Archive for Oktober, 2007

31. März 1982 - psychische Kapazität

Dienstag, Oktober 9th, 2007


Rückenschmerzen

[…] Training: Das strikte Befolgen einer Kommunikationsregel (Reflektieren, Orientieren) hat dazu geführt, daß ich mich klüger verhielt, als ich es im Kopfe war. Das „zielabgewandte“ Reflektieren, also der indirekte Weg, erwies sich als der kürzeste Weg zum Ziel.

Die psychische Kapazität: Sowohl Kapazität der Reizaufnahme (-auswahl), als auch der Reizverarbeitung, als auch Äußerung des psychischen Geschehens. Bei der Reizaufnahme: Auswahl des mehr Bedeutenden, Weiteres wird mit abnehmender Bewußtheit oder gar nicht mehr aufgenommen.[…] Wobei wahrscheinlich Inhalt und Dynamik des an 1. Stelle Aufgenommenen mitentscheiden über das an 2., 3. usw. Stelle Aufgenommene. Bei der Reizverarbeitung: Konzentration (bis zur völligen Absorption aller psychischen Kräfte) auf Wesentliches und Blockierung des Verarbeitung (und Aufnahme) anderer Reize. Allenfalls reicht es noch dazu, einige Merkpunkte festzuhalten für spätere Verarbeitung. Eng verbunden damit ist eine Unlust, ein Unmut gar, sich zu äußern. Massive Reizaufnahme oder -verarbeitung läßt oft erstmal verstummen, eine Unfähigkeit, sich klar oder schnell oder abstrakt/rational zu orientieren. Die Einsicht, daß vor aller Reaktion aber auch vor neuer massiver Reizaufnahme die Ruhe zur inneren Verarbeitung, ich meine die Ruhe zum Ablaufen unbewußter Vorgänge, gesichert werden muß. Diese Ruhe wird oft gestört. Das wirkt oft negativ. Doch sind auch positive Störungen, Induktion positiver Wechselwirkungen, denkbar?

Fr. Bacon, „Essays“, Dieterich, 1967:

„Es ist nämlich eine untrügliche Regel, daß Liebe stets vergolten wird, sei es nun durch Erwiderung, sei es durch eine heimliche Verachtung.“ (S.39)

„Eheliche Liebe pflanzt das menschliche Geschlecht fort, freundschaftliche Liebe veredelt es, aber wollüstige Liebe vergiftet und erniedrigt es.“ (40)

„Es gibt nämlich Menschen, die an Unklarheiten ihr Gefallen haben und es als lästig empfinden, wenn sie sich auf eine Begriffserklärung festlegen sollen. Im Denken wie im Handeln geben sie dem freien Willen den Vorzug. (3)

 

30. März 1982 - Trainerlehrgang Verhaltenstraining

Montag, Oktober 8th, 2007


Ich fahre zu einem Lehrgang für die Ausbildung zum Verhaltenstrainer. Mit mehreren von Psychologen durchgeführten einwöchigen Verhaltenstrainings (zur Entwicklung von Kreativität, zur Bewältigung von Konfliktsituationen) hatten wir in unseren Lehrgängen beste Erfahrungen gemacht. Die hohen Honoraraufwendungen für die Trainer sprengten aber unseren Etat. Ich bemühte mich daher, auf der Grundlage meiner Schmalspur-Psychologie-Ausbildung während meines Studiums sowie meiner langjährigen Erfahrungen in der Erwachsenenbildung, selbst eine Trainerlizenz zu erwerben. Das war eigentlich unmöglich, weil nach den Festlegungen der Gesellschaft für Psychologie der DDR nur Diplom-Psychologen nach entsprechender Weiterbildung Verhaltenstrainer werden konnten. Es gelang mir eine halboffizielle Vereinbarung mit dem Leiter der Arbeitsgruppe „Verhaltenstraining“ bei der Gesellschsaft für Psychologie zu erwirken, mit der unter bestimmten Auflagen meine Ausbildung zum Verhaltenstrainer genehmigt wurde. Ein einwöchiger Lehrgang in Herlasgrün/Vogtland im Kreis von 9 Psychologen war der Beginn meiner Ausbildung zum Verhaltenstrainer.

0.00 Uhr Bahnfahrt, 2.45 Uhr Ankunft Leipzig, Mitropa, Essen, Kaffee, Protokoll, 3.55 Uhr DR nach Reichenbach. 5.00 Uhr, Pause, 7.10 Uhr im Schulungsheim Herlasgrün.

Rückenschmerzen[…]

Eigentümliches Gefühl, als ich morgens (mitternachts) auf Reisen gehe. Wieder diese Divergenz zwischen realem und psychischem Geschehen. Ich rede mir ein, daß ich geschlafen habe und mein Arbeitstag beginnt. Wie gleichmütig würde ich morgens früh durch die Straßen laufen. So aber fühle ich mich als einzelner Mensch in der Dunkelheit „vor mir stehen“ und Einsamkeit ist außerhalb des Kreises, den ich mir selbst erhelle. (Doch das ganze nicht dramatisch, eher kriechend.) Eigentlich wollte ich Mitternacht etwa in Herlasgrün ankommen, aber die leidenschaftliche Diskussion der Wahlversammlung der APO (Abteilungsparteiorganisation), in der ich mich auch festlegte, konnte ich nicht wie ein Bürokrat zur vorher festgelegten Stunde verlassen. H. Schulze, der überfordert ist, muß abgelöst werden. Warum quälen wir, warum quält er selbst diesen Menschen so?

 

29. März 1982 - Marita

Sonntag, Oktober 7th, 2007


[…] Die Stunden am Sonnabend und Sonntag mit Marita und ihrer Tochter waren im ganzen schön und hatten sehr schöne (und auch interessante) Augenblicke. Das Schlüsselereignis war wohl das grafologische Gutachten, das sie mir am Sonntagabend zu lesen gab.

Ein wertvoller Mensch, keine Intellektuelle, geistig regsam, Bildung des Herzens. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen? Wohlan! Das sind ihre Tochter und ihre Arbeit. Beide beeindrucken mich so, daß ich mich hüten muß, nicht ins Schwärmen zu geraten. (Dieser Satz würde sie auch froh machen.) Ihre Taten sind auch ihre Beziehungen zu Männern. Darüber sind viele Worte gesagt worden, aber das Wesen liegt tiefer. Emanzipierte Rigorosität erscheint, doch nichts ist zu begreifen ohne die vier Jahre Liebe zu ihrem Mann und seinen tragischen Tod. Sie ist robust (Jugendzeit mit zwei jüngeren Brüdern und einer quasi asozialen Mutter). Es könnte sein, daß die Übermacht der Konflikte schon damals nicht vollauf bewältigt werden konnte und sie die Methoden des Abschüttelns manchmal zu gut gelernt hat. Verdenken könnte ich es ihr nicht, aber es wäre eine Grenze, und es müßte sich erst erweisen, wie starr oder nicht starr sie ist.

Sie erinnert mich ein wenig an Margot (das Zartgefühl unter einem Panzer) und im äußeren Verhalten an Bärbel Hunold (etwas Ungestümes, Heftiges in der Bewegung, die sich jedoch immer als sehr gut koordiniert erweist). Ich freue mich auf das nächste Wiedersehen und auf viele Wiedersehen. Es wird eine Liebesgeschichte geben. Wie wir zusammen schlafen werden, ist noch nicht vorstellbar. Nicht der Sex führt uns zusammen. Wir werden wohl „von weither“ kommen. Anzunehmen ist, ich schreib das jetzt mal, daß sie „gut im Bett“ ist. Ich schrieb es, um mal vor Augen zu haben, wie grobschlächtig, ja zynisch, die Alltagsredeweise ist, vielleicht auch ein Alltagsverhalten, gemessen an dem, was Liebe bedeutet. […] Jetzt ist erstmal Protokollpause, und ich träume ein wenig von ihr, freilich will ich mir keine Traumfrau erschaffen (schon wieder).

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28. Oktober 1981 - ein Brief

Sonntag, Oktober 7th, 2007


 

# Nachzutragen ist der folgende Text, eine Briefkopie, die in den ersten Band des Tagebuchs lose eingelegt war. Ich kann mich an die näheren Umstände des Schreibens und „Absendens“ dieses Briefes nicht erinnern. Aber Inhalt und Diktion verweisen darauf, daß ich ihn offensichtlich in eigener Sache an meinen Führungsoffizier geschrieben habe. Den Regeln der Konspiration folgend, habe ich keine Dokumente meiner Zusammenarbeit mit dem MfS kopiert oder aufgehoben, hier also eine Ausnahme. Sich um eine Auslandsarbeit zu bemühen, war ein direkter Ausfluß meiner Beziehungskrise mit L. Praktische Folgen hatte dieser Brief nicht. #

Ich bin entschlossen, mein derzeitiges Arbeitsverhältnis etwa Mitte 1982 zu beenden.

Dieser Entschluß resultiert nicht aus irgendwelchen akuten Widersprüchen oder Konflikten. Meine Arbeit, die ich seit ca. 15 Jahren mache, ist im Grunde genommen interessant, verlangt Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit, ermöglicht Weiterbildung, wird angemessen bezahlt. Meine Beziehungen im Kollektiv sind nicht schlecht. Meine Perspektive als Leiter dieser Einrichtung ist zwar nicht festgelegt, erscheint aber als real.

Der Grund, diese Arbeit zu beenden liegt darin, daß sie mich schon seit längerer Zeit nicht mehr ernsthaft fordert. Die Aussicht, bis zur Rente dieselbe Arbeit zu machen (wenn auch in der gut bezahlten Position des Leiters), ist eine Schreckensvorstellung. Ich fühle noch genügend Kraft in mir, andere, neue Aufgaben zu lösen und habe auch die Absicht, diese Kraft (die sicher in zehn Jahren so nicht mehr vorhanden ist) jetzt anzuwenden.

In der Vergangenheit hatte ich die Perspektivvorstellungen, nach meiner Promotion 1874 einige Jahre als staatlicher Leiter in der Industrie zu arbeiten und dann eine Wissenschaftlerlaufbahn auf dem Gebiet der sozialistischen Wirtschaftsführung einzuschlagen. Trotz wiederholter Bemühungen konnte ich diese Vorstellungen nicht realisieren. (Über die Gründe bin ich mir nicht völlig klar. Sicher fehlte es an Unterstützung oder Förderung von anderer Seite, wahrscheinlich aber auch bei mir an Ehrgeiz.)

Bei meiner Zielvorstellung jetzt steht die Wissenschaftlerlaufbahn nicht mehr im Vordergrund (in Anbetracht meines Alters von 41 Jahren und noch ohne Promotion B).

Ich suche keine langjährig abgesicherte Perspektive, sondern eine Aufgabe, die mich jetzt fesselt und fordert. (Es ist selbstverständlich, daß das nur eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe sein kann.) Dabei möchte ich wieder stärker auf mein eigentliches Ausbildungsprofil zurückgreifen, das in den Bereichen liegt: Marxismus-Leninismus, Soziologie, Psychologie/Menschenführung, eventuell auch Persönlichkeits- oder Kulturtheorie.

Ich bin z. Z. dabei die Einsatzmöglichkeiten an der Hochschule für Ökonomie, Sektion Marxismus-Leninismus, Prof Dr. Hoell, zu erkunden. Dabei habe ich aber die erklärte Absicht, nach einer angemessenen Übergangs- bzw. Vorbereitungszeit an der Hochschule (ca. 1 Jahr) für mehrere Jahre in’s Ausland delegiert zu werden…

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28. März 1982 - Band 2 des Tagebuchs beginnt

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


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27. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


[…]

In diesen Stürmen: L. hält sich an die Kunst. Ich halte mich an Politik>Philosophie>Weisheit.

So ist jeder von uns schließlich standfest.

Aber daß Kunst und „Weisheit“ in uns sich nicht wirklich verbinden konnten!

[…]

Verantwortung für den Andern!

Das Individuum ist der Drehzapfen aller Kunst. Das verantwortungslose Individuum ist bestialisch.

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26. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


[…]

L. Mit der Mühe, die ich mir gebe, kann ich begreifen, daß dieser Abschnitt zu Ende gegangen ist. Warum er notwendig zu Ende gehen mußte, das kann ich noch nicht begreifen.

Hab’ ich in einer Phantasie, selbst erschaffen, gelebt?

Das Schicksal hat gesprochen - und ich danke für alles.

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25. März 1982

Donnerstag, Oktober 4th, 2007


Rückenchmerzen, Schnupfen […]

Exkursionsabsprache mit Detlef Röder. Sie steigern ihren NSW-Export von 70 TM auf 500-700 TM mit Ziel bis 1985 auf 17 Mio M. Das wird dann nicht mehr mit viel „Kleinvieh“ gehen - neue strategische Fragestellung.

Ich war immer auf der Suche nach Betrieben aus unserem Industriebereich, dem Schwermaschinen- und Anlagenbau, in denen die gestellten Planaufgaben beispielhaft erfüllt wurden. Dabei nutzte ich natürlich meine Verbindungen zu früheren Teilnehmern unserer Lehrgänge, hier Detlef Röder, der, so weit ich mich erinnere, im Magdeburger Armaturenwerk arbeitete.

Ich hole im Centrum-Warenhaus meinen gestern gekauften Anzug ab. Ich gebe der Verkäuferin 4,-M Kaffeegeld. Warum? Tendenz, in bestimmten Situationen das Geld zu verschleudern, oder will ich Freundlichkeit kaufen? […]

Heut morgen kreuzt eine appetitliche junge Frau meinen Weg, eine Puppe im Arm, deren Haar sie glättet. Ich schiele hin, etwas länger. In dem Moment sagt die Frau lachend:“Nee, nee, ich spiel nicht mehr mit Puppen.“ Ich: „Schöne Puppe mit schöner Puppe!“ Sie: „Danke!“ Lockerer wäre gewesen: „Welches ist denn nun die schönere Puppe?“ Noch besser aber dann hätte ich blitzartig reagieren müssen, wäre gewesen:“ Aber ich… ich weiß nur noch nicht, welche die schönere Puppe ist.“ Das fiel mir 20 sec später ein. […]

Mit Anne kann ich gut schwatzen bzw. sie mit mir. Wir redeten über Mode. Sie weist auf die Zwänge der Frauen hin. „Wenn die Menschen doch ein bißchen mehr Farbe trügen.“ Verschiedene Bücher und Maler. Von Canetti ist sie nicht berauscht. Ich erzähle von Aitmatow, Quevedo, Mayerl. Sie schreibt an einem Buch über ihre Hausbewohner, ich erwähne mein Tagebuch. Sie erzählt: Wichertstraße abends, ein Mann tritt auf sie zu, bitte um Feuer, „greift mir an Brust und Möse“.

Peter Röske zufällig getroffen. Er ist auch interessiert an W. Mayerl und daran, daß ich mit ihnen korrespondiere. Er würde eventuell auch ein Bild kaufen (und dazu könnten wir im Sommer mal mit dem Auto runterfahren).

Peter Röske liebte Malerei und Grafik. 1990 eröffnete er seine eigene Galerie. Er ist früh gestorben.

Ertappe mich dabei, daß ich bei solch unverhofften Begegnungen registriere:“Au, fein, weiterer Kommunikationspartner, der im Buch festgehalten wird und meinen Reichtum an menschlichen Beziehungen demonstriert.“ Es bleibt dabei: Ich kann mich verändern, entwickeln, so viel ich will, ich bleibe doch immer mit mir selbst identisch (das Krämerhafte, Geizkragenhafte, Pedantische - das mit bewußt wird).

Aus einer Art Übermut, raschen Laune zur Physiotherapeutin gegangen. Sie (bedauernd):“Wir haben aber jetzt keine Sprechzeit.“ Ich :“Ich wollte eigentlich auch gar nichts von Ihnen - oder doch von Ihnen - wollte sie eigentlich nur mal wieder anschauen.“ Einige Sätze hin und her. Sie ist verlegen und nicht unerfreut. Morgen hat sie Sauna-Dienst. Ein netter, warmherziger Mensch (einfach, gefühlvoll und bald langweilig?) Warum streb ich so was Sinnloses an? Wieso sinnlos? Ich bin einfach neugierig und ein bißchen mutwillig.

 

24. März 1982 - Geschichtslogik; Freßlust

Mittwoch, Oktober 3rd, 2007


eklig Schnupfen und Rückenschmerzen, die Augen brennen

[…] Einkäufe: ein ordentlicher Cordanzug 312,-M, eine lange Hose 178,-M;

[…] Wichtiges aus „Sinn und Form“ 1/82. W. Girnus schrieb einen Artikel von zwingender Logik, der auch mich betrifft: „Auf Leben und Tod“, S. 184ff.

Seine logische Kette:

* Die Entwicklung zur wachsenden Gewalttätigkeit wird sich unter dem Diktat des militärisch-industriellen Komplexes bis zum Jahr 2000 erheblich beschleunigen.

* Die tiefgreifenden sozialen, geistigen, kulturellen Gegenbewegungen zu den konventionellen Lebensformen und -normen der kapitalistischen Endgesellschaft werden immer breiter und heftiger. (Wir müssen das ernst nehmen.)

* Dagegen laufende Verstärkung der bürgerlichen Staatsmacht. Ökonomisch heißt das weitere gigantische Kapitalkonzentration im internationalen Maßstab (Japan!)

* Die führenden Generale der NATO maßen sich immer mehr Entscheidungsgewalt an.

* Die Gefahr einer neuen faschistischen Welle, einer Art Eurofaschismus wird immer deutlicher. Diese Strömungen (Girnus gibt Beispiele.) stützen sich auf die Gedankenwelt Fr. Nietzsches.

Faschistischer Unrat aus den USA wird massenhaft in BRD importiert.

* Wir müssen die Gefahr einer Explosion dieses kapitalistischen Kessels bannen und sorgen, daß es zur Implosion kommt.

* Die Spannungen werden wachsen. Entspannungspolitik heißt nicht, daß keine Spannungen auftreten, sondern heißt verhindern, daß deren Entladung in eine nukleare Katastrophe mündet.

* Wir haben keine Zeit der Euphorie und Ekstasen vor uns. Wir brauchen Charaktere, Unbeugsame, Pioniere der Geschichte, die sich nicht scheuen, neue Wege durch das Dickicht unserer Epoche zu schlagen. „Künstler, denen dieser Typ nichts zu sagen hat, werden wenig zu sagen wissen.“

* Was Kunst kann. „Auferstehung“ im KZ.

Dieser Artikel und ein zweiter von O.Neumann „Wer wertet Becher um und warum?“ (S.193ff) brachten mir Einsichten. Neumann setzt sich mit G. Kunert auseinander (Bechers „Grashüpfer“). Becher und Brecht hatten nach Kunert zu viel Vernunftglaube, zu viel positive Utopie, zu viel Umfeld von außen (also zu wenig Beschränkung auf das „Infeld“?) Wechsel auf die Zukunft, die stets platzen.

Kunerts antiautoritäre Attitüde > vom Mythos autarker Kunst zu den „Kämpfen im Zirkusrund“ als Weltverständnis endlich zum Mythos des Züchtens der nordischen Rasse fürs „Zeitalter der Weltkriege“? Becher werde attackiert, weil er in „Kunstautonomie“ und „Innerlichkeit“ die Unfähigkeit zum Widerstand für das Humane und die Anfälligkeit für das Barbarische erkannt und bekämpft hat. (Auch hier weitere Beispiele, die belegen, daß es sich hier um eine Stoßrichtung, nicht um Einzelmeinungen handelt.)

Beide Artikel veranlassen mich zu einem Kommentar aus heutiger Sicht.

Welche Einsichten und Anstöße daraus also für mich?

* Achtung, wenn du deine geliebte Individualität hätschelst! (Die eigene Individualität sozial „produktiv“ machen. (Werner im damaligen Gespräch war das Wort „produktiv“ ein Graus.))

* Nietzsche besser kennen!

* „reine Kunst“ und Barbarei sind Geschwister

[…]

* Manche Leute, die mit dem Sozialismus gebrochen haben, aus Feindseligkeit, lassen sich dann nur von Feindlichkeit leiten > bis zum Faschismus.


Cezanne ist ein einzigartiger Realist der sinnlich-natürlichen Welt, sozusagen ein Feuerbachianer. Der sozialen Realität, so weit sie von der natürlichen geschieden ist, steht er verständnislos gegenüber (genau wie Gauguin, auch van Gogh); in dieser Hinsicht ist Sterl stärker, von Leuten wie Rembrandt oder Goya zu schweigen.

[…] Die harte, aggressive und genormte (also fast militärische) Art, in der Erotik in der Mode erscheint heutzutage. Z. B. die Preßhosen, z. B. einst die Minikleidung.

[…] Mit Anne noch über Freßsucht geredet. (In „Wochenpost“ 12/82 war ein Artikelchen „Stierhunger“ in den USA, der eigentlich der Auslöser für meine Beschäftigung hier mit diesem Thema ist.)

Was ich gestern Abend aß: Beim Einäugigen (Kneipe um die Ecke): 4 Scheiben Böhmerschinken und Mayonaisesalat. Damit war ich eigentlich satt. Zu Hause angekommen (Es war kalt, unfreundlich, ich angetrunken, verschnupft, geruch- und geschmacklos.) schlug ich in mich hinein (alles in Hast): 1 Bratpfanne voll Nudeln + reichlich Tomatensoße mit etwas Fleisch darin, dazu einen nicht kleinen Kanten Brot, eine herumliegende halbe Scheibe Leberwurstbrot, ein Portion Eis, zwei dicke Scheiben Malfa-Brot mit Speck, eine Scheibe Malfa-Brot mit dick Butter, vorher noch ein herumliegendes Stück Streuselkuchen. Es war ein genußfreier, reiner Füllvorgang. Wenige Minuten später ging ich zu Bett. Schlief bald ein, aber dann schlecht.

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23. März 1982 - DDR-Kunstmarkt

Dienstag, Oktober 2nd, 2007


[…]

Rückenschmerzen, Erkältung […]

Wenn ich schon langsam ein bißchen Ordnung in mein Psychokostüm bringe, dann sollte ich bald mal nach Freßlust und Übergewicht fragen. […]

DR nach Leipzig. Ich lese im „Sonntag“ 9/82, lohnt sich einfach nicht dieses Blatt; „Neues Leben“, „Sinn und Form“ 1/82.

DDR-Zeitschriften: „Sonntag“ war Blatt des Kulturbundes. Ich hoffte immer wieder mal auf Interessantes aber es blieb ein angepaßtes Blättel; ist übrigens der Ostvorläufer des „Freitag“. „Neues Leben“ war ein monatlich erscheinendes Jugendmagazin in ziemlich schlechtem Druck (besonders der Bilder) aber gelegentlich ganz erfrischend, gelegentlich mit Aktfotos. Die rennomierte „Sinn und Form“, herausgegeben von der Akademie der Künste und nur von „Insidern“ gelesen, brachte ziemlich oft Lesenswertes. Als „lesenswert“ bezeichne ich hier pauschal Beiträge, die nicht sklavisch den geforderten Denkschablonen folgten.

In Leipzig: Nichts geht mehr in Kopf und Körper, wenn man 4 Stunden Museum und Pflaster getrabt ist. (Meine Augen brennen mir sowieso.) In der „Galerie am Sachsenplatz“ eine Ausstellung, die wegen der Vielzahl der ausstellenden Künstler anregend ist. Einige Namen (und Preise) habe ich mir notiert: Zuvorderst ein „Stilleben“ und „Drei Frauen am Strand“ von Jüchser, zwei wunderbare Bilder, je 7 1/2 TM. Weiter in bunter Folge: großes Frauenporträt von Uhlig, 3,5 TM (nicht schlecht). Kleines Stilleben von H.-P. Hund 850,-M. Ein Boys-Kopf von Peuker, 3100,-M! (muß der Boys für manche Leute wichtig sein! Ja, Boys ist eine Kristallisationsfigur für persönliche Originalität, Sensibilität, soziale Indifferenz.) Carl Marx mit seinen bunte erotischen Puppen, 2,8 TM; ein Proletariermädchen von Lachnit, 1925 für 7,-TM. J. Böttcher, „Stilleben mit Oboe“, sehr kultiviert, geradezu antik, zu chinesischem oder Meißner Porzellan, zu böhmischem Glas usw. wunderbar passend, 2,7 TextMaker; zwei A. Wigands, kostbare kleine Bilder (besonders „Ladenstraße“), ins Abstrakte gelenkt ein (nicht so bezeichnetes) „Industriestilleben“ von Nehmer für 4 TM; etwas langweilig ästhetisch gemalt, aber allein die hier zum ersten Mal bewußt wahrgenommene Möglichkeit solches Stillebens (nein, gabs auch schon bei Mayerl - „Bergmannsstilleben“) nimmt mich sehr ein, interessantes Porträt von Sabine Curio 1TM. Wüßte keine Berliner Galerie, die auf kleinem Raum so viel Sehenswertes bietet.

 

Im „Museum der bildenden Künste“ habe ich Glück und kriege noch die Impressionisten-Sonderausstellung zu Gesicht, die eigentlich bis 21.3. ging.

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Darauf freute ich mich besonders wegen R. Sterl aber es ist nicht sehr viel von ihm zu sehen. Neben den „Steinbrucharbeitern“ und Studien dazu eine Lasttrrägerstudie, offensichtlich aus Rußland 1912 und das Bild des Oberbürgermeisters 1913, sowie zwei kleine hessische Bilder, 1902. Sterl versteht es, das sozialpsychologische Umfeld oder Miteinander seiner Figuren mitzumalen. Diese Bilder fesseln mich umso mehr, je länger ich sie anschaue. Eben wegen dieser Einheit von konkreter inhaltlicher Aussage und künstlerisch-formaler Meisterschaft halte ich ihn für einen der Größten, auf den unsere Malerei aufbauen kann. Die früheren Bilder tendieren dagegen zur Idylle. Sterl gegenüber ist Corinth natürlich ein urwüchsiger, vitaler Meister aber völliger Individualist. Jede Figur, z. B. seiner „Kreuzabnahme“, tritt individuell mit dem Betrachter in Beziehung, stellt sich individuelle dar. Es ist wie ein Theaterstück.

Immer wieder behauptet sich auch Gotthard Kuehl in diesem Kreis. Liebermann ist mir allzu satt, statisch, langweilig; vielleicht bin ich nur zu ungeduldig, seine Qualität gerecht aufzunehmen. Lesser Ury mit einigen kleinen Radierungen vertreten, die ihn zum Ahnherrn der Berliner Belanglosigkeiten machen könnten.

Wieder an Max Klinger vorbei gelaufen, möchte wissen, was L. daran einst fasziniert hat.

(An Klinger bin ich eigentlich erst bei meiner Fahrradtour im Sommer 2007 nicht nur vorbei gelaufen.)

Und dann viel Arno Rink. Das ist nicht mein Fall. Das „Lied vom Oktober“ von 1969 ist ein wahres Schreckenslied. Schrecknisse des menschlichen Lebens werden dargestellt, werden ausgemalt und als ebenso verführerisch wie unvermeidlich suggeriert (nicht unbedingt absichtlich), keine Wärme, kein Glaube, so auch die Nackten. Die Menschen sind armselig, äußerlich auf diesen Bildern.

Mit nüchternem Interesse blicke ich auf die properen, in straffe Hosen gepreßten Leipzigerinnen, die flink blicken. Es reizt mich nicht. (Ich bin zu angeschlagen, mich reizen zu lassen.) Von Reichenbach her saß mir eine ganz nette Frau gegenüber. Ich war am Gespräch nicht interessiert, wollte lesen, dann aber doch etwas Unterhaltung. Viel zu oft ziehe ich das Buch dem lebendigen Austausch mit einem lebendigen Menschen vor.

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Ein Bild aus der Wochenzeitung “horizont”, das mir irgendwie gefallen hat.