28. August 1982 – 03. September 1982 - vierte Woche Krankenhaus - Jean Paul
Donnerstag, Februar 28th, 2008# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #
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die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; ich stehe auf und gehe zum ersten mal zur Toilette und zum Bad. In guten Momenten wird mein Rumpf gerader. Der Trainingsschmerz ist beträchtlich. Einmal nach dem Lakenbad abgekippt, danach ist mir ziemlich übel.
Im Grunde stagniert mein Befinden seit mindestens einer Woche.
[…]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften - ND, BZ, Weltbühne 34/82, horizont, Wochenpost, „Guter Rat“
Illustrierte: NBI, “für dich”,
Jean Paul, „Flegeljahre“, Lu Xun, (Essays), Storm „Zur Chronik von Grieshuus“, „Der Schimmelreiter“, G. d. Bruyn: „Leben des J.P.F. Richter“
Querlesen: Plato, Spinoza, Heine: „Atta Troll“, […]
Das Essen hier ist sehr schmackhaft; zu Hause wiederholen sollte ich: Gemüsesülze, Reisauflauf mit Porree […]
neuer Mitpatient:
Michael Schmidt, BVB, Leiter für Verkehr, Straßenbahnfahrschullehrer, im Fernstudium, Scharfäugig blickt seine Frau sogleich nach dem „besten Bett“. Er findet einen Fleck auf seinem Laken und wechselt es mit dem Laken eines anderen Bettes. 30 J., 110 kg.
Großer Konsum-, Preis-, Versorgungsplausch,
Mitpatienten: Manfred Krüger, 28 J., 130 kg, Kraftfahrer, Baumaschinist
Rainer Paul, 32 J., 147 kg, Monteur, Ratiomittelbau
Peter Röpke, 46 J., 110 kg, Bahnpostbeamter
Ingo Heda, 32J., 116 kg, Gasmonteuer, Kraftfahrer
Siegfried Steffen, 90 kg, Elektriker in einer PGH
[…]
Das Ganze und nur das Ganze ist die Wahrheit. Sie ist unteilbar. Wie die Wahrheit verloren geht, wenn versucht wird, sie zu teilen, ist glänzend in der „Regulierung des Wassers“ dargestellt. Die Wahrheit des Kiefernrindebrotes gelangt bis an den Hof, doch was wird daraus.
Unsere Gesellschaft erlaubt uns nicht die ganze Wahrheit.
Sobald ich in mir selbst kreise, entwickle ich die Lust zum Sexuellen, aber zum intensiven, schamlosen Sexuellen.
# Jean Paul, den ich intensiv lese, begeistert mich und ich mache viel Auszüge. #
Jean Paul:
„Die Überladung des Gedächtnisses kann also nichts anderes heißen, als versäumte Cultur anderer Kräfte.“ (II/180)
ein kecker Geist erscheint groß, „der weniger einen weiten Weg als weite Schritte macht.“ (II/186)
„So liebe Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt der Vater und die Mutter kann die Waisen nur schwer ernähren.“ (ebd)
„Wie ganz anders – nämlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernhaft und vipernglatt – stehen die Menschen von Tafeln,selbst an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! -Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! (II/186f)
„Die griechische Poesie wird, je tiefer man dringt, immer wärmer, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint, indeß andere Gedichte nur oben wärmen.“ (II/188)
Beschreibung Haydnscher Musik (II/193) und dann Beschreibung, Deutung von Musik überhaupt, das ist großartig poetisch klug (II/195f).
Jean Paul, wie kein Anderer, drückt das bittersüße aus.
Konzertbesucher, die in einem fort, unter der Musik die Musik laut preißen (II/196)
„ein schönes weibliches Auge von Stand und Kleidung“ (II/197)
„.. er fand aber – weil Mädchen schwer im Putze weinen – nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tücher.“ (II/197)
„… o! Alles ist Ferne, jede Nähe…“ (II/199)
„… im Feuer wird man leicht hart.“ (II/209)
Frauen, denen „kein Lob der Aehnlichkeit gefiel“ (II/211)
‘Jeder vornehme Inhaber eine Türhüters ist selbst wieder einer, nur an einer höheren Tür.’ (II/217)
Trunken vor Glück trifft Einer Julius Cäsar und sagt: „Jul, aber woher kommst denn du, wüste Fliege“ (II/222)
„Ins Centrum gibt’s nur Einen Weg, aus dem Centrum unzählige…“ (II/223)
[…]
Werd’ ich nun, da ich mich von manchen Äußerlichkeiten abwende, da ich immer bewußter das Glück des Friedens erlebe, reif für Vergil, für Ovid? Für eine umfassende Naturliebe, jenseits der Idylle? Storms „Grieshuus“ hat mir ein ruhiges, schönes Gefühl gegeben.
Weiter Jean Paul:
‘Er hatte bemerkt, daß in der Geschichte der Völker wie des individuellen Lebens „so unendlich wenig Systematisches in Leid und Freude vorfalle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Consequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errathe …. nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen.“ (II/226)
„… es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich spreche von Menschen…“ (ebd)
„Rührung kann wohl aus Bewegtheit entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Käse.“ (II/230)
„…zur Liebe gehören ohnehin wie zu jeder Gährung- sie ist ja selber eine – zwei Bedingungen, Wärme und Nässe…“(II/233)
„Einem einen Uhrschlüssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf, als dreißig Frühstücke in einem Monat von 31 Tagen.“ (II/242)
„Recht gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß jeder sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger.“(III/6)
Der Mann müsse „aus einem lakirten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steckt, eine römische Säule werden, deren Capital jene Blumen bloß bekränzen.“ (III/26)
als Geistlicher von den letzten Dingern (des Lebens) „mehr lebend als ergriffen.“ (III/33)
„…sie wurde von sich so leicht, als von den anderen schwer gerührt.“ (III/37)
„ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe setzen“ (III/45)
„Man erinnert sich nicht sowohl der Vergangenheit, sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender Sehnsucht; der Strahl des Lebens bricht in seltsam-scharfe Farben – Allmählich gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und kräftiger.“ (III/56)
Alte und Kinder: „Kinder des Grabes“ und „Kinder der Wiege“ sind oft nahe beieinander.(III/63)
‘große Reisen, die einen Menschen ausbälgen und umstülpen wie einen Polypen’ (III/77)
„Sonderbar, daß gerade die Tiefe so einsam ist, wie die Höhe.“ (III/87)
„Geschichten wollen Länge, Meinungen Kürze.“ (III/99)
„… und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und heilige Stunde.“ (III/114)
„Stell – dich – ein“ (IV/120)
„Wie leicht und dünn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenröschen ist er, das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch hält der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen Blick, und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest! So sind Geister; denn da Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit!“ (IV/133)
„Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten.“ (IV/140)
„Lob ist Luft, die das einzige ist, was der Mensch unaufhörlich verschlucken kann und muß.“ (IV/145)
„Jeder hat seinen andere Hauptfarbe der Bewunderung, der eine sagt: englisch, - der andere: himmlisch – der dritte: göttlich – der vierte: ei, der Teufel! - der fünfte: ei! -“ (IV/150)
„Flitte – der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte.“ (IV/151)
„Temperaments-Leichtsinn, der nur Gegenwart abweidet.“ (IV/165)
„Die Weiber haben größere Schmerzen als die, worüber sie weinen.“(IV/175)
über die Schwierigkeit ein (genaues) Tagebuch zu schreiben und über den persönlichen Ruhm (IV/197, auch S 198 und 206)
„Der Mensch muß aus Mangel an äußerer Schöpfung zu innerer greifen.“(IV/207)
‘ der sterbende Romanschreiber könnte die seltsamsten, herrlichsten Verwicklungen wagen (da er sie nicht mehr auflösen muß)’ (IV/209)
„Der Mittelmann glaubt, die Obermänner stehen darum auf den höheren Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu überschauen; indeß er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet; und so alle auf und ab.“ (IV/217)
„In der Liebe ist das Erntefest der Freude nicht um eine halbe Secunde vom Säetage und Säefest der Freude verschieden.“ (IV/239)
„Und so kann in Deutschland und fast auf der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zählen, der sich verhört.“ (IV/241)
„Denn das ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schärfer als sich.“(IV/244)
Sie warf ihm einen „Flugblick voll Weltall zu.“ (IV/246)
„Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die dürftige Erziehung nicht mit den Künsten der Freude ausrüstete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, französisches Sprechen sind.“ (IV/252)
„… jede Lust ist eine Selbstmörderin…“ (IV/255)
„Die Frau hat einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden.“ (IV/256)
„Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben.“ (IV/263)
„Jeder bleibt wenigstens in Einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu nießen.“ (ebd.)
„Heimlich glauben die meisten, Gott existiere bloß, damit sie erschaffen wurden;…“ (ebd.)
„der Liebe ist die Freundschaft so entbehrlich und unähnlich, als dem Rosenöl der Rosenessig.“ (IV/288)
‘ wie viele Menschen verdienen es den überhaupt, das man sich von ihnen lieben läßt?’ (IV/289)
# mein Brief an das Wohnungsamt #
„Werte Frau Bartkowiak! 31.8.1982
Ich möchte erneut Ihre Aufmerksamkeit auf meinen seit 1975 laufenden, bis heute unerledigten Wohnungsantrag lenken.
Leider liege ich seit zwei Monaten und für weitere Wochen wegen einer rheumatischen Erkrankung im Bett und kann daher nicht persönlich bei Ihnen erscheinen.
Wie ich schon Ende 1981 und Anfang 1982 wiederholt dargestellt habe, bin ich gezwungen in der Wohnung von Frau B. …. mitzuwohnen, obwohl unsere Lebensgemeinschaft seit mehr als einem Jahr aufgelöst ist. Obwohl dadurch unzumutbare Situationen entstehen, wurde bisher keine Möglichkeit gefunden, meinen Wohnungsantrag noch im Jahr 1982 abzudecken.
Ich bitte nunmehr dringend darum, planmäßig im Jahre 1983 mit Wohnraum versorgt zu werden.
Mit sozialistischem Gruß“
Warum der Kollaps nach dem Bad? Wasser war recht heiß. Ich war etwas länger drin als üblich (25 min) (Wie Frau Beyer sich gleich abzusichern versuchte! - Wasser habe nur 39° gehabt. Ich sei alleine herausgeklettert.)
So ähnlich dürfte der Tod sein. Keineswegs unangenehm, dieses Nichts.
Gefühle bei der Ohnmacht am 31.8.:
Das Sehen und Denken funktioniert (z. T. auch das Hören), während das Sprechen schon nicht mehr und noch nicht wieder funktioniert (was ich nachträglich erfahre. Ich glaubte zu sprechen. Meine erste Frage dann ging nach der Brille.) So ähnlich also bei Lähmung, wo man alles sieht und versteht und nichts sagen kann (daran knüpfe ich später einen Tagtraum, wie ich so gelähmt bin und im Laufe einer langen Zeit lerne, mich nur mit Augenbewegungen zu verständigen, ja, sinnvoll zu leben.) Die Schwärze der Ohnmacht war befreiend, leicht. Der Übergang in die Schwärze war aber weniger deutlich Befreiung als der Austritt aus ihr Neuaufnahme einer Last (der Krankheit).
In der Nacht ein ganz deutlicher Traum: Mit Opa Drohm # mein Ex-Schwiegervater # gehe ich in einer westdeutschen Stadt bummeln. Wir haben kein Westgeld, finden dann aber unerwartet in meiner Börse 6 oder 8 Lei-Stücke, # rumänische Währung! # die sich als Westmark entpuppen. Er: Die können wir versaufen. (Ich hätte gern ein Buch dafür gekauft.) Er freudig, ich widerstrebend gehen wir zum nächsten Kiosk. Ohne daß wir etwas bestellt haben, werden uns sogleich zwei Platten Essen (Gulasch, Nudeln) heraus gereicht. Er dankt überfreundlich, demütig, ich lasse das Essen zurückgehen. Er bestellt zwei Boonekamp, ärgerlich korrigiere ich: 1 Boonekamp, ein Weinbrand (doppelt). Er dankt wieder überschwenglich für seinen B., ich reklamiere den winzigen Weinbrand, der zudem völlig geruchlos ist. Er beginnt sich für mich zu entschuldigen, will meinen Weinbrand trinken, ich wache auf.“
Darin ist sicher mein Ärger über die hiesigen Politpalaver der neuen Zimmerkumpel eingeflossen.
Traurig wie ein Pennäler darüber, daß Schwester Evi bis 13.9. freie Tage hat, verreist, gesprächsweise ihren Freund erwähnt, den sie jetzt besucht (mit hübschem BH angetan). Dies jugendlich-blöde schwärmen wird mir immer zu eigen sein. Evi war heute viel im Zimmer und im Wortgefecht mit allen natürlich, dabei beachtete sie mich nicht. Mein Hoffnungsflämmchen nähre ich daran, daß sie 13.30 nochmal kam, extra zu mir (mit der Kampferflasche) und sich verabschiedete bis 13.9. und ein wenig errötete. Ich wünschte ihr schöne Tage. Was hab ich sonst von ihr? Eine Zusage (wie ernst?) zum Besuch der Sinus-Bar, einen festen schönen Händedruck, ihr freundliches Nachmirschauen als ich vorigen Sonntag allein im Zimmer lag.


