Archive for April, 2007

3. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 29th, 2007
Frühmorgens Sonnenschein. Ich suche nach einer Busverbindung in die Berge. Erst 15 Uhr würde ein Bus van W. Tarnowo nach Gurkowo/Nikolajew fahren. Ich kaufe mir Fahrkarten nach Warna – ca. 7 Lewa, bin erkältet.
Die Flugzeuge nach Burgas verkehren z. Z. leider nicht mehr.
Jetzt auf dem Bahnhof, 11 Uhr ab G. O., an Warna gegen 15 Uhr.
				

2. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 29th, 2007
Es ist gleich 9 Uhr, eben gefrühstückt, in Antonowo, wo ich Zwischenstation mache, hoffentlich nicht festsitze. Denn gegen 11 oder 12 Uhr soll ein Bus aus Omurtag nach Weliko Tarnowo fahren, und mit dem ist erstmal mitzukommen. Habe mich entschlossen über W. Tarnowo ins Balkangebirge zu starten, denn sowohl das Wetter als auch meine Geschenklast verlocken nicht dazu, sich in große Abenteuer in der Wildnis zu stürzen.
Vorhin herzlicher Abschied von der ganzen Familie. Ismets Eltern sind bescheidene, herzliche Leute. Wir sollen alle, ganze Familie, für länger zu Besuch kommen.
Gestern noch fröhlicher Abend bei Kobrinka und Stefan, nachdem vorher bei Achmed reingeschaut. (Achmeds Schwester Emine, die immer im flotten roten Trainingsanzug rumläuft – sie trainiert 400m Leichtathletik – setzt sich ungehemmt an den Tisch der Männer und kriegt und trinkt auch ihr Gläschen Rakija.) Achmeds Vater, der auch noch dazu kommt, fragt, ob ich ihn wiedererkenne. „Nein“. Er sagt, ihn habe ich zuerst gefragt, bei meiner Ankunft im Dorf vor zwei Tagen, wo Ismet Kadirow wohne. Ich erinnere mich. Er hatte es mir nicht gesagt. Ich: Wenn er mir den Weg gezeigt hätte, hätte ich ihn sicher wieder erkannt. Dies Verhalten charakterisiert diese ganze Familie. Sie scheinen abwartend, beobachtend, ehrgeizig zu sein.
Bei Kobrinka (Stoitschews), wie gesagt, war es sehr fröhlich. Ihr Mann ist eine besondere Type, wie überhaupt die ganze Familie interessante Leute sind. Sie ist Russischlehrerin, er Kraftfahrer. Zwetomir („Blüte“) besucht die 6. Klasse. So wie er heißt, sieht er auch aus und ist der Stolz der Eltern.
Zwetomir
Er bastelt gern Modelle. Sie haben zwei Zimmer, leben also nicht so beengt, wie fast alle anderen Leute hier. Sie tanzen gerne. Der Plattenspieler spielte griechische Lieder. Den Raki destillieren sie selbst (aus Pflaumen), was seit 2 Jahren erlaubt ist. Bienenhonig haben sie auch selber. Was Kobrinka kocht, schmeckt gut, z. B. Würstchen mit Schafskäse überbacken, Reis sehr schmackhaft.
Das Rezept für Reiswein interessiert sie, wie schon Stefan und Drenka.
Stefan Stoitschew trinkt gerne, reichlich und ohne dazu etwas zu essen (was unüblich ist). Er ist lustig, verschmitzt, männlich – “spokoini” - („In der Ruhe liegt die Kraft.“), interessanter aber passender Gegensatz zu Kobrinka.
Wir saßen gemeinsam mit dem jungen Kadir, Salim und Ismigül, von 19.30 Uhr bis nach 23 Uhr zusammen. Das ist viel, nach 22 Uhr ist schon außergewöhnlich.
Im allgemeinen verstehen sie, ein Ende zu finden, beim Trinken ebenso wie beim Feiern. Das hängt mit der Ungezwungenheit ihrer Geselligkeit zusammen, diese läßt sie spüren, wann es genug ist. Sie fühlen sich nicht verpflichtet, Müdigkeit zu überspielen. Im Gespräch wirken Salim (29) und Stefan (Ende 30) wie Vater und Sohn. Stefan ist mehr Persönlichkeit.
Spekulation:
Vielleicht sind die Türken, eben auch die Männer, überhaupt weniger Persönlichkeit, weil eben das weibliche Ferment viel zu sehr in seine dienende Rolle gedrängt und darauf beschränkt ist. Auch hier wäre demnach die Befreiung der Frau auch die wirkliche Befreiung des Mannes. Möglich, daß die jungen Leute (Emine) hier ein Stück weitergehen. Jedenfalls erzählt man, daß sie schon frühzeitig (mit 14, 15 Jahren) anfangen zu rauchen und zu trinken.
Soviel von Slawjanowo.
Ich fühle mich, nachdem ich hier seit einer Stunde ruhig sitze, doch recht abgespannt. Eine lange ruhige Nacht bestens Schlafes täte mir gut.
Leider dauernd leichte Zahnschmerzen und wüste träume in der Nacht:
Ich kriege einen Telefonanruf von einem Igor…., meine Frau sei tot, zerrissen worden, es habe in der Zeitung gestanden, sie sei mit einem Moto-Cross-Fahrer zusammengeraten, es war wohl eher ein Unfall. Ich brülle auf. Im Laufe meiner Schmerzbekundungen wird mir bewußt, daß nicht von L., sondern von Christel (meine geschiedene Ehefrau) die Rede ist. Ich brülle nicht mehr, obwohl ein Kummergefühl bleibt, in diesem Moment aufgewacht, mein erster Gedanke: Was wird nun mit den Kindern? Dann schlafe ich wieder ein und komme in mein Zimmer, irgendwelche Trauervorbereitungen zu treffen, als ich sehe, daß dort etliche Maurer am Werk sind, die Wände aufstemmen, weil sie neue elektrische Leitungen verlegen wollen….
Jetzt geht es auf 10 Uhr. Ich werde mich nach draußen zum Busbahnhof begeben, wo es ungemütlich kalt ist, und ein oder zwei Stunden auf den Bus warten.
Noch kann ich mich entscheiden, nach links – Weliko Tarnowo oder nach rechts – Omurtag, Kotel.
Abends (noch 2.10.):
Die Entscheidung lautete Gorna Orjachowitsa. Diesen Bus hatte mir die Fahrkartenverkäuferin empfohlen, weil dieser Ort nahe W. Tarnowo liegt. Das war nach zwei Stunden Warten in lausiger Kälte (den Pullover rauszukramen, war ich zu lustlos), draußen strömender Regen den ganzen Vormittag. Im Warteraum nur Türken und Zigeuner, Männer, Frauen, Kinder. Mir gegenüber zurückhaltend, die wenigen Worte aber, die wir wechseln, drücken Freundliches und Hilfsbereitschaft aus. Das war eine Menschengalerie, wie man sie bei uns einfach nicht zu sehen kriegt.
Gorna Orjachowitsa ist übrigens die Bahnstation, wo einst, am Montag (es kommt mir vor, wie eine Woche zurück) der Bulgare mit dem Dudelsack einstieg. Es ist die 2. Station vor Popowo.
Im Bus hierher reifte mein Entschluß, die Bergtouren bei diesem Wetter abzublasen. Gegen Kälte könnte ich mich ja noch schützen, gegen Dauerregen aber nicht, und selbst, wenn er aufhört, ist ja von unten alles naß. Und auch das Gewicht macht doch etliche Rasten erforderlich, bei denen man sich einfach ins Gras haut. Also Urlaub verkürzen, denn auch das Meer reizt jetzt natürlich nicht. Wenn ich aber sowieso versuchen muß, einen anderen Rückflug zu kriegen, dann kann ich das auch in Warna versuchen, das ich jetzt viel leichter erreichen kann als Burgas.
Daher sitze ich jetzt im Hotel von Gorna Orch. (diesselbe Atmosphäre wie einst im Hotel von Smoljan) um morgen mit der “Wljak” (Eisenbahn) nach Warna zu fahren.
Heute nachmittag Abstecher nach W. Tarnowo (jede Viertelstunde fährt ein Bus), Eindruck vom Städtchen gekriegt.
Zum ersten Mal auch ein paar Bulgarinnen gesehen, die rundum hübsch waren. (Bisher war der größte sexuelle Eindruck dieser Reise eine große Frau mit schönen Brüsten, die sie frei unter ihrem Pullover trug – an der Weißenseer Spitze in Berlin.)
Reichlich 10 Lewa kostet das Zimmer, mit Zuschlägen und Frühstück 13 Lewa. Jetzt ist es gleich 19 Uhr und ich haue mich zum Schlafen hin.
				

1. Oktober 1980 (Bulgarienreise)

Mittwoch, April 25th, 2007
Kadir (53) und Hatike (50) sind Vater und Mutter Kadirow.

Rebschet (29), das älteste ihrer Kinder arbeitet in Madan.

Ismet Kadirow (26 oder 27) ist mit Sabiha verheiratet. Sie haben die Kinder Schirin (4) und Gülschan (2).

Ismigül ist mit Salim (29) verheiratet und hat die Kinder Dschefret, Jüner und Seki.

Nefise (23) ist mit Achmed verheiratet. Sie ist schwanger. Außerdem gibt es da noch die Schwester von Achmed, die Emine heißt und 12 J. alt ist.

Und schließlich ist da noch Kadir (16), der jüngste Sohn des alten Paares.

Außerdem schwirrt da noch Zwetomir (13) herum, der Sohn von dem Nachbarpaar Kobrinka und Stefan, die Bulgaren sind.

Die vielen Namen sagen deutlich genug, daß ich nun bei den Kadirows gelandet bin. Leider ist Ismet für 6 Monate seit August in der Sowjetunion, als Schweißer auf dem Bau, im Gebiet Tjumen, wo er 600 Lewa verdient.

Nach anfänglicher Ratlosigkeit der jungen Frauen werden wir miteinander bekannt, die Geschenke lassen sie auftauen, und an Hand der Photographien werde ich identifiziert.

(L. und ich hatten Ismet Kadirow zwei Jahre zuvor während unserer zweiten Bulgarienreise kennen gelernt. Wir hatten Quartier in einem kleinen Rhodopendorf genommen, in einer Gegend, in der viele Türken und Pomaken wohnten. (Pomaken sind Bulgaren, die eine türkische Lebensweise angenommen haben.) Während einer Wanderung hörten wir fröhliche Klarinetten- und Dudelsackmusik. Wir gingen der Musik nach und landeten bei einem frei an einem Berghang stehenden Gehöft, in dem eine türkische Hochzeit gefeiert wurde. Es waren hunderte Gäste und Schaulustige anwesend. Wir wurden als gleichsam vom Himmel geschickte, unerwartete Gäste mit vielen Ehren empfangen und waren bald mittendrin im Feiern. Dabei lernten wir einen fröhlichen jungen Musikanten, ebenfalls einen Gast, näher kennen. Es war Ismet, der früher auch hier gewohnt hatte, dann weggezogen und jetzt zu Besuch gekommen war. Am nächsten Tag gingen wir noch einmal zu dem dreitägigen Fest, jetzt mit Geschenken bewaffnet. Dem Musikanten Ismet (Klarinette und Saslan) schenkten wir unsere Flöte und eine Mundharmonika. Seine schier überwältigenden Freudenäußerungen habe ich noch heute in Auge und Ohr. Wir tauschten die Adressen und verabredeten, ihn später einmal zu besuchen. Später, von Berlin aus, schickten wir auch einige Fotografien.)

Stolz berichten sie gleich, daß Ismet über Radio Sofia gesungen habe, und sie spielen mir Bandaufnahmen von ihm vor.

Es kommt Vater Kadir, der Plattenleger beim Wegebau ist. Wir essen Mittag. Er zeigt den Garten, mit vielem Wein, Paprika, Mais, Kürbis, Eierfrüchten usw.

Und als ich glaube, langsam aufbrechen zu müssen (Die Unterhaltung fließt recht schleppend, schon wegen der Sprachschwierigkeiten, Kadir spricht nur wenig bulgarisch.), lädt er mich zum Übernachten ein.

Rundgang durch Slawjanowo, das ganz schön groß ist, zwischen Dorf und kleinem Städtchen.

L. würde ihre Motive finden, sowohl im Dorf, als auch in der Umgebung.

Abends kommt die ganze Familie zusammen. Die Männer sitzen in der „guten Stube“ am Tisch beim Rakija, und die Frauen schwirren drumherum. An den Tisch setzt sich später noch die Bulgarin Kubrinka, die Russischlehrerein ist. Sie hat Ismets Briefe an uns aufgesetzt. Atmosphäre wie einst in den Rhodopen. Von dort sind die Kadirows zugezogen, vor 10 Jahren, aus Jabolkowez, weil dort das Leben allzu mühsam war. Hier gibt es zwar auch nicht mehr Geld, aber im Garten wächst dafür alles reichlich. Das Anwesen hier haben sie für 4000 Lewa gekauft. Vater Kadir hatte immerhin für sechs Kinder zu sorgen. Jetzt werden sie langsam flügge. Neben den Eltern Kadir, besonders der Frau, schämt man sich fast, mit 40 noch so jung auszusehen.

In der Unterhaltung bestätigen Türken und Bulgarin, daß sie gut miteinander auskommen. Wenn nicht, seien das seltene Ausnahmen. Hochzeiten zwischen Türken und Bulgaren seien aber selten.

Türkisch wird nicht mehr in der Schule gelehrt. Es gibt aber Zeitungen, die teils türkisch sind. Kadir meint, es gäbe knapp 2 Millionen Türken in Bulgarien. Er würde gerne mal die Türkei besuchen, hat einen Bruder dort. Leben wollen sie aber nicht in der Türkei, wegen des politischen Terrors dort.

Er spielt etwas auf der Flöte, die wir Ismet geschenkt haben. Sie ist schon ganz abgenutzt.

Dann wetteifern Achmed, Salim und Kobrinka, mich für den nächsten Abend einzuladen. Ich muß den Tag noch bleiben, 14 Uhr Pilze suchen mit Kubrinka, 17 Uhr bei Achmed, 19 Uhr bei Kubrinka. Am liebsten sollte ich bei jedem einen Tag wohnen und übernachten. Daß ich weiter will, um das Balkangebirge und die Leute dort kennen zu lernen, überzeugt sie.

Achmed lädt mich mit Frau und Kind hierher ein. Er will mit Ismet zusammen in zwei Jahren uns in Berlin besuchen. Er trinkt ziemlich viel, die anderen nicht. Auch Ismet soll nicht viel trinken.

Die Tischsitten sind auch an den normalen Tagen so, wie wir sie aus den Rhodopen schon kennen.

Die Frauen sind wegen der kleinen Kinder zu Hause. Ismigül ist Melkerin, Sabiha ist Schneiderin.

Wenn die Männer an ihrer Tafel gar zu lange mähren, dann werden die Frauen auch energischer, und die Männer richten sich danach.

Zum Schluß des Essens kommt der Dankesrülpser. Dazu konnte ich mich bisher nicht überwinden, obwohl ich ihn „drauf hatte“.

Es scheint so, als ob diese Familie hier recht harmonisch zusammenlebt.

Es ist doch interessant, wie die Menschen mit dem modernen Leben zu tun haben (Hier gibt es Eisenbahn, moderne Rindergroßställe, eine Fabrik, Fernsehen sowieso, Kino, Krankenhaus, zwei Schulen, dorthin gehen sie 11 Klassen.), und wie sich ihre Lebensweise, ihre Mentalität, ihre Sitten doch andererseits nur sehr langsam ändern. Andereseits: Warum sollten sie auch? Wer sagt denn, daß unsere Sitten das Beispiel dafür sind, wie ein modernes Leben aussehen muß. Die Sofioter Bekannten sind das Beispiel dafür, daß sie, sobald sie die Chance haben durch Streben etwas zu erreichen, auch nur in die Richtungen streben (Auto, Datsche, Jeans, Schrankwand), die uns bekannt sind und uns anöden.

Das einzige, was hier gar nicht in die Harmonie paßt, ist das Wetter. Fast jeden Tag regnet es, immer windig und kalt.

30. September 1980 (Bulgarienreise)

Mittwoch, April 25th, 2007
Die Nacht im Zelt war eigentlich ganz erträglich. Bin zwar oftmals aufgewacht, aber wegen Härte der Unterlage, nicht wegen Kühle.
Jetzt ist es 8 Uhr, und ich fühle mich ganz gut ausgeschlafen.
Der Himmel ist leider durchgehend bedeckt, und einen Nieselschauer hat es auch schon gegeben.
Ich lasse mir hier Zeit und gehe nachher rüber nach Slawjanowo, von wo Geräusche der Arbeit herüberschallen.Gestern im Zug stieg übrigens noch ein alter Bulgare in Nationaltracht zu, hünenhaft, den Dudelsack unter dem Arm und fing gleich zu spielen an. Das wäre was für L.s Malerauge gewesen! Auch die Reaktionen der Passagiere: der Zigeuner, der Polizist, die dicke alte Frau, die dünne alte Frau, das lesende Mädchen u. Andere! 

Soviel bis jetzt. Es nieselt wieder. Ich bummle, sehe gerade Leute zur Feldarbeit gehen, und gleich gibts Frühstück. (Nächster Kauf ein Blechteller.)

Heute Nacht war ich übrigens in einem Antiquitätengeschäft, und die Verkäuferin überzeugte mich, unter Aufbietung vieler Freundlichkeiten und Zärtlichkeiten, ein gläsernes Schälchen und zwei Weingläser zu kaufen. Zusammen mit einem Buch gab das eine Rechnung von 70 Mark.

				

29. September 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 22nd, 2007
Montags im Zug von Sofia nach Popowo. (Das ist die Strecke nach Warna.) Zum ersten Male für mich.
Bisher „geht alles seine Gang“. Der rechte Spaß stellt sich noch nicht ein.
Sonnabend und Sonntag war ich (bzw. sie mit mir) mit Stefan und Denka auf ihrer kleinen Datsche. Danach und nach den vielen Hin- und Herbesuchen war ich gestern abend völlig kaputt. Heute geht es schon wieder besser. Heute abend gehe ich aber noch nicht zu Ismet, sondern schlafe im Zelt, um das einmal auszuprobieren, und vor allem, um einmal allein zu sein, denn bei Kadirows dreht sich bestimmt wieder die Besuchsmühle.
Das Wetter ist in diesen Tagen herbstlich. Die Sonne scheint durch einen Dunstschleier, außer mittags kraftlos. Der Nachtwind ist kräftig und kalt.
Denka und Stefan waren sehr freundlich und immer um mich bemüht.
Auf ihrer Datsche großes Paprika Einkochen. Die Schoten werden entkernt, auf einem Blech am offenen Feuer geröstet, enthäutet, gesalzen, über Nacht stehen gelassen, fast ohne Luft dazwischen in Gläser geschichtet (mit etwas Petersilie) und 15 min eingekocht (auch das am offenen Feuer).
Außerdem Drenki gesammelt (Das sind Kornelkirschen.) Werde versuchen, sie im Garten zu ziehen. Damit einstmals die Sämlinge zu erkennen sind, sind hier einige Blätter eingepreßt.
Der Zug fährt übrigens von Sofia aus nach Norden durch ein Flußtal und eine abwechslungsreiche Bergwelt, elektrisch bis Warna. Jetzt hält er gerade in Svoge. Der Fluß heißt übrigens Iskir, und die Berge sind bis 1500m, viele kurze Tunnel.
Weiter von der Datsche: Alle Nachbarn vertragen sich gut, sitzen zusammen und palavern und ermuntern sich „na rabotu“ („Zur Arbeit!“), wonach sich aber keiner erhebt.
Wir trinken Rakija oder ihren süßen Kaffee oder jungen Fruchtwein. Aber alles in Maßen. Obwohl sie immer Zeit haben für ein Schwätzchen, sind sie eigentlich doch emsig tätig, die zwei Tage ohne Pause durch.
Ein Nachbar ist Oberst, wie man gleich erfährt. Er ist noch neu dort. Die andern sind u.a. Tanko und Ivanka mit den Kindern Diana und Silvia, die Großeltern, sowie die alte Wesa, kraftvolle, freundliche Oma, die gerne gibt. Sie macht einen guten Pflaumennektar (Pflaumen kochen, durchschlagen, gleiche Menge Zucker dazu, aufkochen, in Flaschen füllen.). Wir fachsimpeln über Gartengewächse, „Jagudi“- Erdbeeren, „Malini“ - Himbeeren, „Karpini“ - Brombeeren, „Tschereschtschi“ - Süßkirschen, „Tjuja“(?) - Quitten, „Praskowi“ - Pfirsiche, „Kassis“ - schwarze Johannisbeeren, „franzie Großdi“ - rote Johannisbeeren, „nemzie Großdi“ - Stachelbeeren, „Fedanka“ - Setzlinge.
Ein kleines Kloster, mehr eine Ruine, ist auch dort in der Nähe von Bankja, wo die Datsche ist.
Übrigens machte Denka ein schmackhaftes Paprikagemüse aus den gerösteten Schoten, die mit verquirltem Ei und Schafskäse aufgebacken wurden.
Gestern abend wir alle bei Tanko und Ivanka. Stefan erzählt munter, daß Hitler im Recht war, Zigeuner und Juden umzubringen. Ich glaubte, nicht verstanden zu haben, wollte es nicht verstanden haben und sagte das auch. Tanko (Er arbeitet irgendwo im Verwaltungsbereich der Akademie der Wissenschaften.) schwächte schnell ab. Politik interessiere sie nicht, sein bester Freund sein ein Zigeuner. Diese Reaktion aber erst auf meine Reaktion. Betretenheit.
Es sind halt sonnige Gemüter mit einem guten Schuß nationaler Überheblichkeit gegenüber Zigeunern und Türken.
Heute früh zeigte mir Stefan seinen Betrieb, wo sie Küken-Brutschränke bauen. 30-40 Leute bauen pro Monat ca 15 solcher Schränke für 9000 Lewa das Stück, handwerklich.
Eine Zigeunerin auf der Treppe ist nicht nur Scheuerfrau, sondern hat auch das Benehmen eines Aschenputtels gegenüber dem Herrn Stefan.
In jeder Datsche übrigens (Stefan, Tanko, Wesa) ein oder mehrere große kolorierte Fotos – etwa österreichische Erotik (Operette) der Jahrhundertwende oder Sex-Poster der heutigen Zeit (aber keine krasse Pornografie).
Gespräche anstrengend. Russisch nicht können und dann den möglichen russischen Klang bulgarischer Rede erfassen, d.i. schwierig, zumal allein, wo es keine Möglichkeit gibt, mal in Vertrautes auszupendeln.
Hoffentlich wächst meine Entdeckerlust, wenn ich in die Berge komme. Leider fühle ich mich auch körperlich nicht 100% fit.
Abend:
Schnell, solange das Licht noch reicht, ein kurzer Heldenbericht. Popowo liegt nun schon 1,5 Std. Rucksacktragezeit hinter mir. Mit den vielen Geschenkbutilki und -konservi kam ich mir wie ein bulgarischer Lastesel vor.Vor mir liegt ein Ort, wohl schon Slawjanowo, Zelt ist aufgestellt. Ich höre Autos, Grillen, Eisenbahn, Schafe und Hunde. Jetzt ans Abendessen, denn Brot und Wein habe ich in Popowo noch gefaßt. Luft kühl aber windstill. Es ist 18.30 Uhr. Gedanken domoi.


24. September 1980 (Bulgarienreise)

Sonntag, April 22nd, 2007
Übermorgen flieg ich ab.

Besuchen werde ich Denka und Stefan in Sofia, Ismet Kadirow in Slawjanowo, Nikoletta in Burgas, Chomostarow in Sosopol.
(1976 und 1978 hatte ich zusammen mit L. erstmals große Reisen nach Rumänien und Bulgarien gemacht. Es waren Reisen mit Rucksack, in Jeans, mit Tramperlatschen. Mit diesen Reisen eröffnete mir L. nach meinen 15 Jahren sozialistisch-bürgerlicher Ehe und Scheidung 1975 eine neue, freiere Welt. 1980 gab es bereits Spannungen mit L.; bezogen auf’s Reisen: Ich würde mich nur an sie dranhängen, von mir selbst käme keine Initiative. Daraufhin beschlossen auf meine Anregung mein Freund K. und ich, die nächste Reise, 1980, gemeinsam, d.h. ohne Frauen zu machen. So vereinbart, so vorbereitet. Knapp vor Reisebeginn machte K. einen Rückzieher. So machte ich mich notgedrungen allein auf die Tour.)

27. Juli 1980 (Babyzeit)

Dienstag, April 17th, 2007
Heute früh ist es wolkig, dunstig, windstill, mild. Gegen 6 Uhr wachte Fränzchen mit Geschrei auf, offensichtlich schwitzte er. Jetzt ist er gewickelt und gefüttert und schläft friedlich weiter.
Heute hatten wir übrigens zum 2. Mal Igel-Besuch in der Nacht am Zelt.
Überhaupt ist es erstaunlich, wie selbst in dieser Stadt-Kultur-Landschaft in der Nacht das Treiben der Tiere beginnt. Überall wispert und raschelt es, fast wie im Dschungel. Wenn man gleichzeitig noch ein bißchen auf mögliche Diebe horcht, kann man sich ganz schön verrückt machen.
Liebe L.!
Frau Lange und Frau Graunke haben mich/Dich angesprochen, Du sollst mit dem Franz ihre Jungkarnickel und Küken betrachten kommen. Frau Graunke bat auch noch darum, ihr doch eine Mahlzeit grüne Erbsen zu „verkaufen“.
Heute nicht im Garten. Es ist einfach zu schwül.
Franz heute Abend glühte, und als ich gemessen hatte. 38,7°!
Ein Zäpfchen, das ich ihm gab, kackte er gleich wieder aus.
Dann Wadenwickel, Fencheltee, zum Abendessen nur Quark und Milch und ein nicht zu warmes Bad. Vorm Schlafen war er bei 38,2°, ich gab ihm noch ein Zäpfchen. Jetzt schläft er tief aber unruhig. Du hattest recht, daß der Garten ihn zu sehr anstrengt. Hoffentlich erholt er sich jetzt durch einen tiefen Nachtschlaf. Ekelhaft, daß der Kleine mein Lehrgeld bezahlen soll.
Mittlerweile ist es gleich 24 Uhr. Ich habe mich mit meinen Reisevorbereitungen ausgemährt. Schnurkel schläft ruhig und tief, er ist auch nicht mehr heiß an Stirn, Wange und Händen.
Liebe L.,
es war eine schöne Woche. Was werden wir nun weiter getrennt lebend zu berichten haben?
(Eine wirkliche Trennung stand damals nicht auf der Tagesordnung. Offensichtlich haben wir einen „fliegenden Wechsel“ vollzogen.)
Erstmal aber willkommen daheim und auf Wiedersehen am 6. August.
Dein Peter.

26. Juli 1980 (Babyzeit)

Dienstag, April 17th, 2007
Nun geht, ob ich darüber jammere oder mich freue, der vorletzte Tag meines Kinder-Garten-Urlaubs zu Ende. Übermorgen schon sitzt L. hier, und ich habe meine ersten Waldarbeitertaten hinter mir.
Dieser Tag war wieder lang und turbulent, und F., obwohl er zwischendurch viel schlafen konnte, ningelt jetzt, 20.30 Uhr, wo es an die große Nachtruhe geht. Schön ist es hier schon, wenn man sich langsam einlebt. Und ich glaube, daß selbst das Kind sich an die Umgebung gewöhnt, wenn man unnötige Störungen von ihm fernhält. Das ist heute schon besser gelungen.
Zu Besuch waren: Jana, ihre Freundin, kurz Rolf und Doris in der Frühe, Fränze, Peter Schwarzbach, X, X, X und X und Daniel und Lisa. Wenn das nicht reicht!
Interessant auch, zu beobachten, wie sich die verschiedenen Frauen zu Franz verhalten. Das konnte ich in diesen Tagen vergleichen: Erika, Jana, Doris, Fränze, Dax, eventuell noch die Schönebergerin und Christine. Vollblutmütter sind nur Doris und Erika, das spürt das Kind genau.Von Schwester Ursel schon ein Geburtstagsgeschenk erhalten – Aretino, bibliophile Ausgabe, sozusagen ein Kleinod. Damit beschämt sie, deren Geburtstag ich vergessen habe, mich ganz schön.Erdbeeren und Quecken gerodet. Puffbohnen gekocht, leider zu stark gesalzen und dennoch köstlich! Damit auch den Paprika freigestellt und gejätet. 

Übrigens habe ich heute zum ersten Mal gewagt (bei 30°C), Franz sehr lange als Hemdenmatz sich bewegen zu lassen (natürlich im Schatten). Hoffentlich war’s angemessen.

				

25. Juli 1980 (Babyzeit)

Dienstag, April 17th, 2007
Heute ist der Abend endlich mal so schön, wie ich es mir vorgestellt habe. Jana ist mit Christine zusammen nach Hause gegangen. Sie hatte letzte Nacht gefroren und muß sowieso morgen früh raus.
Ich war über Mittag mit Schnurkel zu Hause. Ich hab ihn gebadet, da war es gegen 13 Uhr, dann legte ich ihn hin, und er schlief durch bis 17 Uhr. Als er aufwachte war er endlich wieder in seiner Freundlichkeit der Alte. Soviel mußte er nachholen, um die Anstrengungen der Besuche und des Gartens zu überwinden. Jetzt schläft er wieder seit 20.30 Uhr. Wenn er morgen am Tage wieder zu sehr angestrengt ist, fahre ich abends zum Schlafen nach Hause.
In der „BZ“ („Berliner Zeitung“) heute ein Artikel über die Berliner Forsthelfer in Ölsnitz, Vogtland, wohin ich auch fahre. (Es ging um einen sechswöchigen Arbeitseinsatz („sozialistische Hilfe“) um in den Wäldern den aus dem Winter stammenden Windbruch aufzuarbeiten.)
Wir werden im Wohnheim der Fachschule für Ökonomie, Weichwitz im Vogtland, wohnen.
				

24. Juli 1980 (Babyzeit)

Montag, April 16th, 2007
Gut, daß Jana den Schnurkel versorgt hatte. Naja, wenn ich den Kleinen hier gehabt hätte, hätte ich sicher nicht soviel getrunken, zwar bloß Bier, aber ich hatte noch bis Mittag zu tun.
Es wird recht warm, intensive Sonne. Wie den Schnurkel bekleiden, legen, tragen? Für ihn war es anstrengend, zumal Besuch von Dax und Paul, Schöneberger Freundin und Daniel, Lisa. Jana ist hier.
Gegen 19 Uhr war er fertig (Grießbrei und etwas Kirschkaltschale dazu.) und schlief sofort ein. Auf diese Nacht zu dritt im Zelt bin ich gespannt.
Eine angenehme Neuigkeit: Der Paprika blüht.
Bei soviel Menschen um einen herum, merke ich wieder, wie wichtig, daß L. „um mich herum“. Die innere Harmonie schützt auch vor zu großer äußerlicher Aktivität.
Wenn diese innere Ruhe, innerer Friede nicht wäre, wäre ich auch kein unglücklicher Mensch, aber der Lebensstil wäre anders. Es wäre mehr ein Zweck-Mittel-Verhalten: Eine bestimmte Aktivität bringt einen bestimmten Lustgewinn. Das ist ein Grundschema westlichen Verhaltens.Lothar Lang schreibt in der „Weltbühne“ (Nr. 30/1980), L. zeichne fern jeder gekünstelten Linienstellerei. Ich bin sehr für L. „genauen Realismus“ der letzten Zeit. Das ist der Weg, um sich die Wirklichkeit in ihren ganzen Ausmaßen anzueignen und nicht, wie es viele, auch gute, Künstler tun, nur eine bestimmte Seite der Wirklichkeit, die sie dann abstrahieren und gestalten. Und heraus kommt die berühmte „persönliche Handschrift“ des Künstlers. So geht es bei Vent, Leber, Metzkes, und bei den Schwächeren sowieso. In der „persönlichen Handschrift“ drückt sich sehr oft etwas Festgefahrenes aus.
Genaues Zeichnen allein ist natürlich noch nicht die „große Kunst“, aber das sind die „Mühen der Ebene“, die die Kunst bedeutender machen können.
Aus dem gleichen Grund halte ich es auch für problematisch, nur oder vor allem den nackten Menschen zu studieren. Im Sinne des vollen Erfassens der Wirklichkeit, des konkreten, wirklichen Menschen (Der Philosoph Hegel sagt: Das Konkrete ist die Einheit des Mannigfaltigen.), ist seine Kleidung ganz wichtig. Rembrandt, Goya usw. haben das gewußt.
Die Konzentration auf den nackten Menschen bedeutet eine zunächst berechtigte, aber letztlich doch einseitige Abstraktion. Über die vielen einseitigen Abstraktionen zur Abstraktion des Ganzen!
Übrigens kamen mir diese Gedanken auch im Zusammenhang mit einer der letzten Zeichnungen von L., die eine Frau in Jena (die Juristin?) darstellt.