Archive for August, 2007

04. März 1982

Donnerstag, August 30th, 2007

Traum: Ich und eine mir zufällig bekannt gewordene Frau schwimmen, paddeln im Wasser bei einer Dampferanlegestelle Die Heckteile mehrerer Schiffe und Boote sind uns zugewandt, so daß wir von 3, 4 verschiedenen Schiffsschrauben umgeben sind. Das Schiff, mit dem wir fahren wollen, soll bald starten. Bekannte sind schon drauf, wir machen keine Anstalten aus dem Wasser zu gehen und auch einzusteigen. Ich sage: „Bald geht es los, wir sollten uns etwas von den Schrauben entfernen.“ Dann fährt unser Schiff rückwärts (im Bogen) von der Anlegestelle ins offene Wasser. Ich kriege den Bug zu fassen und werde in sausender Fahrt mitgezogen, meinerseits habe ich die Frau an der Hand gefaßt. Dann stoppt der Kahn, groß wie ein Dampfer der Weißen Flotte. Ich höre den Kapitän sagen:“ Na, 80 Std/km hatten wir erreicht.“ Dann beginnt die langsame Fahrt vorwärts, und ich glaube, wir steigen ein. […]

Ein Beispiel, wie es in einem „geistig arbeitet“, ohne daß man dies bewußt tut: Am 23.2. hatte ich mit E. Lassow telefoniert,

Prof Dr. E. Lassow ein Bekannter, früherer Arbeitskollege an philosophischen Institut der Humboldt Universität zu Berlin

Termin ausgemacht für 10.3. zwecks Information über Arbeitsmöglichkeit für mich an der HUB. Damals schien mir nichts besonders mitteilenswert von diesem Gespräch. Er sagte (sinngemäß):“Unser Gespräch muß aber ganz unverbindlich sein. Ich kann Dir keinerlei Zusagen machen, Du kannst Dich nicht darauf berufen, und daraus können sich keine weiteren Aktivitäten ergeben.“

Der letzte Nebensatz ist es, der für mich zunehmend meine ganze Erwartung, Einstellung auf dieses Gespräch bestimmt, dieser Nebensatz in seiner peinlich übervorsichtigen Ablehnung möglicher Verbindlichkeit. […]

Man schaue sich Angelika G. an, Petra K., Petra H., auch Bernd Wagners Freundin (?). Wie eh und je ist ihr Dasein nicht erfüllt, wenn sie nicht ein Kind hervorgebracht haben. Die Weiber sollen (und wollen) gebären.Neu ist vielleicht, daß sie den Mann nur als „Initialzünder“ brauchen, dann nicht mehr (bzw. glauben sie es, bzw. geht es nicht anders) und daß sie (vielleicht deswegen) nur ein Kind haben wollen.

Daß das alles geht - ist es nicht Ausdruck des neuen Humanismus, der Toleranz und Freundlichkeit in unserer Gesellschaft? Und wohin wird sich solche Tendenz verlängern?

Bewegung ist absolut, auch im menschlichen Leben. Doch jeder Mensch braucht auch relative Ruhemomente. Ganz bewußt die Relativität der Ruhe (in jeder Hinsicht) leben! Für Viele ist jedes kleine Moment relativer Ruhe ein konsequentes, (teilweises) pflichtbewußtes Gestorbensein. (Daher der starre oder verbiesterte Gesichtsausdruck vieler Menschen. - Sie haben stets ein Ziel, Motiv, dem sie nachstreben und müssen dabei ständig über ärgerliche Hindernisse steigen.) […]

Habe ich ein Recht so viel Zeit für dieses Buch zu verwenden? B. Wagner erzählte, daß er zeitweilig nichts anderes tat, als ein immer ausgefeilteres Tagebuch zu schreiben (freilich mehr ein Sudelbuch nach Art von G. Chr. Lichtenberg).[…]

Frauen, die du gehabt hast, haften an dir und wecken das Interesse neuer Frauen, vielleicht sogar noch mehr als Interesse: Eine Lust, sich zu messen (mit deiner Vergangenheit). Freilich mußt du gern und froh die Aura der von dir geliebten oder zumindest gern besessenen Frauen tragen, darfst es nicht verdrängen. Dein bisheriger „Erfolg“ (Glück) gebiert neuen „Erfolg“ (Glück). Dass habe ich heute deutlich im Bus gespürt. Das Erlebnis, A. zu besitzen hat mir Mut und Reiz gegeben, die Aufmerksamkeit einer wirklich schönen (Ähnlichkeit mit Angelika Domröse), beherrschten, und befriedigten modernen Frau zu erregen, obwohl sie ursprünglich wirklich uninteressiert war.

 

03. März 1982

Mittwoch, August 29th, 2007

Die Straßenbahnzählung steht 13:36. Auf 13 Fahrer, die die Stationen ansagen, kommen 36, die sie nicht ansagen. Einen besonderen Spaßvogel hatten wir heute früh. Stationen sagte er nicht an, aber bei der Endstation: „Endstation! Alle aussteigen! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Arbeitstag!“

Zivilschutzbelehrung - die Jüngeren sind beim Erklingen der Sirenentöne z. T. unaufmerksam, machen Scherze. Die Alten sind ganz ernst. […]

F., wenn er aus der Krippe kommt, ist oft voller Widerstandswillen. Gegen alles lehnt er sich dann auf, geradezu zwanghaft. Man darf ihn dann nicht brechen wollen. Auch resignieren darf man nicht. Man muß ihn gewinnen durch große Einfühlung, Zeit für ihn, Phantasie.

Marikas Ausstellung,

(Marika Voß, Malerin und Grafikerin in Berlin, http://www.neuhauser-kunstmuehle.at/voss.htm)

ihre Arbeiten sind freundlich, dem Leben zugewandt.Sie hat Talent und ist freier geworden.Für meine Begriffe wird für sie die Arbeit an ihrer „Idee“ zunehmend wichtiger. Der Leiter der Werkstattgalerie erzählt von seiner Arbeit (ca. 1100,-Mark brutto), ist Soziologe, hat schlechte Beziehungen zum Wohngebiet („Kommißköppe“). Ordnung und Sicherheit - für die Autos. (Wie ist ein schwelender Müllcontainer zu löschen? Indem man ihn neben die parkenden Autos stellt.)

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Heute in den Zeitungen der Entwurf des Thälmann-Denkmals von Lew Kerbel für den neuen Thälmann-Park - widerwärtig. Eine solche Entscheidung in ihrer Geistlosigkeit, Kunstlosigkeit, Instinktlosigkeit, Leblosigkeit - ein neues Gerümpel-Denkmal!

Lenin: Elemente der Dialektik Nr. 12: „Vom Nebeneinander zur Kausalität und von der einen Form des Zusammenhangs und der wechselseitigen Abhängigkeit zu einer anderen, tieferen, allgemeineren.“ Das ist die allgemeinste Formulierung wichtiger gegenwärtiger Erfahrungen von mir.

Heidi Damaschun erzählt (mit ziemlichem Engagement) von ihrer Arbeit an der Sektion Marxismus-Leninismus.

Meine altbekannte Physiotherapeutin mit dem schwarzen Wuschelhaar und den aufgeworfenen Lippen heute getroffen und von fern wechselseitig gegrüßt. Ist sie die Frau, auf die ich mich freue, sie etwas näher kennenzulernen?

Ein Tag voller Routinegedanken und Nacherleben von früher Gewesenem. Keine „Sternstunden“ des Schöpferischen., aber Eindrücke gespeichert, mit denen der Geist weiterarbeiten wird.

02. März 1982 - Traum

Mittwoch, August 29th, 2007

Ein Lkw mit Rückkehrern (demobilisierten Soldaten) ist angekommen. Die Seitenbordwand wird heruntergelassen. Knisternde Stille bei den unten Wartenden, keiner rührt sich. Jemand ruft: „Nun nehmt (oder gebt) doch erstmal die Koffer runter.“ Ich bin der Kopf einer kurzen Transportschlange, die sich bildet. Dann kommt der erste Soldat, in olivgrünem, stinkendem Mantel. Ich laß ihn mir (der ich unten stehe) auf die Schultern gleiten. Er ist völlig willenlos (entfernt ähnlich dem, wie sich F. manchmal in mich ‘reinfallen läßt), gleichsam knochenlos. Im Moment, wo er auf meinen Schultern ruht, bricht brausender Jubel los.

[…]

 

01. März 1982 - „sich objektivieren“

Sonntag, August 26th, 2007

Als ich morgens das Radio aus L.s Arbeitszimmer hole, sehe ich die Skizzen, die sie gestern Abend noch gemacht hat. Ich bin begeistert darüber, daß sie gleich gearbeitet hat, wie sie die Anregungen des Tierparks und ihr eigenes Erleben verarbeitet hat. […] In dieser Situation wird meine Schwäche gegenüber ihrer Stärke deutlich. Sie hat gearbeitet, sich objektiviert, ich hab’ gegrübelt. Sie hat eine winzige Anregung des Lebens zu einem Sinnbild erhoben. Ich konnte aus derselben Anregung nichts machen. Ob hier außer der Verschiedenheit unserer Talente auch die Verschiedenheit von Wissenschaft und Kunst hineinkommt?

Kunst als die Form das „Unbeschreibliche“, „Unaussprechliche“ darzustellen, kommunizierbar zu machen? Ja und nein. Gestern Abend hatte ich das deutliche Gefühl, daß es demgegenüber ein Erleben gibt, daß überhaupt nicht objektivierbar ist, daß jede Objektivierung ein Schemen bleibt. So muß der Regenwurm erleben, der sich stumm krümmt, der Wolf, der einsam heult. Ich glaube, daß wir - bei Strafe unseres Tierwerdens - objektivieren müssen, mit all unseren menschlichen Möglichkeiten ganz umfassend objektivieren müssen.

Vorsicht, daß diese Protokolle nicht eine Scheinobjektivität bleiben. Ich muß die Wege zu ihrer weiteren Objektivierung, Verallgemeinerung finden.

Dialektik. Die Bewegung ist absolut. Darauf ist das Leben zu bauen. Wir wollen immer irgendwo den Hafen des ruhigen Glücks.

Das Leben als ewige Reise durch die Welt, um nicht zu sagen als Flucht: Parsifal, der fliegende Holländer, der ewige Jude, Herkules, Jesus, Gorki, Bernd Wagner usw. usw.

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Ein Witz, den wohl nur versteht, wer die Fenster der DR- Deutschen Reichsbahn - kennengelernt hat.

Sich die ganze Welt, der Menschen Fülle aneignen. Das muß ich auch, wenn ich über das einzelne Protokoll hinaus zur Verallgemeinerung gelangen will. (Die Lebenslaufanalyse scheint mir hier unersetzlich, an ihr, am einzelnen Menschen werden alle Teilungen (der Arbeit) wieder zusammengeführt.) Das setzt detaillierte Kenntnis vieler Lebensläufe voraus, um sinnvoll „Erlebenstypen“ der Menschen unterscheiden zu können. Intimkenntnis dieser Art ist rel. schnell über erotische Beziehungen zu erreichen, also für mich nur über Frauen. Trotzdem den erotischen Weg nicht überschätzen. Wirklich allseitige Kenntnis ist auch nur über allseitige Beziehungen erreichbar, praktische und geistige Beziehungen.

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Das soziale Gebäude ist selbst in der Dialektik von Bewegung und Ruhe (wie der Baum gleichzeitig abgestorbene Rinde und und junge Triebe trägt). Oft erscheint der Versuch, sich von gefestigten sozialen Beziehungen, Werten zu lösen als asozial. Aber welch nichtssagendes Wort ist „asozial“. Es bezieht sich sowohl auf den, der ins Vorsoziale absinkt, wie auch auf den, der scheinbar ähnliche Verhaltensweisen annimmt, weil er ein Soziales viel höherer Art hervorbringt (L., Bernd Wagner, ich?).

Der verderbliche Wunsch, einen anderen Menschen als Schutzschild gegen Veränderungen einzufangen! (Frauen, die mit diesem Ziel Männer kennenlernen), lebensdumm bis dorthinaus. (Das Paradies, die Tröstungen der Religion haben auch viel davon.) Daß heute die Menschen so „atomisiert“ sind in der Gesellschaft (und es noch weiter werden, wie man an der Jugend z. B. sieht), ist eine Hoffnung (obwohl diese Entwicklung so viel Leid mit sich bringt).
Warum? Nur aus sich selbst kann der Mensch die Kraft finden zur Freiheit im oben gemeinten Sinne: Freiheit zur allseitigen sozialen Bindung setzt Unabhängigkeit, Freiheit von jeder Einseitigkeit der sozialen Bindung voraus. Nur auf dem Atom kann sich die Welt drehen.

[…]

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Bei Bernd (Wagner) endlich mal ein Gespräch ohne die sonst aufkommende Gehemmtheit.

Über dieses Gespräch habe ich übrigens hier berichtet.

Um das Arbeiten gings und um das Tagebuchführen. Canetti und Hebbel ausgeborgt. Canetti unterscheidet Aufzeichnungen (von spontanen Einfällen), Merkbücher (für Ereignisse im Zeitablauf) und Tagebücher der Zwiesprache. Für ihn sind diese Formen immer Bestandteil des Ringens des Schriftstellers um sein Werk, d.i.also gerade nicht mein Gesichtspunkt. Trotzdem werd ich diesen kleinen Aufsatz noch einmal zur Hand nehmen und für meine Methodik auswerten.

Schönes Bild heute: Eine Kindergärtnerin sperrt die Straße, die Autos warten und wie bunte Kartoffeln kullern die Kinder über die Straße. Des Lebens Ernst war für einen Augenblick lustigem, sicherem Spiel gewichen.

[…]

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Vom Eulenspiegel aufgespießt. Heute glaubt man sowas kaum.

28. Februar 1982 - Aus. Und Wohnungssorgen.

Samstag, August 25th, 2007

Lieber K.!

Eigentlich geht es um die Frage, unter Nutzung welcher theoretischer und methodischer Voraussetzungen, auf der Grundlage welcher objektiver und subjektiver Fakten der Entwicklungsweg einer einzelnen Persönlichkeit in seiner inneren Logik und Gesetzmäßigkeit dargestellt werden kann. Das Grundinteresse ist also ein Theoretisches, Aufdecken der Entwicklungslogik einer Persönlichkeit, jedoch denke ich zugleich daran, daß aus derartigen Erkenntnissen Orientierungen und Hilfen für das praktische Verhalten einzelner Persönlichkeiten abgeleitet werden könnten.

Aus diesem Blickwinkel interessieren mich die Erkenntnisse, angefangen von den weltanschaulich-theoretischen Grundlagen bis hin zu eventuell erarbeiteten Methodiken der psychologischen und soziologischen Biografieforschung, Tagebuchforschung, Einzelfallforschung. Dabei ist es mir zunächst gleichgültig, ob sich derartige Ergebnisse auf vorliegende ausgewertete oder erst konzipierte Biografien und Tagebücher beziehen. von besonderem Interesse wäre dabei die Problematik der Selbstbiografie oder anderer Formen der Selbstbeschreibung und -analyse. Dankbar wäre ich Dir sowohl für Literaturangaben als auch für vielleicht vermittelnde Gesprächspartner. So weit. Schönen Dank schon jetzt für Deine Bemühungen.

Ein Versuch, mir theoretische und methodische Hilfe zu organisieren. Er war wenig erfolgreich.

Wenn mir ein Problem sehr schwer wird, gibt es zwei Arten zu reagieren.
Entweder ich stelle mich ihm in seiner ganzen Größe und Bitterkeit und unterliege oder werde mit ihm fertig. Das erfordert meist auch, sich zurückzuziehen, allein zu sein. Zu Unterliegen, das bedroht mich freilich ganz und gar. Diesen Kampf aufzunehmen und zu bestehen ist aber die einzige Möglichkeit, eine freie Persönlichkeit zu bleiben (oder zu werden). Oder ich flüchte vor ihm (vor mir selbst). Eine recht wirksame Möglichkeit dafür ist es, unbedingt sofort neuen sozialen Kontakt aufzunehmen, sei es erotisch, sei es sozialpsychologisch (Kneipe). Damit läßt sich das Leben lange Zeit (vielleicht sogar überhaupt) fristen, sogar mit Lustgewinn aber es ist die Grundsatzentscheidung, nicht frei zu sein, sondern sich auszuliefern. Die Kraft zur Selbstbestimmung fehlt und ist so auch nicht zu erlangen.

Heute morgen antwortet mir L. mit aller Überzeugung, daß sie sich schon längst von mir getrennt hätte, wenn F. nicht wäre. […]

Dies ist der Zeitpunkt der letzten Konsequenz. Es gibt keine andere Möglichkeit, als sich zu trennen. (Ein Kind - wie schon in meiner Ehe - kann diese Entscheidung nicht verhindern.)[…]

In diesem Verhältnis liegt es - und gerade bei seinem Ende - zum Greifen offen, daß nicht irgendwelche Verfehlungen das Ende einer Liebe bringen, sondern daß das Leben selbst, die „wirkliche Daseinsweise der „Naturen“ der beiden Partner“ sie ebenso voneinander löst, wie es sie einst aneinanderfügte. Das ist das Schicksal der Liebe im Leben. Wir haben das beide begriffen und können es menschlich verarbeiten; als letzten Liebesdienst dem Anderen keinen Schmerz zusätzlich bereiten, ihm vielleicht sogar ein wenig helfen.

Mir fällt der Schritt schwerer, denn nicht ich, sondern L. hat sich ursprünglich gelöst. Das weitere Nebeneinanderleben im Haushalt wird für mich vielleicht unerträglich sein. Deshalb muß ich dringend eine Wohnmöglichkeit finden, und zwar eine eigene. Das erneute Zusammenleben mit einer Frau ist z. Z. völlig undenkbar. Ich muß also a) - meinen Wohnungsantrag energisch verfolgen und b)- nach einer Schnellösung suchen. Ab Frühjahr käme sogar die Gartenlaube in Frage, ist aber im Grunde doch undiskutabel. Die Trennung aller möglichen gemeinschaftlichen Dinge wird durch unsere Großzügigkeit erleichtert. Sie wird erst aktuell, wenn ich eigenen Wohnraum habe.

Was F. betrifft, bin ich ratlos, bin ich verzweifelt. Sicher wird L. großzügig sein, manchmal sogar gern auf meine Hilfe zurückgreifen und auch F. den Vater möglichst erhalten wollen. Und doch sehe ich hier nur einen Quell unendlicher Schmerzen, gar nicht vergleichbar mit meinen anderen Kindern. (Sie alle waren auf den Weg gebracht und konnten mit Mutters Hilfe allein gehen, ihnen entstand erträglicher Schaden.) F. braucht mich noch voll und ganz und eigentlich noch viel mehr, eigentlich braucht das arme Kind Eltern, liebende Eltern.

Wirklich ans Herz gewachsen ist mir auch der Garten. Ihn werde ich sicher nicht auf einen Schlag verlieren, und schließlich werd’ ich die Narbe zu tragen wissen.

Vor mir liegt wirklich das endgültige „Aus“. Ohne jede Hoffnung auf Neuanfang. Diese Hoffnung gibt es nicht, sie kann nicht sozusagen über eine Zeit hinweggerettet werden, denn sie existiert nicht, nur in meinem Hirn.

Ein Brief ans Wohnungsamt

Werter Herr Lange!

Betr. Ihr Schreiben vom 27.1.1982

Mit Ihrem Stellvertreter war bei meiner letzten Vorsprache festgelegt worden, daß eine Überprüfung meiner Wohnsituation in meiner Gegenwart vorgenommen werden sollte (Es war von telefonischer Anmeldung der Überprüfung die Rede.) Halten Sie eine Überprüfung auf dem Wege der Befragung Dritter für so viel aussagekräftiger? Abgesehen davon bin ich sehr erstaunt darüber, daß Sie mich in Ihrem Brief vom 27.1.1982 - 2 1/2 Monate nachdem Ihnen ein schriftlicher Überprüfungsbericht vorlag und erst nachdem ich eine Antwort angemahnt hatte - über die Wohnverhältnisse von Frau B. (L.) informieren. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um meinen Wohnungsantrag, der seit 1975 registriert ist und seitdem nicht berücksichtigt wird. Ihrer zuständigen Bearbeiterin, Frau Bartkowiak, habe ich schon vor einem halben Jahr mitgeteilt, daß die Lebensgemeinschaft zwischen Frau B. und mir als aufgelöst zu betrachten ist.

Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, meine Wohnsituation kennen zu lernen, möchte ich Sie gern zur Besichtigung meiner Gartenlaube in Pankow-Heinersdorf einladen, in der ich - ohne Heizung, ohne Strom- und Wasseranschluß - bis Oktober 1981 gewohnt habe und sobald es die Witterung wieder zuläßt im März/April 82 wieder wohnen werde.

Unter Berücksichtigung dieser Umstände halte ich meine Wohnraumversorgung noch 1982 für dringend notwendig und bitte dies nach nochmaliger Beratung, ohne daß weiterer Zeitverzug zugelassen wird, positiv zu entscheiden.

Mit sozialistischem Gruß

Ich konnte glücklicherweise auf einen schon lange (seit meiner Scheidung) laufendenWohnungsantrag verweisen. Durch das Zusammenleben mit L. gab es jahrelang für mich, obwohl ohne eigenen Wohnung, kein Wohnungsproblem. In meiner dringlichen Situation jetzt, hatte ich berechtigte Hoffnung auf einigermaßen kurzfristige Wohnraumversorgung, zu der es schließlich auch kam.

 

Erzwungene Untätigkeit, während ich abends auf Besuch warte. Ich mit mir allein - so unnatürlich wird ja diese Situation nicht sein. Ich muß mich davor bewahren, daß meine Gedanken in die glückliche Vergangenheit gleiten, sonst weiß ich nicht, wie ich mir das Leben bewahren soll. So wehrlos, wie diesen Schmerzwellen, war ich noch nie ausgeliefert.

Packen, das Leben, die Zukunft, eine Aufgabe - nicht, weil ich so einen starken Willen habe, weil ich mich aufraffen kann usw., nein, weil dies die einzige Fluchtmöglichkeit vorm Tod ist. Etwas völlig Neues zu machen, das ist meine einzige Chance. Denn in Allem, was ich bisher gemacht habe, ist sie. Das meiste habe ich nur für sie gemacht.

Wie soll ich diesen meinen Leib von mir abschneiden?

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27. Februar 1982 - Objektivierung durch Tagebuch

Mittwoch, August 22nd, 2007

Wohl den Menschen, die nach dem Aufwachen noch liegenbleiben und sinnen können, wie ich heute. Das heißt, das Gold zu bergen, das die Morgenstunde im Munde hat. Am Abend bis du ganz von Streben, vom Handeln, vom Ausgesetztsein des Tages zerfetzt. Am Morgen bist du in allen Teilen, besonders in deinen besten Teilen, die am schnellsten ermüden (dem Geist), hellwach, bist ganz.

Eine Menge Träume; wußte morgens keinen mehr. Doch ein Bruchstück fiel mir ein: Wir hatten Besuch (eine Legierung aus Bernhard Zmsyslony und Leifer) und von einem Dritten erfuhren wir, was er über uns gesagt hatte: „Bei ihnen wird nicht gesungen…..“

Mit Erstaunen stelle ich fest, daß „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, die ich gerade anfange, ziemlich erotisierend auf mich wirken. Dabei gibt es doch kaum äußerliche Anreize dafür. Ich denke immer entschiedener: Alles ist wert, erlebt zu werden. Freilich, manches wird man halten, bewahren (und „aufheben“), manches wird man hinter sich lassen. Ich kann auch das Miese, das mir anhaftet, nur dann hinter mir lassen, wenn ich es durchlebt habe. So muß ich mich auch in Zukunft dazu bekennen, wenn das Sexuelle sich bei mir verselbständigt. Bekennen heißt, es hier im Protokoll als Tatsache aufschreiben und es bedenken.

Aber sich sexuelle Wünsche einzugestehen heißt nicht gleichzeitig, sich jeden sexuellen Wunsch zu erfüllen. Es darf verantwortlich gehandelt werden. Natürlich heißt, seine sexuellen Wünsche kennen, auch, sie nicht in alle Ewigkeit (und eigentlich aus Schwäche) zu verdrängen.

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Durch das Protokoll wird vieles nur Empfundene, unterhalb der Begriffsschwelle Liegende objektiviert (Eigentlich objektiviert in diesem Sinne jeder Künstler.), wenn auch zunächst nur in Schrift- bzw. Sprachgestalt, aber diese liegt dann ebenso vor, wie die Äußerung eines Fremden.* Ich kann sie mir wieder aneignen, mich erneut und von anderer Seite bzw. „unvoreingenommen“ damit auseinandersetzen. Ich werde von solcher Objektivierung mehr bestimmt, angeregt, eventuell fixiert als von der flüchtigen Empfindung. In diesem Sinne wirkt das Buch wie ein Katalysator, der Empfindung, denken und Handeln näher zusammenbringt….

Dabei scheint es so zu sein, daß nicht schlechthin das Bewegende, sondern das problematisch Bewegende niedergeschrieben wird. Die Politik Reagans, die Ereignisse in Polen u.v.a. bewegen mich außerordentlich, aber sie sind in diesem Buch kaum zu spüren.

Interessant, daß ich hiermit die genannten Ereignisse nicht als „problematisch bewegend“ einordnete. Sie schienen mir zwar wichtig, aber waren nicht Anstoß zu tieferem Nachdenken. Ich glaubte, die richtigen Wertungen zu kennen. Weiterdenken war nicht angesagt.

 

Viele tiefe, handlungsbestimmende Gefühle können an dieser Art Protokoll nicht abgelesen werden, doch es wäre nicht richtig, sie deshalb zu leugnen. (Sie müssen aus Taten rekonstruiert werden? In der ersten glücklichen Zeit der Liebe z. B. habe ich gar nichts ins Tagebuch eingetragen.)

Ich glaube, das ist eine wichtige Frage jeglicher Tagebuchschreiberei: In welchem Verhältnis steht das Aufgeschriebene zum nicht Fixierten. Gerade weil im Protokoll so viel aufgeschrieben wird, verdient das Beschwiegene besondere Aufmerksamkeit.

 

 

* Dieselbe Rolle spielen die hier gesammelten Aktfotos. Sie täuschen (berechtigt) einen weiteren Schritt der Objektivierung vor. Dabei kommt, glaube ich, ein starkes pornographisches Moment hinein, obwohl die Bilder selbst ja leider nicht pornographisch sind. Aber ich trage es hinein, indem ich völlig willkürlich, völlig nach meinem subjektiven Ermessen (gedanklich) mit der im Bild gegebenen Frau verfahre. Ich bin von allen Tabus befreit, und sie ist mir völlig willenlos ausgeliefert. Das kann man mit gutem Recht als säuisch (tierisch) bezeichnen, da frei von sozialer Wertung. (Dabei kommt es in meinem Erleben nicht zu irgendwelchen Perversionen, zu keinen Handlungen, die dem Objekt Schaden zufügen, wohl aber zum (gedanklichen) Ausschöpfen aller nur möglichen sexuellen Genußweisen. Die Geneigtheit des Objekts wird nicht mitgedacht, sondern von vornherein unterstellt.)

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26. Februar 1982

Freitag, August 17th, 2007

Zur Methodik: Bisher hänge ich in diesem Buch vor allem Gedanken, Empfindungen hinterher (neben dem bloßen Registrieren des Faktischen). Völlig ungenügend analysiere ich meine Aktivität, meine „verändernden Taten“ selbst. Die Schichtenvielfalt des Selbst zu erfassen, halt ich schon für wichtig auch weiterhin. Doch die Hauptfragen des Lebens (und also auch des täglichen Protokolls) sind das Produzieren. Was habe ich heute produziert? Was will ich morgen produzieren? Das müßten tägliche Standardfragen sein. Philosophische Grundlagen dazu bei Seve, den ich ernsthaft studieren muß. Querverbindung zur systematischen Heuristik, die darauf aus ist, den „methodologischen Gewinn der Persönlichkeit“ zu fassen.

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25. Februar 1982

Freitag, August 17th, 2007

Diskussion über eine mißlungene Kollektivarbeit, in der G., mein Chef, wieder seine Qualitäten der Leitung und Menschenführung beweist. Es ist vorbildlich, wie er schonungslos die Wahrheit sagt und dabei trotzdem nicht verletzt, sondern Verständnis weckt und die Bereitschaft hervorruft, gemeinsam über die Ursachen nachzudenken, weittragende Konsequenzen zu ziehen und das Ganze schließlich besser zu machen.

Erzählung von Heimfried über seinen (etwas wunderlichen) Bekannten, der 5 Monate lang ziemlich willkürlich in einer Nervenanstalt festgehalten wurde.

„Einer flog über das Kuckucksnest“ - bei uns.

24. Februar 1982

Mittwoch, August 15th, 2007

Für L.

Einst erfüllten wir einander ganz.

Jede Zeit hatte unser Maß.
Jeden Raum dehnten unsere Seelen.
Jede Farbe spiegelte unseren Sinn.

Einem hellen Wasser gleich
ergoß ich mich auf tausend Bahnen
in Dich lichten Kontinent.

Fülle wurde uns zuteil;
für manches Leben übergenug.

Wir aber wollen unersättlich sein.

Doch plötzlich - ist es ein Traum? -
sind Grenzen ringsum aufgepflanzt.
An enger Pforte bricht sich das Meer.
Wer hat die Schleusen verrammelt?

Ich schleich im Vorgebirge herum,
quäl mich durch Schluchten und Sümpfe,
während die Sonne hinter den Gipfeln entschwindet.

Soll fortan Verzweiflung das Siegel meiner Liebe sein?
Verzweiflung neben Dir?
Verzweiflung in der Straßenbahn?
Verzweiflung beim Essen, Trinken, Lachen?
Verzweiflung, wenn ich in fremdem Schoß erwache?


Heiß preßt das Blut die Herzkammern.
Leg ich Dir mein zuckend Herz zu Füßen? -
Wir danken heut für solchen Überschwang.
Doch fassen will ichs,
den warmen roten Quell bewahren,
möcht Mut und Güte schöpfen,
die unsere ganze Hoffnung sind.

22. Februar 1982 - HdM

Dienstag, August 14th, 2007

Heute mehrere Gespräche im HdM (”Haus der Ministerien”).

Mir wurde wieder bewußt: Erstens, zweitens, drittens, ……. bis zehntens mußt du in diesem Haus so sein, wie die übliche Verhaltensborniertheit diktiert. Es gibt kein größeres Vergehen, als sich als „Ich“ zu verhalten. („Ich“ halblaut denken darf/soll man.) Elementare Gegenreaktion bei mir: „Dazu werdet ihr mich nie bringen, und wenn zum Schluß nur noch dieses Buch mein Partner sein sollte.“
Doch ist das nicht Solipsismus?
Die Qualität meiner Kommunikationsbeziehungen, meiner darauf beruhenden und darin verwobenen
Aktivität, ist das Gegenteil von Solipsismus.
Methodisches Problem: Wie ist solche Qualität und Aktivität protokolloerbar?