Archive for Oktober, 2007

24. April 1982 - englischer Humor

Montag, Oktober 29th, 2007



[…]

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Der englische Karikaturist Pont in der von Herbert Sandberg im „Magazin“ betreuten Reihe „Der freche Zeichenstift“.

 

 

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Viel Besuch zu L.s Geburtstag, u.a. Vent, Bondzio, Schwarzbach, Fränze, Tannert, Bernd und Veronika Wagner, Fretwurst, Colberg. […] Tannert und Schwarzbach wollen philosophieren, z. B. über den Tod. Tannert ist von „Stalker“ beeindruckt, will mir Buch über Piaget geben und lädt mich zu entsprechender Diskussion ein.

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23. April 1982

Samstag, Oktober 27th, 2007



[…] gestern übrigens mit Marita zum Vortrag von Hilmar Frank in der Akademie der Künste; sehr interessant aber anstrengend, M. schläft ein.

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[…]

Eigentümlich, wie wir, Mar. und ich, uns nach anstrengendem Tag und langen, langen Gesprächen erschöpfen und dann nur zu einem freundlichen erotischen Spiel, nicht aber zu GV wirkliche Lust haben. Als ich ihr dies diesmal sagte - in Erwartung erneuten „Zorns“ - war ich nicht wenig erstaunt, sie sagen zu hören: „Da werde ich gleich froh.“ Sie genoß es, sich zärtlich an mich zu kuscheln, dies und das zu tun und zu sagen aber befreit von dem Druck, „beischlafen“ zu müssen. (Sie hätte es aber ertragen, um mich nicht zu enttäuschen.) So ist rührende Gehemmtheit mit sexueller Freiheit verquickt. Sie versteht etwas von der Welt der Zärtlichkeiten, wohl bis zur Raffinesse. Darauf bin ich wirklich gespannt - doch ohne es irgendwie eilig zu haben. Es stimmt, was ich schrieb: Wir kommen von weit her. Wir brauchen Zeit, wahrscheinlich mehrere Stunden für ein Spiel, das uns wirklich zu einem Glückserlebnis führt.

Viel Zwiespältiges in dieser Frau - doch viel, viel verborgene, versteckte Wärme und Wärmebedürftigkeit.

Der Streit mit ihrer Tochter, und wie sie ihn sogleich aus der Welt schaffte (ohne zu Zögern). („Wirklich ganz mein Herz gehängt, ganz hingegeben hab’ ich mich an meine Tochter.“)

Sie wollte wissen, ob ich sie „betrüge“ (!)

Während sie mit ihrer Tochter sprach, saß ich allein in der Küche und stellte mir F. vor, der aufjauchzt, wenn er mich sieht, und ich dachte an L. (Wir quälen uns beide aussichtslos, wenn wir glauben, diese Liebe wieder herbeizwingen zu können.)

 

22. April 1982 - mein unerotisches Ich

Samstag, Oktober 27th, 2007



[…] Tagebuch: Das Aufschreiben dient immer auch dazu, bestimmte Möglichkeiten zu objektivieren und dabei zuzuspitzen zum Extrem. Danach können sie wie fremde Tatsachen geprüft und eventuell auf ihr reales Maß zurückgeführt werden. (Sich was von der Seele schreibe, das ich vielleicht selbst nicht ganz ernst nehme.)

Marita lehnte eine gewisse Art des Küssens ab, die sie „Zutschen“ nannte, ebenso gewisse andere (unsinnliche) Spielereien. (Dabei erinnerte ich mich an meine damalige Negerin, die sagte, ich küsse sie - weil ohne Zunge - wie ihr Vater. Sie wurde richtig verlegen.) Mar. war so frei, mir zu sagen oder vorzumachen, was sie unter richtigem (sinnlichem) Küssen versteht. (Am Morgen, ausgeruhter, gelang mir dies auch selbstverständlich und ohne Anleitung.)

Dieser ganze Komplex von Empfindungen und Verhaltensweisen spielte auch zwischen L. und mir eine entscheidende Rolle. Es ist ein Nicht-wirklich-in-den-Partner-Hineingehen, ein Beisichbleiben, ein Unerregtsein bei mir, ein Woanderssein, das die Partnerin dann unbefriedigt läßt […]. Solches Verhalten von mir drückt wahrscheinlich bei Marita neben meiner Ermüdung vor allem Unsicherheit, anderweitige Belastung aus, bei L. aber vor allem meine Selbstzufriedenheit, Routine, eine Einstellung: Ich hab den Anderen ja sicher und bediene mich gelegentlich seiner zum Vergnügen (durchaus beidseitigem). Das ist die bei mir liegende Wurzel, die L.s Liebe abgekühlt hat. Die Frau will immer wieder, unter Einsatz von allem, was der Mann hat, erobert sein, d.h. von ihm mit allen Sinnen wahrgenommen und mit allen Sinnen angeeignet sein. Das ganze soll möglichst noch explosionsartig, wie im Rausch vor sich gehen.

Für solches Verhalten (als Dauerverhalten in einer Liebesbeziehung) bin ich zu kühl und zu schwach, zu rational. Jedoch war da auch überhebliche Selbsteinschätzung im Spiel, die Überzeugung, mich doch recht gut auf die Partnerinnen einzustellen und sie zu befriedigen. Die ernsthafte Kritik dieses Egoismus ist wohl sehr angebracht.

21. April 1982

Montag, Oktober 22nd, 2007



[…] Rückenschmerzen seit Wochen, hinderlich, aber solange G. (mein Chef, den ich vertrete) krank ist, traue ich mich nicht recht zum Arzt. […]

 

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Ein schwerer Tag mit sieben Stunden Lehrveranstaltung, die aber schließlich doch ganz ordentlich lief. […]

Das Seminar „Reproduktionstheorie“ gibt eine interessante Anregung: So wie zunehmend das ganze materielle Potential der Gesellschaft (das in Jahrzehnten angehäufte) effektiv eingesetzt werden muß, so kann man vom älter werdenden Menschen sagen, daß er immer mehr aus dem machen muß, was in ihm steckt (was er sich aneignete), daß er in geringerem Umfang (bzw. nur auf ausgewählten Strecken) neu aufnehmen muß und viel mit dem in ihm Gewordenen machen muß. (Seve spricht hier von wachsender organischer Zusammensetzung.) Konsequenz daraus: Verschiedene Lebensabschnitte haben ganz verschiedene Informationsbedürfnisse.

Versenke dich in dich selbst - Marc Aurel wird nicht müde, das zu fordern. Zwar lugt bei ihm auch viel ideologischer Vorsatz zwischen den Weisheiten hervor. Aber mit Gewinn zu lesen ist er allemal.

[…]

Evelyn sagte: Frauen wollen belogen werden. Marita sagte das faktisch auch. L. verhält sich auch so. Als wirklich durchgängige „Strategie“ vermag ich das nicht anzuwenden. (Deshalb werde ich immer wieder bei der Einsamkeit landen. So leben kann ich nur, wenn ich bereit, diese Einsamkeit anzunehmen.) […]

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19. April 1982 - neue Arbeitsstelle?

Sonntag, Oktober 21st, 2007


[…] Brief an Clemens

(Er antwortet mir am 30.4).

[…]

Gespräch bei den Kaderleuten des Ministeriums für Materialwirtschaft. Sie schlagen mir vor, im Kombinat „Sekundärrohstoffe“ den Direktor für Kader und Bildung zu machen. Obwohl das ein Wahnsinnssprung wäre, reizt mich doch diese Aufgabe und Funktion. (Von Franz Fischer höre ich freilich, daß er dieses Angebot ablehnte, das Gehalt sei 1800,-M (brutto) - d.i. natürlich undiskutabel.)

Zum Kombinat Sekunddärrohstoffe, kurz SERO, gibts einige Informationen bei Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/SERO

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18. April 1982 - eine Schande

Sonntag, Oktober 21st, 2007



6.00 Uhr, mal munter

8.10 Uhr, endgültig aufgewacht, langsam mache ich Marita munter. Wir spielen und finden kein Ende.

10.20 Uhr, Duschen, Frühstück

11.00 Uhr, Fahrt zur Jugendweihefeier von Clemens

11.15 Uhr, während der Fahrt entschließe ich mich, nicht hinzugehen (ich bin zu spät dran, bin unrasiert, unpassende Kleidung, keine Blumen), Bummel durch Karlshorst.

[…]

Clemens ist mein dritter Sohn. Wie hatte ich mich über seine überraschende Einladung zu seiner Jugendweihe gefreut. (Nach der Scheidung von meiner Ehefrau 1975 hatte sie alles getan (mit Erfolg), um mir die Kinder zu entfremden. Clemens, der Jüngste, hatte anfangs einige rührende Aktionen dagegen unternommen. Ich hatte es im Laufe der Zeit aufgegeben, die Kinder immer weiter in Konflikte zu stürzen und mich vollständig zurückgezogen.)

Die Einladung von Clemens so mißachtet zu haben, verzeihe ich mir nie.

Ein langer Abend mit Marita, in dem ihre Sprödigkeit anfangs groß ist, und dann ganz schwindet. […]

Sie erzählt viel, ich höre, höre und bin manche Strecke hingerissen. Was sie mit dem Sterben ihres Mannes durchmachte! Wie verständnisvoll sie über ihre Mutter (und wie sie geworden war) sprach. Wie sie ihre Kur-Liebe und ihr Ende erlebte, wie es mit dem Mann war, bei dem sie zum ersten Mal einen Orgasmus erlebte, wie ihre Arbeit ist, das Leid, das sie kennt, wie gehemmt sie ist (Liebkosungen in der Öffentlichkeit, vor ihrer Tochter), das Wichtige, das sie mir über mein Liebhaberverhalten sagt (die geringe bzw. nur gelegentliche Sinnlichkeit […]). Ich sage manches darüber, wie ich sie sehe, was zu treffen scheint.

Es fangen an, sich die Herzen aufzuschließen. […]

 

17. April 1982 - R.R.

Samstag, Oktober 20th, 2007



[…]

R.R. weckt den Jäger in mir. Was sich Mann und Frau antun und Gutes tun!

Mit ihr erwarte ich ein rundum gelungenes Abenteuer. Zunächst der Zufall, überhaupt ihre Wohnung zu finden. Sie ist kein bißchen verwundert oder gehemmt. Empfängt mich in ihrer warmen „wuschelweichen“ Wohnung bekleidet mit einem einfachen roten Pullover (mein erster Blick fällt gleich auf sich abzeichnende Brustspitzchen) und dunkelblauen Hosen. Sie bewegt sich frei, locker, mit weiten Bewegungen ihres Körpers. Macht uns gleich einen Tee. Hockt bequem und ungehemmt in ihrem Sessel, die Schenkel extrem gespreizt, wie bei einer Gymnastik. Elastizität in ihren Gliedern. (Wie würde sie mit einem kurzen Rock sitzen?) Doch ich bin nicht etwa sexuell aktiviert, und sie reizt das auch nicht aus. Es ist eher eine ästhetische Beziehung mit dem Hintersinn des Erotischen (mit dem wir beide spielen). Sie hat wirklich - als Oma! - eine hinreißende Figur. Gesicht (Stirn, Mund), Hals, Brüste, Leib, Taille, Hüften, Hintern, Schenkel, Schultern, Finger - nicht, was nicht von großer äußerlicher Schönheit wäre.

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Sie sucht etwas - bei dämmrigen Licht - im Stadtplan. Ich hocke mich neben sie, ohne sie zu berühren. Wir finden die Straße, deren Verlauf sie bestritten hatte, bald. Ich setze mich wieder auf meinen Platz. Sie wirft sich herum, hockt sich neben meinem Sitz (auf den Knien) auf den Fußboden, wo eine Leuchte steht und betrachtet verwundert den Plan. Ich hocke mich neben sie. (Zwischen Pullover und Hose wird ein Streifen Haut sichtbar.) Ich betone scherzend meine überlegene Stadtplankenntnis, fasse sie kurz um die Schulter, greife ihr in den Nacken und schüttele sie scherzhaft. Ich hätte Lust weiter zu gehen, und sie ist weich und ohne jeden Widerstand. Doch warum mit der Tür ins Haus fallen?

(„Dummkopf“! - Randnotiz im Januar 1984)

Bald kommt ihre Tochter mit Familie zu Besuch. (Auch sie ist groß, hübsch, mit kräftigen langen Schenkeln und schönen Brüsten, die ich im Gegenlicht unter dünner Bluse gut sehen kann.) Ich verabschiede mich dann bald (will ja zu Achim Merker). Sie sagt, ich solle doch mal anrufen, und dann treffen wir uns zum gemütlichen (ungestörten) Qatschen. So wird es sein. Was wird sie anhaben? Nichts extremes, aber etwas, das ihr erlaubt deutliche und sich verstärkende erotische Reize zu senden. (Aber welche Kleidung erlaubt das nicht?) Ich freue mich auf dieses Reden mit der hintersinnigen Spannung. Das werden wir genießen. Noch bevor ich sexuell erregt bin, werde ich ihren schönen Körper preisen (und das ganz ehrlich) und möchte sie nackt sehen. Ja, das möchte ich erleben - und mit R. ist das möglich - eine ganze Phase der Unterhaltung, in der sie nackt ist und ich bekleidet bin und wir diese Situation („Frühstück im Freien“) ganz ungezwungen ästhetisch genießen (um dann (wie?) auf den Liebesgenuß zuzutreiben).

Wie verschieden ich mich doch bei verschiedenen Frauen verhalte!

Franz Fühmann über das Brustband der Aphrodite („Hera und Zeus“): „Die Dichter nennen es buntgestickt aus den sieben Zaubern, die darin wirken: Schmachten, Schmeicheln, Tändeln, Kosen, Bitten, Sehnen und weinendes Flehen, doch wir wissen es anders, es war ein Streifen farbloses Leinen, und so wie die sieben Himmelsfarben sich im Weiß des Lichts verschmelzen, sammelten sich all diese Zauber in dem einen der Erkenntnisgewißheit, als das Wesen, das man ist, unwiderstehlich zu sein.“

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16. April 1982

Samstag, Oktober 20th, 2007



[…] Dienstreise nach Magedeburg

Die jugendlichste unter meinen gestern genannten Partnerinnen ist in Vielem Margot, die Älteste.

Auch jetzt im Abteil sitzt mir eine ganz sympathische Frau gegenüber, mit einer ansprechenden Figur. Sie ist auch freundlich und ließe sich ansprechen. Aber im Lächeln zeigt sie einen unglaublich festgefügten Zug im Gesicht. Was sie im Leben durchmachen hinterläßt bei den meisten eine Starrheit, die an Krampf erinnert; vielleicht sogar Leblosigkeit, Gestorbensein ist? Eher wohl Schutz und Schild, Burg und Müllhalde in einem.

Appetitliche Magdeburgerinnen. An manchen entgegenkommenden Frauen bewegt sich alles, nur die „Mitte ihres Leibes“, das Vötzchen, ist ein auffallender Fixpunkt.

[…]

 

15. April 1982 - meine Frauen

Freitag, Oktober 19th, 2007



[…] Wenn sich mein Geist auf’s Handeln richtet, ist die Ausbeute für dieses Buch gering. Nicht, daß dabei im Geist nichts vorsichgeht. Aber, was da vorsichgeht ist nicht so problematisch, daß es tief zergliedert und dadurch objektiviert werden müßte. Es objektiviert sich in der Tat, in dem „Strom namens Fakt“ [Majakowski].

Beim Nichtstun aber ist nur der Geist in Bewegung. Die Klärung dieser Bewegung produziert das Tagebuch. Ist diese Bewegung geklärt, im Subjekt objektiviert, kann die Tat folgen, also das Objekt subjektiviert werden. Die Tat kann nicht nur, sie sollte unbedingt folgen.

Die Psyche, die Logik des Mannes ist anders als die der Frau. […] Das kommt, weil auch das Verhalten des Mannes anders ist. Die Frau ist mehr passiv, abwartend, beobachtend. Der Mann aktiv, tätig, zuspitzend. Insofern ist es immer der Mann, der sich entblößt und die Frau, die im Geheimnisvollen bleibt. Wenn ich mich mal bewußt abwartend verhalte und die Frau „kommen lasse“, spüre ich sofort, wie sich auch die psychische Situation umkehrt. […]

Welche Frauenbeziehungen habe ich? Wie gehe ich praktisch (der ich voller Frauenhochachtung stecke von Jugend an) mit Frauen z. Z. um?

L. ist die Frau, die ich eigentlich als die Frau meines Lebens lieben möchte. Das ist nicht möglich. Den Prozeß, mich in diese Notwendigkeit zu fügen, habe ich zum größten Teil bewältigt (mit Schmerzen und Narben aber - so hoffe ich - ohne tiefere Schäden).

Helga ist die Frau, die (in vollkommener Weise) meine ganze angestaute Sexualität befriedigte. Sie ist das dienstbare Fleisch für meine Triebbefriedigung. Dabei empfinde ich Mitleid mit ihr. Schlimm, was ihrem guten Herzen zugemutet wird, doch dies Mitleid ist ohnmächtig, nicht tätig; leise klopft das Gewissen, doch was kann ich dafür, daß sie so gerne immer vom eigenen Lustbegehren überschwemmt wird.

Margot ist ein so guter Kamerad, daß mein Verhältnis zu ihr partiell in Liebe umschlägt. Sie hat manchmal eine Enge und Berechnung, auch Unbildung, von ihrem Alter abgesehen, daß eine große, tiefe Beziehung immer an wichtigen Gliedern amputiert wäre. Aber zu Vielem, was sie zeigt, zu ihrer Stärke und großen erstaunlichen Zartheit in der Beziehung zum Partner, wächst eine Zuneigung in mir, die mich selbst überrascht und die tatsächlich beglückend ist. Ich bin tatsächlich von ihrem Alter von 50 Jahren (und sie sieht in manchem eher älter aus) gehemmt.

Marita ist noch sehr unbekannt. Sicher keine Offenbarung. Aber voller Überraschung und zweifellos besonders geübt im Liebesspiel. Diese verhärtete, verquere, fast kranke Frau zum liebenden Weib zu machen (ohne daß ich mir vorstellen kann, sie wirklich tief zu lieben), das gäbe nicht nur Freude und Genuß, sondern auch Triumph.

Anneliese ist die begehrte Kurtisane. Wann wir verschmelzen, ergibt der Zufall. Es kann nicht geplant werden. Das wird raffinierter erotischer Genuß.

Eine Frauen- oder Mädchenbeziehung steht mir eventuell über W. W. bevor. Eine Beziehung des eigenen und fremden Zynismus; zumindest der Betäubung? Ein Abenteuer, das W. in L.s Bett bringt (bzw. schneller dahin bringt)? Oder einfach bedenkenloser Genuß der Jugend?

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11. April 1982 - Hebbel- Andrej Platonow

Freitag, Oktober 19th, 2007



[…] Meine Straßenbahn-Ansage-Zählerei beende ich jetzt.

Eine „empirische Prüfung“, deren Sinn man heute kaum noch verstehen kann. Als immer mehr moderne Straßenbahnen der tschechischen Marke „Tatra“ eingesetzt wurden, die alle mit Sprechfunkanlage ausgerüstet waren, ärgerte ich mich darüber, wie nachlässig und willkürlich die Ansage der Haltestellen von den Fahrern gehandhabt wurde. Das Verhältnis von ausgerufenen zu nicht ausgerufenen Haltestellen war mir eine Art Maß für die sozialistische Arbeitsmoral.

Bei 78 Fahrten mit Tatrabahnen wurden 61 mal, knapp 80%, die Haltestellen nicht ausgerufen und 17 mal ausgerufen, reichlich 20%. Ein Verhältnis von 4:1.

Hebbel, der in der letzten Zeit zu kurz kam (S. 69, von 1837): „Der Mensch, vielleicht weil nun einmal nur das sinnlich Wahrnehmbare sich innig in das Gefühl seiner Existenz mischt, empfindet selten das Stetige und immer das Vorüberrauschende im Leben. Da klammert er sich denn … an den Augenblick und verlangt von diesem, der ihm doch eigentlich nur für das Höchste bürgt, er soll es ihm auszahlen; statt sich zu freuen, daß er wächst, schmerzt es ihn, noch nicht gewachsen zu sein, und allerdings hat er in diesem ewigen Vorschreiten nirgends Anhalt. Dies ist der Fluch alles Werdens, der die Menschheit, wie den Menschen, durch jedweden einzelnen Zustand verfolgt; es ist ein stetes Wiedergebären durch den Tod, und wem, der das im Tiefsten an sich selbst erfuhr, steigt nicht ein Ekel, selbst gegen das Herrliche und Werte auf, da er im voraus weiß, daß es früher oder später einem Herrlicheren, und so ins Unendliche fort, weichen muß.“

Diese hellsichtige Überlegung Hebbels steht in einem merkwürdigen Verhältnis des Kontrastes aber auch der teilweisen Deckungsgleichheit zu einer Passage in Platonows großem Roman „Tschewengur“ (Berlin 1990, Seite 48): „Wie lange Sachar Pawlowitsch auch lebte, er sah mit Verwunderung, daß er sich nicht änderte und nicht klüger wurde…. Einstige Vorahnungen waren jetzt zu alltäglichen Gedanken geworden, aber damit hatte sich nichts zum Besseren verändert. Früher hatte er sich sein künftiges Leben als einen tiefen blauen Raum vorgestellt - so weit, daß er fast nicht existierte. Er wußte im voraus: Je länger er lebte, um so kleiner würde der Raum des ungelebten Lebens werden, und zurückbleiben würde ein immer länger werdender toter zertrampelter Weg. Doch er hatte sich getäuscht: Das Leben wuchs und sammelte sich an, und die noch vor ihm liegende Zukunft wuchs ebenfalls und weitete sich, wurde tiefer und geheimnisvoller als in der Jugend, so als trete Sachar Pawlowitsch vom Ende seines Lebens zurück oder steigere seine Erwartungen und seinen Glauben an das Leben. Wenn er sein Gesicht im Glas des Lokscheinwerfers sah, sprach er zu sich: Merkwürdig, ich sterbe bald, bin aber immer noch derselbe.“

Beide Schriftsteller beschäftigt das Problem des einzelnen Menschenlebens im Unendlichen. Hebbel akzentuiert den „Fluch des Werdens“, der der Einzelheit anhaftet, während Platonows Held seine Einzelheit als unverändert und belanglos erlebt, seine Ahnungen vom Raum der Unendlichkeit aber mit immer tieferem geheimnisvollerem Leben sich anfüllen.

„Aber, was hilfts, sich selbst Sünder zu nennen, wenn man nicht zu sündigen aufhört…“ (70)

„Wir müssen nicht klagen, daß alles vergänglich ist. Das Vergänglichste, wenn es uns wahrhaft berührt, weckt in uns ein Unvergängliches.“ (72)

„… in dieser hohlen Zeit, wo man nur auf und durch Papier lebt…“ (73)

„… in diesen Zeiten, wo es niemand möglich ist, gut zu sein.“ (74)