L. in Wasungen mit F.
Für mich hier eine angefüllte Zeit.
- Diskussion der Studenten mit Prof. H.-D. Schmidt über „Entwicklungswunder Mensch“
- Besuch des Films „Mephisto“.
- eine Nacht „fleischlicher Lust“ mit HeGrü
- Besuch der Schmidts aus Hoyerswerda
- Erzählungen von Andrej Platonow entdeckt
- heute früh eine Sendung des SFB über den „Fluch des Geldes“, in der einige Töne aufhorchen lassen.
Von meinem Libuda-Besuch sollte ich festhalten:
Unsere Polemik um die „eigene Handschrift „ des Künstlers. Er wehrt sich gegen sie, wenn sie als Festgelegtheit des Künstlers verstanden wird. Seine Erfahrung des unmittelbar gemeinsamen Malens mit Gille - Malen „wie in einer Jazz-Gruppe“. Das trifft sich mit der Unzufriedenheit, dem unklaren Drängen von Eva Vent („Man müßte eine neue Künstlergemeinschaft aufmachen.“)
Der Maler, überhaupt der Einzelne und die Masse.
Walter erzählt von dem Unverständnis der mitmalenden Studenten, daß er sich als völlig namenloser Mitmaler Gilles einstellen ließ. Die öffentliche Anerkennung und was demgegenüber ihm wichtig war. Ich kenne ebenfalls solche Beispiele, wo der individuelle Wert einer Handlung so sehr verschieden war, von dem, was als gesellschaftlicher Wert auf der Hand zu liegen schien. Das kann man aber nur empfinden und tun, wenn man den individuellen Wert überhaupt kennt und zu schätzen weiß, in gewisser Hinsicht höher als den gesellschaftlichen.
Wie die Malerstudenten sich wehren, den Marxismus-Leninismus zu lernen, und meine Meinung, wie ich sie zu bestimmten Grundvoraussetzungen zwingen würde (zum Sichbeschäftigen damit). Sein Zweifel, daß das klappen kann, ob nicht der Widerstand sehr groß wäre. Er meint, daß es ja keine unbedingte Abneigung gäbe, nur müßte jeder aus seinem subjektiven Entwicklungsgang selbst auf die Notwendigkeit des M-L stoßen und dann Hilfe erhalten. Wie kann so etwas gehen?
Ich meinte, es komme erstmal darauf an, eine ganz allgemeine Orientierung zu geben, einen Rahmen, damit der Künstler ein bißchen sich im ML selbständig orientieren kann. Sich diesen Rahmen verpassen zu lassen, dagegen besteht erstmal Widerstand.
Man muß wohl versuchen, zu zeigen, daß dieser Rahmen künstlerisch notwendig ist, und man muß sich prinzipiell klar machen, daß es hier um die Aneignung von Wissenschaft geht.
Und in dieser neuen Qualität des Denkens (für den Künstler aber auch für jeden „Alltagsmenschen“) scheint mir das allergrößte Problem zu liegen. Hier liegt ein Problem auch für jeden Maler, der betont aus seiner Subjektivität heraus schafft, wie Walter. L. sagt und weiß, daß der Künstler sich der Gesellschaft weit öffnen muß. Das ist für realistische Künstler sicher keine Frage. Aber diese Gesellschaft heute (überhaupt das Objektive heute) ist eine wissenschaftlich vermittelte und zwar grundsätzlich, allgemein, wesentlich wissenschaftlich vermittelte. (Von daher auch kommt meine so leidenschaftliche Zustimmung zu „Entwicklungswunder Mensch“, weil dies ein populärwissenschaftliches Buch neuer Art ist.)
Interessant war auch der Besuch der beiden Westdeutschen bei Walter L. - hinsichtlich ihres Wirkens auf mich (innerlich), - hinsichtlich ihrer Weltgewandtheit (durch ihr vieles Reisen, wie L. vermutet). Mein eigentümliches Gefühl der Überlegenheit, die es nicht auszuspielen galt, des Sicheinlassens auf ihren Stil, was dann sehr schnell zum Unsicherheitserlebnis führte, das ich halb belustigt, halb ärgerlich, halb desinteressiert, eigentlich spielerisch zur Kenntnis nahm.
Wodurch wirkte der Westdeutsche sicher?
-Durch sein Fotografieren (bei Dämmerlicht). (Welche Technik muß er haben/beherrschen, wenn er bei diesem Licht (aus der Hand) Farbaufnahmen machen kann?)
- durch sein Reden über Wein. (Er ist Weinkenner und kann natürlich viel mehr Weine kennen als ich.)
- durch sein Reden über Kunstsammeln. (Er kennt viele Sammler und -Kompliment für mich - rechnete mich auch dazu.)
- durch sein Tempo. (Seine Zeit war knapp bemessen und trotzdem wirkte er nicht hektisch, sondern frisch, scheinbar sogar anregend.)
- durch seine Kaufkraft (in keiner Weise erwähnt aber uns allen bewußt.).
- durch den Begleiter vom DDR-Kunsthandel (Er ist wohl so gefährlich, daß er ständig überwacht werden muß.)
- durch seine Aktivität, Zielbewußtheit. (Der Angreifer ist immer im Vorteil.)
Ich habe keinen Grund, ihnen Unsolidität zu unterstellen, aber es wurden doch Lücken sichtbar. Quevedos druckgrafisches Werk war ihnen unbekannt. Leber war ihnen unbekannt. Seine Bemerkung (eine Bemerkung Walters aufgreifend, die er aber mißverstand), daß an einem bestimmten Bild offensichtlich noch viel zu tun sei, während Walter das Bild als so gut wie fertig bezeichnete (danach).
Anknüpfend an die eben erwähnte SFB-Sendung frage ich mich:
Die Gewandtheit „der“ Westdeutschen (die manche Leute vor allem mit Reisen und daher mit Bildung in Verbindung bringen), ist sie nicht Ausdruck dessen, daß sie immer in der Funktion Käufer/Verkäufer, immer auf dem Markt sind?
Vor einiger Zeit hörte ich den Begriff „Winkelemente“. Kürzlich gab es dazu eine Steigerung: „Bestattungselemente“ - das sind Särge.