7.00 L. bringt F.
7.30 aufstehen, Kopfschmerz
8.00 Frühstück, Heizen, Tomaten am Fenster pflegen
9.30 Straßenbahn mit F. zur Maikundgebung
10.30 Maispalier, sehe im Vorübergehen […]
# Ich sah in der Maidemonstration etliche Kollegen. Ich, weil mit Kleinkind, stand offensichtlich nur Spalier und reihte mich nicht in die Demo ein. #
11.20 mit Straßenbahn nach Hause
12.00 Mittag (L. hat Wildspinat gekocht.)
13.00 Mittagsschlaf, nachdem ich anfangs 2 „Eulen“ ausschlachtete. (Das ganze Ergebnis war eine „poetische Kostbarkeit“.)

Sexuelle Traumszene mit einem jungen, mir unbekannten Mädchen, die fast bis zum Samenerguß führte.
15.30 aufstehen, fühle mich gut (Mein Kopfschmerz scheint überwunden.)
16.00 mache Quarkspitzen, L. und F. sind weggefahren (das schlechte Wetter (und meine Passivität) halten uns vom Garten zurück).
17.15 Tagebuch schreiben, dazu gehört auch Briefschulden erledigen (an Christiane und Bruns)
19.15 F. ins Bett gebracht, Abendessen
20.00 Fernsehen (Westen)
20.30 Abwasch
20.45 Tagebuch, dabei viele Aktphotos gesichtet,
23.00 Schlafen (zuvor 1x Selbstbefriedigung).
Meine Wandlungen: (?)
- braver, oft gehemmter, vielseitig reger Junge (empfindlich)
- starkes geistiges Wachstum in der Jugend (in der „Stille“, ohne Praxis) stark ausgeprägtes Moral-/Idealdenken, Kunstinteresse (14-18 Jahre)
- Sprung zur Praxis und konsequentes Umsetzen der Moral (Abiturrede, Ehe), (18- ca.25), Kunstinteresse
- quälendes Sexualverhalten mit der Zerrüttung der Ehe, langdauernd; bewußtes, intensives Familienleben, Kindererziehung, Durchlöchern der früheren Ehe- und Sexualmoral, konsequente politische Moral (ca. 25-359, Kunstinteresse
- Lösung der Eheproblematik, Scheidung, kurze Phase der Bindungslosigkeit, nicht reif zum Alleinsein (35-36) unreif zur Freiheit (?)
- neue Bindung, Kunst (in der ich immer meine Probleme reflektierte) eröffnet neue Lebens bereiche und -formen, die mein politisches Bewußtsein stark beeinflussen (in Richtung Individualismus, ohne daß es aber dazu kommt). Meine politische Bewußtheit wird kontinuierlich immer realitätsverbundener, „verschmolzener“ (dies schon seit der Jugend und besonders der ZF-Zeit. # Arbeitsstelle # Es ist gleichsam ein strategischer, kontinuierlicher Prozeß.) Liebes- und sexuelle Befriedigung, Zeit höchsten Glückes (36-38J.)
- Störungen der Lebensbindung, bis zur förmlichen Beendigung des Liebesverhältnisses (Überführung in eine Freundschafts- sowie eine Vater/Sohn-Beziehung), realistischere Betrachtung der Kunstwelt (Moment der Enttäuschung zu hoher Erwartungen) (38-42). Demontage vieler Liebes- und Moralvorstellungen aus der Jugendzeit. Faust/Mephisto wird für mich zur Identifikationsfigur. Reif zum Alleinsein? ungebrochene politische Moral. Im Ergebnis dieser letzten Phase vielleicht die Rückkehr zu angespannter disziplinierter politischer Arbeit mit der typischen (halben) Selbstaufgabe (als Direktor Kader und Bildung?), Kunstbeziehung bleibt.
Stetig (stabil) für die ganze Zeit: - Bindung zur Politik - Bindung zur Kunst - Ich will immer „das Gute“
Die größte Bewegung bei: - Bindung zur Frau (Entromantisierung der Frau) - eigene Anlehnungsbedürftigkeit/Selbständigkeit
Meine Wandlungen sind ganz spontan aufgeschrieben. Das Aufgeschriebene erscheint mir viel unklarer, als das, was ich empfinde.
Ich genieße die Ruhe, das Sichzurückziehen an diesem Tag. Gleich hab’ ich auch wieder Interesse mich zu beschäftigen, mit Literatur (Hebbel), mit mir, mit Protokoll, mit neuen Abenteuerprojekten. Der Handelnde hat kein Gewissen, heißt es - weil er keine Besinnung hat. Ohne die Spannung zur Besinnung, Interpretation, Moral, Über-Ich, Spiegelung usw. wird das Handeln selbst langweilig. (Es wird nicht nur falsch, es wird auch reizlos.)
[…]
Wenn ich in diesem Buch auf Arbeit # also während meiner Arbeitszeit # was notiere und mir dabei die Aktbilder entgegenleuchten, habe ich ein fröhliches Gefühl; es ist wie ein Schnippchenschlagen, und seltbstverständlich setzt sich nackte Haut gegen Papierstaub und -klugheit durch.
# Brief an Christiane W., mit der gemeinsam ich den Verhaltentrainerlehrgang in Herlasgrün besucht hatte, vergl. Eintrag vom 30. März 1982 sowie folgenden Brief #
„Liebe Christiane! 1.5.82
Wundere Dich nicht, daß ich schon wieder schreibe. Kürzlich habe ich eine Lehrerin kennengelernt und ihr von unserem Verhaltenstraining erzählt, auch davon, daß es sogar ein spezielles Programm für Lehrer gibt. Ihr Interesse war sehr groß, zugleich aber auch ihre Skepsis, daß so etwas bei ihr (Ichtershausen bei Arnstadt) durchgeführt werden könnte. Da fiel mir ein, daß Du Chancen gesehen hast, bei Euch so etwas zu machen. Wie weit ist es damit? Falls Ihr so ein Training machen solltet und die Teilnahme eines Gastes möglich wäre, würdest Du dann meiner Bekannten schreiben? Sie heißt Helga Bruns und wohnt 5101 Molsdorf, Gothaer Str. 4 (kommt eigentlich aus Magdeburg; ihr Mann ist Direktor des Schloßmuseums Molsdorf). Ich informiere sie von diesem Brief an Dich.
So weit - schließlich soll man Lehrerinnen helfen.
Bei mir gibt es z. Z. viel zu tun. Auch habe ich wieder mit einem Kreativitätstraining angefangen und konnte dabei Heidi als Gast begrüßen.
Machs gut und sei herzlich gegrüßt
von Peter.“
# Brief an Jörg-Heiko Bruns und Frau,
vergl. Einträge vom 8. und 10. April 1982 sowie vorstehenden Brief #
„Liebe Brunsfamilie! 1.5.82
An Euch alle herzliche Grüße, nur zufällig am 1. Mai. Die Stunden in Molsdorf für mich liegen nun schon eine ganze Zeit zurück, und doch sind ‘ne Menge Eindrücke davon noch nicht verblaßt (trotz Vielem, was hier auf mich einstürmt). Farben, Bilder, Atmosphäre sind noch lebendig, und das ist angenehm. Schlimm sind Reisen, nach denen man hinterher suchen muß: Was hab ich denn eigentlich erlebt? Meiner Freundin L. habe ich auch Einiges erzählt. Sie erwartet im Juli Besuch von einer Bekannten (Ungarin, die in Rumänien wohnt und mit einem Deutschen verheiratet ist). Da wird es eine Rundreise zu den Kulturdenkmälern der DDR geben, in die sie eventuell auch Schloß Molsdorf einbeziehen wollen. Natürlich würde sie sich deshalb noch genauer melden.
An meine Bekannte Christiane habe ich wegen des Lehrer-Kommunikationstrainings geschrieben und Helgas Adresse mitgeteilt. Sie heißt übrigens Christiane W. und wohnt […]. Antwort habe ich noch nicht (ist auch schlecht möglich, weil der Brief erst vor einer Viertelstunde fertig wurde). Vielleicht bringst Du, Helga, Dich mit einer Karte in Erinnerung, falls eine Reaktion ausbleibt. Demnächst nehme ich auch wieder Kontakt zu den Leipziger Psychologen auf und kann Dir dann vielleicht mitteilen, ob dort etwas zu machen ist. Dein Ärger mit der Schule ist hoffentlich nicht gewachsen.
Nachrichten über Restaurations- und Rekonstruktionserfolge in Molsdorf sind, sicher zufällig, nicht nach Berlin gedrungen, desgleichen noch nicht die erwarteten Informationen über die „Galerie Mo“ und die Drucke der „Molsdorfer Schloßpresse“.
# Ironische Anspielungen auf während meines Besuches gemeinsam gesponnene Wunschträume, was in Molsdorf alles gemacht werden könnte. #
Aber das hat auch sein Gutes. Meine Zeit hat noch nicht einmal gereicht bis jetzt, die hier eröffnete Hans Purrmann-Ausstellung zu sehen, die sehr gelobt wird.
F. und Garten machen uns viel Freude, besonders beide zusammen. Wo er (der F.) hintritt, strebt er zum Höchsten. So latschte er z. B. über die Spargelbeete, mit dem Erfolg, daß wir heute Spargelköpfe fressen können, wie Erich Honecker. Gottlob hat er jetzt sein Spielfeld mehr auf das Kartoffelbeet verlagert, und deren Keime trauen sich doch noch nicht raus. Am Fenster unserer ungeheizten Kammer frösteln 16 Tomatenpflänzchen vor sich hin. Der Mai wird die Wende bringen.
Für heute genug. Mit herzlichen Grüßen, auch von L
P.K.“
Wie könnte ein Brief auf die Annonce (Eintrag von gestern) aussehen?
Werte junge Frau!
Auf ihre kleine Annonce antworte ich gern. Da Sie die Zahl 22 angeben, möchte ich auch gleich mit einer Zahl beginnen - die Sie hoffentlich nicht erschreckt: 42. Für Aktfotografie habe ich mich, wie wohl jeder Mensch, schon immer interessiert. Doch erst in letzter Zeit genieße ich nicht nur Aktbilder, sondern frage mich auch immer mehr, was sie eigentlich so wichtig macht, in welcher Beziehung sie zu Erotik, Sex, zur Kunst u.a. stehen. Zugleich ist bei mir auch der Wunsch entstanden, selbst Akt zu fotografieren, was ich bisher, obwohl ich seit vielen Jahren Fotoamateur bin, nur selten versucht habe. Sind Sie die aufgeschlossene Partnerin für Briefe, Gespräche, Fotostudien zu diesem reizvollen Thema? Über eine bejahende Antwort würde sich freuen
Dr. K.



Schön und gut - diese Belobigungen der Sinnlichkeit und des Fleisches. Doch auch in den „Spasmen“ gebe ich meinen Kopf nicht ab. Gerade die sinnliche Liebe, die keinen Wunsch mehr offen läßt, verschleißt am schnellsten. Das Unbefriedigende ist hier gerade, daß kein Rest bleibt, der noch stachelt (mein Hegrü-Erlebnis). Deshalb ist gerade dieses Erlebnis für einigermaßen Kontinuität völlig ungeeignet. Der Drehzapfen allein tuts nicht. An ihm will das ganze Leben aufgehängt sein.
