Archive for November, 2007

06. Mai 1982 - Pornografie

Freitag, November 9th, 2007



[…]
Ich spüre wieder das Gefühl der Erschöpfung. Möchte gerne im Protokollbuch schreiben, doch fehlt mir oft die Kraft. In dieser Situation neigen ich dazu, mich an Bildern zur ergötzen und sie hier einzukleben. Agieren auf der Bildebene als Ersatz für geistiges Durchdringen!

Wenn ich (hinsichtlich meines Aktinteresses) mit aller Konsequenz das realisierte, was mir Vergnügen macht (und ich will es tun), was kommt dann heraus? Was ist Pornografie?
“Entlarve” ich mich dann selbst als partiell asozial? Gibt es eine Abstufung von Handlungen -
a, die öffentlich sein können,
b, die in vertrauten Kreisen sein können,
c, die nur in absoluter Intimität sein dürfen?
(Gibt es etwas, was nur gedacht wird, aber nicht einmal gedacht werden darf?)
Das Gran Asozialität in jedem menschlichen (weil biologischen) Individuum!
Diese Fragestellungen haben für mich besondere Brisanz, weil ich sie alle mit dem Gefühl eines Kaderdirektors in spe schreibe.

[…]
Selbstbefriedigung vorm Einschlafen aus einer Art Unlust heraus, einer Art Mutwillen, weil ich weder Reri, wie erwartet, noch Marita ohne weiteres (willenlos) in meinen “Harem” eingliedern kann. Geht es mir darum, mich völlig willkürlich der Frauen, immer neuer Frauen, zu meinem Genuß bedienen zu können?

Voller Vergnügen lese ich in der “Griechischen Anthologie”, auch jetzt, womit ich das Protokollieren abbreche.

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05. Mai 1982 - Individualismus

Donnerstag, November 8th, 2007



[…] b820505-1.jpgReri, die Zahnschmerzen hat, ist eher abweisend in der Stimme, erneuert ihre Einladung nicht. Ich dränge mich nicht auf. Entweder haben wir beide Lust, einander zu ficken oder nicht. Große Bittgänge kann sie nicht erwarten.

In „Sinn und Form“ 2/82 Gedichtetes von J. Rennert, aus einer Station des Griesinger- Krankenhauses. - Im Grunde hatte Karin Ohde bei mir „verschissen“ als sie sagte, daß sie aus dem Griesinger-Krankenhaus, wo sie Soziologin war, als Verkäuferin zum Kunsthandel wollte.

(Hegrü: „Als Leiterin muß ich mich ganz anders geben, als ich bin.“ - Sachlichkeit, Stärke dieser heutigen Frauen, worunter sie leiden.)

Ohde, Merker, Waalkes, Max, Tannert, Manne, Libuda, L. (aber nicht Konrad Wolf) - mehr oder weniger suchen sie alle die Freiräume in den Poren dieser Gesellschaft, das Glashaus für ihre ihnen so liebe Individualität. Nein und nein, das ist nicht mein Weg. - Letztlich aus dieser Überzeugung entscheide ich mich für den Kaderdirektor!

(Deshalb entscheide ich mich auch für Goethe, zu dessen Würdigung Germs in „Sinn und Form“ Wichtiges sagt. Goethescher Sensualismus - Klarheit darüber kann vielleicht mein Drängen vor vulgären Abirrungen bewahren?)

Wenn meine Neu- und Lebensgier sich selbst genügt, heißt das, daß sie auch frei von Güte und Weisheit ist.

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04. Mai 1982 - Casanova-Maxime

Donnerstag, November 8th, 2007


# Ich fahre zu M. L. nach Grünau. M. L. ist eine frühere Kollegin, jetzt Kaderdirektorin eines Kombinats. Ich will mich mit ihr zu meinen eigenen Kaderdirektoren-Plänen beraten. #

[…]

In Adlershof sehe ich (weil sie sich mir in Positur stellt und zwar nachdrücklich) eine sehr junge Frau von seltenem Reiz, sehr mager, dünne Beine, roter, schön geschwungener, großer Mund und große braungrüne Augen, dichtes dunkles Haar, mit rotkariertem Hemd und schwarzem weiten Mantel, gut angezogen. Eine Frau zwischen Keuschheit und Leidenschaftlichkeit. Ich fahre wegen ihr bis Königs Wusterhausen, wo ich sie anspreche und sie mich abweist. Bei M. L. verspäte ich mich so um 40 Minuten.

Ich handelte nach Casanovas Devise: Ohne irgendwelche Rücksichtnahmen Zugreifen, wo ich eine Chance nutzen will! Nicht wählerisch sein! Nicht gerade „verhindert“ sein. (Als begehrender Mann handeln.)

 

03. Mai 1982 - Parteilehrjahr

Donnerstag, November 8th, 2007



[…] Eine neue Arbeitswoche beginnt. Schon der Montag hat es in sich.

# Wegen der andauernden Erkrankung meines Chefs bin ich weiterhin verantwortlich für alles: Arbeitsberatung, Kadergespräche, (mit heutiger Bezeichnung „Personalgespräche“), Vorbereitung der nächsten Lehrveranstaltung, eines einwöchigen Krerativitätstrainings, Vorbereitung der Propagandistenanleitung. (Als studierter Philosoph hatte ich die Aufgabe, die Propagandisten (ehrenamtlichen Lehrkräfte) des in den SED-Parteigruppen stattfindenden Parteilehrjahrs anzuleiten.) Jeder Genosse war verpflichtet, an diesem einmal im Monat stattfindenden zweistündigen Seminar teilzunehmen. Dieses Schulungssystem war straff organisiert. Die Themen waren vorgegeben, Es gab gedruckte Anleitungsmaterialien sowie eine monatliche mündliche Anleitung. Über die Durchführung war an die Parteileitung zu berichten. Trotzdem gab es für die Durchführung dieser Seminare einen Spielraum, der von langweilig-schematisch bis problemorientiert-streitbar reichte und von den Propagandisten unterschiedlich ausgeschöpft wurde. Insgesamt möchte ich aber einschätzen, daß das Parteilehrjahr vordergründig der ideologischen Ausrichtung aller SED-Genossen diente. Viel zu kurz kam die schöpferische theoretische Diskussion von Entwicklungsproblemen des Sozialismus in der DDR oder übernational. #

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Mit Helga gestern war wieder ein erstaunlicher Höhepunkt, Wenn ich komme, wir berühren uns kaum, sind wir sofort begierig aufeinander und kosen sofort ungehemmt (was nicht heißt, das der Akt abrupt erfolgt). So oft wir bisher zusammen waren (kanpp 10x), glich kein Beisammensein bisher dem anderen. Es gab keinerlei Routine, immer war es eine neue Form und immer sofort absolutes Zusammenpassen, enormer Höhepunkt.

Eine Ruhestellung danach habe ich mir gemerkt. Das möchte ich eventuell bei der „jg. Frau,22“ # Vergl Eintrag vom 30.4.82 # fotografieren.x Den Brief schickte ich gestern mit leichter Bangigkeit ab. Die Woche steht im Zeichen des Abenteuers Reri.

Damit aber genug. Der Arbeit zugewandt!

xBeim Blättern finde ich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Stellung des Aktes vom 9.4.82, doch schwebt mir der Körper liegend vor und etwas gestreckter (jedoch auch das eine Bein aufgerichtet) und der Blick etwas mehr von vorn unten (doch wird das letzten Endes von der Ästhetik des tatsächlich gegebenen Körpers bestimmt).

 

02. Mai 1982

Mittwoch, November 7th, 2007



[…]

Am Montag treff ich mich mit Stefan. # mein ältester Sohn # Darauf freue ich mich.

Wenn F. zu Bett gebracht wird, bittet er in einem unnachahmlichen Tonfall:“Ein kleines Liedchen singen?“ Bei L. hingegen sagt er: „Mama müde, auch Schlafen.“

Bei uns ist nicht mehr Geld die Bindung der Geschlechter, doch auch nicht Liebe; die Hoffnung, gemeinsam der Angst zu widerstehen?

Die Musik, die aus der Schuldisko herüberschallt: Drückt sie aus: Aufruhr? Inferno (Krieg)? Verzweiflung (Irresein)?

 

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# Aus der Zeitschrift “Fotografie” #

01. Mai 1982 – zurückgezogen am Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse

Montag, November 5th, 2007



7.00 L. bringt F.

7.30 aufstehen, Kopfschmerz

8.00 Frühstück, Heizen, Tomaten am Fenster pflegen

9.30 Straßenbahn mit F. zur Maikundgebung

10.30 Maispalier, sehe im Vorübergehen […]

# Ich sah in der Maidemonstration etliche Kollegen. Ich, weil mit Kleinkind, stand offensichtlich nur Spalier und reihte mich nicht in die Demo ein. #

11.20 mit Straßenbahn nach Hause

12.00 Mittag (L. hat Wildspinat gekocht.)

13.00 Mittagsschlaf, nachdem ich anfangs 2 „Eulen“ ausschlachtete. (Das ganze Ergebnis war eine „poetische Kostbarkeit“.)

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Sexuelle Traumszene mit einem jungen, mir unbekannten Mädchen, die fast bis zum Samenerguß führte.

15.30 aufstehen, fühle mich gut (Mein Kopfschmerz scheint überwunden.)

16.00 mache Quarkspitzen, L. und F. sind weggefahren (das schlechte Wetter (und meine Passivität) halten uns vom Garten zurück).

17.15 Tagebuch schreiben, dazu gehört auch Briefschulden erledigen (an Christiane und Bruns)

19.15 F. ins Bett gebracht, Abendessen

20.00 Fernsehen (Westen)

20.30 Abwasch

20.45 Tagebuch, dabei viele Aktphotos gesichtet,

23.00 Schlafen (zuvor 1x Selbstbefriedigung).

Meine Wandlungen: (?)

- braver, oft gehemmter, vielseitig reger Junge (empfindlich)

- starkes geistiges Wachstum in der Jugend (in der „Stille“, ohne Praxis) stark ausgeprägtes Moral-/Idealdenken, Kunstinteresse (14-18 Jahre)

- Sprung zur Praxis und konsequentes Umsetzen der Moral (Abiturrede, Ehe), (18- ca.25), Kunstinteresse

- quälendes Sexualverhalten mit der Zerrüttung der Ehe, langdauernd; bewußtes, intensives Familienleben, Kindererziehung, Durchlöchern der früheren Ehe- und Sexualmoral, konsequente politische Moral (ca. 25-359, Kunstinteresse

- Lösung der Eheproblematik, Scheidung, kurze Phase der Bindungslosigkeit, nicht reif zum Alleinsein (35-36) unreif zur Freiheit (?)

- neue Bindung, Kunst (in der ich immer meine Probleme reflektierte) eröffnet neue Lebens bereiche und -formen, die mein politisches Bewußtsein stark beeinflussen (in Richtung Individualismus, ohne daß es aber dazu kommt). Meine politische Bewußtheit wird kontinuierlich immer realitätsverbundener, „verschmolzener“ (dies schon seit der Jugend und besonders der ZF-Zeit. # Arbeitsstelle # Es ist gleichsam ein strategischer, kontinuierlicher Prozeß.) Liebes- und sexuelle Befriedigung, Zeit höchsten Glückes (36-38J.)

- Störungen der Lebensbindung, bis zur förmlichen Beendigung des Liebesverhältnisses (Überführung in eine Freundschafts- sowie eine Vater/Sohn-Beziehung), realistischere Betrachtung der Kunstwelt (Moment der Enttäuschung zu hoher Erwartungen) (38-42). Demontage vieler Liebes- und Moralvorstellungen aus der Jugendzeit. Faust/Mephisto wird für mich zur Identifikationsfigur. Reif zum Alleinsein? ungebrochene politische Moral. Im Ergebnis dieser letzten Phase vielleicht die Rückkehr zu angespannter disziplinierter politischer Arbeit mit der typischen (halben) Selbstaufgabe (als Direktor Kader und Bildung?), Kunstbeziehung bleibt.

Stetig (stabil) für die ganze Zeit: - Bindung zur Politik - Bindung zur Kunst - Ich will immer „das Gute“

Die größte Bewegung bei: - Bindung zur Frau (Entromantisierung der Frau) - eigene Anlehnungsbedürftigkeit/Selbständigkeit

Meine Wandlungen sind ganz spontan aufgeschrieben. Das Aufgeschriebene erscheint mir viel unklarer, als das, was ich empfinde.

Ich genieße die Ruhe, das Sichzurückziehen an diesem Tag. Gleich hab’ ich auch wieder Interesse mich zu beschäftigen, mit Literatur (Hebbel), mit mir, mit Protokoll, mit neuen Abenteuerprojekten. Der Handelnde hat kein Gewissen, heißt es - weil er keine Besinnung hat. Ohne die Spannung zur Besinnung, Interpretation, Moral, Über-Ich, Spiegelung usw. wird das Handeln selbst langweilig. (Es wird nicht nur falsch, es wird auch reizlos.)

[…]

Wenn ich in diesem Buch auf Arbeit # also während meiner Arbeitszeit # was notiere und mir dabei die Aktbilder entgegenleuchten, habe ich ein fröhliches Gefühl; es ist wie ein Schnippchenschlagen, und seltbstverständlich setzt sich nackte Haut gegen Papierstaub und -klugheit durch.

# Brief an Christiane W., mit der gemeinsam ich den Verhaltentrainerlehrgang in Herlasgrün besucht hatte, vergl. Eintrag vom 30. März 1982 sowie folgenden Brief #

„Liebe Christiane! 1.5.82

Wundere Dich nicht, daß ich schon wieder schreibe. Kürzlich habe ich eine Lehrerin kennengelernt und ihr von unserem Verhaltenstraining erzählt, auch davon, daß es sogar ein spezielles Programm für Lehrer gibt. Ihr Interesse war sehr groß, zugleich aber auch ihre Skepsis, daß so etwas bei ihr (Ichtershausen bei Arnstadt) durchgeführt werden könnte. Da fiel mir ein, daß Du Chancen gesehen hast, bei Euch so etwas zu machen. Wie weit ist es damit? Falls Ihr so ein Training machen solltet und die Teilnahme eines Gastes möglich wäre, würdest Du dann meiner Bekannten schreiben? Sie heißt Helga Bruns und wohnt 5101 Molsdorf, Gothaer Str. 4 (kommt eigentlich aus Magdeburg; ihr Mann ist Direktor des Schloßmuseums Molsdorf). Ich informiere sie von diesem Brief an Dich.

So weit - schließlich soll man Lehrerinnen helfen.

Bei mir gibt es z. Z. viel zu tun. Auch habe ich wieder mit einem Kreativitätstraining angefangen und konnte dabei Heidi als Gast begrüßen.

Machs gut und sei herzlich gegrüßt

von Peter.“

# Brief an Jörg-Heiko Bruns und Frau,

vergl. Einträge vom 8. und 10. April 1982 sowie vorstehenden Brief #

„Liebe Brunsfamilie! 1.5.82

An Euch alle herzliche Grüße, nur zufällig am 1. Mai. Die Stunden in Molsdorf für mich liegen nun schon eine ganze Zeit zurück, und doch sind ‘ne Menge Eindrücke davon noch nicht verblaßt (trotz Vielem, was hier auf mich einstürmt). Farben, Bilder, Atmosphäre sind noch lebendig, und das ist angenehm. Schlimm sind Reisen, nach denen man hinterher suchen muß: Was hab ich denn eigentlich erlebt? Meiner Freundin L. habe ich auch Einiges erzählt. Sie erwartet im Juli Besuch von einer Bekannten (Ungarin, die in Rumänien wohnt und mit einem Deutschen verheiratet ist). Da wird es eine Rundreise zu den Kulturdenkmälern der DDR geben, in die sie eventuell auch Schloß Molsdorf einbeziehen wollen. Natürlich würde sie sich deshalb noch genauer melden.

An meine Bekannte Christiane habe ich wegen des Lehrer-Kommunikationstrainings geschrieben und Helgas Adresse mitgeteilt. Sie heißt übrigens Christiane W. und wohnt […]. Antwort habe ich noch nicht (ist auch schlecht möglich, weil der Brief erst vor einer Viertelstunde fertig wurde). Vielleicht bringst Du, Helga, Dich mit einer Karte in Erinnerung, falls eine Reaktion ausbleibt. Demnächst nehme ich auch wieder Kontakt zu den Leipziger Psychologen auf und kann Dir dann vielleicht mitteilen, ob dort etwas zu machen ist. Dein Ärger mit der Schule ist hoffentlich nicht gewachsen.

Nachrichten über Restaurations- und Rekonstruktionserfolge in Molsdorf sind, sicher zufällig, nicht nach Berlin gedrungen, desgleichen noch nicht die erwarteten Informationen über die „Galerie Mo“ und die Drucke der „Molsdorfer Schloßpresse“.

# Ironische Anspielungen auf während meines Besuches gemeinsam gesponnene Wunschträume, was in Molsdorf alles gemacht werden könnte. #

Aber das hat auch sein Gutes. Meine Zeit hat noch nicht einmal gereicht bis jetzt, die hier eröffnete Hans Purrmann-Ausstellung zu sehen, die sehr gelobt wird.

F. und Garten machen uns viel Freude, besonders beide zusammen. Wo er (der F.) hintritt, strebt er zum Höchsten. So latschte er z. B. über die Spargelbeete, mit dem Erfolg, daß wir heute Spargelköpfe fressen können, wie Erich Honecker. Gottlob hat er jetzt sein Spielfeld mehr auf das Kartoffelbeet verlagert, und deren Keime trauen sich doch noch nicht raus. Am Fenster unserer ungeheizten Kammer frösteln 16 Tomatenpflänzchen vor sich hin. Der Mai wird die Wende bringen.

Für heute genug. Mit herzlichen Grüßen, auch von L

P.K.“

Wie könnte ein Brief auf die Annonce (Eintrag von gestern) aussehen?

Werte junge Frau!

Auf ihre kleine Annonce antworte ich gern. Da Sie die Zahl 22 angeben, möchte ich auch gleich mit einer Zahl beginnen - die Sie hoffentlich nicht erschreckt: 42. Für Aktfotografie habe ich mich, wie wohl jeder Mensch, schon immer interessiert. Doch erst in letzter Zeit genieße ich nicht nur Aktbilder, sondern frage mich auch immer mehr, was sie eigentlich so wichtig macht, in welcher Beziehung sie zu Erotik, Sex, zur Kunst u.a. stehen. Zugleich ist bei mir auch der Wunsch entstanden, selbst Akt zu fotografieren, was ich bisher, obwohl ich seit vielen Jahren Fotoamateur bin, nur selten versucht habe. Sind Sie die aufgeschlossene Partnerin für Briefe, Gespräche, Fotostudien zu diesem reizvollen Thema? Über eine bejahende Antwort würde sich freuen

Dr. K.

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Schön und gut - diese Belobigungen der Sinnlichkeit und des Fleisches. Doch auch in den „Spasmen“ gebe ich meinen Kopf nicht ab. Gerade die sinnliche Liebe, die keinen Wunsch mehr offen läßt, verschleißt am schnellsten. Das Unbefriedigende ist hier gerade, daß kein Rest bleibt, der noch stachelt (mein Hegrü-Erlebnis). Deshalb ist gerade dieses Erlebnis für einigermaßen Kontinuität völlig ungeeignet. Der Drehzapfen allein tuts nicht. An ihm will das ganze Leben aufgehängt sein.

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30. April 1982 – Jugendweihe

Sonntag, November 4th, 2007



[…]

# (Brief zur Jugendweihe an Chris, die Tochter meines Freundes Kurt.) #

„Liebe Chris! 29.4.82

Jugendweihe, das bedeutet für mich, für Einen, der nicht sehr eng mit Jugendlichen zusammenlebt, zunächst eine pompöse Demonstration, einen großen äußerlichen Aufwand an Geschenken, an Veranstaltungen usw. Von daher empfinde ich eine gewisse Distanz. Doch sicher ist das nicht richtig.

In Wirklichkeit symbolisiert die Jugendweihe doch etwas Ungeheures. Irgendwann in diesen Jahren geht Ihr den Schritt vom Kind zur Frau und vom Kind zum Staatsbürger. Was da passiert – ich sag es Dir im Vertrauen und entschuldige, wenn es etwas unverständlich klingt – ist schwer begreifbar. Das beschäftigt einen mitunter jahrelang, ja ich glaube, es ist kein Schaden, wenn man darauf nie eine ganz endgültige Antwort findet. Doch ich will Dich nicht mit dunklen Sätzen verwirren.

Sicher bist Du sehr erfüllt von dem Gefühl, in neue Räume einzutreten und von der Lust des Vorgefühls, Dich in solchen Räumen frei zu bewegen. Dazu möchte ich Dich von ganzem Herzen beglückwünschen, das tue ich umso freudiger, weil Du mir sympathisch bist und ich viel Kraft, etwas Kerniges, in Dir verspüre…

Damit ist eigentlich alles gesagt, außer vielleicht dem Nachsatz, dass Kraft und Realismus und Feingefühl nötig gebraucht werden.

Dein Peter (Das früher übliche „Onkel“ darf ich mir wohl sparen.)“

 

# (Antwortbrief von Clemens, meinem dritten Sohn, auf meinen Brief zu seiner Jugendweihe) #

„Lieber Peter!

Natürlich erst einmal recht herzlichen Dank für deinen Brief und für alle deine Wünsche, die mich und meine Gesundheit usw. betreffen. Das Geld habe ich jetzt erst einmal aufs Konto gebracht. Da liegt es für mich am besten, den großartige Wünsche habe ich gegenwärtig nicht.

So habe ich auch nicht solche Riesengeschenke (Kassettenrecorder, Schallplattenspieler) bekommen, sondern „nur“ Bücher, Unterwäsche, eine Schulmappe, eine Schallplatte, Brieftaschen und nicht zuletzt Blumen, Glückwunschkarten, Geld. Bei den Büchern handelt es sich um ein Buch über „Berliner Kulturstätten“, dort werden viele Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Hochschulen, Bibliotheken, Kulturhäuser und noch viel mehr vorgestellt, was sie beherbergen usw. Das Buch ist nicht schlecht, aber ich finde, es ließe sich noch besser gestalten. Zum Beispiel mit mehr Daten. Aber das ist auch Ansichtssache.

Dann noch „Wenn einer eine Reise tut…“ – ein Kulturgeschichte des Reisens. Ich habe noch gar keine Gelegenheit gehabt, es mir einmal genau anzusehen, aber das kommt noch.

Und das dritte Buch „Weißer Bim Schwarzohr“ ist vielleicht mehr durch seinen Namen bekannt, denn es lief ja auch als Film in den Kinos. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Doch vielleicht bekomme ich, wenn ich das Buch gelesen habe, Lust, den Film zu sehen.

Was mich gefreut hat, dass wir schönes Wetter bei der Jugendweihe hatten. Bei der Feierstunde lief auch alles glatt ab. Natürlich waren auch alle Verwandten und Bekannten da. Um auf deinen Vorschlag zu kommen. Am 3. Mai bin ich verhindert, denn da habe ich gerade Klassenfahrt. Aber Stefan würde für mich als Vertretung hingehen. Wenn Du willst kannst Du hingehen, wenn nicht, geht er wieder.

So, dann will ich mal schließen.

Alles Gute.

Clemens“

Wie mich die beiden letzten Sätze erfreuen und überraschen!

Als ich heute zu Marita ging, ohne rechte Lust, dachte ich, da Beste wäre, wenn sie nicht da wäre. Und prompt: Sie war nicht da. Ich empfand ein bisschen müder Ärgerlichkeit und viel Erleichterung. Das Interessante, Anstrengende dieser Beziehung haben wir reichlich ausgekostet. Wirkliche Stimmigkeit darüber hinaus ist nicht zu erreichen. Als menschliches Erlebnis hat es sich gelohnt, nun aber diese Beziehung nicht totreiten!

Habe Lust auf eine neue Beziehung, wo von vornherein im Bett alles stimmt (so wie bei Hegrü, die anrief und dich ich bald mal besuchen und beschlafen möchte, dieses einfache, üppige, fleischige Weib, das alles richtig macht und der ich alles richtig mache). Doch Hegrü – d. i. auch schon solide und langweilig. Es wird Zeit, mal was Neues aufzureißen. (Seit zwei, drei Tagen hat mich eine zunehmende Geilheit erfasst.) Doch um mir nicht eine absolute Wirrnis zu organisieren, werd ich mich wohl drei, vier Tage gedulden, um dann zu probieren, was sich mit Reri anstellen lässt. (Eine enorme und dabei skrupellose Lust scheint mir da ziemlich sicher. Das Schöne daran – Es wird sich wohl überhaupt nichts Verpflichtendes daraus ergeben. Eine reine Beziehung gelegentlicher, halb verbotener, besonders süßer Lust, ein Moment des Perversen.)

Darüber hinaus habe ich Lust, auf eine Annonce der BZ vom Freitag, 30.4. zu antworten: „Jg. Frau, 22, wünscht Kontakt durch Briefwechsel, Int.:Aktfotografie u.a. BZ 0236 Dewag, 1054 Berlin“

Das häufigste Wort dieser Seite ist zweifellos „Lust“.

Eine mögliche Partnerin könnte auch die Frau sein, die ich früher oft beim Mittagessen traf, „die Russin“.

Gesichter aus Indien.

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Meist wird nur von dem Hunger der Kinder gesprochen.

 

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Handbewegung und Gesichtsausdruck dieser Frau beanspruchen zu viel Aufmerksamkeit (und sind dann wieder nicht wichtig genug.)

Erst wenn ich den Kopf abdecke, kann ich den Reiz dieses noch jugendlichen Körpers genießen, der mir nun auch reizvoll verhüllt erscheint.

 

29. April 1982 - französische Fotografien

Samstag, November 3rd, 2007



[…]

# Seminare, Krankenbesuch bei meinem Chef, Seminare #

[…] Die Art des Tagebuchschreibens hat sich merklich verändert. Es ist nicht mehr so sehr gründliche Selbstanalyse, vielmehr wird notiert, was so abfällt. (Doch stehe ich sowohl durch die Arbeit, als auch durch das Marita-Erlebnis unter Zeitdruck.)

# (In der Zeitschrift „Fotografie“ Bericht über eine Ausstellung historischer französischer Fotografien.) #

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28. April 1982 – Kunst

Samstag, November 3rd, 2007



[…]

Film „Stalker“ im Kino Babylon (der mich stark beeindruckt)

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# Die Eintrittskarte zu diesem Filmerlebnis. Ist sie nicht typisch DDR? Klein, mies billig, schmuddelig und doch der Zugang zu einem großen Inhalt und einem großen Erlebnis. „Stalker“ habe ich in der Folgezeit, ganz gegen meine Gewohnheit, noch drei-, viermal gesehen. #

[…] Leute, mit denen man monatelang, jahrelang umgeht und mit denen man nie ein ganz offenes Wort wechselt, z. B. Hartmut Lobeck, Peter Schwarzbach, Tannert u.v.a.

Meinen vor einiger Zeit L. gemachten Vorschlag, längere Studienaufenthalte zu machen, lehnt sie ab, da sie den F. nicht solange entbehren könne.

Sie vermutet, dass ich sie am liebsten nach Leuna schicken würde und sagt darauf: „Da wäre ich völlig fehl am Platze. Ich kenne meine Grenzen genau und habe nicht den Ehrgeiz, sie unbedingt zu überschreiten.“

# Ein Hinweis auf lebhafte Diskussionen zur bildenden Kunst, die wir in dieser Zeit hatten und die auch für Spannungen zwischen L. und mir sorgten.

Ich bemängelte eine verbreitete Innerlichkeit, mangelnde historische Konkretheit vieler Berliner Künstler, ihre Beschäftigung mit „gesellschaftlich unbedeutenden Gegenständen“. Meinen Standpunkt brachte ich auch in einem Leserbrief über die Berliner Kunstausstellung zum Ausdruck, der aber nicht veröffentlicht wurde.

Eine interessante Frage aus heutiger Sicht ist, inwieweit ich eng oder dirigistisch an Kunst heranging und sie instrumentalisieren wollte. Daß das zumindest nicht vordergründig der Fall war, beweist meine Hochschätzung u.a. von Sterl, Quevedo, Hans Vent; auch Lothar Böhme, Dieter Goltzsche, Wolfgang Leber.

Andererseits hatte ich damals die Größe Cezannes noch keineswegs begriffen. #

 

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Dies Bild hat mich lange ziemlich gelangweilt. Weder die Figur noch die Art der Photografie hat sich meinem derben Sinn erschlossen. Mehr aus Prinzip – weil ich kein Aktphoto aus diesem Buch ausklammern will, wenn ich es erreichen kann – hab’ ich es hier aufgenommen. Heute empfinde ich einen starken erotischen Reiz.

[…]

 

27. April 1982 – depressiv?

Samstag, November 3rd, 2007



[…]

Der Fluß der Zeit ist ein ständiges Sterben. Als ich Margot in Schnee und Sonne traf, der Augenblick, als sie mir zum ersten Mal das Gesicht zuwandte, er ist schon gestorben – obwohl wir beide noch leben, Freude aneinander haben, Ähnliches reproduzieren könnten – der Augenblick selbst, er ist so tot, wie nur irgend etwas tot sein kann.

Wer wird einst im Alter für mich da sein? (Wenn nur das meine Hoffnung noch sein kann?) – Keiner. (Ich bin jetzt für Keinen, nur für mich da, und so wird es dann in der Spätzeit auch sein.)

Augenblicke einsamer Wehmut, in denen einen nur die Vitalkraft, kein Inhalt, hält. Wenn diese Kraft einst versiegt ist, wird der Absturz zur realen Gefahr.

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Eine typische Fassbinder-Haltung

Marita sagt, wenn sie anfängt über Kunst zu sprechen (in ihrer provozierenden Art), dann „machst Du einen Buckel, wie eine Katze“.

Ich sagte, wir sollten mal ein Wochenende wegfahren […]. Nach Zögern sagt sie: „Das wäre wohl ein großes Geschenk für dich.“ Heilige Einfalt! Oder besser: Einfältige Berechnung! Auf diese Weise den eigenen Preis heraufzuschrauben! Eine Frau, wie jede andere, die auf den Mann wartet, der sie glücklich macht und dem sie sich dann als Kostbarkeit übergibt. Das ist eine Art des Verkaufs. […]

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Ja, was soll ich mit Marita anfangen? Es gibt nur wenige Bereiche, in denen wir konkret gemeinsam agieren können. Sie bloß hinsichtlich ihrer sexuellen Techniken auszubeuten, käme mir recht schäbig vor. […] Wenn sie als Mensch jetzt für mich an Interesse verliert und nun das Interesse für den sexuellen Genuß stärker in den Vordergrund rückte, so könnte das bei ihr erscheinen, als ob nun zwischen uns alles besser ins Lot käme. Wie sich also Wesen und Erscheinung widersprechen würden!

 

Menschliche Beziehungen streben immer zu Gleichgewichtszuständen, Zustände, in denen ein Maximum an Sicherheit und Befriedigung mit einem Minimum an Aufwand erreicht wird. Doch jeder solche Zustand produziert Wünsche, die über ihn hinausweisen. (Nie bin ich zufrieden.) Ein Minimum an Kraft ist zur Aufrechterhaltung jeder (auch der harmonischsten) sozialen Beziehung notwendig. Wenn ich mich (z. B. durch Schlafmangel, Überarbeitung) jeder Kraft beraube, produziere ich mein eigenes Unglück.

Marita zieht Bacon Marc Aurel entschieden vor. „Der war wenigstens böse.“ Mir scheint, auch meine sexuelle Lust ist am größten, wenn sie irgendwie mit einer Niedertracht verbunden ist. Das müsste ich genauer beobachten! (Eigentlich hab’ ich auch mal wieder Lust auf Hegrü.) Oder auch mal auf eine Neue.

Mit F. zusammen zu sein ist schön, aber ich bin oft nicht mit meinen Gedanken bei ihm. Mehr aus diesem Verhältnis machen! (Nicht immer Sachen, Ziele im Kopf haben! Spielen!) Jeden Abend singe ich ihm ein neues Lied. Das fordert er. Heute forderte er: „Ein großes Lied“. Er beruhigt sich schnell und schläft zufrieden ein. Gut ist sein Verhältnis zu mir. Ich freue mich auf Zeiten, da ich ihn ganz allein habe (aber nicht aus Besitzgier). […]

Seit Wochen (vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben) habe ich nicht onaniert und auch kein Bedürfnis danach. Doch heute bin ich lüstern. […]