Archive for Mai, 2007

13. Dezember 1981

Donnerstag, Mai 24th, 2007

“… ich fühle eine tiefe Sehnsucht nach der Kraft, die aus Nüchternheit und Klarheit kommt, und bin dem Romantischen ziemlich gram. Ich spüre in dem schlechthin Echten, für das es wieder kein Erkennungszeichen gibt, das Wesen, auf das es bei allem Kunsttreiben und schließlich Leben allein ankommt. Der Grad Echtheit beim Menschen enthüllt sich vor Kunst, das Wesen richtet das Wesen, erkennt sich selbst wieder in der anderen Form; da, im immer reineren Herauskristallisieren will mir ein Sinn aufgehen, der das Leben zu höheren Stufen treibt. Mir wird Persönlichkeit immer wesenloser, immer wichtiger Hineingehen in ein Übersich…”

E. Barlach an K. Barlach 5.5.1922

“Ich bin oft empört über mich selbst; daß man das alles so hinnimmt, bin ich allein so, oder geht’s auch andern so? Aber die täglichen Nöte und Familiensorgen sind wichtig wie vorher, und die schwere Not der Allgemeinheit kommt eigentlich nur in kurzen Augenblicken wie eine Erscheinung von scheußlicher Gespensterhaftigkeit über mich. Da ich aber zu klein bin, sie so groß, so ist’s, als ob ich unversehrt durch sie dringe und weder von ihr verschlungen noch überhaupt bemerkt bin…”

E. Barlach an Fr. Düsel, 28.12.1918

Franzsprache. “Staubsauger” - “Stabauter”

Kaum sage ich “Staubsauger”, da schleppt er den Hocker und die Fußbank herbei und legt sie auf das Sofa.

Drei Grafiken von Gisela Neumann gekauft. Es war mir irgendwie wichtig, wohl auch, um L. zu erfreuen. Und doch wird mir klar, daß mir letzten Endes dieser Psychologismus zuwider ist, dieses Abbilden der Realität als Ausdruck des persönlichen Empfindens. Bei L. dagegen geht es (letzten Endes) um das Entdecken des menschlich Bedeutsamen in der Realität.

16. November 1981

Donnerstag, Mai 24th, 2007

Wer ist jung oder sehr jung?

Darüber gab es einen Disput als Schmidts aus Hoyerswerda hier zu Besuch waren. Libuda als 30-jähriger Maler sei sehr jung, betonte Schmidt. (Mir scheint, dahinter steckt etwas wehmütige Koketterie mit dem eigenen Älterwerden.) Ich polemisierte gegen diese Betonung (seine Frau auf meiner Seite).

In dieser zufälligen Meinungsverschiedenheit drückt sich Gesellschaftliches aus, etwa die (unbewußte) Vorstellung von einer sinnvollen und sehr ausgebauten Hierarchie in dieser Gesellschaft, etwa so:

Man muß erst alle Schulen durchlaufen haben (und wir haben viele davon), bevor man beginnen kann, sich ganz verantwortlich auf die eigenen Füße zu stellen.Und solange wird man als “sehr jung” klassifiziert.

Was aber, wenn das brave Durchlaufen aller Schulen und Förderungsformen darauf hinausläuft (zumindest oft), Umwege zu gehen und sich schwerer selbst zu finden? (Weil nämlich die Hierarchie gar nicht so sinnvoll und vor allem gar nicht so lebensnah ist.)

Noch schärfer formuliert (fast bösartig) kann man dieses „jung machen“, “jung reden” der Menschen als eine Form ihrer sanften, schleichenden Entmündigung betrachten. Erwachsen sind sie dann erst, wenn sie angepaßt (und initiativlos) bzw. ausgerichtet (und aktiv) sind.

Solche Deutungen des Jungseins, wie ich sie hier anbiete, sind von niemandem verordnet. Sie scheinen zur Alterspsychologie dieser Gesellschaft zu gehören.

Wissenschaftsfeindlichkeit (in ganz verschiedenen Formen) wird bei Manchen, besonders Künstlern, zur Position. Vgl.”Weimarer Beiträge” 10/81 Artikel von E. Geißler darüber, wie Mitglieder der Akademie der Künste Erkenntnisse der Molekularbiologie (Genetik) aufnahmen, vergl. die Reaktion von L. und Eva, als ich das “Entwicklungswunder Mensch” präsentierte.

Solche Erscheinungen sind kritikwürdig. Aber mir scheint, auch was Wissenschaft (und Philosophie) ist, was sie kann und soll, muß besser, lebendiger bestimmt werden. Wissenschaft und Praxis.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, mache ich es mir “in fliegender Hast” “gemütlich”: Rundfunk an, Kaffee gekocht, Kuchen geschlungen, Zeitung oder was anderes gelesen - alles gleichzeitig.

Dasselbe erzählen Anneliese und Renate von sich! (Meine Arbeitskolleginnen.)

Was drückt sich hier aus? Lebensgier? Entfremdung abwerfen wollen? Dem angeeigneten Rhythmus ausgeliefert sein? Entspannung in derselben Art wie Arbeit suchen?

Wie kann man freie Zeit zur Mußezeit machen, zur “Zeit für höhere Tätigkeit” (Marx), um darin ein anderer Mensch, ein anderes Subjekt zu werden (”Subjekt” wörtlich- “das Unterworfene”) und als solches (also frei) in den Arbeitsprozeß zurückzukehren (Vergl. Marx, “Grundrisse”, S 599)?

Auf jeden Fall ist Eines wichtig: Zu seinen “Zivilisationsbedürfnissen“ kritisch sein. „Z.“ aber, das ist in Wort. Was sind sie? Wo fangen sie an, wo enden sie?

Was erlebe ich bei der Befriedigung meiner Bedürfnisse? Zivilisation? mich? Natur? (So abstrakt ist an diese Frage nicht heranzukommen.)

12. November 1981

Dienstag, Mai 22nd, 2007

Gespräch am Mittagstisch: Eine ca. 55-jährige Frau sagt: „Gestern war ich sauer. Wenn ich sauer bin, muß ich immer einkaufen. Echt, so ist das.“

Viele wichtige Dinge des Lebens haben keinen Wert (bis jetzt: Luft, Wind, Sonne, Mond und Sterne, Regen, in gewissem Sinne auch Wiese und Wald, Pflanze und Tier). Welchen Platz kann oder muß der Genuß dieser Dinge in einem sinnvollen Leben haben?
Als gesellschaftliches Individuum meiner Zeit entferne ich mich maximal von diesen Dingen. Zugleich kann ich aber auch nur als solches Individuum sie wirklich genießen. Und es geht um mehr als schlechthin genießen. Es geht darum, die
Natur meines Daseins zu erleben, diese Natur, die mein Leben in der Gesellschaft ursächlich mitbestimmt und notwendig begleitet. Ich muß als Anderer wieder in die Gesellschaft zurück kommen (Anderes einbringen), und das kann ich nur dadurch, daß ich Natur, das am wenigsten Gesellschaftliche (das gesellschaftlich Ungeformte) in mich aufnehme.

10. November 1981

Dienstag, Mai 22nd, 2007

Bin jetzt entschlossen, eine Rezension zu „Entwicklungswunder Mensch“ zu schreiben.
(http://www.ciao.de/Entwicklungswunder_Mensch_Schmidt_Hans_Dieter__Test_904134.

Der Verfasser Hans Dieter Schmidt war langjähriger Professor für Entwickluns- und Persönlichkeitspsychologie an der HU-Berlin. Das zugleich wissenschaftlich exakt und menschlich einfühlsam geschriebene Buch lebte auch von den hervorragenden Fotografien von Evelyn Richter. Sie zumindest kennt Wikipedia.)

Wieder mal liege ich mit vielen meiner Gedanken mitten im Denken der Zeit („Individualisierung der Erziehung“ - darüber Gespräch mit H.D. Schmidt führen).
Irene Dölling in „Weimarer Beiträge“ 10/81 über „Individualitätsformen“ wichtig, wenn auch wissenschaftlich-schwerfällig.

(Der Begriff „Individualitätsformen“ geht meines Wissens auf Lucien Seve zurück, dessen „Marxismus und Theorie der Persönlichkeit“, Berlin, Dietz Verlag 1972 mich stark beeindruckte. Der Begriff wurde sowohl von DDR-Theoretikern als auch von der Kritischen Psychologie aufgegriffen (http://www.kritische-psychologie.de/wasist.html). Wenn man heute Wikipedia schaut, scheinen das mehr oder weniger „tote Hunde“ zu sein (nur Wikip. französisch hat einen (ausführlichen) Artikel über Seve). Aber Google liefert mühelos zahlreiche Belege, daß dieser Eindruck vielleicht doch trügt.)

Den darin zitierten Gedanken von U. Holzkamp-Osterkamp und P. Sagawe bin ich nur spekulativ manchmal nahe gekommen.
In dieser Rezension wird es wichtig sein, entschieden zu Fechten für ein klares Bewußtsein der Rolle des Individuums
und zugleich seine gesellschaftliche Verantwortlichkeit ebenfalls klarer zu Fassen (Vergl. ebenda Rezension des Buches „Chorgesang“ von H. Schütz).

 

Streitgespräch mit den ZF-Frauen; das krasse „Kaufhausbewußtsein“ bei diesen Leuten, das „Reisebewußtsein“ bei Leuten, die reisen dürfen.

(„ZF“ = „Zentralstelle Führungskader“ war die Kurzbezeichnung meiner Arbeitsstelle (Vergl. Eintrag vom 10. Dezember 1980) Unsere Stelle bestand aus 1 Leiter („Günther“), seinem Stellvertreter und wissenschaftlichem Mitarbeiter (= meine Wenigkeit), 1 Sekretärin, 1 Sachbearbeieterin + 9 Teilnehmern der sechsmonatigen Weiterbildungslehrgänge.)

Das geradezu erbitterte Bemühen (oder das Nichtanderskönnen?) sich auf Teilbewußtseine zu beschränken!
(Dazu noch Günthers „Datschenbewußtsein“, überhaupt das „Privilegienbewußtsein“ dieser Leute.)
Ist das Gesamtbewußtsein einfach als Erkenntnis so schwer möglich? Oder ist es als Erkenntnis zwar möglich aber muß abstrakt, unglaubwürdig bleiben und wird also aktiv verdrängt?


Platonow! Z.B. „Müllwind“, „Heimkehr“, „Epifaner Schleusen“ - erstaunliche Dichte. Ich bin gefesselt, entsetzliche Figur des Scharfrichters. „Die Stadt Gradow“ - herrlich.

(Hier also meine erste Bekanntschaft mit einem Schriftsteller, der für mich der größte ist, den die sozialistische Revolution in Rußland hervorgebracht hat.)

 

07. November 1981

Dienstag, Mai 22nd, 2007

L. in Wasungen mit F.

Für mich hier eine angefüllte Zeit.
- Diskussion der Studenten mit Prof. H.-D. Schmidt über „Entwicklungswunder Mensch“
- Besuch des Films „Mephisto“.
- eine Nacht „fleischlicher Lust“ mit HeGrü
- Besuch der Schmidts aus Hoyerswerda
- Erzählungen von Andrej Platonow entdeckt
- heute früh eine Sendung des SFB über den „Fluch des Geldes“, in der einige Töne aufhorchen lassen.

Von meinem Libuda-Besuch sollte ich festhalten:
Unsere Polemik um die „eigene Handschrift „ des Künstlers. Er wehrt sich gegen sie, wenn sie als Festgelegtheit des Künstlers verstanden wird. Seine Erfahrung des unmittelbar gemeinsamen Malens mit Gille - Malen „wie in einer Jazz-Gruppe“. Das trifft sich mit der Unzufriedenheit, dem unklaren Drängen von Eva Vent („Man müßte eine neue Künstlergemeinschaft aufmachen.“)

Der Maler, überhaupt der Einzelne und die Masse.

Walter erzählt von dem Unverständnis der mitmalenden Studenten, daß er sich als völlig namenloser Mitmaler Gilles einstellen ließ. Die öffentliche Anerkennung und was demgegenüber ihm wichtig war. Ich kenne ebenfalls solche Beispiele, wo der individuelle Wert einer Handlung so sehr verschieden war, von dem, was als gesellschaftlicher Wert auf der Hand zu liegen schien. Das kann man aber nur empfinden und tun, wenn man den individuellen Wert überhaupt kennt und zu schätzen weiß, in gewisser Hinsicht höher als den gesellschaftlichen.

Wie die Malerstudenten sich wehren, den Marxismus-Leninismus zu lernen, und meine Meinung, wie ich sie zu bestimmten Grundvoraussetzungen zwingen würde (zum Sichbeschäftigen damit). Sein Zweifel, daß das klappen kann, ob nicht der Widerstand sehr groß wäre. Er meint, daß es ja keine unbedingte Abneigung gäbe, nur müßte jeder aus seinem subjektiven Entwicklungsgang selbst auf die Notwendigkeit des M-L stoßen und dann Hilfe erhalten. Wie kann so etwas gehen?

Ich meinte, es komme erstmal darauf an, eine ganz allgemeine Orientierung zu geben, einen Rahmen, damit der Künstler ein bißchen sich im ML selbständig orientieren kann. Sich diesen Rahmen verpassen zu lassen, dagegen besteht erstmal Widerstand.
Man muß wohl versuchen, zu zeigen, daß dieser Rahmen künstlerisch notwendig ist, und man muß sich prinzipiell klar machen, daß es hier um die
Aneignung von Wissenschaft geht.
Und in dieser neuen Qualität des Denkens (für den Künstler aber auch für jeden „Alltagsmenschen“) scheint mir das allergrößte Problem zu liegen. Hier liegt ein Problem auch für jeden Maler, der betont aus seiner Subjektivität heraus schafft, wie Walter. L. sagt und weiß, daß der Künstler sich der Gesellschaft weit öffnen muß. Das ist für realistische Künstler sicher keine Frage. Aber diese Gesellschaft heute (überhaupt das Objektive heute) ist eine
wissenschaftlich vermittelte und zwar grundsätzlich, allgemein, wesentlich wissenschaftlich vermittelte. (Von daher auch kommt meine so leidenschaftliche Zustimmung zu „Entwicklungswunder Mensch“, weil dies ein populärwissenschaftliches Buch neuer Art ist.)

Interessant war auch der Besuch der beiden Westdeutschen bei Walter L. - hinsichtlich ihres Wirkens auf mich (innerlich), - hinsichtlich ihrer Weltgewandtheit (durch ihr vieles Reisen, wie L. vermutet). Mein eigentümliches Gefühl der Überlegenheit, die es nicht auszuspielen galt, des Sicheinlassens auf ihren Stil, was dann sehr schnell zum Unsicherheitserlebnis führte, das ich halb belustigt, halb ärgerlich, halb desinteressiert, eigentlich spielerisch zur Kenntnis nahm.

Wodurch wirkte der Westdeutsche sicher?
-Durch sein Fotografieren (bei Dämmerlicht). (Welche Technik muß er haben/beherrschen, wenn er bei diesem Licht (aus der Hand) Farbaufnahmen machen kann?)
- durch sein Reden über Wein. (Er ist Weinkenner und kann natürlich viel mehr Weine kennen als ich.)
- durch sein Reden über Kunstsammeln. (Er kennt viele Sammler und -Kompliment für mich - rechnete mich auch dazu.)
- durch sein Tempo. (Seine Zeit war knapp bemessen und trotzdem wirkte er nicht hektisch, sondern frisch, scheinbar sogar anregend.)
- durch seine Kaufkraft (in keiner Weise erwähnt aber uns allen bewußt.).
- durch den Begleiter vom DDR-Kunsthandel (Er ist wohl so gefährlich, daß er ständig überwacht werden muß.)
- durch seine Aktivität, Zielbewußtheit. (Der Angreifer ist immer im Vorteil.)

Ich habe keinen Grund, ihnen Unsolidität zu unterstellen, aber es wurden doch Lücken sichtbar. Quevedos druckgrafisches Werk war ihnen unbekannt. Leber war ihnen unbekannt. Seine Bemerkung (eine Bemerkung Walters aufgreifend, die er aber mißverstand), daß an einem bestimmten Bild offensichtlich noch viel zu tun sei, während Walter das Bild als so gut wie fertig bezeichnete (danach).

Anknüpfend an die eben erwähnte SFB-Sendung frage ich mich:
Die Gewandtheit „der“ Westdeutschen (die manche Leute vor allem mit Reisen
und daher mit Bildung in Verbindung bringen), ist sie nicht Ausdruck dessen, daß sie immer in der Funktion Käufer/Verkäufer, immer auf dem Markt sind?

Vor einiger Zeit hörte ich den Begriff „Winkelemente“. Kürzlich gab es dazu eine Steigerung: „Bestattungselemente“ - das sind Särge.

 

01. November 1981

Dienstag, Mai 22nd, 2007

H. Böll, Frankfurter Vorlesung, (dtv S. 58). Zur Bundesrepublik sagt er: “Ein trauriges Land, aber ohne Trauer.” Es wird nicht Heimat, Wohnung dargestellt in der deutschen Nachkriegsliteratur, sagt Böll. Er polemisiert gegen Befehle und zitiert I. Bachmann:

“Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.”

Ein mir unvergeßlicher Satz von H. Löffler lautete (sinngemäß):
Er könne sich nicht organisieren. Das hätte bedeutet, ihn zu zerstören.
Dem ist das Leninwort über die Bedeutung der Massenorganisation entgegen zu halten.
Keiner dieser so extrem entgegengesetzten Sätze hat weniger Wahrheit als der andere.

Noch einmal Böll, S. 82: “Die Humanität eines Landes läßt sich daran erkennen, was in seinem Abfall landet, was an Alltäglichem, noch Brauchbarem, was an Poesie weggeworfen, der Vernichtung für wert erachtet wird.”

Ich denke an einen schönen Handwagenkasten, den ich heute gefunden habe und - noch krasser - denke an unsere Müllwanderungen einst in der Rhön.

„Wer Grund unter den Füßen haben will, muß viel mehr haben, als Kunst und Literatur ihm je werden bieten können“ (91f).
Bölls Hochschätzung Stifters, der das Humane im Alltag, beim Reisen, Wohnen, Essen usw. entdeckte. Brot, Abfall, Liebe, Ehe; Humor des Jean Paul.
Zur Literatur: Inhaltsangabe ohne Formangabe, läßt jede Möglichkeit des Schwindels zu…” (108). (Sehr wahr!)
Humane Möglichkeit des Humors: ” Das von der Gesellschaft für Abfall Erklärte, für abfällig Gehaltene in seiner Erhabenheit zu bestimmen.” (118) (Kein Lachen ohne Trauer).

 

31. Oktober 1981

Samstag, Mai 19th, 2007

Unserem F. ist der zweite Spulwurm abgegangen. Sonst ist er sehr vergnügt. Gern trinkt er „Kakoi“.

Er verallgemeinert: Alles, was auf- und zugehen kann (Schubladen am Schrank, Streichholzschachtel) ist eine „Tür“. Alle Leute, die sich abwenden bzw.weggehen, nannte er zeitweilig „Papa“. Alles, was auf Rädern rollt, auch die Straßenbahn, auch sein Dackel, ist ein Auto. Die Kuchenrolle ist eine „Gurke“.


L. erzählt von einem Gespräch mit Wilfert (Drucker) und Gisela Neumann (Malerin). Man sprach über Goltzsches Grafik „todgeweihte Stadt“. (Dieter Goltzsche. Kaum zu glauben, daß auch dieser bedeutende Grafiker und Zeichner nicht bzw. nur indirekt als Kollwitzpreisträger bei Wikipedia erscheint. Freilich sind über Google ausführliche Informationen zu finden.) Sie wußten beide nichts über Pnom Pen, das Schicksal dieser Stadt. I. hatte keine einigermaßen klare Vorstellung von „cruise misile“. Eva Vent erzählte, Lothar Böhme habe - bildlich gesprochen - Rundfunk und Fernseher aus dem Fenster geschmissen (um „rein“ zu bleiben).

Ich dichte Sprüche für den Bildkalender zu Schwiegermutters 60. Geburtstag.
Sie wurden von L. sogleich als Schwulst klassifiziert und von mir durch neue Sprüche ersetzt.

30. Oktober 1981

Samstag, Mai 19th, 2007

Manchmal wird gesagt, im Westen werden dem Individuum für seine Tätigkeit mehr Angebote gemacht als bei uns. Das ist nur der Schein. Im Westen hat das Individuum mehr Angebote, seine Aktivität innerhalb bestimmter Grenzen zu äußern. Bei uns hat das Individuum mehr Angebote zur Aktivität, die es über seine Grenzen hinausführen (mit allen Problemen, die das impliziert).

Die beachtlichen Teilerfolge der westlichen Massenmedien auch in unserer Bevölkerung resultieren z. T. daraus, daß die vermittelten Informationen, obwohl in ihrem Wesen sozialer Natur, bereits direkt in der Form individueller Erfahrung angeboten werden! Es werden nicht abstrakte soziale Theorien dem Einzelnen vorgeknallt, und es werden auch nicht so sehr konkrete soziale Zusammenhänge für den Einzelnen aufbereitet (so daß er sich ihr Verständnis erarbeiten kann), nein, soziale Zusammenhänge werden selbst um den Preis von Ungenauigkeit und Halbheit (sei sie beabsichtigtes Mittel oder unbeabsichtigt) in der unmittelbaren Form individuellen Erlebens angeboten, so daß es gar nicht möglich ist, sie nicht aufzunehmen, es sei denn im Ergebnis einer bewußten, theoretisch fundierten Auseinandersetzung (Abwehr) mit ihnen.)

29. Oktober 1981

Samstag, Mai 19th, 2007

Müdigkeit und eine Grippeinfektion hindern mich, mehr aufzuschreiben. Nur dies:

- Die Diskrepanz, von der ich am 5./6.9. schreibe, hat auch etwas Notwendiges, Gesetzmäßiges. Sie wurzelt in der qualitativen Verschiedenheit bzw. Widersprüchlichkeit von Individuum und Gesellschaft. (Wir neigen dazu, Widersprüche, qualitative Sprünge einzuebnen, zu verschmieren.)

- Das wiederum hat etwas zu tun mit der Dialektik von Emotion und Ratio. (Das Individuum erlebt sich unmittelbar selbst, und es erlebt nur sich selbst, und es erlebt (fühlt) alles nur durch sich selbst.)

- Das wiederum hat etwas zu tun mit der Dialektik von Kunst und Wissenschaft, Kunst als eine Aneignungsweise, die über das Gefühl des Individuums vermittelt ist. Die interessantesten Probleme bei all diesen Diskrepanzen liegen allerdings in der jeweiligen Vermittlung (die Gegensätze nicht aufhebt). Überhaupt geht es hier um Gegensatzbeziehungen, die etwas Statuarisches haben, nicht „energische, zur Auflösung treibende Verhältnisse“ sind. Fordert dieses Statuarische mehr das Bewußtmachen der ganzen Gegensatzbeziehung und weniger die kämpferische Parteinahme auf einer Seite?

Der unglaubliche Reiz, der darin liegt, solche Gegensätze in sich zu vermitteln, fühlendes Wesen zu bleiben und doch Theorie zu beherrschen, abstrakte soziale Beziehungen einzugehen und doch einzigartig für sich zu sein. Das meint m. A. n. auch Marxens Begriff vom „gesellschaftlichen Individuum“ (Vergl. Wolfgang Eichhorn I. in „Einheit“ 6/1981 S. 582.)

(Auf Wolfgang Eichhorn, Jahrgang 1930, trifft zu, was ich bereits im Zusammenhang mit Libuda feststellte - die derzeitige Nichtexistenz prominenter DDR-Namen bei Wikipedia.

W. E. I (zur Unterscheidung von Wolfgang Eichhorn II, ebenfalls Philosophieprofessor in Berlin mit historisch-materialistischer Spezialisierung) ist einer der profilierten Philosophen der DDR für Ethik und Historischen Materialismus. In den 60-er Jahren war er uns jungen Studenten ein Vorbild in seinem lebensnahen, „unorthodoxen“ Zugriff auf ethische Probleme der Persönlichkeit im Sozialismus.

Die „Einheit“ war die theoretische Monatszeitschrift der SED. Gelegentlich waren darin interessante Artikel zu finden. Doch erinnere ich mich wohl richtig, daß ich schon damals an die 80% der Beiträge als Schrot empfand. “Einheit” zu lesen - man kam nicht umhin - war fast immer ein Ärgernis.)

Das Individuum mit seiner Vielfalt von Beziehungen zur sozialen Ordnung. Wir dürfen aber die individuelle Verarbeitung seiner sozialen Beziehungen nicht dem Individuum einfach selbst überlassen. Denn das ist, obwohl es nur in jedem Einzelnen passiert, dennoch ein soziales Problem.

24. Oktober 1981

Samstag, Mai 19th, 2007

Besuch bei Walter Libuda in Leipzig, der mich sehr beeindruckt. Er ist ein großes Talent und wohl schon mehr; mit einer Spur Wahnsinn.

(Ich besitze Grafiken von W. L. aus dieser Zeit. Leider ist meine kleine Sammlung zur Zeit nicht bei mir. Ich werde später einige Blätter hier im Blog abbilden (übrigens auch Werke von Quevedo und natürlich L). Libudas Entwicklung habe ich seit den 80-er Jahren nicht weiter verfolgt. Wie es für viele DDR-Namen zutrifft, bringt Wikipedia über ihn noch keinen eigenen Artikel. Immerhin ist erwähnt, daß er 1999 den Fred-Thieler-Preis erhielt. Das ist nun wieder ein Preis, der mir bislang völlig unbekannt war.)

Unausweichlich folgt er seinem Gesetz. Das, was solche Menschen erfahren und für die Gesellschaft zu Tage fördern, ist himmelweit verschieden von dem, was andere ebenso wertvolle Menschen schaffen, so verschieden, daß beide sich kaum verstehen können (obwohl einer die notwendige Ergänzung des anderen ist). Das ist der Fluch der Arbeitsteilung (der mit ihrem Segen verwachsen ist):

Arbeitsteilungsketten: Walter Libuda - Ich - Kurt oder: Bernd Wagner - Ich - Rolf.

Ich bin durch meine ganze Entwicklung und durch Veranlagung so geworden, daß ich mich in beiden Bereichen halbwegs auskenne. (Das ist sehr belastend für mich, weil ich zu nichts ganz gehöre aber es ist vielleicht auch meine Möglichkeit.)