich dränge. Sie wollen unsere Information zusammen mit einer Stellungnahme von ihnen aufhängen – bis zum Wochenende.

# Gestern in Westberlin:#  Einen Falt-Taschenplan von Berlin habe ich nicht bekommen – ausverkauft. Nähe Chausseestr.-Übergang falle ich unvermutet in einen Sex-Shop. Ja, das ist die kapitalistische Freiheit, die Befreiung des Einzelnen ohne Würde des Menschen. 

Wenn der Sozialismus die Freiheit des Einzelnen mit der menschlichen Würde verbinden könnte!

Mit mehr Freude sehe ich mir einige erotische Zeitschriften bzw. Herrenmagazine an. Jedoch, die Substanz dieser Freiheit bleibt ärmlich. Auf dem Rückweg in der Bernauer Str. an einem Haus:

Die Freiheit, die sie meinen, ist die der Deutschen Bank. DDR-ler lasst euch nicht kaufen.“

Tief beeindruckend – der Blick von einer Aussichtsplattform über die Mauer in den Osten. Das ist das entlarvendste Bild von uns, das wir ihnen seit Jahren geliefert haben. (Der stalinistische Sozialismus hat den Imperialismus stabilisiert.)

31. März 1989 – Verhaltenstraining

Mittwoch, Mai 13th, 2009

Freitag 15 Uhr. Eine Woche mit Verhaltenstraining geht zu Ende. Ich bin tatsächlich seit Freitag vergangener Woche nicht zu einer einzigen inhaltlichen Eintragung gekommen, habe gerade so mit Mühe die Statistik weitergeführt..

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 # Beleg von einer Einkehr mit C. im Szenerestaurant "Mutter Hoppe" des neuen Rathausviertels. Am Rande sichtbar die Eintragung von Geldausgaben, bestimmten Bedürfniskomplexen (bzw. ihren Kurzzeichen) zugeordnet. Die statistische Auswertung der Aufzeichnung der Kosten- und der Zeitstruktur meines Lebens unter Nutzung des PC beschäftigte mich damals viel. Da ich später diese Auswertungen abgebrochen habe, lasse ich bei der gegenwärtigen Wiedergabe des Tagebuchs alle demensprechenden Eintragungen weg. Die statistischen Urbelege existieren, vielleicht nehme ich sie ja noch einmal vor - im nächsten Leben.

Die Bedeutng des Verhaltenstrainings  in meiner Arbeit ist an etlichen Stellen des Tagebuchs ausgeführt, die hier mittels Suchfunktion leicht zu finden sind. #

21. Februar 1989 – angespannt

Mittwoch, März 11th, 2009


angespannte Tage (Gesundheit), Auseinandersetzungen um die Kollektivarbeit. Ich komme kaum dazu, die Statistik auf dem Laufenden zu halten, vom Protokoll ganz zu schweigen. Lehrgangsarbeit, WBA, APO. Grippe von C. und mir, Schwellung an ihrem Hals (operationsbedingt?). Bestes Verhältnis von uns beiden. Heute Abend WBA zum Wohngebietsfest.

4.1.2009 – 4.1.2009 – 4.1.2009 – ein Zeitsprung

Sonntag, Januar 4th, 2009

# Wir schreiben den 4. Januar 2009, und ich unterbereche die Wiedergabe meiner Tagebücher von 1982.

Ich setze in diesem Jahr mein Prinzip außer Kraft, meine Tagebücher in der chronologischen Reihenfolge hier online zu stellen und springe jetzt zum 1. Januar 1989.

Wie überall angekündigt wird, soll 2009 das Jahr des großen Gedenkens an die Zeit vor 20 Jahren werden. “Die friedliche Revolution der Ostdeutschen” hat ein rundes Jubiläum.

Seit Jahren werden massive Anstrengungen unternommen und gefördert, die Erinnerung an die DDR auszulöschen bzw. den Maßgaben der herrschenden Ideologie anzupassen. Dabei wird nicht nur die so notwendige kritisch-produktive Auseinandersetzung mit dem, was die DDR war, auf’s Gröbste behindert. Es wird die DDR zu einem einzigen “Nichtlebensland” umgedeutet.

In dieser Situation möchte ich nicht schweigen.

Die geschichtswissenschaftliche Abhandlung ist meine Sache nicht. Was ich an ideologischer Polemik aktuell äußern möchte, findet sich weiterhin im opablog. Was ich zur Erinnerung an das Jahr 1989 beitragen kann, ist einfach, den Spiegel meines damaligen Lebens herzuzeigen.

Den Kampf mit denen, die mir heute erzählen, was war und was nicht, möchte ich mir restlos ersparen. Was ich berichte ist die Wahrheit meines damaligen Lebens. Dafür bürge ich und benötige ich keinerlei Erlaubnis.

Ich hatte meine Tagebücher von damals seitdem so gut wie nie angesehen. Ich weiß heute, daß manches, was ich wiedergebe, mir heute eine Zumutung ist.  Viel Bitterböses, wie es das Leben eben so will. Auf manches bin ich ein wenig stolz.

Kaum Stoff für hochnotpeinliche Gerichtsverhandlungen und Urteile aber reichlich Stoff, wie ich finde, nachzudenken und sich in Bescheidenheit zu üben. #

28. Oktober 1982 – zwei Arten Orgasmus

Sonntag, Januar 4th, 2009

Hörspiel Günter Rücker “Einer Reise zusehen”

Lesen: “Temperamente” 2/82 Report “Kutscher und Solotänzer” (Hanusch), “Deutsche Zeitschrift für Philosophie” 9/82, Geerdts über Goethe 74-96)

Nach dem Hörspiel von Rücker: Kunst darf es, schafft es, uns innerst anzuregen, spricht uns aus dem Herzen. Darf, kann Wissenschaft das heute nicht mehr, speziell die Philosophie?

Es gibt Zeiten, wo Gedanken für dies Tagebuch geradezu sprudeln, Gedankenknäuel würgen sich hervor. Es wäre gut, dazu Näheres mitzuteilen. Doch dazu nachher. Jetzt erstmal das Knäuel zu Tage gebracht:

Das Sinken meines sexuellen Begehrens Heidruns geht einher mit einem (noch schwachen) Aufflackern meines Aktinteresses. [...]

Davon ausgehend wurde ich zum Nachdenken, eigentlich nur Staunen, über mich angeregt: Mit welcher Gier betrachte ich meist Aktfotos. [...] Wobei die Gier das eindeutige Ziel hat, das weibliche Geschlechtsteil in den vielfältigsten Darbietungen oder Verstecknissen zu erspähen. Was hab’ ich nur davon? Da hast du eine Viertelstunde lang, meinetwegen auch eine halbe Stunde, dies Teil nach Herzenslust ausgekaut (wobei Geschäftigkeit waltet, Bemühtheit aber nicht Erschütterung). Und nun?

Der Stier stößt nach dem roten Tuch, in Wirklichkeit aber in die Luft.

Mephisto lässt die Studenten in Auerbachs Keller begehrlich zugreifen, der Zauber entgleitet, Nasen und Ohren haben sie gepackt.

Diese Entzauberung (meine, nicht die der Studenten) wird durch die Triebbefriedigung vermittelt. Also: Ich bin vor dem Geschlechtsverkehr ein anderer Mensch als nachher. Mein ganzes Empfinden ist geändert (aus physiologische Ursachen). Mein ganzes?

Es gibt auch einen anderen Erlebnisablauf. [...]

Der sexuelle Ablauf entsprach dem oben erwähnten (und war durchaus momentan relativ verselbständigt), jedoch war er eingebettet in einen “Orgasmus des Menschlichen, Psychischen, Sozialen”. Ich war von Gier auf diesen Menschen, diese Persönlichkeit erfüllt und schleuderte mich selbst als ganze Persönlichkeit in sie hinein. Mir entriss sich Samenflüssigkeit, und dies gab die bekannten elementaren Emotionen ; doch dieser Vorgang verschmolz mit einem anderen. Er war nur das Pferd, der andere der (spornende) Reiter. Es war zugleich mein menschlich Innerstes, Keimhaftes, Zartestes, Zukünftigstes, das sich mir entriss, also verschenkt wurde (und gleicherweise von mir empfangen wurde).

Dieses Erlebnis war Seligkeit [...], und dies Erlebnis zerstörte keinen Zauber, sondern machte ihn eigentlich ganz wirklich. (All das ist etwas Besonderes, nicht beliebig reproduzierbar, obwohl es sicher viele Menschen irgendwann mal erleben. Hoffentlich machen sie es sich bewußt.) Das menschliche Erlebnis ist nur maximal als zugleich physischer Vorgang. Die Physis drängt, soweit geschlechtlich, rhythmisch auf Betätigung, gleichgültig ob all die anderen Bedingungen für solch Gipfelerlebnis erfüllt sind oder nicht. Sind sie es nicht, so gaukeln die Reflexe Erinnerungen als Erwartungen vor, und schon kommt es dazu, daß ich vom Reiben des Schwanzes ein Paradies erwarte.

Übrigens, wenn menschliche Beziehungen als physische maximal sind, so ist zu fragen, welches die physische Gestalt von Freundschaftsbeziehungen sein kann.

Wenn dies alles so halbwegs durchdacht, was also tun?

Natürlich offen sein für die Menschen, für die Liebe. Jedoch solange sie nicht kommt? Die Verzauberung nicht schmähen! Die Entzauberungen durchleben! So wie der Schmied das Eisen immer wieder in die Glut legt, dann ihm einige Schläge versetzt, dann wieder in die Glut usf., viele Male wiederholt, bis dem plumpen Kloben seine Schlacken herausgedroschen sind und Festigkeit, Leichtigkeit, vielleicht sogar edle Form erreicht sind (manchmal zerbricht ein halbfertiges Stück).

30. September 1982 – „Wohin soll das noch führen?“

Montag, Mai 19th, 2008

6 Zimmerkumpel, 1 Neuer. Er ist Syrer.

[...]

Hören: (Kopfhörer): Mahler, 8. Sinfonie,

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Gymnastik, Blutzucker

[...]

Reportage in der „für dich“ über Wanderimker.

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Wenn ich Rentner bin (und noch rüstig) werde ich Wanderimker. Daran ist mehr als ein Gramm Ernst. Dann schreibe ich das Buch meines Lebens, besser: Ich stelle es fertig, denn schon heute schreibe ich daran. Sein Thema ist die Einheit von Wissenschaft und Kunst, von Prosa und Poesie im Leben. [...]

Wanderimker

Dieter Stiegemann, bei seinem Besuch am 27.9. sagte mir, wie ihn (und auch Siegfried Both) der Mißbrauch, den der Chef mit „Tulli“ treibt, befremdet.

# Dieter St. und Siegfried B. sind die Ehemänner meiner Arbeitskolleginnen. “Tulli” wurde unser Kraftfahrer genannt. Ein eigener Kraftfahrer war in unserer kleinen Einrichtung überhaupt nicht nötig, zumal unser Chef zugleich noch als sogenannter “Selbstfahrer”seinen persönlichen Dienst-Pkw hatte. Die Ausstattung der Dienststelle hatte das Prestige des Chefs zum Ausdruck zu bringen. Der zeitweilige besondere Mißbrauch “Tullis” bestand darin, daß der Chef als er sein Wohnhaus baute, ihn schrankenlos für sich persönlich als Arbeitskraft einsetzte. #

Es ist überall so, sage ich. Er fragt mich: „Wohin soll das noch führen?“ Ich weiß keine Antwort. Ich sage es und: „Nach Polen“. Ich fühle mich mitschuldig und hilflos. [...]

Eine Fastergruppe sammelt sich, „organisiert“ sich (findet Regeln und hält sie ein) und löst sich wieder auf, zerflattert – wie jede Vereinigung von Menschen.

# Oft beinhalten meine Tagebucheintragungen ja tägliches zufälliges Einerlei. (Manchmal frage ich mich, ob ich das wirklich alles abschreiben und veröffentlichen soll.) Manchmal aber, so heute, bin ich doch erstaunt, welch klarer “Subtext” da zu lesen ist – Die allgegenwärtige kleinbürgerliche Schändlichkeit des Systems, die Schwierigkeit und Feigheit dagegen etwas zu unternehmen, meine Realitätsflucht (Wanderimker), das “Lebensthema” Wissenschaft und Kunst, also Wahrheit und Schönheit, eine Perspektive , die zugleich Möglichkeit und Selbstbetrug war. #

23. September 1982 – wieder bei Hebbel

Samstag, April 12th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Velomed, Blutabnahme; Gewicht 74,3 kg, Blutdruck 125/75

[...] Lesen: Eule, Berliner, horizont, BZA # „Berliner Zeitung am Abend“ #

Hebbel, Tagebücher 1 Und 2, Jean Paul, „Schulmeisterlein Wuz“

[...] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Beatkiste, gute Sachen dabei: Puhdys „Jahreszeiten“ (6. Platz)

Raggy play („Floßfahrt“), Karussel „Mein Bruder Blues“ (5. Platz), NO55 „Geburt“ (4. Platz), Stern Meißen „In derselben Bahn“ (3. Platz), Berluc „Öffne ich mein Fenster“ (2. Platz), Rockhaus „Bonbons und Schokolade“ (1. Platz); engl. Folk. [...]

Wir leiden unter den Belastungen, die Wissenschaft und Technik mit sich bringen. Doch vor der reaktionären Romantik Vorsicht! Welchen Reichtum haben diese Kräfte hervorgebracht, Reichtum der Lebensbedingungen der Massen! Hebbel schildert die Armut in seiner Kindheit und was sie physisch und psychisch bedeutete. Aber auch Jean Paul. Oder Zille, Kollwitz, und letztere lebten vor weniger als 100 Jahren.

Hebbel-Auszüge. Ich setze mit dem Jahr 1838 ein (Bd. I S. 126):

Aus der Menschenwelt geht zuweilen als Menschenwirkung ohne erfaßbare Ursache etwas Geheimnisvolles hervor; dies ängstigt den Geist am meisten.“ (S126) (Gorki („Klim Samgin“) ist, soweit es um soziale, revolutionäre Wirkungen geht, ein Meister in der künstlerischen Darstellung solcher Situationen. Ängstigt sich nicht vornehmlich der Geist des isolierten, bürgerlichen Intellektuellen?) Lenin (Gorki) ist der solchen Menschenwirkungen zutiefst zugetane Geist.

Nur schärfstes Trennen führt weiter zur Erkenntnis, und die zur Bewältigung.“ (S. 128) (Dieser Nutzen der „schärfsten Trennung“ gilt nicht nur für die Erkenntnis. Jede (?) Steigerung, Kräftigung setzt anders schärfste Trennung voraus.)

Wir besitzen auch in geistiger Hinsicht immer nur auf einige Zeit. Dies gilt von Einsicht, wie von Kraft.“ (S. 130) (Dies Bewußtsein der Flüchtigkeit der Zeit und aller unserer Äußerungen in der Zeit ist so wichtig und keineswegs selbstverständlich, besonders nicht für die Jugend.)

Diejenigen Menschen, die sich auf demselben Weg befinden, aber in verschiedenen Stadien, sind am weitesten auseinander.“ (S. 132) Das ist z. T. wahr und z. T. Schein: Ja, sind weit auseinander, weil eine Notwendigkeit (ihr gemeinsamer Weg) sie trennt. Diese kann nicht einfach beiseite gewischt werden. Aber es ist dies doch letztlich eine besondere und enge Form der Verbindung (die berücksichtigt werden muß, will ich die Einheit beider schaffen).

Hebbel hält die Vergangenheit für die Zeit der bedeutenden Einzelnen, während sich heute die Masse geltend mache. (S. 134) Natürlich sagt der Marxismus-Leninismus viel und Tieferes über Masse und Persönlichkeit in der Geschichte aber dennoch finde ich hier ein entscheidendes Kriterium des Fortschritts, ein Charakteristikum einer ganzen geschichtlichen Übergangsepoche, in der wir stehen (seit Beginn des Kapitalismus und endend mit einem relativ ausgebildeten Kommunismus). Die neue Qualität in der Rolle der Masse!

Ob es wohl 6000-jährige Irrtümer gibt, ich meine solche, zu denen alle, auch die größten Geister Gevatter gestanden haben?“ (S. 135) Das ist ein Gedanke, so originell, daß ich dazu meinen Senf nicht geben mag, ebenso der folgende: (S. 136)

Es ist die Frage, ob wir jemals eine ganz neue Wahrheit erfahren werden, eine solche, von der wir nicht von Anfang an schon eine Ahnung gehabt hätten, ja, es ist fast unzweifelhaft, daß dies nicht geschehen wird, eben weil es nicht geschehen kann, da ohne den vollständigsten Kreis aller Wahrheiten die menschliche Existenz, die durchaus eine solche Atmosphäre verlangt, gar nicht denkbar ist.“ 

(In einer Hinsicht wußte der erste Mensch genauso viel, wie wir heute. Dieser Tatbestand ist die eine Hälfte dessen, was wir Fortschritt nennen. Obwohl der „Fortschritt“ selbst, wie schon der Name sagt, als seine andere Hälfte verstanden werden will. Der Fortschritt mystifiziert so sich selbst, obwohl doch eigentlich auf der Hand liegt, daß es einen Fortschritt nur bezogen auf einen Fortbestand geben kann.)

Immer wieder gibt es Goldkörner bei Hebbel: Philosophie ist eine höhere Pathologie.“ (S. 157)

 Doch auch Hebbels Tagebuch ist ein Buch seines geistigen Lebens (wobei er die Beziehung des Geistes zur Sinnlichkeit durchaus erwähnt, reflektiert). Mir schwebt vor, das Tagebuch zunehmend auch zum Protokoll des somatischen Lebens und seiner Wechselbeziehung zum geistigen L. zu machen (obwohl dabei noch keine Systematik oder gar Tiefe erreichbar).

11. September 1982 – Fernsehen, Literatur, Kunst

Mittwoch, März 5th, 2008

[...] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel;

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – BZ, BZA, Eule, Magazin

Dante, “Göttliche Komödie” I, Hegel, „Logik“, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[...] Reden mit den Mitpatienten: Thema Straßenbahn, Nahverkehr,

[...] Immer noch rasche Wechsel der Befindlichkeit. Eben ganz schmerzfrei, locker (sofort das schlechte Gewissen), 20 min später (nach Abendessen, kleiner Wäsche) kräftiges Brennen

[...] Erstaunlich, wieviel Werbung die Menschen (meine Mitmenschen hier) hören und sehen! Ebenso, wie gering das Interesse für Sport allgemein und für DDR-Sport im besonderen ist!

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Seit einigen Tagen ist ein Fernseher im Zimmer. Aus zu großer Entfernung (die im anderen Sinne gerade die richtige ist), sehe ich auf das Geflimmer und den Kreis von Menschen, der sich jenem aussetzt. Die Urmenschen, die ins Lagerfeuer stierten, haben Lebendigeres geschaut. 10-mal gekochtes, getrocknetes, konserviertes, dann wieder elektrisiertes Leben wird da vorgeführt und hemmungslos inhaliert (Mir fällt wirklich kein anderes Wort ein, um die dabei zu beobachtende Teilnahmslosigkeit wiederzugeben („Angeeignet“, „Aufgenommen“ drückt viel zu viel eigene Aktivität aus.) Tote, die auf Totes stieren!

Jedoch:Wie viel Lebendiges trotz allem im täglichen Umgang, in Worten, Gesten, Scherzen, Melodiefetzen – Lebendiges, das sich sogleich wieder mit Erstarrtem, Verkrustetem mischt bzw. mit bestimmten verfestigten Elementen (Jargon z. B., Fetzen aus der Werbung) jongliert.

Summa summarum bin ich ebenso abgestoßen, wie fasziniert, bin kaum bereit und fähig, darüber in Metasprache zu sinnieren, wohl aber komme ich zu einer Art Metaverhalten: angepaßt zwar, weil fast nie protestierend (und das mit Absicht), alles hörend und wenig sprechend, jedoch die Menschen in wenigen („gewissen“) Augenblicken als Menschen ansprechend (also die Schicht des Üblichen durchstoßend). Dies besonders aber bei Frauen (Grit, Monika, „Rudi“, möglichst Evi).

Die „wahren Geschichten aller Ardt“ von Strittmatter gekauft, durchstreift, wieder verkauft an „Rudi“, nein, ihr geschenkt. Viel braucht man dazu nicht zu sagen. Immer läßt sich ein bißchen bei ihm finden: Erleben, Denken, Poesie, Galligkeit. Dafür Dank! Doch auch ‘ne Menge Eitelkeit, Lausitzer Knickrigkeit, die mir das Gefühl gibt, über diese Seite seines Wesens hinaus zu sein. Es trügt, zu glauben, er sei ein so Großer, daß noch sein Abfall bedeutend sei; von Souffleuse Eva zu schweigen. Ihr Nachwort ist ein einziger Kotz.

Wenn ich nun einen Schritt zurücktrete von dieser Lektüre, so erhebt sich neu die Frage: Wohin schreibe ich mit meinem Tagebuch? Diese Frage ist nicht beantwortet. Es eilt auch nicht damit. Aber sie muß bewußt bleiben. Was aufschreiben? Wie aufschreiben? (Was ich aufschreibe ist oftmals – wortreich/geschwätzig, ungeformt (unschön), ich-vordergründig. Es spart manches Üble nicht aus (was andere Tagebuchschreiber machen). Erlebnisse, Sinn paart sich mit (möglicher) systematischer Zeitanalyse. Es sind, so hoffe ich, auch Körnchen Originelles dabei. (Im Magazin 9/82, St. Kurella: „isolierte Graphomanen“)

Triumphieren darf ich (doch das klingt wie Fußballsieg), selig, glücklich darf ich sein, daß der Stern des Dante nun auch für mich aufgegangen ist: Welch ein Bild, um das zögernde Voranschreiten einer Schar schamhaft beglückter Geister auszudrücken („ausdrücken“ – wie häßlich meine Sprache ist):
So wie die Schäflein aus der Hürde kommen

zu zweien oder drein, indes die andren

furchtsam so Aug’ als Schnauze niedersenken,

und was das erste tut, das tun die andren;

einfach und still und das Warum nicht wissend,

stehn sie ihm angedrängt, sobald es stehnbleibt.“

(„Fegefeuer“, 3. Gesang)

Doch wozu schreibe ich das heraus? Mein Lesen ist ein einzig Wandern von Schönheit zu Schönheit, zu hoher menschlicher Schönheit! Das heißt zu der Schönheit, die mit dem Guten eins ist. Wie dumm und in unseren Zeitwidersprüchen befangen sind alle Meinungen, die Schönheit von Güte, Ästhetik von Ethik, Kunst vom sozialen Kampf, von Politik trennen wollen! Ich wußte das immer. Doch welch eine Bestätigung sind die Jahrtausendwerke der Menschheit, zu denen ich mich hinaufarbeite. (Man lächle über meinen Stolz.) – „Odyssee“, „Göttliche Komödie“, „Faust“.

Gestern ein erster ruhiger Blick auf L.s Studien aus Warwara.

# Warwara – ein Dorf an der südlichen Schwarzmeerküste Bulgariens, von L. und mir bei einer Tramp-Reise 1976 entdeckt und seitdem Jahr um Jahr von L. zum Erholen und Arbeiten (Zeichnen) aufgesucht. #

Von vielen bin ich wieder sehr angetan. Farbigkeit und Strichführung finde ich „heftiger“, „Leidenschaftlicher“ (schärfer?). Die Beherrschung der technischen Mittel (Farbe, verschiedene Arten des Kohlestrichs) wirkt ganz selbstverständlich. Natürlich fesselt auch wieder die Exotik, jedoch sind Skizzen dabei, in denen die Gesichter und Haltungen (und auch Landschaften) sehr viel mehr als nur exotisch sind; mal eine Erinnerung an Barlach. Auch zwei rührende Zeichnungen von F.

 

 

02. August 1982 – Band 5

Montag, Februar 4th, 2008

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# Deckblatt Band 5 des Tagebuchs #

23. Juli 1982 – Protokoll

Samstag, Februar 2nd, 2008


[...]
Lesen: “Antike Kameen”, (Insel-Bändchen), Weltbühne, BZ, ND, “Rheumafibel” (Keitel), von Brentjes,”Die Söhne Ismaels”, von To Hoai “Grashüpfer Men”,
[...]
Ich spüre deutlich, wie mein Interesse für das Protokoll nachlässt, wenn ich so auf mich selbst gelenkt bin, wie in den letzten Wochen. Es kreist weniger in mir, und was da kreist, erscheint mir nicht mehr wichtig.