Das sind die Sternstunden der Geschichte (wie der Kunst), wenn die Produzenten der materiellen Güter und die Produzenten des Schönen (und die Produzenten der abstrakten Erkenntnis) identisch werden.
Gestern Abend ein Paar in der S-Bahn, beide ca. 30 Jahre, kräftig beschwipst und fröhlich. Er mit geschientem Arm (offensichtlich frisch) kuschelt sich zärtlich, wie Schutz suchend, an sie, birgt den Kopf an ihrer Schulter, schließt die Augen. Sie, mit großen schwarzen Augen, großem roten Mund, läßt das gerne geschehen, ist freundliche Partnerin mit einer Spur von Herablassung. Ihre großen Augen sehen über ihn hinweg, in meine Richtung, durch mich hindurch. Ich betrachte sie interessiert, sehe die Art von Kälte in ihr, die sich mit Leidenschaftlichkeit beim Lieben paart, sehe, daß sie über den lieben Kater an ihrer Seite schon hinaus ist. Ihrem Streben kann er nicht der notwendige Widerstand sein. Da beginnt ihre Zunge aus dem Munde zu spielen. Zunge kost Mund, wahrhaft exzessiv (sicher durch Alkohol verstärkt). Ihr Blick weiß, daß er durch mich hindurch geht, während er auf mir ruht (bzw. umgekehrt).
Ich bin (obwohl eigentlich sehr müde und erotisch desinteressiert) fasziniert von dieser Szene, von dieser… ja, der Klischeeausdruck hieße „Verworfenheit“
Was erlebt die Frau in diesem Augenblick, was kostet sie aus?
Der Widerstand, den die Frau braucht; den jeder braucht!
[...]
Frauen wollen manchmal wie Kinder sein – eine Bemerkung von Werner aus unserem Gespräch am 13.3.
Das stimmt, z.B. bei Margot, Hegrü. – Das sind Menschen, die keine gute Kindheit hatten und deshalb in ihrer Partnerbeziehung „alle Waffen sinken lassen möchten“, ganz klein wollen sie sein, sich aufgeben im Schutz des Vaters oder großen Bruders (seine Strenge lieben). Dem entgegen steht die verbreitete Meinung, daß Frauen viel erwachsener seien als Männer; Männer würden immer Kinder, Phantasten bleiben. (Das schreibt auch J. Baldwin.) Auch das stimmt. – Männer haben sich immer ein winziges Stückchen Freiheit (=Kindlichkeit, Phantasie, Zweckfreiheit) behauptet, indem sie es nämlich der Frau entrissen haben.
Die Frau wurde auf das Tragen bestimmter Funktionen reduziert, wurde absolut Zwecken unterworfen, sah darin den Sinn ihres Lebens und erschien dadurch als „erwachsen“. (Insofern schien sie dem Mann voraus zu sein, denn das Leben in der vergangenen Gesellschaft war ja auch für ihn das Abrichten zum bloßen Funktionsträger und Zweckerfüller.) Die Befreiung der Frau zeigt sich heute auch darin, daß sie zum ersten Mal einen Fußbreit Land im „Reich der wirklichen Freiheit“ – jenseits aller Zweckmäßigkeit (Diesen Marx-Gedanken aus dem III. Band des Kapital grundsätzlich auswerten!!) erobert, von dem aus sie sich als Mensch erleben will und das heißt eben u. U. das erträumte Glück der Kindheit erleben wollen. Es kann auch heißen, allein, d.h. mit sich im Reinen, leben wollen. Es kann auch heißen, selbst schöpferisch produzieren wollen (L.).
Ich habe die Zeit und nehme mir sie, solche Gedankengänge, wie hier beschrieben, zu machen, anknüpfend an kurze Erlebniseindrücke, die sich irgendwie festgehakt hatten. Viele Menschen, zumal Leiter, haben dazu nicht die Zeit. Was passiert in solchen Köpfen mit derlei festgehakten Eindrücken? Sie werden nicht rational aufgearbeitet, gehen aber dennoch nicht verloren. Sie werden nicht befragt, gewogen und eingeordnet. Jedoch sie sind da, im großen Strom des Unbewußten, und Dank ihrer besonderen Form, Ausdehnung, Intensität, inhaltlichen Färbung schieben sie sich an einen mehr oder weniger bestimmten Platz in diesem Strom [...] (Davon künden u. U. Traumbilder.) Der „Strom des Unbewußten“ braucht einen bestimmten Raum im „Seelenleben“. Auch er muß irgendwie geleitet, gedämmt, geöffnet werden. Das kann bewußt gemacht werden oder spontan – z. B. indem durch Alkohol seine Energien entfesselt (geordnet) werden (bei vielen Leitern).
Wie klug Träume sein können:Kürzlich ein Traumbild: Die Spitze meines Gliedes ist tiefrot, wie mit dunklem Blut übergossen. Im Orgasmus mit Hegrü vor drei Tagen schlägt mir höchste Lust in heißen Schmerz um, ich empfinde gleichsam heißes, nasses Blut.
Erleben und rationale Verarbeitung in ein Gleichgewicht bringen!
Cezanne, die „großen Badenden“ besser begreifen!
Eine unerwartete Wirkung dieses Buches, der hier „gepflegten“ Gedanken: Die neue Qualität unserer Gesellschaft im intimsten Menschlichen finden. Wie könnte ich Leute veranlassen, mir ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben?
Hebbel:
Jean Paul, „der durch den Gang, den sein äußeres Leben nimmt, in seiner innersten Entwicklung gestört wird.“ (S.53)
„Das Leben ist nur ein anderer Tod. Des Lebens Geburt, nicht Ende, ist der Tod.“ (54)
„Die Individualität ist nicht sowohl Ziel, als Weg, und nicht sowohl bester, als einziger.“ (55)
„Das nächste Ziel mit Lust und Freude und aller Kraft zu verfolgen, ist der einzige Weg, das fernste zu erreichen.“ (55)
„Zwei Menschen sind immer zwei Extreme.“ (55)
„Übrigens entstehen die meisten Irrungen zwischen Menschen nicht, weil sie verschieden sind, sondern weil sie sich, bei der Unzulänglichkeit jeder Mitteilung über innere Zustände und deren Bedingungen und Folgen, verschieden glauben, oft sogar, weil sie an andern nicht dulden können, was sie an sich verehren.“ (55)
„Unbeschreiblich ist meine Verachtung der Masse.“ (56)
„…, daß die Leidenschaft der Schlüssel zur Welt sei.“ (57)
Es gibt nur eine Anziehungskraft, die Menschen an Menschen kettet, „das ist die Freundschaft, und was man Liebe nennt, ist entweder die Flammen-Vorläuferin dieser reinen, unvergänglichen Vesta-Glut, oder der schnell aufflackernde und schnell erlöschende abgezogene Spiritus unlauterer Sinne.“ (57)
„Es gibt nichts Unvergängliches im Leben, als die Erkenntnis der jedesmaligen Zustände, worin es sich konzentriert.“ (Diese Erkenntnis nur dann möglich, wenn der Zustand, den sie erfassen will, nicht mehr wirklich ist.)
„Das vornehmste Bestreben der Welt sei darauf gerichtet, keines Herkules zu bedürfen.“ (59)
Die Dichtung, Kunst erlöse „die Natur zu selbsteigenem, die Menschheit zu freiestem und die uns in ihrer Unendlichkeit unfaßbare Gottheit zu notwendigem Leben!“ (60)