Archive for Mai, 2007

29. Januar 1982

Donnerstag, Mai 31st, 2007

5.15 Heizen, 6.10 Straßenbahn, 7.00 Arbeit, 1 Std. Zeitung (ND und Eule)

„Neues Deutschland“, Tageszeitung, Zentralorgan der SED und „Eulenspiegel“, beliebtes Satire-Wochenblatt der DDR.

Gespräch in der Straßenbahn: „Zwei Kinder haben sie ihr schon weggenommen. Jetzt haben sie das 3. auch weggenommen. Mit zwei Jahren hat es schon Entwicklungsschäden.“

1 Std. Lehrgangsorganisation, 2 Std. Literaturstudium Krerativitätstraining, 2 Std. Sauna (auf Rezept), 2. Versuch für L. eine Nähmaschine zu kaufen, vergeblich.

Mit dem Geschenk einer neuen, modernen Nähmaschine hoffte ich, L. eine großeÜberraschung und Freude zu bereiten.

16.30 zu Hause, 1 Std. gelesen, mit F. gespielt, an seiner Holzeisenbahn rumgebastelt, 19.30 reichliches Abendessen (Ich wiege 84 kg.), 20.00 Tagesschau, danach Film über Onasis und J. Kennedy. Ich sehe 3/4 Stunde zu, während L. Filme entwickelt und Fotos macht. Der Film amerikanisch albern und blöd aber die Erwartung erotischer Pikanterien hält mich zunächst. 21 Uhr im Bett. Kopfschmerzen.

28. Januar 1982

Donnerstag, Mai 31st, 2007

5.30 Wecken, Heizen, 6.10 Straßenbahn (0,20 M), 7.00 Arbeit, 2 Std. Plamnung 30. Lehrgang, 4 Std. Literaturstudium zu Kreativitätstraining und Weiterbildungsmethodik, 2 Std. vergeudet bei Alkohol in der Gruppe, Flirt-Telefonat mit Dorow, in der Mittagspause Galerie Mitte – Anneliese Hoge, freundlich-verquast,

Straßenbahngespräch:“Gläser gibt es, aber man muß ja ewig anstehn“ – „Und dann der Preis: 15,-M für ein irish coffee Glas.“
(Ich denke, wenn du irish coffee Gläser brauchst, dann kannst du auch anstehn und 15 Mark berappen.)

Mittag: Stroganoff für 2,-M. Nachher 17.00 treffe ich mich mit K.-H. Sch. –

K.-H. Sch. ist ein Freund bis auf den heutigen Tag aus gemeinsamen Studententagen.

Unser Gespräch dauerte bis 21.00 Uhr. Bei Rotwein und etwas Essen haben wir (d. h. K.-H.) im Metropol-Grill 48,-M bezahlt.

An der Haltestelle der Straßenbahn stehen drei junge Kerle. Einer ruft einer Frau nach: „Ihr Stinkritzen!“

22.00 zu Hause, 23 Uhr im Bett.

27. Januar 1982

Donnerstag, Mai 31st, 2007

5.30 Uhr aufgestanden, 6.10 aus dem Haus, Straßenbahn, 7.00 Arbeit, ca. 1 Std Zeitung gelesen („ND“, „horizont“, „Wirtschaft“, „Kleingarten“ 2/82 über Jungpflanzenanzucht), dann knapp eine Stunde mit einem Lehrgangsteilnehmer eine Exkursion des 20. Lehrgangs in die Stahlgießerei Rothensee abgesprochen. Vier Stunden die Dokumentation über das Leipziger Seminar des ZK vom April 81 intensiv ausgewertet und Vorstellungen für Erfahrungsaustausch im ZF-Lehrgang formuliert. Diese dann mit drei Lehrgangsteilnehmern durchgesprochen, bevor ich sie übermorgen mit Günther abstimme. Eine Stunde Geburtstagsrunde K-D. K. (1 Flasche Wodka), 17.00 zu Hause. Abends 17.30 Uhr Kuchen, 19.30 Kartoffelsalat, Bier.20.00 Tagesschau, (vorher Aktuelle Kamera), 20.15 Fernseher ex, ein wenig in Knoblochs „Moses“ gelesen. Jetzt ist es 21 Uhr, ich bin müde. Dusche ist angestellt, nachdem ich heute Sport machen wollte (muß mir aber vorher noch Trainingsanzug kaufen) – ein sehr gewöhnlicher Tag, nach dem ich aber keine Spannkraft zu mehr habe.

Zu Mittag: Porreeintopf (0,70 M), Einkauf abends: Weine 25,-M, Fleischwaren 8,-M, Sonstiges 13,-M, 6x500gr. tiefgefrorene Paprikaschoten (0,90 M) – das ist ein besonderer Fang.

Telefonat mit Frau Dorow, Fahrt zur Sterl-Ausstellung in Leipzig ist wohl nicht möglich, will mit ihr vielleicht Hegewald-Ausstellung im TIP besuchen, erotische Spannung zu A.

Päckchen und Brief aus Wasungen, für F. Er war heute in besonders aufgeräumter Stimmung, ca 19.30 war er im Bett. Die halbe Stunde Beschäftigung mit ihm war der schönste Augenblick des Tages. L. – nach Sauna und Schwimmen – hängt rum und sollte ins Bett.

26. Januar 1982

Dienstag, Mai 29th, 2007
Protokolle (I)

Es widerstrebt mir, in dieses Buch zu schreiben, so häßlich ist es. Aber es ist gerade als leeres Heft zur Hand, und das gibt den Ausschlag.

(Eine eigenartige Bemerkung zu Beginn des Heftes, das die Bezeichnung „Protokolle (I)“ trägt. Die bisherigen Tagebücher waren mit „Notizen“ überschrieben. Ab jetzt will ich nicht nur ausgewählte Erlebnisse und Gedanken festhalten, sondern darüber hinaus eine mehr oder weniger lückenlose Selbstbeobachtung und „-protokollierung“ betreiben. Zwar sind laufende Verallgemeinerungen (“Bilanzierung“) nicht ausgeschlossen, in den Vordergrund tritt aber die Absicht, systematisch reichhaltiges empirisches Material zu sammeln, mit der Absicht, es irgendwann später auszuwerten.Vielleicht auch mit dem Hintergedanken, daß mit größerem Abstand die Erkenntnischancen steigen. Die alles durchdringende Fragestellung ist und bleibt:
Wie bewegt sich, entwickelt sich, bildet sich heraus, die (meine) Persönlichkeit in dieser Gesellschaft?)

„Jeder jeden Tag mit guter Bilanz“ – so las ich heute eine zur Zeit verbreitete Losung. Sie ist ebenso forsch wie ungreifbar. Sie berührt sich aber mit meinem Gedanken, den Tag aufzuschreiben, zu vermerken, meinen Alltag. Auf das spätere Wissenschaftler (wie Kuczynski heute) (Jürgen Kuczynski, Wirtschaftshistoriker in der DDR, hat eine mehrbändige „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“ geschrieben.) nicht zu klagen haben, der Alltag des Volkes sei kaum erforscht. Hauptsächlich will ich protokollieren, Ereignisse, Erlebnisse, Gedanken. Sollten mir auch Ansätze der Bilanzierung gelingen, umso besser. Wünschen tu ich das schon. Doch in meiner Zeit, in der mir die weitführenden Wege immer unwirklicher erscheinen, wird mir sorgfältige Bestandsaufnahme immer wichtiger. Morgen fange ich damit an.

Mein Tag heute begann 5.30 Uhr. Jetzt ist es 21.45 Uhr. Ich bin erschöpft. Sicher könnte ich jetzt noch eine Stunde aufbringen, um zu protokollieren (abgesehen davon, daß unten im Wohnzimmer J. Wohlrab zu Besuch sitzt). Aber das hieße bereits wieder, die Substanz anzugreifen. Man kann es jahrelang, doch es wird sich rächen.

8. bis 19. Januar 1982 (FDGB-Urlaubsreise)

Montag, Mai 28th, 2007

Eine Urlaubsreise, von der ich nur wenige Notizen gemacht habe.

Bemerkenswert war ihr Zustandekommen.
Die begehrten FDGB-Reisen wurden in den Industriebetrieben (und LPGs ) so zahlreich angeboten, daß, wer wollte, etwa alle zwei Jahre verreisen konnte – Bevorzugung der Arbeiter- und der Bauernklasse. Nicht so in Verwaltungen, Einrichtungen, Ministerien, also bei den „Sesselfurzern“. Dort wartete man oft viele Jahre vergeblich auf eine attraktive FDGB-Reise. (FDGB-Reisen waren nur ein Teil des betrieblichen Reiseangebots. In eigener Regie organisierten die Betriebe weitere Möglichkeiten.)

Natürlich kam es vor, daß vergebene Reisen nicht angetreten wurden. Solche Stornierungen wurden beim FDGB zentral erfaßt und an Interessenten vergeben, die kurzfristig einspringen konnten. So kam ich von einem Tag zum anderen während der Hochsaison zu einem Winterurlaubsplatz.

 

Die Reise führte nach Waltersdorf ins Zittauer Gebirge. Winterwanderungen führten mich (und die wintersportbegeisterten Margot aus Zittau, die ich bald kennengelernt hatte) aber auch via kleinem Grenzverkehr in die CSSR. Der Jested mit seinen 1012 m Höhe und schönen Skigebieten imponierte mir. Wir genossen die tschechische Küche, den Kaffee und Kuchen; so ähnlich mußte es in Wien schmecken. Aber auch andere Süßigkeiten gab es mit Margot, der erfahrenen 50-Jährigen, zu entdecken.

Wanderungen einsam oder zu zweit durch die Wälder und das Zittauer „Westentaschengebirge“, Besuche in Museen (Volkskunde- und Mühlenmuseum Waltersdorf, Oberlausitzer Damast- und Heimatmuseum Großschönau) und im Gerhart Hauptmann Theater Zittau – eine Zeit schöner Eindrücke und intensiver Erholung.

 

30. Dezember 1981

Sonntag, Mai 27th, 2007

Meine Krankheit ist das Lesen; im weiteren Sinne: Zu breite Informationsaufnahme, genauer: Die Aufnahme von zu viel Sekundärinformation, von Information, die bewußt von Menschen als Information produziert wird.

Beim letzten Besuch erzählte Vati, wie er quasi ein Neben-KZ-Lager auflöste und Weiteres dieser Art, was seinen Wunsch ausdrückt, möglichst noch als Widerstandskämpfer anerkannt und bezahlt zu werden.
Das löste bei mir die Idee für eine groteske Romanfabel aus:
faschistischer Verbrecher – erfolgreicher Streber im Sozialismus – “Vor Erfolgen vom Schwindel befallen” betreibt er seine Anerkennung als Widerstandskämpfer – und … bricht sich den Hals.

Übrigens hat das Leben schon längst diese Geschichte hervorgebracht, vergl. das Schicksal des Verräters in “Ungeduld” von J. Trifonow.

“Sinn und Form” 4/81, Hilde Rubinstein berichtet von der Dressur der kubanischen Vorschulkinder, vom Einfluß des USA-Fernsehens dort.

Am Lagerfeuer im Hof dieses Lied gehört, dessen Text mir M. aufgeschrieben hat, von Bettina Wegner-Schlesinger:

“Sind so kleine Hände, winzige Finger dran,
darf man nicht drauf schlagen, sie zerbrechen dann.
Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zehen,
darf man nicht drauf treten, können sonst nicht geh’n.
Sind so kleine Augen, die noch alles sehn,
darf man nicht verbinde, könn sie nicht verstehn.
Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei,
darf man niemals quälen, gehn kaputt dabei.
Sind so kleine Münder, sprechen alles aus,
darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.
Sind so kleine Ohren, hören jeden Laut,
darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.
Ist so kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht,
darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht!
Gerade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel,
Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel. 

Für meine Kinder, für alle Kinder, erst recht für Erwachsene.

Nachtrag von unserer BGL-Wahl am 7.12.1981:
Warum werden in allen unseren Versammlungen alle unsere Beiträge abgelesen?

Festgelegtheit von jungen Menschen. Ich versuche bei unseren Kadern mit dem Kreativitätstraining Offenheit, Sensibilität zu steigern. Doch das ist eine Grundfrage der Lebensgestaltung, liegt also tiefer.
Spule ich ein vorgeformtes Leben ab oder gestalte ich ein (mein) eigenes Leben, brauche also eine eigene Entscheidung in den Grundfragen meines Lebenssinns, der Sinngebung meines Lebens.

29. Dezember 1981

Sonntag, Mai 27th, 2007

Von Maxi Wander, Knobloch (“Berliner Fenster”), auch in “Sinn und Form”, bei Granin, Platonow usw. usw. wird viel Wahres, Ehrliches über unser Leben gesagt. Es ist auch veröffentlicht. Es bewirkt so wenig (sichtbar). Weil nur ein Bruchteil des in der Gesellschaft vorhandenen Wissens wirklich zirkuliert. Die Fülle des Denkens und Erkennens fließt nicht und wird oft höchstens “hastig ergriffen” (ein Ausdruck Lenins) und wieder fallen gelassen. Die Menschen denken in Schubfächern. So ist auch die Gesellschaft organisiert.

Informationen sind reichlich vorhanden. Sie werden massenhaft nicht wirklich verarbeitet.

Was heißt das?

28. Dezember 1981

Sonntag, Mai 27th, 2007

Von Maxi Wander, der Lebensphilosophin, ist noch nachzutragen, daß “Optimismus um jeden Preis nur die brauchen, die ihrer selbst unsicher sind.” Auch zitiert sie:”Wir ziehen von der Stadt aufs Land. Und auf dem Land bewundern wir den Mut der Sumpfottern und Bisamratten.”

Es gibt noch etliche kluge Ideen und Zitate aber sie erscheinen mir bei diesem schnellen Lesen wie vorübergespült. Im übrigen: Die Einen arbeiten, ohne viel Lebensphilosophie zu treiben, die Anderen machen es sich zur Berufung, feinsinnig zu denken, tragen aber keine klare Verantwortung.

Das ist die alte abscheuliche Trennung von Hand und Kopf.

Was sich so ansammelte:
Kurt las im letzten Jahr:
Memoiren Nerudas, Biografie Allendes, Lenin-Reclam-Biografie, Ehrenburg Memoiren.

Westfernsehen meldet mitunter als Tatsache, was der Zuschauer für möglich hält. Daher kommt er gar nicht auf die Idee zu fragen, ob manch unwahrscheinliche “Tatsache” nicht vielleicht gelogen ist. Er schluckt alles (Vergl. Selbstmordversuch von Babrak Karmal oder z. Z. Jaruselzki habe dem Einmarsch der SU zuvorkommen wollen.)

Ich sollte die alte Ausdrucksform des Briefeschreibens für mich entdecken.

Kunst für sich genommen kann nichts aber die Vollendung des Menschen kann es nur durch die Kunst geben.

Bewertungen im Gespräch:
Aufschieben, um nicht impulsiv zu sein,
Aufschieben, um nicht zu schnell zu sein,
Nicht dort, wo mit “ja” oder “nein” Tatsachenfeststellungen nötig sind,
Um abzulenken bzw. offensiv das Gespräch in eine andere Richtung zu drängen.

Aus dem Spruchbeutel für Ursel zu “Alter”:
- Nichts macht so alt, wie Glück.
- Du bist Deinem Gott noch einen Tod schuldig.
- Der Antwort ernsteste ist das Grab.
- Goethe: Der Mensch geht vom Sensualisten über den Skeptiker zum Quietisten (indisch).
- Alt wird nicht Altes, alt wird nur das Neue.
- Die Jugend ist schüchterner, trotz dreister Erscheinung. Das Alter ist dreister, trotz ehrwürdiger Erscheinung.

Heute am Zeitungskiosk Rathausstraße:
Eine Kundin zeigt auf ein “Magazin”, das auf einer “Sowjetunion” liegt: “Kann ich das Magazin noch haben?” Die Verkäuferin (nach kurzem Zögern): “Wenn sie die (“Sowjetunion”) auch nehmen… Ich stehe im Wettbewerb.”

27. Dezember 1981

Freitag, Mai 25th, 2007

Schöne Tage im „Strohschnitterhaus“ in Ahrenshoop.

(Das „Strohschnitterhaus“ war/ist? das alte Haus eines früheren Kapitäns in den Dünen von Ahrenshoop, in unmittelbarer Nähe des Strandes. Es gehörte damals der WPU, Wilhelm Pieck Universität Rostock, als Gästehaus/Ferienhaus. Es wurde gern für Familienfeiern genutzt, wenn es, nach entsprechend langer Voranmeldung, gelungen war, Plätze zu bekommen.)

Schön ist eine Tafel mit acht, neun Personen und breiten, schweren Stühlen. Wie ärmlich wirkt die heutige Minifamilie dagegen.

 

Das Grab von Peter E. besucht.

(Peter E., eigentlich Peter Emil Erichson, war der (hier ist dieser abgegriffene Ausdruck einmal angebracht) legendäre Inhaber des Hinstorff Verlages Rostock. http://de.wikipedia.org/wiki/Hinstorff

Wenn ich immer der Überzeugung war, daß es für die Entwicklung zu einem freien, offenen Menschen unerläßlich ist, als Kind/junger Mensch einige herausragende Erfahrungen (und seien es wenige) zu machen, so denke ich nicht zuletzt an Peter E. Die Freundschaft unserer Familie zu Peter E. entstand, weil mein Vater 1951/52 als leitender Bau-Ingenieur beim Wiederaufbau der Langen Straße in Rostock eine äußerst kurzfristige Räumungsaufforderung an Peter E. wegen dort genutzter Lagerräume abwenden konnte und ihm, soweit ich weiß, auch beim Finden von Ersatzräumen behilflich war. Peter E. begleitete meine kindlichen literarischen Versuche mit dem größten Interesse, und ich spürte eine zu Herzen gehende Wärme.

Peter E. rief in mir eine Ahnung hervor, daß das Leben zauberhaft sein kann.)

 

„Tagebücher und Briefe“ von Maxie Wander wird von allen hintereinanderweg verschlungen:

„Schlimm ist nicht, daß die Menschen möglichst viel möglichst schnell haben wollen, sondern, daß sie nicht geben können.“

Ich fahre jetzt im Zug nach Rostock, kurzer Besuch bei Vati. Pink Floyd, „The Wall“, spielt das Tonband eines Abiturienten auf der Nebenbank. Nach dem Abitur kommt er drei Jahre zur Armee, dann will (soll) er Pädagogik studieren. Er hält auch was von H. Eisler, und Maxie Wander hat er auch gelesen. Damit wäre ich beim unterbrochenen Thema – aber der Zug läuft in Rostock ein.

Und jetzt läuft er aus Rostock aus.

Zwischen Vati und Stiefmutti eine beängstigende Situation. Sie müssen sich trennen, sonst gibt es ein Unglück. Aber selbst der Scheidungsvorgang kann schon zum Unglück führen. Es hat sich nun so gefügt, daß Mutti einem Herzenswunsch, Lebenswunsch von Vati im Wege ist. wenn sie nicht zu völligen Selbstaufgabe bereit ist, ist er zu jeder Gewaltanwendung fähig. Darum müssen sie sich trennen, und er muß sein Leben als einsamer Alter beschließen, der sich für Geld von einem dienstbaren Geist versorgen läßt.

Das werde ich jetzt ihnen so schreiben. Ich kann ihnen wirklich nur noch einen Rat für ihr Überleben geben.

 

24. Dezember 1981

Freitag, Mai 25th, 2007

Mit dem Ausnahmezustand in Polen werden auch frühere Parteifunktionäre interniert. Wird man sie ordentlich öffentlich vor Gericht stellen?

Dieser Einfluß der Konterrevolution auf ein ganzes Volk war nur möglich durch Unfähigkeit und Machtmißbrauch der verantwortlichen Funktionäre, der offensichtlich bis zur teilweisen Zerstörung der Partei ging.

Jede Partei, jeder Genosse, auch bei uns, auch ich, muß ständig wachsam sein und gegen “Verbiegungen des Machtgebrauchs” jederzeit auftreten (so z. B., wenn Günther seinen Geburtstag z. T. aus FDGB- oder K- und S-Geldern finanziert). (Günther war mein Chef; FDGB-Gelder – ein Teil der Gewerkschaftsbeiträge, die dem Arbeitskollektiv zur Verfügung blieben; K- und S-Gelder – Mittel des staatlichen Kultur- und Sozialfonds.)

Wir müssen jederzeit in dem Bewußtsein handeln, der letzte Souverän ist das Volk, das Volk in seiner Struktur Arbeiterklasse, Bauernklasse, Intelligenz und andere Verbündete. Jede Regierung ist nur beauftragt, jeder Funktionär ist nur Beauftragter. Das Volk muß seine Souveränität jederzeit ausüben, öffentlich zum Ausdruck bringen, seine Beauftragten kontrollieren. Wir sind weit von diesem Zustand entfernt, obwohl wir ihn formal erklären. Und das ist das größte Hemmnis für eine höhere Attraktivität unseres Systems.

 

Für Ursel habe ich einige Zitate über das Alter zusammengetragen. Liegt es an den Denkern oder an der Auswahl ihrer Äußerungen? – Es wird kaum bedacht, wie verschieden Alter in verschiedenen Gesellschaften, zu verschiedenen Zeiten, für verschiedene Klassenindividuen ist. Fast alle reden über das Alter nur als über ein bloß individuelles Schicksal.

 

Im D-Zug mir gegenüber ein junges Ehepaar mit 6-jährigem Kind. Eine Fülle dressierender Einwirkungen aber ein Minimum an wirklicher Zuwendung zu diesem eigenen Wesen. Warum nur? Die Menschen scheinen dazu erzogen, die Individualität zu mißachten, ihre eigene und die ihrer Kinder und anderer Menschen. Diese Erziehung, die natürlich im Grunde aussichtslos ist, zeigt eine gewisse Wirkung.

 

Warum werden in unserer Gesellschaft die eigentlich vorhandenen Möglichkeiten so wenig wirksam? Unser ganzes Leben in der heutigen Zeit ist vom Antagonismus der Welt erdrückt. Jeder Versuch, ein beliebiges Problem des Lebens zu verstehen ist hoffnungslos, wenn er nicht ganz bewußt von diesem Antagonismus ausgeht. Es ist dies der tiefste, schärfste, unerträglichste Antagonismus, den es je gegeben hat, seit die Menschheit existiert. Er wird, historisch gesehen, in einer rasanten Entwicklung gelöst. Jedoch aus der Sicht meines individuellen Alltagslebens wird er fast gar nicht gelöst, muß einfach ertragen werden. Der (fast) hoffnungslose Zwang, das Unerträglichste ertragen zu müssen – das bringt unvermeidlich Züge, ja sehr starke Züge, erschreckende Züge des Widersinns, ja des Wahnsinns in unser tägliches Leben, in jede, auch unsere intimste Verrichtung.

Aus der Einsicht in den Antagonismus erwächst meine Bereitschaft, unvollkommen, deformiert zu bleiben. Ich verzichte bewußt im Interesse „der Sache“, in meinem Lebensinteresse. Aber das notwendige Verzichten richtig zu bestimmen, ist sehr schwer. 80% des als notwendiger Verzicht Geforderten (von wem eigentlich?) sind nicht berechtigt.

Die “grüne Kritik” an den Gebrechen “der Zeit”, die keineswegs nur von den Grünen vorgebracht wird, muß an einer Stelle gepackt werden: Sie versteht nicht (wenn sie ihn nicht ganz unterschlägt) den Antagonismus in unserer Zeit.

 

Die denkbaren Beziehungen der Übereinstimmung/Nichtübereinstimmung von Individuum und Gesellschaft:

1. Das I. als Schrittmacher gegenüber der G.- Es lebt ständig mit dem Widerspruch noch nicht verstanden zu werden.

2. Das I. als rückständig gegenüber der G. – Es wird ständig getriezt, sich zu entwickeln, zu verändern.

In beiden Fällen erlebt das I. sich selbst als etwas Besonderes.

3. Das I. in ständiger Übereinstimmung mit der G. – Es muß sich ständig (manchmal unmerklich) anpassen. Es erlebt (problematisiert) sich überhaupt nicht als Individuum, genauer gesagt als soziales (sozial bedeutsames) Individuum, sondern vor allem als biologisches (Trinken, Essen, Ficken, Wohnen).