[…] Meine Straßenbahn-Ansage-Zählerei beende ich jetzt.
Eine „empirische Prüfung“, deren Sinn man heute kaum noch verstehen kann. Als immer mehr moderne Straßenbahnen der tschechischen Marke „Tatra“ eingesetzt wurden, die alle mit Sprechfunkanlage ausgerüstet waren, ärgerte ich mich darüber, wie nachlässig und willkürlich die Ansage der Haltestellen von den Fahrern gehandhabt wurde. Das Verhältnis von ausgerufenen zu nicht ausgerufenen Haltestellen war mir eine Art Maß für die sozialistische Arbeitsmoral.
Bei 78 Fahrten mit Tatrabahnen wurden 61 mal, knapp 80%, die Haltestellen nicht ausgerufen und 17 mal ausgerufen, reichlich 20%. Ein Verhältnis von 4:1.
Hebbel, der in der letzten Zeit zu kurz kam (S. 69, von 1837): „Der Mensch, vielleicht weil nun einmal nur das sinnlich Wahrnehmbare sich innig in das Gefühl seiner Existenz mischt, empfindet selten das Stetige und immer das Vorüberrauschende im Leben. Da klammert er sich denn … an den Augenblick und verlangt von diesem, der ihm doch eigentlich nur für das Höchste bürgt, er soll es ihm auszahlen; statt sich zu freuen, daß er wächst, schmerzt es ihn, noch nicht gewachsen zu sein, und allerdings hat er in diesem ewigen Vorschreiten nirgends Anhalt. Dies ist der Fluch alles Werdens, der die Menschheit, wie den Menschen, durch jedweden einzelnen Zustand verfolgt; es ist ein stetes Wiedergebären durch den Tod, und wem, der das im Tiefsten an sich selbst erfuhr, steigt nicht ein Ekel, selbst gegen das Herrliche und Werte auf, da er im voraus weiß, daß es früher oder später einem Herrlicheren, und so ins Unendliche fort, weichen muß.“
Diese hellsichtige Überlegung Hebbels steht in einem merkwürdigen Verhältnis des Kontrastes aber auch der teilweisen Deckungsgleichheit zu einer Passage in Platonows großem Roman „Tschewengur“ (Berlin 1990, Seite 48): „Wie lange Sachar Pawlowitsch auch lebte, er sah mit Verwunderung, daß er sich nicht änderte und nicht klüger wurde…. Einstige Vorahnungen waren jetzt zu alltäglichen Gedanken geworden, aber damit hatte sich nichts zum Besseren verändert. Früher hatte er sich sein künftiges Leben als einen tiefen blauen Raum vorgestellt - so weit, daß er fast nicht existierte. Er wußte im voraus: Je länger er lebte, um so kleiner würde der Raum des ungelebten Lebens werden, und zurückbleiben würde ein immer länger werdender toter zertrampelter Weg. Doch er hatte sich getäuscht: Das Leben wuchs und sammelte sich an, und die noch vor ihm liegende Zukunft wuchs ebenfalls und weitete sich, wurde tiefer und geheimnisvoller als in der Jugend, so als trete Sachar Pawlowitsch vom Ende seines Lebens zurück oder steigere seine Erwartungen und seinen Glauben an das Leben. Wenn er sein Gesicht im Glas des Lokscheinwerfers sah, sprach er zu sich: Merkwürdig, ich sterbe bald, bin aber immer noch derselbe.“
Beide Schriftsteller beschäftigt das Problem des einzelnen Menschenlebens im Unendlichen. Hebbel akzentuiert den „Fluch des Werdens“, der der Einzelheit anhaftet, während Platonows Held seine Einzelheit als unverändert und belanglos erlebt, seine Ahnungen vom Raum der Unendlichkeit aber mit immer tieferem geheimnisvollerem Leben sich anfüllen.
„Aber, was hilfts, sich selbst Sünder zu nennen, wenn man nicht zu sündigen aufhört…“ (70)
„Wir müssen nicht klagen, daß alles vergänglich ist. Das Vergänglichste, wenn es uns wahrhaft berührt, weckt in uns ein Unvergängliches.“ (72)
„… in dieser hohlen Zeit, wo man nur auf und durch Papier lebt…“ (73)
„… in diesen Zeiten, wo es niemand möglich ist, gut zu sein.“ (74)