Archive for September, 2007

21. März 1982 - Elisabeth Shaw

Donnerstag, September 27th, 2007


Einer schrieb mal (war es Hebbel?), daß es wichtig sei, das Negative nicht zu vernichten; zwar von mir abzutun (zu überwinden) aber in seinem Recht bestehen zu lassen. (Unterschied von absoluter und dialektischer Negation.)

Nach dem Abendessen entdeckte F. sein Küken unter dem Tisch. Er holte es hoch, fütterte es, gab ihm zu trinken, zeigte auf sein Hinterteil: „A, a“ Ich: „Muß das Küken auch a, a machen?“ Er kletterte vom Stuhl, holte seinen Topf aus dem Nebenzimmer und „setzte“ das Küken darauf. „Küken macht a, a, macht eine „Dampfwurst“, „macht viel“, erklärte er immer wieder. „Küken macht auch pinke“. Großes Lob für das Küken, für seine „Dampfwurst“. Schließlich überrede ich ihn, daß das Küken nun genug gemacht hat. „Nun den Topf ausleeren“ und gemeinsam leeren wir den (leeren) Topf in sein mittlerweile fertiges Badewasser aus. Dann bringt er den Topf wieder ins Nebenzimmer, das Küken läßt er achtlos wieder unter den Tisch fallen.

Hebbel: „Für den Menschen, der Geist und Herz möglichst nach allen Seiten sich frei erhalten, oder befreit hat, ist jede Zeit schlimm, denn jede führt, da sie auf bestimmte Interessen verwiesen ist, etwas Ausschließendes mit sich. Die aber ist die schlimmste, die wegen wirklicher oder vermeintlicher Schwäche ihres Fundaments, Mut und Kraft verdammt, so daß nur Kranke und Verschnittene ihr Dienste tun können oder dürfen.“ (S66)

„Jean Paul nennt Ludwig XIV. Ludwig den Vergrößerten“ (66)

„Damit sich der Mensch in seiner ganzen Menschheit, d.h.zur Persönlichkeit ausbilde, ist es notwendig, daß er alle verschiedenen Lebensperioden, die jener letzten, worin er stehen, wirken und genießen soll, voraufgehen, mit angemessener Freiheit durchgenieße. Erstlich die Periode der Passivität, wie ich sie nennen möchte, weil sie den Menschen mit Leben und Welt überschüttet.“ (68)

Erstaunlich, daß die Natur in irgendwelchen Nischen immer auch gleichartige, „nichtsnutzige“, fruchtbare, robuste Lebewesen hervorbringt: Spatzen, Brennesseln, Fliegen, Mäuse.

Was gefällt mir an E. Shaw?

Die beiden folgenden Seiten stammen aus dem “Magazin” vom Mai 1980. Der Elisabeth Shaw würdigende Text ist vermutlich von Herbert Sandberg, Zeichner und Karikaturist, Kommunist, der im “Magazin” eine endlose Serie “Der freche Zeichenstift” betreute. Wikipedia kennt sowohl E. Shaw als auch H. Sandberg! Eine schöne Website zu E. Shaw und ihren Mann Rene Grätz hat ihr Sohn gestaltet.

 

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20. März 1982 - Cezanne

Mittwoch, September 26th, 2007

Wie Empfindungen täuschen: Heute lief ich wieder ohne Leistungsziel.

(Meine Laufstrecke, die „Große Weißenseer Runde“ erstreckte sich über 2 x 3,5 km.)

Es fiel mir schwer (Seitenstechen, Magenschmerzen). Ich dachte das sei die Quittung für die vergangene Woche. Die Zeit aber (30’30,5“, ohne Endspurt) erweist sich als ziemlich gut. Cierpinski gibt als Pulsschlagempfehlung 180 minus Zahl der Lebensjahre, für mich also 140. Ich hatte 164. Diese Läufe sind eine der wenigen Situationen, in denen ich regelmäßig eine bestimmte Fähigkeit messe. 

Durch Hans-Dieter Schmidts Bemerkung in seiner „Entwicklungspsychologie“ über den Expressionismus (Rückgriff aufs Kindliche bzw. Primitive um die Jahrhundertwende) wurde ich angeregt, mir erneut Gedanken über Cezanne zu machen, insbesondere auch über das Bild seiner Utopie „Die großen Badenden“, das ich meist übergangen hatte. Der Text der Teillandier (Südwest Verlag München) weist darauf, wie sorglich, einzelne überstarke Gestaltungsmittel meidend, er seine Ziel (Volumen, Farbe) erreichte. So erscheint mir Cezanne als Genie des Realismus , als Maler, der alle Mittel in den Dienst des realen stellt. (Nicht wie kleinere Maler, die eine Seite der Realität verabsolutieren > die ganzen Ismen) Natürlich ist er als bürgerlicher Künstler nur im Natürlichen in diesem hohen Masse Realist. Im Sozialen bleibt er abstrakt.

Für den „sozialen Realisten“ ist auch die Kleidung der Bildgestalten sehr wichtig. Das stete Bevorzugen von Akten oder Verkleidungen aller Art ist ein Ausweichen (bei vielen Gegenwartsmalern!). (Vgl. den „Wurf“ zum „sozialen Realismus“ (bestimmter Prägung) den W. Mayerl machte.) […]

Hebbel-Schätze: Prinzip, das all meinem Streben zu Grunde liegt, „daß bei dem Menschen nie von äußerer Erleuchtung, sondern nur von innerem Tagen die Rede sein könne, … mein Evangelium ist, alles Höchste, in welchem Gebiet es auch sei, erscheint nur, und wird selbst durch den geweihtesten Priester vergebens gerufen; man entdeckt nichts durch die Wissenschaft, sondern nur bei Gelegenheit der Wissenschaft; dies aber gibt der Wissenschaft noch Würde genug.“ (S64) 

üble Laune höherer Menschen (nicht aus Mangel an Genuß), sondern aus unerträglichem Zustand innerer Leere, halb unbewußtes „Haschen der Seele nach irgend einer Art von Tätigkeit. Sie verwundet sich selbst, um nur zu erwachen.“ (64)

[…]

 

 

19. März 1982 - Unbewußtes

Dienstag, September 25th, 2007

Das sind die Sternstunden der Geschichte (wie der Kunst), wenn die Produzenten der materiellen Güter und die Produzenten des Schönen (und die Produzenten der abstrakten Erkenntnis) identisch werden.

Gestern Abend ein Paar in der S-Bahn, beide ca. 30 Jahre, kräftig beschwipst und fröhlich. Er mit geschientem Arm (offensichtlich frisch) kuschelt sich zärtlich, wie Schutz suchend, an sie, birgt den Kopf an ihrer Schulter, schließt die Augen. Sie, mit großen schwarzen Augen, großem roten Mund, läßt das gerne geschehen, ist freundliche Partnerin mit einer Spur von Herablassung. Ihre großen Augen sehen über ihn hinweg, in meine Richtung, durch mich hindurch. Ich betrachte sie interessiert, sehe die Art von Kälte in ihr, die sich mit Leidenschaftlichkeit beim Lieben paart, sehe, daß sie über den lieben Kater an ihrer Seite schon hinaus ist. Ihrem Streben kann er nicht der notwendige Widerstand sein. Da beginnt ihre Zunge aus dem Munde zu spielen. Zunge kost Mund, wahrhaft exzessiv (sicher durch Alkohol verstärkt). Ihr Blick weiß, daß er durch mich hindurch geht, während er auf mir ruht (bzw. umgekehrt).

Ich bin (obwohl eigentlich sehr müde und erotisch desinteressiert) fasziniert von dieser Szene, von dieser… ja, der Klischeeausdruck hieße „Verworfenheit“

Was erlebt die Frau in diesem Augenblick, was kostet sie aus?

Der Widerstand, den die Frau braucht; den jeder braucht!

[…]

Frauen wollen manchmal wie Kinder sein - eine Bemerkung von Werner aus unserem Gespräch am 13.3.

Das stimmt, z.B. bei Margot, Hegrü. - Das sind Menschen, die keine gute Kindheit hatten und deshalb in ihrer Partnerbeziehung „alle Waffen sinken lassen möchten“, ganz klein wollen sie sein, sich aufgeben im Schutz des Vaters oder großen Bruders (seine Strenge lieben). Dem entgegen steht die verbreitete Meinung, daß Frauen viel erwachsener seien als Männer; Männer würden immer Kinder, Phantasten bleiben. (Das schreibt auch J. Baldwin.) Auch das stimmt. - Männer haben sich immer ein winziges Stückchen Freiheit (=Kindlichkeit, Phantasie, Zweckfreiheit) behauptet, indem sie es nämlich der Frau entrissen haben.

Die Frau wurde auf das Tragen bestimmter Funktionen reduziert, wurde absolut Zwecken unterworfen, sah darin den Sinn ihres Lebens und erschien dadurch als „erwachsen“. (Insofern schien sie dem Mann voraus zu sein, denn das Leben in der vergangenen Gesellschaft war ja auch für ihn das Abrichten zum bloßen Funktionsträger und Zweckerfüller.) Die Befreiung der Frau zeigt sich heute auch darin, daß sie zum ersten Mal einen Fußbreit Land im „Reich der wirklichen Freiheit“ - jenseits aller Zweckmäßigkeit (Diesen Marx-Gedanken aus dem III. Band des Kapital grundsätzlich auswerten!!) erobert, von dem aus sie sich als Mensch erleben will und das heißt eben u. U. das erträumte Glück der Kindheit erleben wollen. Es kann auch heißen, allein, d.h. mit sich im Reinen, leben wollen. Es kann auch heißen, selbst schöpferisch produzieren wollen (L.).

Ich habe die Zeit und nehme mir sie, solche Gedankengänge, wie hier beschrieben, zu machen, anknüpfend an kurze Erlebniseindrücke, die sich irgendwie festgehakt hatten. Viele Menschen, zumal Leiter, haben dazu nicht die Zeit. Was passiert in solchen Köpfen mit derlei festgehakten Eindrücken? Sie werden nicht rational aufgearbeitet, gehen aber dennoch nicht verloren. Sie werden nicht befragt, gewogen und eingeordnet. Jedoch sie sind da, im großen Strom des Unbewußten, und Dank ihrer besonderen Form, Ausdehnung, Intensität, inhaltlichen Färbung schieben sie sich an einen mehr oder weniger bestimmten Platz in diesem Strom […] (Davon künden u. U. Traumbilder.) Der „Strom des Unbewußten“ braucht einen bestimmten Raum im „Seelenleben“. Auch er muß irgendwie geleitet, gedämmt, geöffnet werden. Das kann bewußt gemacht werden oder spontan - z. B. indem durch Alkohol seine Energien entfesselt (geordnet) werden (bei vielen Leitern).

 Wie klug Träume sein können:Kürzlich ein Traumbild: Die Spitze meines Gliedes ist tiefrot, wie mit dunklem Blut übergossen. Im Orgasmus mit Hegrü vor drei Tagen schlägt mir höchste Lust in heißen Schmerz um, ich empfinde gleichsam heißes, nasses Blut.

Erleben und rationale Verarbeitung in ein Gleichgewicht bringen! 

Cezanne, die „großen Badenden“ besser begreifen! 

Eine unerwartete Wirkung dieses Buches, der hier „gepflegten“ Gedanken: Die neue Qualität unserer Gesellschaft im intimsten Menschlichen finden. Wie könnte ich Leute veranlassen, mir ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben? 

Hebbel:

Jean Paul, „der durch den Gang, den sein äußeres Leben nimmt, in seiner innersten Entwicklung gestört wird.“ (S.53)

„Das Leben ist nur ein anderer Tod. Des Lebens Geburt, nicht Ende, ist der Tod.“ (54)

„Die Individualität ist nicht sowohl Ziel, als Weg, und nicht sowohl bester, als einziger.“ (55)

„Das nächste Ziel mit Lust und Freude und aller Kraft zu verfolgen, ist der einzige Weg, das fernste zu erreichen.“ (55)

„Zwei Menschen sind immer zwei Extreme.“ (55)

„Übrigens entstehen die meisten Irrungen zwischen Menschen nicht, weil sie verschieden sind, sondern weil sie sich, bei der Unzulänglichkeit jeder Mitteilung über innere Zustände und deren Bedingungen und Folgen, verschieden glauben, oft sogar, weil sie an andern nicht dulden können, was sie an sich verehren.“ (55)

„Unbeschreiblich ist meine Verachtung der Masse.“ (56)

„…, daß die Leidenschaft der Schlüssel zur Welt sei.“ (57)

Es gibt nur eine Anziehungskraft, die Menschen an Menschen kettet, „das ist die Freundschaft, und was man Liebe nennt, ist entweder die Flammen-Vorläuferin dieser reinen, unvergänglichen Vesta-Glut, oder der schnell aufflackernde und schnell erlöschende abgezogene Spiritus unlauterer Sinne.“ (57)

„Es gibt nichts Unvergängliches im Leben, als die Erkenntnis der jedesmaligen Zustände, worin es sich konzentriert.“ (Diese Erkenntnis nur dann möglich, wenn der Zustand, den sie erfassen will, nicht mehr wirklich ist.)

„Das vornehmste Bestreben der Welt sei darauf gerichtet, keines Herkules zu bedürfen.“ (59)

Die Dichtung, Kunst erlöse „die Natur zu selbsteigenem, die Menschheit zu freiestem und die uns in ihrer Unendlichkeit unfaßbare Gottheit zu notwendigem Leben!“ (60)

 

 

18. März 1982 - Willibald Mayerl

Dienstag, September 25th, 2007

Bus nach Hohndorf in Sachsen, wo früher Willibald Mayerl wohnte. Ich treffe seine Schwiegertochter, die mir viele seiner Bilder zeigt. 

[…]

Mayerl war Bergmann, Steiger und naiver, sehr produktiver Maler. Durch einen Artikel in der Zeitschrift „Magazin“ war ich auf ihn aufmerksam geworden. Wikipedia verfügt zwar über seine Lebensdaten (1896-1977), jedoch über keinen Artikel. Einige Abbildungen seiner Bilder gibt es hier:

http://kunstliebhaber.blogspot.com/

Eine dieser Abbildungen übernehme ich hiermit:

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Wahrscheinlich werde ich bald auf Opablog ein Posting zu Willibald Mayerl veröffentlichen.

Die Mayerl-Bilder beeindrucken mich stark. Selbstverständlicher Ausdruckswille! Fülle von Bildern. Es ist bedeutende Kunst, ohne daß der Autodidakt verleugnet wird. Für Ästheten ist es nichts. Bin mir nicht ganz sicher, ob ich ein, zwei Bilder haben möchte. Vielleicht fahre ich am 3.4. nochmal hin, wenn der Sohn da ist. Die Schwiegertochter war sehr freundlich und hat mir noch etliche Kataloge mitgegeben. Dieser Mann hatte etwas zu sagen, im Unterschied zu vielen Malern.

„Galerie oben“ (bekannte Galerie in Karl-Marx-Stadt) zeigt Münzner, der mich nicht fesseln kann.

Die von Mayerl selbst gebaute Gitarre!! 

Im übrigen war es in diesen Tagen viel zu wenig Schlaf und zu viel Alkohol. Ich habe nicht die geringste Lust, zu Hegrü zu fahren und entscheide mich in diesem Moment, es folglich nicht zu tun; werde sie vom Bahnhof aus anrufen und dann nichts wie nach Hause. […]

Hegrü am Telefon war betrübt. Ich kann es nicht ändern. Ohne die Absicht, mit ihr zu schlafen, kann ich mich dort nicht aufhalten. Soll sie mich abweisen, wenn ihr das zu wenig ist. 

Zu Hause: […] Christine zeichnet L. Sie hatten eigentlich Cordula, die Krankenschwester aus Buch, zum Zeichnen eingeladen. 19.30 Uhr hatte sie abgesagt, weil ihr geschiedener Mann, mit dem sie wieder lebt, es verboten hatte. („Dann komme ich auch mit.“) Welch ein Durcheinander sich die Leute schaffen! (Um wie viel besser ist das eigenen Durcheinander?) […]

Von Mayerl beeindruckt, frage ich mich, was erlebt L. eigentlich? Kind, alltägliche Besuche, gesellschaftliche Atmosphäre, doch sehr gefiltert. Mittleres! Große Kunst kann nur dort entstehen, wo die materiellen Grundprozesse der Gesellschaft selbst zum Schönen drängen (Renaissance).

 

17. März 1982 - Alltag

Montag, September 24th, 2007

Der Tag endet mit ausgedehntem, zwanglosem Beisammensitzen im Lehrgang. Nachdem ich ihnen so ungewohnt viel Partei- und Gewerkschaftsgeld abgeknöpft habe, stelle ich wenigstens einen Lunikoff auf den Tisch. Wir kommen gut ins Gespräch, gut in Stimmung. - Der Berliner Humor von Matze Levin, den er besonders verschmitzt vorbringt („Ws meinst Du, wer heute Nacht nach Dir gefragt hat?“ „Wer denn?“ „Kein Schwein“.); der korrekte Sollmann; der bohemhafte Adlmeyer; auch Jörg Kahnis, Kleeblatt, Arne Z. kriegen langsam Farbe. Viel wird von der Armee erzählt, Rekrutenschindereien „Frühbeet“, „Musikbox“.

(die ich aus meiner Armeezeit nicht kenne.)

[…]

Interessant auch die Teilnahme an der Beratung einer Arbeitsgruppe im Rahmen des Planspiels. Voller Hektik rudern drei Mann los und stellen nach einer halben Stunde fest, daß sie eigentlich erstmal hätten überlegen sollen.

 

16. März 1982 - Alltag

Montag, September 24th, 2007

Schöner Skat zum Tagesausklang. Mir gelingt ein großer Bluff. Als Spieler habe ich eine rot 10 zu dritt und spiele eine rot Lusche aus. Adlmeyer, der Fuchs, schindet sofort auf die 10. Der dritte Mann hat diese Farbe tatsächlich nur einmal. Er ist jetzt vorn, und auf seine Forderung werfe ich meine zweite rot Lusche weg, werde mir also die 10 blank! Adlmeyer denkt, daß ich die 10 gedrückt habe und gibt sein As auf diesen Stich. Das gab ein Hallo, als ich dann später mit der 10 rauskam. […]

Bei Hegrü war es „gelungen“, schön. Ich hab ihr gesagt, wie meine Lage ist, hab ihr auch gesagt, was mir an ihr gefällt. zugleich hab ich mich bemüht, keine Illusionen bei ihr aufkommen zu lassen. sie versuchte zunächst zurückhaltend zu sein, aber das bringt sie einfach mir gegenüber nicht fertig. Sie erzählte, wie über ihr das Alleinleben sei, von niemandem gebraucht zu werden. sie trägt sich damit, zu kapitulieren, ins enge Haus eines befreundeten Mannes zu ziehen, weiß aber jetzt schon, daß sie das nicht aushalten wird.

Unser „Beieinanderwohnen“ war von unerhörter Leidenschaft (oder Raserei?) erfüllt und mit großem Geschick (oder schon Raffinesse?) verbunden. Uns gelingt einfach alles. Doch woher diese Leidenschaft? Sie ist das Abbauen aller Spannungen, die seit einem Monat in diesem Buch fixiert sind. Ich habe danach - obwohl zu kurz - wunderbar geschlafen (sie auch). Danach ist das Gewissen wieder hörbar. Ich kann tatsächlich nicht solche Beziehung nebenher alltäglich aufrechterhalten.

Baldwin im Zug gelesen („Beale Street Blues“). Der erste, sehr gute Eindruck schwächt sich doch etwas ab:

- Tendenz zur Idylle, Sentimentalität („heile Familie“ Rivers)

- Tendenz zur Mystifizierung der Rolle des Mannes.

Interessant, welcher Grad von Gewalttätigkeit in diesem Lande normal ist. Beispiele: Niederschlagen der Mrs. Hunt durch ihren Mann, wie Fonny den Italiener niederschlägt u.a.

Im ganzen aber doch eine gute kleine Geschichte.

15. März 1982 - Sex und Liebe

Sonntag, September 23rd, 2007

[…]

Warum dies Bild?

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Weil diese üppige Frau so herrlich langweilig fotografiert ist.

 

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Natürlich ist das kein übles Angebot. Aber allzu vordergründig wird nur auf bestimmt Reizpunkte orientiert, die Brust“knöppchen“, die Arschrundung. Alles andere bleibt bewußt anonym und geziert. etwas von Spanner oder von Marktangebot ist im Bild.

 

Sex kompliziert. Nach L.s Wandlung gestern Abend einschließlich der Andeutung von Zärtlichkeit, ist meine sexuelle Abenteuerlust wie weggeblasen. nun fühle ich mich fast gezwungen heute Abend zu Hegrü zu gehen. […] Im Laufe des Vormittags ist aber die Lust auf die Frau wieder kräftig angeschwollen. Auslöser war ein properes junges Weib (etwa 20) in der Sparkasse: Üppige, fast stämmige Figur, dabei rassig, das geht wahrscheinlich nur in diesem jugendlichen Alter zusammen.. Schlanke Hüften, kräftige, feste Schenkel und Hintern, der Busen wahrscheinlich schon ein wenig zu üppig, so weit der etwas derbe BH darauf schließen ließ. Der kleine Bauch wagte sich mit einer niedlichen Wölbung hervor. Die Augen groß, dunkel, langbewimpert und etwas hervorstehend, so als könnten sie nicht früh genug ihre Eindrücke aufnehmen. Die Lippen voll und weich, weich. Schultern kräftig, mit unreiner Haut, am freien Hals ein Liebesbiß. So stand sie da, als Verkörperung von Werners Wunsch nach „unverbildetem Sex“. Unbedingt hat solche Beziehung, deren ganzer Inhalt das Ficken ist, ihren Reiz. Dafür sind solche jungen Dinger wahrscheinlich am Besten, die schon Geschmack gefunden haben am Orgasmus-Genuß, mehr noch, die überwältigt sind vom Orgasmus-Erlebnis und zugleich noch die jugendliche oder neuzeitliche Ungehemmtheit haben, alles zu nehmen. Natürlich kann sich der Mann (Werner) dann schmeicheln, welch ungeahnte Wirkungen er verursacht. Zweifellos werde ich mir solche Freuden auch mal erlauben, weil sie wirklich etwas Einzigartiges haben. Es ist manchmal sehr wichtig und gut, wenn Sex nicht problematisiert wird. […] Nicht problematisiert: das kann einmal der heiße, gedankenlose Sex sein. Es kann aber auch mal eine bloß gemütliche Nummer sein.

Ich brauche solche Gelegenheitsfreuden nicht zur Betäubung oder um Mißerfolge zu überwinden. Ich glaube schon noch an die richtige Liebe und will durch alle Erlebnisse hindurch dazu fähig bleiben.

„Faustisch leben“ heißt, alles mit Leidenschaft, mit wahrer Hingabe machen. Man kann durch alles hindurchgehen aber man darf „seinen Stern“, seinen Glauben und die Kraft nie verlieren. Sonst wäre es ein bequemes Leben. Ein Herumsuchen, und da wo es hart wird ein Verschwinden durch die Hintertür. Die meisten, Max, Werner, suchen nämlich nicht wirklich, sie haben sich für nichts wirklich entschieden, treiben dahin, und wo es paßt, stecken sie ihre Pimmel hinein. […] Tragisch wäre es schon, würden die Besseren sich auch in den Schlamm legen, in dem so viele sind; würde ich bei der nächsten Sause mit diesen Brüdern eine willige 18-Jährige auf den Rücken legen, würde dann Werner spornstreichs den Tröster meiner Frau spielen usw. usf. Widerwärtig!

Trotzdem darf man diese Gefahren des Lebens nicht einfach abblocken, verwerfen. Man muß sich ihnen irgendwie stellen, sie in sich verarbeiten, sie aufnehmen usw., „wie Faust“ - doch was heißt das wirklich?

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Hegrü sagte, bei mir „lege sie immer so ihre Seele auseinander, daß sie sie dann kaum wieder zusammenkriegen kann.“

 

14. März 1982 - Hebbel

Sonntag, September 16th, 2007

[…] 

Hebbel (Jean Paul)

„Wir gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre Blüten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre heimat ist.“ (S.52)

„… bin ich nicht viel mehr in der Gewalt des in mir Denkenden, als dieses in meiner Gewalt ist?“ (3.12.1836, S. 53)

 

13. März 1982 - Literatur

Sonntag, September 16th, 2007

[…] Die Faust-/Mephisto-Konstellation trifft nicht ganz unsere Zeit, mich.

Faust war hoffnungslos und lieferte sich bedingungslos Mephisto aus. Ich bin von vornherein in anderer Kampfposition, habe ein Gutteil Mephisto in mir; will zwar die Welt ganz und gar erfahren, jedoch hab’ ich dabei ein paar Instrumente (Dialektik, Materialismus), auf die ich mich stütze, die bisher nicht versagt haben und die ich im Grunde erproben und schärfen will. […] Ich liefere mich nicht aus. (Nicht aus Angst - ich brauche es einfach noch nicht - aber in Auerbachs Keller ging es Faust so ähnlich.)

Ich bemühe die Gestalt des grenzenlos suchenden Faust und schirme mich zugleich von ihr ab. Ich habe noch gar nicht kapiert, wie brüchig der Boden bereits ist, auf dem ich stehe. Ich bin noch weit davon entfernt, alles zu wagen.

Meine „Instrumente“ Dialektik und Materialismus schätze ich auch heute noch. Aber ich weiß, in welch vernachläßigtem Zustand sie sind.

 

[…] Werner beunruhigen die „selbständigen Frauen“. Er preist den unverbildeten Sex der 18-jährigen Ärsche. Ich bin für, entschieden für die „selbständigen Frauen“, Frauen, die sich selbst den Mann erwählen (und verstoßen). Freilich weniger bequem für olle Adam. Er muß sich in zweierlei Richtung bewegen: Partner für diese Frauen werden, auf der neuen Freiheitsebene, die sie nun erreicht haben und ihr Risiko nicht unnötig erleichtern wollen; mit ihren neuen Freiheiten sollen sie auch neue Risiken tragen. (Das hat nichts mit Roheit zu tun.)

[…]

Hebbel (S49-51): „Wenn auch bei Jean Paul Formlosigkeit ist, so ists ein Ozean, der über alle Grenzen hinausschwellt und die Unendlichkeit repräsentiert; geringere Geister aber sind, wie ein Bach, der nur durch seine Ufer schön wird.“

„Wirf weg, damit du nicht verlierst! ist die beste Lebensregel.“

„Der Witz ist das einzige Ding, was um so weniger gefunden wird, je eifriger man es sucht.“

Ich bin keiner von den Leuten, die Alkohol brauchen, um Wahrheiten zu denken und auszusprechen. Hoch die heilige Nüchternheit!

Alim Keschokow:

Frauenlist

Ein Narr, wer sich vermißt,

der Frau Verschlagenheit je zu ermessen,

denn unergründlich ist der Frauen List,

ein Narr, wer diese Wahrheit will vergessen.

Doch eher lacht der Pessimist,

und eher läßt die Kreise sich der Weise stören,

als daß das Weib mit seiner List

es aufgibt, unsereinen zu betören.

12. März 1982

Donnerstag, September 13th, 2007

Herbert Hörz (bekannter Wissenschaftsphilosoph in der DDR), im Rundfunk, redet dvon, wie wichtig es ist, von der Idee zur Hypothese und von dort zum theoretisch und methodologisch begründeten Forschungsprogramm, das empirisch abgearbeitet wird, weiterzuschreiten. Merks wohl!

Dennis Brutus, „Poesiealbum“ Nr. 171:


Zu „Poesiealbum“ dieser Link: http://opablog.twoday.net/stories/2875404/

 

„Geduld ist eine passive Größe

verändert nichts, kämpft um nichts.

Kann keinen Zustand irgendwie verbessern

und ist einer hohen Achtung unwürdig

und so ist es mit meiner eigenen Ausdauer:

verdient, wenn nicht Verachtung, Ungehaltensein.

Doch irgendwie lungert sie, die unbeugsame Hoffnung,

also kann eine Art von Kampf Ausharren sein,

einen Wert bewahren, einen Glauben durchsetzen -

und hat ebendeshalb ein Art von Sinn.“

Statt „Schornstein“ sagt F. „Sonnschein“. Großes Bemalen von F.s Bauklötzern. Bei L. werden es venezianische Palazzi.