Archive for Januar, 2008

21. Juli 1982 - Geselligkeit

Donnerstag, Januar 31st, 2008

# In der Dienststelle, in der ich beschäftigt war, haben wir viele Jahre, ja, mehrere Jahrzehnte, zusammen gearbeitet. Es gab da mal Reibereien, dort mal Animositäten aber im Grunde hatten wir ein gutes Klima, haben gern zusammen gearbeitet und waren vom Sinn unseres Tuns überzeugt.
Auch zu vielen Teilnehmern unserer Halbjahreslehrgänge haben wir oft noch jahrelang, zu manchen überhaupt dauerhaft Beziehungen unterhalten. Natürlich gab es viele Anlässe zu Geselligkeit und Feten (und wenn es keine gab, wurden sie auch mal erfunden).
Einige Beiträge zur geselligen Unterhaltung wurden aufgeschrieben, vervielfältigt - das ging damals, wenn er funktionierte, mit unserem Ormig-Apparat - und so der Nachwelt überliefert. Hier eine Kostprobe. #

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20. Juli 1982 - Reime aus der Matratzengruft

Donnerstag, Januar 31st, 2008


[…]
Ich weiß kaum zu sagen, wie mein Befinden ist, ständiges Auf und Ab, Schmerzen wechseln mit Taubheitsgefühlen. Gestern, von der Arbeit abgelenkt, fühlte ich mich recht gut. In den letzten Tagen kann ich besser sitzen. Doch zwischendurch kann ich kaum 10 Schritte gehen. Wie wirken die Bäder? Sollte ich weniger liegen? Übermorgen die Ärztin Fragen.
Doch es scheint mir in den schmerzfreien Phasen eine Stabilisierung zu geben. Nach dem kurzen Abendbad glaube ich sogar, dass erstmals die Taubheit in den Zehen nachzulassen beginnt.

# Ich liege nun schon drei Wochen und vertreibe mir die Zeit mit einem Reimspaß. #

Horizontal

Wir Menschen sind fast jeder zeigt
modern und wach und tatbereit.
“Auf Arbeit” packen wir den Plan,
im Haushalt wird auch was getan.
Für kurze Zeit nur stoppt uns mal
gesunder Schlaf - horizontal.

Der Fleiß schenkt mir ein braves Leben.
Die Würze soll die Liebe geben.
Ohn Rast und Ruh kreist unser Herz,
reimt sich auf Liebe, Lust, auf Schmerz,
doch allerhöchster Wonnen Zahl
genießen wir - horizontal.

Ob liebesreif, ob arbeitsmatt,
sie finden ihre Lagerstatt.
Sie drehn sich in die Kissen ‘rein,
doch da - liegt schon ein armes Schwein.
Des Kranken widerwärtge Qual
ereilt ihm meist - horizontal.

Es zuckt zurück der Arbeitsmann.
Vielleicht ist da ein Virus dran?
Es zuckt zurück die Liebesfrau,
zwar Viren sieht sie nicht genau,
doch eines sieht sie allemal.
Der Kerl ist schrecklich - horizontal.

Der kranke Bein beißt in seine Kissen,
er muss die Schwestern, Brüder missen.
Doch ewig man nicht beißen kann.
Er fängt erneut zu denken an
und fragt sich ein - ums andremal:
wie wurd ich nur - horizontal?

Am Anfang stand des Arztes Wort:
“Schern Sie sich in ihr Bette fort.”
Er fängt von “Arbeit” an zu stammeln.
(Dort kann er fette Mäuse sammeln.)
Der Arzt sagt nur:”Na, hörn Sie mal…”.
Er ist gefällt - horizontal.

Nun hat der Ruhe für sein Bein
und reibt es mit Essenzen ein
und wärmt und badet zielbewußt
schleckt auch Tabletten voller Lust
und krümmt sich manchmal wie ein Aal,
doch alles brav - horizontal.

Nun täglich eine Reise lockt,
die hat sein lieber Chef verbockt.
Zementtransporte müssen rollen,
wie kann ein Kranker da was wollen?
Mein junger Freund, beweg dich mal,
sei nicht so lasch - horizontal.

Doch jetzt genug vom Klagereigen.
Das Gute will ich nicht verschweigen.
Der Optimist soll laut erschallen
von dieses Lagers Deckenwallen.
Ihn trifft ein warmer Sonnenstrahl.
Schon freut er sich - horizontal.

Ihr draußen hab zwar Himmel viel,
doch seht ihr ihn im Tagsgewühl?
Mein Himmel ist nur eckig klein,
doch tausend Wolken schaun herein,
sind Fabeltiere ohne Zahl.
Die Kindheit blüht - horizontal.

Und gar die heiße Sommerzeit!
Wie Teer ist das Gehirn euch breit.
Ich brauch der Wärme nicht zu jammern.
Es freun sich meine Wirbelkammern.
Ja, selbst der Ischias lächelt mal,
leider nur schwach - horizontal.

Und was ich alles lesen kann!
Ganz blass vor Neid seht ihr mich an.
Die Länder durchstreif ich,
die Zeiten durcheil ich,
zuletzt bis in das Industal!
Grad noch mein Corpus blieb - horizontal.

Und erst des Radios offener Mund!
Tut stets mir allerneuestes kund,
dazwischen Rock und harter Beat
durchzuckt mich bis ins letzte Glied.
Schon denke ich laut: “Jetzt tanz ich mal!”
Doch vorerst nur - horizontal

So bin ich aller Arbeit frei,
genieß die Faulheit gleich für drei
und selbst an Gartenmüh’ und - pracht
wird allerhöchstens mal gedacht.
O, Leben, du verwöhnt mich mal!
Ich danke dir - horizontal.

Am Ende möcht’ ich Künstler sein,
dann nähm ich einen Riesenstein.
Den braucht’ ich für ein Ehrenmal,
meinetwegen für Baal oder Aal oder Copyrkal.
Aber dieser Stein, verdammt nochmal,
der stünde nie und nimmer horizontal.

19. Juli 1982 - Ein Hundewelpen und Feigheit

Donnerstag, Januar 31st, 2008

[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Die Söhne Ismaels”
Ich reime: “horizontal”
[…]
große Traumszenen, Traumflächen, Fahre mit Vati im alten DKW eine neugebaute Autobahn nach Eisenach, ein himmelsteiles Stück dabei, dass wir aber bewältigen.

Diskussion zur Kollektivarbeit.
Das alles lenkt mich von der Selbstbschäftigung ab, und ich fühle mich nachher viel besser als vorher. Bin ich nun wirklich so krank oder ist vieles davon eine ungute Selbstfixierung? (Die Taubheitsgefühle bleiben “zuverlässig”, die Schmerzgefühle sind sehr wandelbar.)

Habe G. nicht den Satz gesagt, dass ich mich entschuldige, seinen persönlichen Baustofftransporter für meine Behandlungstermine beansprucht zu haben. Habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Aus Feigheit? Passte es nicht zur Situation? Bin mir selbst nicht gut deswegen.

Peter Schwarzbach schickt ein Hundewelpen in unserer Wohnung. Ausgehend von Vroni läuft es über die Stationen Jakob - L. - Schwarzbach/Jakob - L. - Gerhard - Christine -L. - Balko - L. Keiner will es haben. Vroni hatte schonmal vor Jahren einige Küken ihrem Vergnügen geopfert.
Alle sind sehr für ländliche Romantik. Nur praktisch darfst nicht werden (L. nehme ich davon aus.)

18. Juli 1982 - Burchard Brentjes, Hans Mottek

Donnerstag, Januar 31st, 2008


[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Völker am Jordan”
Hören: SFB III, Brechts Verhöre in den USA, Nordsee Verschmutzung
[…]
Viel geträumt in der Nacht. Große ausgedehnte Szenarien, Fahren mit Rolf, erst Auto, dann Motorrad, in der Dunkelheit unter konspirativen Bedingungen, große Auseinandersetzungsszene zum Ende des Lehrgangs mit G. Habe keine Lust, mehr davon aufzuschreiben.
Fühle mich wieder schlechter, das Bein brennt. Die Taubheit erfasst alle 4 Zehen und den großen Onkel halb. Ob das von den Bädern und Einreibungen kommt? Das Warten und machtlose Registrieren nervt.

Das Buch von Brentjes entrollt ein großes Panorama. Ich erfahre von Kulturblüten, von denen ich nach wie vor viel zu wenig weiß. Das mal selbst erleben!

# Hier ist eine der seltenen Stellen, wo ich mal eingestehe, daß ich gern reisen würde. Die Felsenstadt Petra, von der Brentjes berichtet, hatte meine Phantasie  angeregt. Allerdings habe ich diese Reise bis heute nicht unternommen. #

Goethe, “West - östlicher Diwan”! Es ist ungemein befreiend, mal über unseren griechisch - römischen Kulturkreis hinaus etwas zu erfahren.
Jetzt hat es für mich einen Inhalt bekommen, wenn Motteks Schwester sagte, Begin sei ein Mystiker. Danach sieht tatsächlich die vorsätzliche Schreckenstat von Dar Yasin aus, die jetzige Blockade Westbeiruts hat etwas davon; ein imperialistischer Politiker, der zugleich in einem historischen Wahn handelt, darin Hitler ähnlich.

# Zu Prof. Dr. Hans Mottek siehe hier. L. hatte den Auftrag für ein Portät von Hans Mottek. Wir blieben darüber hinaus in freundschaftlichem Kontakt. Seine Schwester lebte in Israel. Wir lernten sie bei einem ihrer häufigen Besuche in der DDR kennen und tauschten natürlich intensiv unsere Meinungen aus. #

Borniertheit, Unwissen; Verachtung, nur weil etwas anders ist (die Bauarbeiter und der Barfuß-Mann am U-Bahnhof Thälmann Platz). Das materielle/politische Interesse und nicht die Einsicht!

17. Juli 1982 - “wissenschaftliche Leitung”

Dienstag, Januar 29th, 2008


[…]
Lesen: Burchard Brentjes:”Völker am Jordan”

# Burchard Brentjes - bedeutender Orientologe  der DDR, lehrte an der Universität Halle. Eine ganze Reihe seiner Werke zum vorderen Orient erschienen in schönen, wissenschaftlich soliden und gut lesbaren Ausgaben im Verlag Koehler & Amelang. #

 […]
Ein ebensolcher allgemeinen Begriff wie “Liebe” ist” wissenschaftliche Leitung”. Natürlich gibt es auch hier einen allgemeinen Inhalt, jedoch in Wirklichkeit muss Leitung ebenso konkret sein, wie das Leben selbst, wie die sich verhaltenden Menschen. Das beweisen die Beiträge zur Kollektivarbeit, zum Beispiel von Jochen Sollmann/Gerhard Kleeblatt. Ich muss als Leiter genau einschätzen: Arbeitet dieser Mitarbeiter aus Überzeugung und mit wirklich persönlichem Einsatz, braucht er also bloß Anleitung, Anregung, Koordination durch den Leiter oder ist das Gegenteil der Fall und brauche ich neben Überzeugungskraft unerlässlichen Zwang. Das ist präzis zu trennen, in ein und demselben Kollektiv sogar!
[…]
Kluges Wort der Schauspielerin Franziska Troeger zur Ehrlichkeit: “Es ist ein Unterschied ob ich sie im politischen Kampf formuliere oder im zwischenmenschlichen Bereich, wo meine Ehrlichkeit den Partner nicht verletzen darf.” (Gerade die Ehrlichkeit ist einer meiner dümmsten und ärgerlich Mängel.)

Die schönsten Momente des Tages sind vor dem und nach dem Schlafen von F., wenn er kommt und mit mir spielt.

16. Juli 1982 - “Liebe”

Dienstag, Januar 29th, 2008


[…]
Lesen: Lunatscharski, “Lenin”
[…]
Solche Nervenentzündung ist ein erstaunliches auf und ab. Hatte ich nachts nicht gut warm gelegen? War ich zu schnell zum HdM gelaufen? Das Hängen, der Rückweg waren eine Qual. Ja, selbst jetzt, nachmittags, reißt es enorm, wenn ich mal aufstehe (eigentlich brennt es).
[…]
Wir gebrauchen die Begriffe der Wissenschaft sehr selbstverständlich in unserem Leben, überhaupt allgemeine Begriffe, Abstraktionen. Vielleicht sollten wir damit viel vorsichtiger sein, denn das Leben ist gar nicht abstrakt, und unversehens haben wir das ganz verzerrt bezeichnet und so missverstanden.
[…]
Ein solcher Allgemeinbegriff ist z. B. “Liebe”. “Liebes”beziehungen waren für mich bisher beschränkt auf Christel und L. Und sprachlos war ich, um mein Verhältnis zu Annemarie, Margot, Helga, Karin zu bezeichnen (oder vielleicht auch das zu Marlies Glöß). Das Leben zwingt einfach dazu, nicht nur ein großes, umfassendes, “vollkommenes” Verhältnis als Liebe zu bezeichnen. Schon allein deshalb, weil sich diese Vollkommenheit doch als eine Frage recht kurzer Zeit erweist (2 bis 3 Jahre). Die Verhältnisse zu Margot oder Helga oder Annemarie hatten, haben von vornherein nicht diese Vollkommenheit. Sie erfassen nicht den ganzen Menschen. Aber dennoch: In bestimmter Hinsicht bin ich allen diesen Frauen “von Herzen gut”. Ich weiß, daß ich ihnen wehtue, sie vielleicht sogar quäle aber es tut mir leid (es quält mich selbst). Ich fühle mich kaum verantwortlich für solche Misere, nehme es wie Schicksal, dem wir alle unterworfen sind.
Es hat keinen Sinn, “Liebe” in schwindelnde Höhen zu heben und sich in der Zwischenzeit verschämt mit “Sex” zu begnügen. Liebe ist ein Feld, hat eine riesige Spannweite, viele Gesichter. Das Gemeinsame ist eine “völlige Intimität” im Menschlichen vermittelt durchs Geschlechtliche. Die “völlige Intimität”, die zwei Sonnen monate- oder jahrelang umeinander kreisen läßt oder als einmaliges, momentanes Streifen aneinander (und alles, was dazwischen liegt).

15. Juli 1982 - Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften” - Ideologie in der DDR

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Lesen: ND, BZ,” Weltbühne “, “Kleingarten”, Lunatscharski über Lenin
Radio: Hörspiel von Günter Rücker
[…]
Morgennachrichten: der Westen schießt einen Rauchvorhang:
erstens der Krieg Iran Irak
zweitens kriegerische Verwicklungen Somalia/Äthiopien
drittens Lösung des Libanon - Konflikts
viertens Kriegszustand in Polen.
Sowohl die Anordnung dieser Meldungen, als auch ihre Form bzw. Ausdehnung und natürlich besonders ihr Inhalt lenken von der israelischen Aggression ab. Die FAZ findet die schöne Formulierung, dass Begin sich bereitgefunden habe, noch nicht die Besetzung Beiruts “zu vollstrecken”. (!) (auf Nötigung der USA!)

Nachdem ich Musils “Der Mann….”, erstes Buch, gelesen habe, will ich sagen: Ursprünglich wollte ich (die Begeisterungsreden mancher Leute im Ohr und “Klim Samgin” im Hinterkopf)

# “Klim Samgin” ist ein großer Roman Maxim Gorkis, in dem das Reifwerden Rußlands für die Oktoberrevolution aus der Sicht eines “sich heraushaltenden” Intellektuellen geschildert wird. Es ist ein Meisterwerk der Darstellung des Einzelnen in seiner Gesellschaft. #

# Soeben, ich hatte dieses Posting bereits veröffentlicht, habe ich noch ein wenig aus reiner Neugier  “Klim Samgin” gegoogelt und bin dabei auf dieses Blog gestoßen. Das scheint ja eine hochinteressante Entdeckung zu sein. Ich freue mich. #
gegen dieses Buch anlesen. Das erwies sich bald als töricht. Aus dem Schützenloch der Voreingenommenheit musste ich sehr schnell aussteigen. (Randbedingung: Ich hatte viel Zeit zum Lesen.)
Meine Hauptgefühl: Es ist amüsant zu lesen, macht Vergnügen! Dies an vielen Stellen. Zweitens: es sind viele interessante, sensible Beobachtungen und Überlegungen zu finden, a.) zur Individualpsychologie b.) zur Sozialpsychologie c.) zur Kultur überhaupt. -
Und das ist alles! (Wie kunstvoll die Komposition sei, das zu beurteilen, bin ich gottlob unkompetent.)
Im übrigen doch der erwartete Berg (Wie jämmerlich ist doch selbst die “positivste” Figur - Ulrich!) individualistischer Philosophie, durch den ich mich mannhaft durcharbeitete. […]
Gorki ist turmhoch darüber.
Damit genug des Negativem und ein paar wenige von den vielen höchst amüsanten oder auch von den klugen Stellen hier festgehalten:
“ein Motorradfahrer kam die leere Straße entlang, oarmig, obeinig donnerte er die Perspektive herauf.” (Seite 74, ab hier habe ich mir “Stellen” gemerkt.) (Über das “oarmig” könnte ich mich kringeln.);
Von einem Halbverrückten (Moosbrugger): Der Verstand “mag eben wie ein kleines Licht in einem riesigen wandelnden Leuchtturm brennen, der voll zerstampfter Regenwürmer oder Heuschrecken ist, aber alles Persönliche ist darin zerquetscht, und es wandelt nur die gärende organische Substanz.”;
Das einsame eigene, wahre Leben und die vielen hunderte Leben, die man führt (gesehen von den Vielen, die sie bestätigen (Seite 95);
Popularität und Publizität des Herrschers waren über - überzeugend (Seite 103);
Leute, denen an “geistigen Umtrieben” gelegen ist, (die daher völlig deplazierte Erörterungen aufnehmen) (Seite 106);
das “nachsichtige Lächeln der bedeutenden Frau, die weiß, dass sie auch schön ist und den oberflächlichen Männern verzeihen muss, dass sie daran immer zuerst denken (Seite 115f);
in Diotimas Mädchenzeit: ihr Stolz, der eigentlich “nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen war… Ihre Korrektheit…. wurde geradezu von selbst zu Geist, einfach durch Erweiterung….” (122, 123);
die seit dem Mittelalter abhanden gekommene religiöse Einheit des menschlichen Tuns des (127) (ebenda: die gewaltsame Geselligkeit als Bedürfnis nach solcher Einheit. (Vergleiche dazu Marx bornierte Befriedigung im Mittelalter, “Grundrisse….?);
“Das Leben baut nichts auf, wozu es nicht die Steine anderswo ausbricht.” (128);
Männer, deren Fantasie vom Erotischen versehrt wird (131, z. B. ich), hier (S131f) eine vergnügliche Schilderung Tuzzischen Liebeslebens;
Ulrich zur Schnelligkeit des Liebesrausches, aber auch anderer emotionaler Erlebnisse, wie” Inseln eines zweiten Bewusstseinszustandes, die in den gewöhnlichen zeitweilig eingeschoben sind”. (144, 145);
und hier Seite 147 etwas, was ich genauso schonmal selbst im Protokoll festgehalten habe: “Der Mensch sendet unaufhörlich Ideen in alle Richtungen aus. Aber nur was auf die Resonanz der Umgebung trifft, strahlt wieder auf ihn zurück und verdichtet sich, während alle anderen Ausschickungen… verloren gehen.”;
Seit 165, die ganze Seite schildert klug, wie man zu einem Menschen der “Lebensmitte” wird und wie man dabei wird;
Seit 180! 4-händiges Klavierspiel: “Es war der Augenblick, wo die Spieler ihr Blut anhalten, um es in gleichem Rhythmus loslassen zu können, und die Augenachsen ihnen wie vier gleichgerichtete lange Stile aus dem Kopf stehen, während sie mit der Sitzfläche gespannt das Stühlchen festhalten, dass auf dem langen Hals seiner Holzschraube immer wackeln will.”;
190, es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Menschen entstanden, von Erlebnissen, ohne dass einer sie erlebt;
210, eine übertragene Ehre, die einen Menschen dermaßen durchdringt, dass er bis ins Innerste von ihr erfüllt und geradezu von seinem eigenen Platz in sich weggedrängt wird;
288, Vereine, Bürgerinitiativen, die dem Übergang vom Individualismus zum Kollektivismus voranlaufen, wie Kehrrichthäufchen einem wirbelnden Wind;
Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und daher die Welt ihrem System unterwerfen (324);
364f: gut zum “Unrechten” im Leben der Geschlechter, ” verkehrter Ablauf, bei denen die letzten Geschehnisse voran sich aufdrängen” (typisch bei Marita);
325 bis 326, über Essay, Wahrheit Subjektivität, ist auch wertvoll;
381 Diotimas Kopf glich einer prächtigen Fruchtschale, aus deren Überfülle die Worte beständig über den Rand fielen;
385, über die großen Spezialisten;
452, Komische Lage der meisten Männer: Sie haben erst nach Büroschluss Zeit, wenn sie eifersüchtig sind, über ihre Frauen zu wachen;
482, General Stumm von Bordwehr über Diotima: “Wenn Empfang ist, stelle ich mich manchmal hinter sie: Eine imponierend weibliche Fülle! Und dabei spricht sie auf der vorderen Seite mit irgendeinem hervorragenden Zivilisten gleichzeitig so gelehrt, dass ich mir am liebsten Notizen machen möchte.”
Allein schon für diesen letzten Satz sollte man Herrn Musil frische Blumen aufs Grab stellen.

L. erwähnte die begeisterte Aktivität des uns bekannten “Burgherrn” von Meißen. Ein Mann von durchaus sehr abgeneigter, um nicht zu sagen, feindseliger Gesinnung. Das macht eine unserer Stärken aus, dass auch negativ eingestellte Leute Möglichkeit zu positiver Betätigung finden. (Wenn nur alle positiv eingestellten Leute alle Möglichkeiten zu positiver Betätigung fänden!)
W. Förster, der momentan seinen Chef vertritt, klagte über seine Lage, über die Arroganz der Ministerstellvertreter, für die er Sekretärinnen besorgen muss. Und allgemeiner: über die Tendenz zur ausschließlich formalen, bürokratischen Erfüllung von Maßnahmen nicht aber der inhaltlichen Leitung der Prozesse. Dazu haben wir aber selbst die Leute erzogen, und das fängt ganz oben ein, meinte er. (Und das ist ein Punkt - füge ich hinzu - ein wichtiger, wo die Abschirmung unserer Spitzenleute vom Leben die Sonderstellung, die sie einnehmen, zurückwirkt auf die Lebensferne, bzw. Momente dieser Art, ihres Arbeitsstils.)

Kurzes Gespräch mit Inci über Beas Lehrerinnenamt.

# Inci ist bei L. zu Besuch. Sie ist eine befreundete Ungarin, die in Rumänien wohnt. L. hat sie auf einer ihrer Tramp-Reisen kennengelernt. Bea ist ihre Tochter. #

In den Bergen bringt sie Hirtenkindern Englisch und Französisch bei. Das stehe sie moralisch - nervlich nicht durch.
Dabei kommt auch eine gute Portion Gebildetendünkel zum Ausdruck.

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Im Gegensatz dieser Besprechung zu dem, was dieselbe Zeitung über Womacka schrieb (Vergleiche u.a. hier) zeigt sich die ganze Miesheit unserer Kunstkritik. Ich sage nicht Prinzipienlosigkeit, denn es ist auch die Dummheit, Borniertheit der Prinzipien, die zu solcher Undialektik führt. Das Schlimmste aber ist, dass nichts offen ausgesprochen wird. Der Titel der Böhme-Kritik wirkt wie die (ersehnte) Antwort auf Womacka. Aber nichts Offenes!
Und ebenso folgerichtig wird also auch nichts über Böhmes Beschränktheit gesagt. Die Gegensätze werden nicht vermittelt, sondern fallen auseinander und treiben also auch nicht voran, sondern lähmen. Statt Entwicklung oder wenigstens Bewegung also Erstarrung.

# Lothar Böhme gehörte und gehört neben Harald Metzkes, Hans Vent, Wolfgang Leber zu den von mir hochgeschätzten Malern der sog. Berliner Schule, im Unterschied, manchmal auch Gegensatz, zur Leipziger Schule mit Mattheuer, Heisig, Tübke. #

14. Juli 1982 - Kranksein

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Radio: der Westen bringt massive Meldungen und Kommentare über einen Krieg Irans gegen Irak. Auch über Afghanistan und PLO.
Lesen: Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften”
[…]
Abends, nachts, morgens tut mein Bein ziemlich weh. Ich spüre deutlich die Belastung der täglichen HdM-Reise, die ich G. verdanke.
[…]
Es wurde festgestellt, zum Beispiel von Günter Kunert, dass wir uns vor dem Tod, vor unseren Toten scheuen, sie ignorieren. Bezogen auf einen Großteil der Arbeitskollegen (besonders E. Grohs, H. Wietschke) muss ich das sogar auch für einen Kranken feststellen.
Wie möchte ich als Kranker behandelt werden? Das wichtigste, was im allgemeinen zu wenig gemacht wird, ist Zuwendung, Zeit haben für den Kranken. Zeit für Reden über die Krankheit, besonders mögliche eigene Beiträge des Kranken zur Besserung, Zeit für geistige Probleme (da ich viel lese und höre, (hören ist das wichtigste) und Zeit für Zerstreuung, denn es gibt Langeweile.
Wichtig sind auch Versorgungsleistungen (Essen, Getränke Früchte Bett machen und so weiter). Eine abstrakte, wenig sinnvolle Verhaltensweise ist das bloße Bedauern, und nicht viel besser sind bloße Versorgungsleistungen. Grundsätzlich ist es notwendig, sich konkret auf die Krankheit einzustellen (welche Seiten sind krank, welche als normal ansprechbar) und ebenso auf die gesamte Persönlichkeit des Menschen vor seiner Erkrankung. Krankheiten, bei denen es selbstverständlich ist das man wieder gesund wird, sind etwas ganz anderes als Krankheiten bei denen man das nie mehr wird.

13. Juli 1982 - Zusammensein mit F.

Montag, Januar 28th, 2008


[…]
Lesen: Musil, “der Mann ohne Eigenschaften”
[…]
Die Versicherungstante gestern kam in Begleitung einer munteren, sehr jungen, dreisten Frau, ihrer Nachfolgerin? Fast noch knabenhafte Figur, sehr rote volle Lippen, dunkle lebhafte Augen, ein schönes Modell.

Viel geschlafen und viel geträumt in der Nacht. (Die ausgiebigen Träume bezogen sich auf das Zusammensein mit dem Lehrgang, ich war neuer Student in der Sowjetunion, Studentenheim, viele Leute) Woher so viel Schlaf? Erschöpfung vom Heimweg vom HdM und von der F. - Versorgung?

# HdM = “Haus der Ministerien”, in der dortigen Physiotherapie fanden meine Behandlungen statt. #

F. gestern Abend ist dreimal aufgestanden. War offensichtlich von der Gartentour stark beansprucht, müde und zapplig. Beim dritten Mal ließ ich ihn eine halbe Stunde neben mir liegen. Das war sehr schön! Wir pusten uns an. Er schmiegt sich an, kräuselt die Nase. Und immer wieder (auf das Aktfoto am Regal weisend):”Die Oma ist nackigt.” Sie hat Haare, Augen, Nase, Mund, “ist nackigt”. Drei-, viermal stellte er fest, dass die Oma nackigt sei (mit einem besonderen Ausdruck, Verschämtheit?).
Am Morgen hatte ich ihm gleich Stift und Papier geschenkt:”schrieben, Mama”. Mama entdeckt er auch auf dem Bild über meiner Tür, ich sage ihm, dass Sie bald wiederkommt. Sonst ist aber von ihr nie die Rede.

12. Juli 1982 - Aktfotografie

Montag, Januar 28th, 2008

[…]
Lesen: Musil, “Der Mann ohne Eigenschaften”, G. Nikolajew, “Die Wohnung”
[…]
Meine Aktfotos (die wenigen) interessieren mich kaum noch. Nachschub ist notwendig. Doch auch der neue Reiz wird vergehen. Es sind dann nur Abzüge, Erstarrungen vom lebendigen Geschehen. Die nächste Stufe wird vielleicht die Wechselwirkung mit dem Modell sein, der darin erreichbare erotische Reiz. Hier gabelt sich der Weg, soweit er sexuell ist in Liebesspiel oder Prostitution. Das eigentliche Ziel wäre das uneingeschränkte, auch raffinierte, Liebesleben mit einer Geliebten.