Die Besprechung von Paschillers Buch von Matthias Biskupek gefällt mir gut. Warum? „Man“ (das heißt unter den Bekannten, unter denen, „die dafür ein Organ haben“) ist sich darüber einig, daß Doris Paschiller „eine Ausstrahlung hat“. „Sie hat etwas“, lautet meist der gewichtige, unbestimmte Satz.
Sie hat wirklich etwas - strahlende blaue Augen, ein Gleichmaß des Verhaltens und sich Äußerns, meinetwegen ein In-sich-ruhen. Ich glaube darüber hinaus, daß sie auch noch die Illusion hat, dies genüge schon. Wir „konnten nicht“ miteinander. Als sie - vor Jahren bei L.s Ausstellungseröffnung im Berliner Prater - sagte, sie habe schon fünf Schauspiele geschrieben, fiel bei mir so etwas wie eine Klappe. Danach versuchte ich sie zu reizen oder zu provozieren. Darauf sprang sie aber nicht an.
So blieb immer ein Patt zwischen uns (aber vielleicht ist das ihre Art sozialer Beziehung.)
Na und außerdem als Freundin des Maulaufreißers Jürgen (Max) Stock.
Der „Karin-Ohde-Exkurs“ ist auch für L. Anlaß, über uns (an Hand der K. Horney-Lektüre) nachzudenken. Zwingen so Tatsachen auch sie zu größerer Entschiedenheit? (Mich nicht so recht lieben, mit mir aber zusammen bleiben, andere partiell mögen (lieben), kaum Erotik zwischen uns - d.i. ja nicht zuletzt ein von L. ausgehendes Durcheinander, Inkonsequenz).
Mit Dr. Heyse ein 50 Std.-Verhaltenstraining vereinbart. Bei aller Partnerschaft keine ungehemmte Sympathie. Viele Psychologen, die ich kenne, scheinen mir irgendwie gehemmt, aber so, als verstünden sie es gekonnt, mit ihrer Hemmung umzugehen.
. Ich freue mich darauf, dieses umfangreiche Vt. kennenzulernen und mir anzueignen.
. Ich sehe davon ausgehend Möglichkeiten, der „psychologischen Optimierung“ unseres Lehrgangs einen Schritt näher zu kommen.
. Ich sammle damit zugleich Gedanken für meinen Diskussionsbeitrag/Erfahrungsbericht für die Rostocker Konferenz im September.
Mein soziales Grundgefühl ist, daß diese Gesellschaft mich braucht.
L.s soziales Grundgefühl ist eher, daß die Gesellschaft sie nicht braucht, und sie nicht die Gesellschaft.
So oder so gibt es dieses Gefühl bei vielen Anderen.
Bei anderen gibt es das Bedürfnis, mit Haß auf diese Gesellschaft zu antworten.
In der „Weltbühne“ u.a. wichtiger Artikel über die Memoiren des Schönhuber. Die nazistischen „Alternative“ ist in der BRD immer präsent.
„Welt der Kunst“, Monografie über Beckmann; kann man nicht schnell nebenbei lesen. Schon auf der ersten Seite exponiert Rimbaud:“Der Vorstoß des Poeten ins Unbekannte“.
Auch meine Protokolle stellen einen solchen Versuch dar.
Doch Feindschaft will ich halten, gegen das nur in sich selbst rasende Individuum.
Ende dieses ersten Heftes von Protokollversuchen. Weiter geht es mit einem A4-Band und Bemühungen zu rationellerer und übersichtlicherer Darstellung.
Das Festival des politischen Liedes präsentiert die „ins Fleisch geratenen“ Pioniere der Singebewegung. Stolz werden die 10-, 12-, 15-jährigen Traditionen erwähnt. Lyrismen über unser Leben, um nicht zu sagen Schmalz. (Nein, das wäre ungerecht.)
Ungeklärt für mich:Wie kommt es konfliktlos, sozusagen gleitend, zur Erneuerung in unserer Gesellschaft? (Das muß auch dadurch geschehen, daß neue Leute ‘rankommen.)
L. liest weiter über die neurotischen Menschen. Karen Horney, „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ schildert, welche Neurotizismen für Liebe gehalten werden. L. fragt, was ich unter Liebe verstehe, da ich doch so entschieden meine Liebe zu ihr betone. Dabei bemerke ich, wie lange ich mir diese Frage nicht gestellt habe.
Vor dem Einschlafen die ersten beiden Gesänge der Hölle von Dantes „Göttlicher Komödie“ gelesen:
„Es war in unres Lebensweges Mitte,
als ich mich fand in einem dunklen Walde;
denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“
Als ich 17 Uhr von der Arbeit nach Hause komme, schneidern E. und L. an meinem Faschingskostüm, das ein Meisterstück wird: “Neptun”.
20.30 bis 1 Uhr Fasching bei H. (L. bleibt noch etwas länger wegen E.)
Schon beim zweiten Tanz mit K. muß ich mich für meine Erregung entschuldigen; halb, halb bitte ich das auch als Huldigung zu verstehen. Beim nächsten Tanz sagt sie, daß sie meine Huldigung mag. (Auch HePa damals am FKK-Strand war von diesem Zeichen kaum unangenehm berührt oder HeGrü beim ersten Kennenlernen.) 10 Minuten später sitzen wir abseits auf einem Sofa. Mutwillig (oder eigentlich Besitz ergreifend) nehme ich ihre Brüste und berühre ich ihren Schoß. Wir wissen, daß wir miteinander schlafen wollen, und sagen es uns. Wir sind voneinander berauscht. Sie verschiebt ihre geplante Reise, so daß wir uns heute
12. Februar 1982
treffen können.
Die Nacht war kurz. 2 Uhr geschlafen, 6.30 Uhr aufgewacht (schlecht geschlafen, in wachen Momenten immer bei K).
Tagsüber viele Gespräche im MSAB.
Interessant, wie sich in der Arbeit der Genossen dort aufs Engste Routine und Zeitvergeudung mit Schöpfertum und Verantwortlichkeit verbinden. Beeindruckend, wie sie alle, nach beliebigen Unterbrechungen absolut sicher und exakt den ursprünglichen Gesprächsfaden wieder aufnehmen.
2 Std. Sauna.
Jetzt ist es 16 Uhr durch. Ich sitze in der Stadtbibliothek. 1 1/2 Std. Protokoll, dann fahre ich zu K., 31 J., Soziologin, arbeitet in der Psychiatrie in Herzberge, ledig, kinderlos, groß, schön, schwer. Zwei Verrückte haben sich getroffen. Sie ist Weib. Sie sagt: “Ich bin gern Frau und ein bißchen naiv.” Ich glaubs. Was hier beginnt, ist weder beiläufig noch zufällig. Ich kann und will nichts verbieten, auch wenn es teuer wird.
R. R., die doch auch beim Fasching war, war abgehängt (außer einigen üppigen Küssen). Mit meinem Kostüm und meiner maulfrechen Draufgängerei hab’ ich dort Furore gemacht. Wie leicht es manchmal ist, Frauen zu beeindrucken.
Wenn ich mit meinem jetzigen Gefühl manche der Formulierungen (zu Sex) der letzten Tage lese, so denke ich, daß Pornografie auch damit zu tun hat, daß sexuelle also zwischenmenschliche Ereignisse und Beziehungen ausschließlich aus der Lust und Begierde des Einen abgeleitet werden. Die Rechnung wird ohne den Wirt gemacht. Dadurch kommt Rücksichtslosigkeit, Starrheit, Kälte hinein, Einseitigkeit, Übertreibung oder gar Verirrung.
Die gleichen Ereignisse, Szenen, Lüste und Begierden zweier Menschen behalten ihre menschliche Qualität.
Ich denke auch an L. Unser Zusammenleben hat tatsächlich mit diesem Erlebnisbereich nur noch wenig zu tun. Was sich hier anbahnt ist ein unvermeidliches, wenn auch lange aufgeschobenes Fazit aus unserem erotischen Standard. Was kommt danach?
Kränkung und Bitterkeit? kameradschaftliches Zusammenleben? neue Liebe irgendwann?
13. Februar 1982
gegen 0.30 Uhr von K. zurück, 8 Uhr aufgestanden, L. kommt gegen 10 Uhr mit F. von der Kinderklinik zurück, F. mit Mittelohrentzündung.
Offenbarung der Sachlage, 11-14 Uhr Garten.
Danach bin ich Kinderhüter, und sie geht in den Garten.
Zwischen 20 und 22 Uhr ein wenig Sprechen mit L. über “die Sachlage”. Wie ist sie?
Mit K zwei-einhalbmal “den Berg erstiegen”. Was bleibt? Nichts, gar nichts. (Nicht, weil sie nicht “gut im Bett” wäre.) Ich hab ihr schon gleich gesagt, daß ich nicht wiederkomme. (Am Rande könnte ich diesen oder jenen Eindruck schildern, aber es ist mir so unwichtig.)
Hab’ ich mich auch durch dieses Buch und die “Seelenzergliederung” in eine bestimmte Richtung fixiert, mich selbst irregeleitet?
(Wenn mir auch nichts bleiben sollte, so doch wenigstens eins: Wort und Tat stimmen halbwegs überein.)
Zu L. sagte ich heute Abend mein augenblickliches Fazit:
- Ich schäme mich.
- Ich betrachte mich nicht m Besitz eines Freibriefs.
- Ich weiß, daß ich nichts versprechen kann (so zerknirscht mir auch momentan zumute ist), denn die Ursachen (die sexuelle Unbefriedigung) bestehen zwischen uns fort.
L. ist betroffen. Wie sie es angekündigt hatte, “kämpft” sie nun nicht um mich. (Das dieses Mal schon vorbei ist, glaubt sie übrigens nicht.) Wir werden uns einige Zeit aus dem Weg gehen. Dann wird man weiter sehen.
“Es würde mich am Arbeiten hindern, wenn ich Dich als lebenden Widerspruch immer vor Augen sähe.” (Ja, sie ist demgegenüber nicht widersprüchlich. Gern würde ich mir diesen traurigen Sarkasmus sparen. Sie hat nie gesagt, daß sie mich liebt (und legte Wert auf diese Feststellung) und hat kein halbwegs beständiges sexuelles Begehren nach mir. Das ist doch eine herrliche Übereinstimmung.)
Wir sprechen F.’ Versorgungszeiten ab. Jetzt hat sie sich entschlossen, kommenden Freitag zum Fasching zu gehen. Sie fühlt sich jetzt nicht mehr abhängig von mir. Sie will Gewißheit.
14. Februar 1982
Was mich an K. im Faschingsrausch fasziniert hatte, erwies sich als eine Art ursprüngliche Einfalt bei ihr, Einfalt des Geistes und des Herzens.
Originell war eigentlich nur, wie schnell und unverblümt (schamlos) wir uns schlafenseinig wurden. Nachdem dieser biologische Vorgang erfüllt war, war nichts mehr, nur:
- das eigene Gefühl des Alleinseins und der Beschämung (sich Verlassen fühlen, während man doch selbst seinen besseren Teil verlassen hat)
- Beschämung, die Partnerin nur benutzt zu haben (Immer wieder erweisen sich meine Frauen als gleichzeitig sehnend, hoffend, berechnend, so daß ich mit schlechtem Gewissen zu ihnen skrupellos bin.)
- die Verantwortung abgeworfen haben, gegenüber dem fremden Menschen, gegenüber dem nahen Menschen, gegenüber sich selbst.
- Wissen (doch nicht etwa ein Sich-selbst-Überzeugen?), daß diese Kalamität immer wieder neu entsteht, mit biologischer Notwendigkeit.
- Wissen, Fühlen, daß keine Frau L. in ihrer menschlichen Bedeutung für mich das Wasser reichen kann.
Und wenn wir beide, L. und ich, uns in gegenseitiger Toleranz und “Einsicht in unsere Naturen” “handelseinig” würden?
Es wäre für mich eine deprimierende, eigentlich nicht gewollte Freiheit. Es wäre für die Dritte erniedrigend. Es wäre ein Stachel zur Schädigung auch unserer Beziehung.
Habe jetzt 4 Std. Studium Vorwerg, „Grundlagen einer persönlichkeitspsychologischen Theorie sozialen Verhaltens“ hinter mir. Vieles verstehe ich nicht und erhoffe mir doch - theoretische Grundlagen für die Optimierung des ZF-Lehrgangs
- theoretische Grundlagen für diese meine Protokolle
- sowie Vorbildung für die Gespräche mit Dr. Heyse und Dr. Schmidt.
Ich vergegenwärtige mir, wann ich gestern „Natur“ wahrgenommen habe. Oder was blieb als Sinneseindruck haften? Es war das Gesicht der Straßenbahnfrau. Und es war die eigentümlich gelbe Beleuchtung der Friedrichstraße im Morgendunst. Mehr an sinnlichen Eindrücken hat der Tag mir nicht hinterlassen.
Heute bin ich nicht gut ausgechlafen, Im Bett gestern gegen 23.40 Uhr. Vor allem aber aufgekratzt durch die Beschäftigung mit diesem Buch….
In der Jugendzeit und manchen Ehejahren bedrängte mich unbefriedigte Sexualität, so daß erst wiederholte Selbstbefriedigung mich schlafen ließ. Mit den Jahren gaukelte ich mir einige müde erotische Phantasien herbei, um von ihnen in den Schlaf hineinzugleiten. Gestern wollte ich auch mit Hilfe erotischer Vorstellungen in den Schlaf dämmern und wählte mir als „Partnerin“ R.R. Da hatte ich mich aber ganz schön verrechnet. Die Person wurde mir immer lebendiger, immer neue Erinnerungsfetzen wurden wach, die meine Lüsternheit anheizten, die Wirklichkeitsnähe war zu groß. Es dauerte wohl bald ‘ne Stunde bis der Schlaf siegte. Aber geblieben ist der nun schon realere Wunsch mit dieser Frau zu schlafen, die Möglichkeiten zu ertasten, die dahin führen.
Heute früh in der Straßenbahn traf ich Norbert. Er hat sich z. Z. mit seiner Frau zerstritten (Freundin), arbeitet als Heizer bei der KWV Prenzlauer Berg.
KWV-Kommunale Wohnungsverwaltung
Schicht von 6-18 bzw. 18-6 Uhr, reale Arbeitszeit ca. v. 6-16 Uhr, zu zweit, ca. 3 1/2 t Rohbraunkohle bewegt er pro Tag, dazu „Asche ziehen“ u.a., im Winterhalbjahr für 1500,-M. im Sommer Ersatzarbeiten, Malerarbeiten, Pflegearbeit (600,-M); viele kaputte Typen (Alkoholiker, Haftentlassene, alle Berufe), viel freie Zeit, er liest viel, viel Sauferei, große Anscheißerei untereinander. Der Brigadier wird hofiert.
L. erzählte von Frau Leiba. Typisch ihr Besuch bei ihrer Freundin im Westen, die immer klagte, wenn sie selbst in der DDR bei Frau Lei. zu Besuch war. Dort eine Pracht und Herrlichkeit in der Wohnung und - eine ganze Tasse Kaffee als Angebot für einen langen Nachmittag.
Frau Lei. will unbedingt einen Mann finden, sonst macht sie irgendwann Schluß. Jedoch „99% der Männer müßte man vergasen“.
Ihr Mann hat gesoffen und sie geschlagen und ausgebeutet. Er war schon 1 1/2 Jahre bei seiner Freundin polizeilich gemeldet, bevor sie sich scheiden ließ. einmal ging sie zu dieser Wohnung, traf die Freundin an: „Wer sind Sie?“ „Ich bin die Frau und Sie sind die Sau.“
Vier Stunden Diskussion mit Evelyn und L. 0.00 Uhr ins Bett. 1 Std. Linde im Arm, ca. 1 Uhr Schlaf.
Der Sinneseindruck des Tages: L. im Arm zu halten. Sie war voller Unruhe und Herzbedrängnis. Ihre Brust (über dem Hemd) zu halten und zu massieren. Unsere beiden großen schönen sauberen Körper aneinander. Wie selten sind eigentlich die gegenseitigen Sinneseindrücke bei uns?
Nach der Arbeit rief ich R. R. an. Sie erkannte mich zuerst nicht („Wolfgang?“), ist dann aber sehr freundlich, Gespräch über Fasching, über die Bilder vom vorigen Fasching. Sie läßt L. ganz herzlich grüßen, (was echt klingt), während ich daran denke, sie zu vögeln.
In dem Moment empfinde ich das so, als sei mein schwüler Dunst von einem frischen Luftzug in alle Richtungen zerstoben. Doch schon eine Viertelstunde später denke ich: Warum nicht? Sie hat immer noch ihren Wolfgang und ich meine L. und beide haben wir Lust auf eine Abwechslung - eine günstige Gelegenheit herbeiführen und wir genießen unsere Sündenlust.“
Zugleich denke ich daran, daß Eva V. und so L. davon erfahren wird, und mein Gewissen sagt mir, daß ich das nicht machen kann.
Abends das riesenlange sinnvolle Gespräch mit den beiden Frauen… Im Gespräch geht es (von Evelyn ausgelöst) massiv um Liebe und Sex. (Ihr verheirateter Liebhaber betrügt sie mit einer Dritten.)
Es wird die Triebhaftigkeit der Männer behauptet und die persönliche Liebe der Frau dagegengesetzt.
Wir versuchen rigoros ehrlich zu sein und der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Ich z. B. betone meine Liebe zu L. und gestehe zugleich meine anderen Sexualbegierden und -taten ein (was ja bereits zwischen L. und mir ausgesprochen war). sie zeigt nach außen eine bewundernswürdige Haltung (Beherrschung). Sie erklärt auch offen ihr eigenes Interesse an einer gelegentlichen sexuellen Befriedigung durch Abenteuer. Ich ahne trotzdem hinter dieser Äußerung auch eine Spur von Revanchegefühlen. Sie fürchtet für sich zugleich ein solches Abenteuer, weil weil daraus Liebe entstehen könnte. Das Abenteuer ohne Liebe , für unsereins selbstverständliche Möglichkeit, ist für die Frau überhaupt offensichtlich kaum vorstellbar.
In der Nacht, nachdem ich L. die Stunde umfangen hatte und in mein Bett ging, nachdem sie fast eingeschlafen war, sagte sie, wie schön es war, so gehalten zu werden. In mir zugleich die bitterste Verzweiflung über ihre Gleichgültigkeit ihre Unkenntnis und Missachtung meines liebevollen Begehrens, die mich sozusagen zur Kastration verurteilt. (Ich spreche nicht nur von diesem einen Mal, von dieser Müdigkeit, es war spät, usw. usw. Ich spreche davon, daß sich diese Szene schon hundertmal und mehr so bei uns abgespielt hat und mir - bei Eínhaltung aller Regeln der Moral - nur die Wahl läßt zwischen Herzinfarkt, Wahnsinn oder Kastration.) Das muß man vielleicht wissen, wenn man die Seiten dieses Hefts liest.
In dem langen Dreiergespräch spreche ich zum ersten Mal aus die andere Seite der Liebesdialektik: Gib deinen Trieben nach, einmal ist keinmal. Zweimal ist auch keinmal. Ist dreimal auch keinmal? Viermal usw.?
Triebe auszuleben und zugleich zu lieben, führt in einen unlösbaren Widerspruch, weil (auch bei absoluter Toleranz der Liebespartner) objektiv, ob sie wollen oder nicht, die Liebe geschädigt wird. Die Frage ist nur verschoben. Sie lautet nicht, gehe ich einmal fremd oder tue ich es nicht?
Sie lautet jetzt: Zwei-, dreimal fremd gegangen bin ich in fünf Jahren, tue ich es nun zwei-, dreimal im Jahr oder zwei-, dreimal im Monat?
Der Punkt des Verzichts, der Selbstüberwindung des Schmerzes ist unvermeidlich, wenn man liebt.
Nach allem langen Reden das Fazit:
Es gibt nicht die Antwort auf die Fragen des Lebens. Diese Antwort kann nur das ganze Leben selbst sein. Das wußte jeder aber bereits vorher.
Das ist auch das Fazit des ganzen großen „Faust“.
Es währet, wenn es hoch kommt, 80 Jahr, und wenn es Müh’ und Arbeit gewesen ist, so ist es gut gewesen.
L.: Es darf nicht sein Krieg und Krankheit. Wenn dann noch Arbeit ist, müßte alles andere doch zu bewältigen sein.
Gespräche über Liebe und Sex können nicht vom Leben gesamt, von seinem Sinn, der durch Arbeit gefunden/geschaffen werden kann, getrennt werden.
Aus heutiger Sicht fällt mir auf, wie selbstverständlich klar uns war, daß die Arbeit von grundlegender Bedeutung für alle anderen Lebensfragen ist.
Heute ist es ebenso selbstverständlich, daß man um Arbeit betteln muß und wenn man sie hat, ist sie Einem oft in höchsten Maße fremd.
Wie kann der Mensch solchen Perspektivenwechsel überstehen? Muß er nicht traumatisiert sein?
Auf dem Wege zur Arbeit, erst halbwach (zu Hause war noch Stromausfall), im milden gelben Dämmerlicht der Friedrichstraße sehe ich eine ganz kleine Frau, fast knabenhaft und doch sind da weibliche Formen angedeutet, an den richtigen Stellen zu ahnen, keimhaft. Doch es war kein Kind, eine erfahrene, propere, flinke Frau war es. (Die eine Verkäuferin in der Sämereienhandlung Friedrichstraße ist derselbe Typ.) Ich stelle mir vor, diesen Grashüpfer zu ficken, in diesen leichten, grazilen Körper mein Glied zu bohren. Ich werde wieder erstaunt sein (ähnlich wie früher bei anderen kleinen Frauen), daß, mit den Worten des Apulejus „das ganze große Gerät Platz findet“, und es ist ebenso überraschend, wie lustvoll, zu spüren, wie dieser winzige Körper fiebert, wie er preßt und reißt und wie das Erleben, unabgelenkt von sekundären Reizen, sich ganz auf den Geschlechtsteil konzentriert.
Und dann ermatten, der männliche Hochmut ist davongespült. Demütig ziehe ich meinen Schwanz ein und erkenne wieder, daß es fast einem Floh gelingt, meine 80 kg zu bändigen. Dankbar bin ich dem kleinen Wesen für die gemeinsame Lust.
Während des ganzen Aktes habe ich nicht einmal daran gedacht, daß auf diese Weise Kinder entstehen, daß der kleine Körper vielleicht eine riesige Frucht tragen muß, daß er mit Schmerz und Blut einstmals für diese Lust bezahlt - und ein Kind herausbringt.
Weit entfernt ist das von unserer diesmaligen Lust. Das sind Ereignisse, die mich dann von außen treffen; anders die Frau, deren Lust in einer direkten körperlichen Weise im Kind aufgehoben ist.
Daran ändert sich Vieles im modernen Leben, mit der Gleichberechtigung der Geschlechter und neuen technischen Mitteln.
Wer erlaubt mir, so etwas aufzuschreiben? „Der Bär tanzt“, wie Tucholsky sagt?
Ich versuche Tatsachen, auch innere, ungeschminkt hervorzuzerren (aber nur für mich, nicht für andere) und faßte meinen Entschluß, bevor ich Henry Miller las. Was kommt dabei heraus, wenn ich versuche, die Wahrheit rückhaltlos herauszureißen?
Die Wahrheit über das, was in mir liegt, will ich sachlich-objektiv formulieren. Oder falle ich hier in einen logischen Widerspruch? Es gibt keine direkte Entsprechung von Empfindung und Sprache (= Gedanken); der Inhalt von triebhaften Begierden ist kaum mit der Sprache faßbar, die die Menschen zum Austausch ihrer Überlegungen benutzen.
Die Formen der Kunst sind geschaffen, um auch Empfindungen auszudrücken und Triebe zu umschreiben.
Und wie drücken wir Triebe direkt aus? Durch verstohlene Gesten, durch Augensprache, durch Tasten, durch alle möglichen Handlungen - fast immer stumm oder doch wortarm oder durch Worte, die gegen die Gesellschaft gerichtet werden (Zynismen z. B.)
Mein Schreiben ist noch von einer weiteren Halbheit durchdrungen: Einerseits versuche ich kraß und unbewertet zu äußern, was in mir sich abspielt, und fast im selben Moment beginne ich darüber zu reflektieren, d.h. die Sprache der Gesellschaft, der mitmenschlichen Beziehung zu benutzen.
Kein sehr genießbarer Brei, der hier entsteht.
Doch ich will noch auf diesem Wege bleiben, denn für mich ist er neu, wenn er sich auch als Irrweg herausstellen sollte.
Tatsache ist doch, daß Triebe wirken, daß Unbewußtes wirkt, daß wir auch biologische Wesen sind. Den Menschen ganz zu befreien., heißt ihn auch als biologisches Wesen zu befreien. Das sind doch ernstzunehmende Fragen, ihnen will ich mich weiter stellen (auch wenn es mir nüchtern betrachtet, peinlich ist), zunächst halt so dilletantisch, wie ich das kann.
Ich spüre auch Gefahren auf diesem Weg. Die Selbstanalyse, zumal des so interessierenden Sexuallebens , kann einen immer weiter von der Welt wegführen, sich verselbständigen, selbst zur Lust werden. Deshalb muß ich darauf achten, in der Tagesarbeit, in der Familie, zu L., immer ein tätiger „normaler“ Mensch zu sein, um so möglichst den ganzen Spannungsbogen in mir zu erhalten.
Im Augenblick gelingt mir das, wie ich an vielen Ideen spüre, die mir zu allen möglichen Problemen und nicht zuletzt zur Arbeit kommen. (Beiläufig: Heute ist mir zum ersten Mal irgendwas von Pornografie verständlich geworden.) Was nützt hier die schnelle moralische Wertung? Millionen konsumieren Pornografie. Sie ist zur Industrie geworden. Auch ich würde mich gern an manchem davon ergötzen. Ja, viel der Aktbilder auf diesen Seiten schaue ich keineswegs nur ästhetisch und auch nicht nur frivol, sondern ganz eindeutig sexuell bzw. pornografisch an.
Ein anderes Erlebnis des heutigen Tages war auch das Referat des Ministers auf der Betriebskonferenz des MSAB. Diese Klarheit und Konzentration und zugleich Differenziertheit!
Viele neue Ideen für unseren Lehrgang - einer der wichtigsten: Wir müssen Wege finden, um die Leitungsprobleme der Kombinatsebene in unserem Lehrgang zu fassen. Mit etlichen genossen des MSAB habe ich mich verabredet, um die Führungsproblematik der verschiedenen Fachabteilungen besser zu erkennen. Nicht reden will ich hier von der Menge neuer Gedanken zu den Formen des Lehrgangs.
Die Woche habe ich begonnen mit 30,-M. Wenn ich nächst Woche nochmal mit 30-40,-M hinkomme, bin ich wieder im Sparrythmus drin.
Meine Wunsch-Monatsbilanz:
1180,- brutto
240,-Unterhalt
100,- Beiträge
90,- Miete
300,- eig. Unterhalt und Familie
400,- Sparbetrag
Das schaffe ich fast nie. aber seit ich mir das Geld pro Woche zuteile, gelingt es mir doch einigermaßen zu sparen.
Die heute sichtbaren Gartenarbeiten des Jahres:
Obstschnitt, Winterspritzung, Holzgerümpel, Obstpflanzung, Mistversorgung, Dachrinne der Laube, ihr Anstrich, Kackecke, Graunke-Tür, Kultur von Kartoffeln, Broccoli, Fenchel, Tomaten, Zwiebeln, Kürbis, Gurken, Salat, Radies, Bohnen. Spaliere, Kompost, Düngung u.a.
Festzuhalten ist Friederikes Brief und das Thema Margot:
Friederike ist eine Studienfreundin von L. Sie hatte einen polnischen Mitkommilitonen, Jacek, geheiratet. Beide sind „praktizierende Katholiken“. Damals lebte sie inmitten einer Schar von sechs oder acht Kindern glücklich in Krakow. Bei einem Besuch erzählte mir Jacek mit leuchtenden Augen, daß eines ihrer Kinder vom Papst Johannes Paul II als der noch Bischof in Krakow war, gesegnet worden sei.
Bei diesem Besuch hörte ich von Jacek zum ersten Mal, daß die Morde von Katyn von sowjetischer Seite begangen worden seien. Ich glaubte es nicht, aber er war sich völlig sicher.
Fr. schreibt, das Volk sei sich einig wie noch nie, seinen passiven Widerstand nicht aufzugeben. Durch Leid und Krieg müßten sie durch, dann kommt das Glück.
Margot schrieb einen Brief voller brennender Sehnsucht. Ihre Qual tut mir weh. Von der ersten Stunde an kann ich in ihr immer nur das mißhandelte Kind sehen. Wozu war meine Zuwendung gut, wenn ihr nun doch bloß die verzweifelte Sehnsucht bleibt? Wo habe ich einen Fehler gemacht, so daß ich ihr jetzt von dem wieder wegnehme, von dem ich ihr gegeben habe und viel geben wollte?
Ich hätte nach dem Theater den Bus nehmen müssen. Bei ihr zu übernachten war ehrlich von mir aber es war sträflich naiv (und auch eine Spur bequem).