Archive for August, 2007

21. Februar 1982 - Vater sein

Freitag, August 10th, 2007

Heute wollte ich F. ein Stück Schokolade geben.

Es schien mir zu groß, und so biß ich vor seinen Augen ein Stück ab und aß es auf.
Er war sofort stocksauer, heulte wütend auf und warf die Schokolade zu Boden. Ich hob sie auf und legte sie in den Küchenschrank zurück. Da er erbärmlich „Lade, Lade“ jammerte, bot ich sie ihm gleich noch einmal an. Er: „Nein! Nein!“ und immer mit hoher (enttäuschter) Stimme: „Lade!“

Eine halbe Minute später kam er wieder freudig, ja, er wollte „Lade“.
Ich erklärte was von teilen und brach noch einmal ein Stück ab. Das ganze Spiel wiederholte sich noch einmal.
Seine hohe Jammerstimme schnitt mir wirklich ins Herz, aber ich dachte, daß Nachgeben nicht gut wäre, und daß er es schaffen würde.

Nach einer halben Minute kam er wieder an und schmiß die Schokolade, die jetzt auf dem Küchenschrank greifbar geblieben war, wieder herunter. Er zog sich in die Stube zurück und wollte von dort aus dem Schrank „Lade“. Ich erklärte ihm, daß dort keine sei. Er ließ partout nicht zu, den Schrank, den er selbst geöffnet hatte, zu schließen. Von dort gab ich ihm ein Stückchen Würfelzucker.

Eine halbe Minute später kam er wieder in die Küche und bat „Lade“, und jetzt nahm er das zuvor dreimal zurückgewiesene Stück. (Über den Würfelzucker und den offen gebliebenen Schrank hatte er die Kraft gefunden, bei „Lade“ den Kompromiß einzugehen.)


Es muß wirklich sehr aufregend gewesen sein.
Eine Viertelstunde später pißte er unter Vermeiden jeglicher Ankündigung ins Zimmer. Dann ließ er sich auch auf den Topf setzen, was er vorher auch zweimal verbissen verhindert hatte.

Fällt mir nicht leicht, solch böse Szene heute unverändert ins Blog zu stellen.

20. Februar 1982 - Untreue; Traum

Donnerstag, August 9th, 2007

Punkt 7.00 Uhr wache ich aus Träumen auf (erstmals Träume seit Wochen) und sehe sofort, daß L. noch nicht da ist (von ihrer Faschingsfete)….

Das Herz hämmerte mir nicht in dieser quasi Eifersuchtssituation, das registrierte ich; beim Waschen bemerkte ich aber, daß ich unter den Achseln einen dollen Schweißausbruch hatte.

Beim Frühstücken und dem Umgang mit den Kindern bin ich äußerlich ruhig, innerlich aber doch angespannt und bei kleinen Anlässen zum „aus der Haut fahren“ bereit….

Heute geträumt in der Nacht.
Zuerst irgendwie im Gespräch mit K.H. Sch.

K.H. Sch ist einer meiner ältesten Freunde.

Er will sich ein Sommerhaus am Baikal-See anlegen, ich bin interessiert, mitzumachen.
Danach ein Auto, ein Traktor mit irgendeinem Bodenbearbeitungsgerät, ein Mähdrescher. Am Traktor wird erst herumgebastelt, dann geht die Fahrt los. In einem weiten Bogen fahren das Auto, dann der Traktor vom Hof. Der Mähdrescher folgt. Der Fahrer nimmt mich zu sich hinauf. Bald fahren wir auf einem Feldweg. Aus voller Kehle singen wir das sowjetische Lied „Auf dem Weg“ („putj“).
Danach in Bulgarien. Ein hünenhafter Bulgare ist zuerst freundlich zu mir. Dann habe wir uns überworfen (wegen meiner Frau?). Wir stehen uns gegenüber. (Ich weiß inzwischen, daß er ein Gewaltverbrecher ist.) Freunde von ihm drumherum. Mit ausgestreckten Armen hebt er mich hoch, an meinen Schultern oder Armen, und hält mich in der Luft, ich trete ziemlich wirkungslos gegen seine Arme und seine Brust, einer seiner Freunde mischt sich ein, obwohl ich ziemlich wehrlos bin. Irgendeinen Arm versuche ich zu hebeln. Zuletzt gebe ich dem Hünen mit meinem schweren Schuh einen furchtbaren Tritt an den Hals (zuerst hatte ich gezögert, das zu tun), Er fällt und alle stieben davon. Wir flüchten (auch L.) zu einer Grenzstation, In weinroten Kostümen kommen uns einige Beamte (Frauen) entgegen. Erleichtert höre ich: „Sie sind jetzt auf sowjetischem Gebiet.“

19. Februar 1982

Mittwoch, August 8th, 2007

Einem Hinweis Dr. Blühers folgend sichte ich „Handbuch der Psychologie“, Göttingen 1964, Bd. „Psychodiagnostik“, um Hinweise zur Biografieforschung zu kriegen. Dort, S. 875f zur Lebenslaufanalyse:Bühler 1959 gliedert den Lebenslauf nach obj. Daten (Ereignissen, Handlungen), subj. Daten (Erlebnissen) und Leistungen (Produktionen = biol., soziale, geistig-kulturelle, mat. Wertschöpfungen). Dort Hinweise auf Thomae, Salber u.a. und den Bd. 4 desselben Handbuchs.
Ich greife aber zur aktuelleren „Die Psychologie des 20. Jahrhunderts“, 1977, Kindler Zürich, Bd. 5, Kapitel „Fallstudie und Längsschnittuntersuchung“ von H. Thomae, S.213-235. Dieser Aufsatz ist gründlich auszuwerten. Hier halte ich nur die 4 Grundforderungen Thomaes an den Bearbeiter einer Lebensgeschichte fest:
1.Überschaubarkeit der Bedingungen des Phänomens und des Berichts darüber
2. Unvoreingenommenheit
3. soziale Konkretheit (Einbettung) der Aussagen
4. Vollständigkeit der Darstellung

L. zum Fasching ich zum Festival des politischen Liedes (Politkirmes).
Wie könnte sich unsere Beziehung weiterentwickeln? Sie wird den Brocken runterspülen, der ihr in der Kehle sitzt, sobald Gelegenheit ist, ob bei diesem Fasching oder später. Das ist sie sich als „unabhängige“ Frau schuldig. Möglicherweise muß ich aber auch einen solchen Denkzettel kriegen, um
nachhaltig von meiner Lust an Amouren (so weit Ursachen bei mir liegen) geheilt zu werden….
Und doch ist dieser Schritt, den sie wohl gehen wird, zumindest gegenwärtig für sie keine reine Freude. Denn mit meinem unakzeptablen verhalten wurde ihr zugleich die Unhaltbarkeit ihre eigenen Verhaltens viel nachdrücklicher bewußt. So ist sie - nach ihren eigenen Worten- verwirrt, und ihr Händedruck spricht eher von gestiegener Zuneigung. Diesen gordischen Knoten wird sie vermutlich durchhauen. Wenn der Teufel das will, bringt ihr das paradiesische Erlebnisse und damit für uns drei höchste Gefahr und gar das vorläufige Aus. Wahrscheinlicher scheint mir aber, daß dieser Sprung ins kalte Wasser ein sehr zwiespältiges Erlebnis wird und bald zu ernsthafter Reue führt, die uns dann, zusammen mit der Härte, die das in in jedem Fall für mich bedeutet, auf einer besseren Ebene wieder ordentlich zusammenführt.
Ich schreibe dies alles fast wie ein Außenstehender, sogar mit einer Spur von Belustigung darüber,
wie das „Schicksal“, selbst wenn ein Stückchen davon richtig erkannt sein sollte, unbeeindruckt davon seine notwendige Bahn zieht.
Eigentümlich auch der Gedanke, daß die eben gestellte Frage im Moment dieses Schreibens vielleicht schon entschieden ist.

Auf jeden Fall war es nicht schlecht, in dieser Zeit durch die politischen Lieder erneut von dieser anderen Seite des Lebens zu erfahren.

Es traten auf:blog820219-11.jpg
„Cancione delle Lame“, Italien; Gerd Schöne, DDR; „Trovante“, Portugal; „Adhoc-Singers“, USA; „Kollektief international Nieuwe“, Niederlande; Hannes Wader, BRD; „Illapu“, Chile.
Es war wieder ein schönes Erlebnis. Und jeder der Auftretenden brachte etwas Gutes, selbst Hannes Wader, der Starmanieren hat.
Die beeindruckenden Erlebnisse dieses Festivals lassen den Wunsch nach mehr stark werden…. Mehr ist hier nicht nur quantitativ gemeint, vor allem anders, noch besser, mit Übergängen zu Tanz, zu Begegnung und direkter Kommunikation (wie bei den Weltfestspielen), besser im Sommer und im Freien und noch mehr eigenen Aktivität der Jugend (der Schulen z. B.) bei der Organisation. (Es müßte billig sein und romantisch.)
Auf dem Rückweg treffen wir Chr. Donath, die Grafik (10,-M/Radierung) angeboten und nichts verkauft hatte. Morgen geht sie nochmal.

Wenn F. etwas gebaut hat, und er baut sehr schön Straßen, Brücken, Häuser aus seinen Klötzern, dann kommt der Zeitpunkt, wo ihn eine wahre, elementare Zerstörungs“wut“ packt, und er alles bis auf den letzten Stein durcheinanderwirbelt, so als müsse er sich von der Fesselung durch das Geschaffene befreien…

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Chris berichtet von ihrer Schule, von Lehrern, die sich auf ihre halbmilitärischen Umgangsformen mit den Schülern etwas einbilden: „Aufstehen!“, „Raustreten!“ (aus der Bank), „Danke, Setzen!“
Jede Stunde wird „zackig“ gemeldet, daß die Klasse zum Unterricht bereit sei (auch wenn Einige gerade erst noch ‘reinkommen).

Wann sind Eindrücke für uns wirklich Eindrücke?
Heute sah ich in der Bahn eine interessante, bleiche, dunkle Frau, eine „seelische“ Schönheit. Ich denke an andere Tage, die sofort ein scharfes oder auch nur starkes Mannesinteresse geweckt hätten. An diesem Tag wurde der Eindruck kaum wahrgenommen und löste nichts aus.

18. Februar 1982 - Ausstellungseröffnung

Samstag, August 4th, 2007

Gelegentlich mal mein Erleben bei Ausstellungseröffnungen beschreiben: Da sind viele Hemmungen im Spiel. Kunsterlebnis ist wegen der Drängelei und der vielen Unterbrechungen sowieso nicht möglich. Störende Spannung wegen der Befürchtung, Bekannte zu übersehen, nicht zu grüßen. Daraufhin gleich das andere Extrem: eine Art Suchen nach Bekannten. Irgendwie vielleicht auch Minderwertigkeitseinbildungen, ein unbewußter Ärger, in diesem Raum Nichts zu sein, Aufblitzen der Vorstellung, wie es wäre, ich wäre ein anerkannter Meister dieser Zunft. Im selben Moment Wertschätzung der Tatsache, anders und (anderswo) wohlverwurzelter Interessent zu sein.

Unmut darüber, daß Katalog und Plakat gleich vergriffen waren. Weil ich dieses im Sozialismus so alltägliche Schlangensteh- und Hamsterverhalten nicht akzeptieren kann, habe ich mich nicht gleich als ich ankam an die noch kurze Schlange angeschlossen, sondern bin, wie es normal ist, erstmal in die Ausstellung gegangen. Danach war ich natürlich „Neese“.

Die bunten Bilder einer solchen Künstlerfete, der fressende, saufende, grinsende, glänzende Kahl.

17. Februar 1982

Freitag, August 3rd, 2007

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Mit dem Beginn des „Protokollierens“ in diesem Buch versuche ich schrittweise eine rationelle und zunehmend auch methodisch durchdachte Form zu finden, die letztlich auch theoretische Verallgemeinerung erlaubt. Mir ist klar, daß dies ein längerer Prozeß ist. (Vielleicht ist das ganze Jahr 82 dem Herausarbeiten dieses bewußten Herangehens gewidmet.)

Heute fange ich mit einer zweckmäßigeren, zeitsparenderen und übersichtlicheren Darstellungsweise an, etwa so:

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Ich wende maximal Abkürzungen an.
Eine weitere Rubrik ist „Leistungen, Erleben, Denken“. Sie enthält DEN wichtigsten sinnlichen Eindruck des Tages, überhaupt das Wichtigste des Tages, sowie Vornahmen für den Folgetag oder die weitere Zukunft.

Hier deutet sich an, wie die Bemühungen, zu einer methodologisch begründeten und letztlich empirisch lückenlosen Aufzeichnung meiner Lebensdaten, einen wachsenden Raum in meinen Tagebüchern einnehmen.

Ich hatte jahrelang die Absicht, auf dieser Basis eines (fernen) Tages eine persönlichkeitstheoretisch begründete und mittels Budgetanalyse empirisch umfassend abgesicherte Einzelfallstudie über ein Individuum im (Real-)Sozialismus zu schreiben.

Dieses Ziel habe ich aufgegeben, vielleicht aus theoretischem Unvermögen, vielleicht noch mehr wegen der veränderten Zeitumstände. Heute ist es mir viel wichtiger, meine persönlichen realsozialistischen Lebensverhältnisse wahrheitsgemäß zu dokumentieren.

Bei meiner künftigen Tagebuchwiededergabe hier im Blog werde ich also viele Passagen, die sich mit Methodologie und Theorie beschäftigen, auslassen (größere Auslassungen aber markieren.).

Abends Ausstellungseröffnung L. Fremdheit und Kälte zwischen L. und mir, auch während der nachfolgenden Feier.
Reden mit Barbara B. Da ist natürlich sofort eine gewisse erotischen Spannung. Ich rede kritisch von ihren Arbeiten, es entsteht aber eine auch schmeichelnde Form, indem ich von dem Eindruck von Stärke spreche, den sie persönlich macht und der gewissen Enge ihrer Arbeiten (der innere Zensor). Ich hatte nicht bewußt die Absicht, ihr zu schmeicheln, verfolge auch kein Ziel. Ich hab’ auch nicht gelogen. Wirkt möglicherweise das (gut gesonnene) Aussprechen der verborgenen, inneren Wahrheit, wodurch der Partner sich gut verstanden fühlt, vertrauenserweckend und schmeichelhaft?

Erstaunlich, wie gern sich Frauen schmeicheln lassen!