Archive for Februar, 2008

28. August 1982 – 03. September 1982 – vierte Woche Krankenhaus – Jean Paul

Donnerstag, Februar 28th, 2008

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

[...]

die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; ich stehe auf und gehe zum ersten mal zur Toilette und zum Bad. In guten Momenten wird mein Rumpf gerader. Der Trainingsschmerz ist beträchtlich. Einmal nach dem Lakenbad abgekippt, danach ist mir ziemlich übel.

Im Grunde stagniert mein Befinden seit mindestens einer Woche.

[...]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND, BZ, Weltbühne 34/82, horizont, Wochenpost, „Guter Rat“

Illustrierte: NBI, “für dich”,

Jean Paul, „Flegeljahre“, Lu Xun, (Essays), Storm „Zur Chronik von Grieshuus“, „Der Schimmelreiter“, G. d. Bruyn: „Leben des J.P.F. Richter“

Querlesen: Plato, Spinoza, Heine: „Atta Troll“, [...]

Das Essen hier ist sehr schmackhaft; zu Hause wiederholen sollte ich: Gemüsesülze, Reisauflauf mit Porree [...]

neuer Mitpatient:

Michael Schmidt, BVB, Leiter für Verkehr, Straßenbahnfahrschullehrer, im Fernstudium, Scharfäugig blickt seine Frau sogleich nach dem „besten Bett“. Er findet einen Fleck auf seinem Laken und wechselt es mit dem Laken eines anderen Bettes. 30 J., 110 kg.

Großer Konsum-, Preis-, Versorgungsplausch,

Mitpatienten: Manfred Krüger, 28 J., 130 kg, Kraftfahrer, Baumaschinist

Rainer Paul, 32 J., 147 kg, Monteur, Ratiomittelbau

Peter Röpke, 46 J., 110 kg, Bahnpostbeamter

Ingo Heda, 32J., 116 kg, Gasmonteuer, Kraftfahrer

Siegfried Steffen, 90 kg, Elektriker in einer PGH

[...]

Das Ganze und nur das Ganze ist die Wahrheit. Sie ist unteilbar. Wie die Wahrheit verloren geht, wenn versucht wird, sie zu teilen, ist glänzend in der „Regulierung des Wassers“ dargestellt. Die Wahrheit des Kiefernrindebrotes gelangt bis an den Hof, doch was wird daraus.

Unsere Gesellschaft erlaubt uns nicht die ganze Wahrheit.

 

Sobald ich in mir selbst kreise, entwickle ich die Lust zum Sexuellen, aber zum intensiven, schamlosen Sexuellen.

# Jean Paul, den ich intensiv lese, begeistert mich und ich mache viel Auszüge. #

Jean Paul:

Die Überladung des Gedächtnisses kann also nichts anderes heißen, als versäumte Cultur anderer Kräfte.“ (II/180)

ein kecker Geist erscheint groß, „der weniger einen weiten Weg als weite Schritte macht.“ (II/186)

So liebe Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber später stirbt der Vater und die Mutter kann die Waisen nur schwer ernähren.“ (ebd)

Wie ganz anders – nämlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernhaft und vipernglatt – stehen die Menschen von Tafeln,selbst an Höfen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! -Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! (II/186f)

Die griechische Poesie wird, je tiefer man dringt, immer wärmer, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint, indeß andere Gedichte nur oben wärmen.“ (II/188)

Beschreibung Haydnscher Musik (II/193) und dann Beschreibung, Deutung von Musik überhaupt, das ist großartig poetisch klug (II/195f).

Jean Paul, wie kein Anderer, drückt das bittersüße aus.

Konzertbesucher, die in einem fort, unter der Musik die Musik laut preißen (II/196)

ein schönes weibliches Auge von Stand und Kleidung“ (II/197)

.. er fand aber – weil Mädchen schwer im Putze weinen – nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tücher.“ (II/197)

… o! Alles ist Ferne, jede Nähe…“ (II/199)

… im Feuer wird man leicht hart.“ (II/209)

Frauen, denen „kein Lob der Aehnlichkeit gefiel“ (II/211)

‘Jeder vornehme Inhaber eine Türhüters ist selbst wieder einer, nur an einer höheren Tür.’ (II/217)

Trunken vor Glück trifft Einer Julius Cäsar und sagt: „Jul, aber woher kommst denn du, wüste Fliege“ (II/222)

Ins Centrum gibt’s nur Einen Weg, aus dem Centrum unzählige…“ (II/223)

[...]

Werd’ ich nun, da ich mich von manchen Äußerlichkeiten abwende, da ich immer bewußter das Glück des Friedens erlebe, reif für Vergil, für Ovid? Für eine umfassende Naturliebe, jenseits der Idylle? Storms „Grieshuus“ hat mir ein ruhiges, schönes Gefühl gegeben.

Weiter Jean Paul:

‘Er hatte bemerkt, daß in der Geschichte der Völker wie des individuellen Lebens „so unendlich wenig Systematisches in Leid und Freude vorfalle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Consequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errathe …. nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen.“ (II/226)

… es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich spreche von Menschen…“ (ebd)

Rührung kann wohl aus Bewegtheit entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Käse.“ (II/230)

…zur Liebe gehören ohnehin wie zu jeder Gährung- sie ist ja selber eine – zwei Bedingungen, Wärme und Nässe…“(II/233)

Einem einen Uhrschlüssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf, als dreißig Frühstücke in einem Monat von 31 Tagen.“ (II/242)

Recht gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß jeder sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger.“(III/6)

Der Mann müsse „aus einem lakirten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steckt, eine römische Säule werden, deren Capital jene Blumen bloß bekränzen.“ (III/26)

als Geistlicher von den letzten Dingern (des Lebens) „mehr lebend als ergriffen.“ (III/33)

…sie wurde von sich so leicht, als von den anderen schwer gerührt.“ (III/37)

ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe setzen“ (III/45)

Man erinnert sich nicht sowohl der Vergangenheit, sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender Sehnsucht; der Strahl des Lebens bricht in seltsam-scharfe Farben – Allmählich gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und kräftiger.“ (III/56)

Alte und Kinder: „Kinder des Grabes“ und „Kinder der Wiege“ sind oft nahe beieinander.(III/63)

‘große Reisen, die einen Menschen ausbälgen und umstülpen wie einen Polypen’ (III/77)

Sonderbar, daß gerade die Tiefe so einsam ist, wie die Höhe.“ (III/87)

Geschichten wollen Länge, Meinungen Kürze.“ (III/99)

… und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und heilige Stunde.“ (III/114)

Stell – dich – ein“ (IV/120)

Wie leicht und dünn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenröschen ist er, das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch hält der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen Blick, und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest! So sind Geister; denn da Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit!“ (IV/133)

Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten.“ (IV/140)

Lob ist Luft, die das einzige ist, was der Mensch unaufhörlich verschlucken kann und muß.“ (IV/145)

Jeder hat seinen andere Hauptfarbe der Bewunderung, der eine sagt: englisch, – der andere: himmlisch – der dritte: göttlich – der vierte: ei, der Teufel! – der fünfte: ei! -“ (IV/150)

Flitte – der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte.“ (IV/151)

Temperaments-Leichtsinn, der nur Gegenwart abweidet.“ (IV/165)

Die Weiber haben größere Schmerzen als die, worüber sie weinen.“(IV/175)

über die Schwierigkeit ein (genaues) Tagebuch zu schreiben und über den persönlichen Ruhm (IV/197, auch S 198 und 206)

Der Mensch muß aus Mangel an äußerer Schöpfung zu innerer greifen.“(IV/207)

‘ der sterbende Romanschreiber könnte die seltsamsten, herrlichsten Verwicklungen wagen (da er sie nicht mehr auflösen muß)’ (IV/209)

Der Mittelmann glaubt, die Obermänner stehen darum auf den höheren Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu überschauen; indeß er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet; und so alle auf und ab.“ (IV/217)

In der Liebe ist das Erntefest der Freude nicht um eine halbe Secunde vom Säetage und Säefest der Freude verschieden.“ (IV/239)

Und so kann in Deutschland und fast auf der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zählen, der sich verhört.“ (IV/241)

Denn das ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schärfer als sich.“(IV/244)

Sie warf ihm einen „Flugblick voll Weltall zu.“ (IV/246)

Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die dürftige Erziehung nicht mit den Künsten der Freude ausrüstete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, französisches Sprechen sind.“ (IV/252)

… jede Lust ist eine Selbstmörderin…“ (IV/255)

Die Frau hat einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden.“ (IV/256)

Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben.“ (IV/263)

Jeder bleibt wenigstens in Einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu nießen.“ (ebd.)

Heimlich glauben die meisten, Gott existiere bloß, damit sie erschaffen wurden;…“ (ebd.)

der Liebe ist die Freundschaft so entbehrlich und unähnlich, als dem Rosenöl der Rosenessig.“ (IV/288)

‘ wie viele Menschen verdienen es den überhaupt, das man sich von ihnen lieben läßt?’ (IV/289)

# mein Brief an das Wohnungsamt #

Werte Frau Bartkowiak! 31.8.1982

Ich möchte erneut Ihre Aufmerksamkeit auf meinen seit 1975 laufenden, bis heute unerledigten Wohnungsantrag lenken.

Leider liege ich seit zwei Monaten und für weitere Wochen wegen einer rheumatischen Erkrankung im Bett und kann daher nicht persönlich bei Ihnen erscheinen.

Wie ich schon Ende 1981 und Anfang 1982 wiederholt dargestellt habe, bin ich gezwungen in der Wohnung von Frau B. …. mitzuwohnen, obwohl unsere Lebensgemeinschaft seit mehr als einem Jahr aufgelöst ist. Obwohl dadurch unzumutbare Situationen entstehen, wurde bisher keine Möglichkeit gefunden, meinen Wohnungsantrag noch im Jahr 1982 abzudecken.

Ich bitte nunmehr dringend darum, planmäßig im Jahre 1983 mit Wohnraum versorgt zu werden.

Mit sozialistischem Gruß“

Warum der Kollaps nach dem Bad? Wasser war recht heiß. Ich war etwas länger drin als üblich (25 min) (Wie Frau Beyer sich gleich abzusichern versuchte! – Wasser habe nur 39° gehabt. Ich sei alleine herausgeklettert.)

So ähnlich dürfte der Tod sein. Keineswegs unangenehm, dieses Nichts.

Gefühle bei der Ohnmacht am 31.8.:

Das Sehen und Denken funktioniert (z. T. auch das Hören), während das Sprechen schon nicht mehr und noch nicht wieder funktioniert (was ich nachträglich erfahre. Ich glaubte zu sprechen. Meine erste Frage dann ging nach der Brille.) So ähnlich also bei Lähmung, wo man alles sieht und versteht und nichts sagen kann (daran knüpfe ich später einen Tagtraum, wie ich so gelähmt bin und im Laufe einer langen Zeit lerne, mich nur mit Augenbewegungen zu verständigen, ja, sinnvoll zu leben.) Die Schwärze der Ohnmacht war befreiend, leicht. Der Übergang in die Schwärze war aber weniger deutlich Befreiung als der Austritt aus ihr Neuaufnahme einer Last (der Krankheit).

In der Nacht ein ganz deutlicher Traum: Mit Opa Drohm # mein Ex-Schwiegervater # gehe ich in einer westdeutschen Stadt bummeln. Wir haben kein Westgeld, finden dann aber unerwartet in meiner Börse 6 oder 8 Lei-Stücke, # rumänische Währung! # die sich als Westmark entpuppen. Er: Die können wir versaufen. (Ich hätte gern ein Buch dafür gekauft.) Er freudig, ich widerstrebend gehen wir zum nächsten Kiosk. Ohne daß wir etwas bestellt haben, werden uns sogleich zwei Platten Essen (Gulasch, Nudeln) heraus gereicht. Er dankt überfreundlich, demütig, ich lasse das Essen zurückgehen. Er bestellt zwei Boonekamp, ärgerlich korrigiere ich: 1 Boonekamp, ein Weinbrand (doppelt). Er dankt wieder überschwenglich für seinen B., ich reklamiere den winzigen Weinbrand, der zudem völlig geruchlos ist. Er beginnt sich für mich zu entschuldigen, will meinen Weinbrand trinken, ich wache auf.“

Darin ist sicher mein Ärger über die hiesigen Politpalaver der neuen Zimmerkumpel eingeflossen.

Traurig wie ein Pennäler darüber, daß Schwester Evi bis 13.9. freie Tage hat, verreist, gesprächsweise ihren Freund erwähnt, den sie jetzt besucht (mit hübschem BH angetan). Dies jugendlich-blöde schwärmen wird mir immer zu eigen sein. Evi war heute viel im Zimmer und im Wortgefecht mit allen natürlich, dabei beachtete sie mich nicht. Mein Hoffnungsflämmchen nähre ich daran, daß sie 13.30 nochmal kam, extra zu mir (mit der Kampferflasche) und sich verabschiedete bis 13.9. und ein wenig errötete. Ich wünschte ihr schöne Tage. Was hab ich sonst von ihr? Eine Zusage (wie ernst?) zum Besuch der Sinus-Bar, einen festen schönen Händedruck, ihr freundliches Nachmirschauen als ich vorigen Sonntag allein im Zimmer lag.

21. August 1982 – 27. August 1982 – dritte Woche Krankenhaus – Jean Paul

Mittwoch, Februar 20th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

[...]
die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
[...]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND, BZ, Gärtnerpost, Weltbühne, “Sonntag”, “Neues Leben”, “Magazin” 6/82;
Illustrierte: NBI, “füe dich”, “freie Welt”
Jean Paul, „Flegeljahre“, Lj. Stanew, “Die Schuld”, I. Bachmann, Rilke, Lu Xun, “Der Farnkrautsammler”, “Reparatur des Himmels”, “Flucht zum Mond”,
[...]
In der Weltbühne 33/82 bricht Kuczynski eine Lanze für die” Universalisten” im Unterschied zu den “Spezialisten”.
[...]
Schwatz mit Zimmerkumpel Hein und Ulli – seine Erlebnisse im Griesinger-Krankenhaus, Frauengeschichten, Wetten.
Kleiner Schwatz mit Schwester Monika, die nicht zur Disco geht, der es in der Sinusbar im Palast Hotel gefällt, weil es dort Geschäftsleute gibt, die Geld haben, und mit denen man sinnvoll reden kann. Sie kenne dort mehrere, die an Botschaften sind. Man trifft sich oben in der Kaminbar.
[...]
Lu Xun zur Macht: Die sie hatten, wollen sie zurück. Die sie haben, wollen sie behalten. Die keine haben, wollen sie erringen.
[...]
Zimmerkumpel Ulli: 42 Jahre, Werkzeugmacher in der Schreibfedernfabrik, 124 kg, verheiratet, schon Opa, nicht im FDGB, Berliner
Zimmerkumpel Hein: 59 Jahre, Berufsschullehrer für Bauberufe, geschieden, wieder verheiratet, früher SS-Mann, Mitglied der SED, Mecklenburger.
[...]
Große sozialistische Kunst der Zukunft:
- hat politisch – ethische Dimension (weltanschaulich)
- setzt sich mit dem Phänomen Wissenschaft auseinander
- wird von immer mehr Menschen verstanden (gebildeten aber nicht speziell vorgebildeten)
Einheit dieser drei Momente!
[...]
reizende Schwester Evi.
Schwester Grit, unverheiratet, Kind sieben Monate, lebt seit einem Jahr mit Mann (Student) zusammen. Alle drei Leben von ihren Schwesternlehrgeld (300 M). Sein Geld, 400 M, geht auf sein Konto in Anklam, wohin sie nächstes Jahr sehen wollen.
Die Physiotherapeutin Frau Rudolph – lebensklug, alles was sie anpackt, macht sie richtig.
Schwester Heidi, 30 Jahre,” die Nachtigall”, ohne Mann (hat ein schweres Erlebnis hinter sich).
[...]
Kein großes Bedürfnis zur Reflexion in diesen Tagen. Ich erlebe viel, nehme viel auf, befriedige mein Interesse. Erlebnisse, Schicksale siegeln sich mir auf, ohne unmittelbar etwas zu bewirken.
[...]
Die ganzen dicken” Flegeljahre” Jean Pauls habe ich mit großer Freude (und etwas Anstrengung) durchgelesen. Neben dem Vergnügen auch ein aufschlussreiches Buch zwischen Klassik und Romantik. Obwohl er meint, wenn man mit Auszügen einfängt, solle man gleich das ganze Buch abschreiben, möchte ich doch einige wenige Zitate herauspicken:
” darf die Peitsche wohl je so dick sein als die Hand?” (I, 18)
” über das 17. Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das 18. human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei -.” (Ebenda)
‘jedes Werk der Darstellung muss aus einem Spiegel in eine Brille umzuschleifen sein.’ (Ebenda, im Original aber sehr viel schöner formuliert)
Herrlich zur Diskrepanz von theoretischem Reden und praktischem Handeln! (I ,27)
“lieber einen Schlitz im Stumpf aufgerissen, als einen in der Wade zugenäht” (I, 32)
“So werden uns die Lebensbahnen wie die Ideen von Zufall angewiesen; nur das Fort – und Absetzen der einen wieder anderen bleibt der Willkür freigestellt.” (I,39)
“das närrische, verhüllte, träumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum” (I,47)
In der Begeisterung werden uns “alle Menschen zwar näher und lieber, aber kleiner.” (I, 53)
‘ein mehr von der inneren als der äußeren Welt ausgebildetes Gesicht’! (I, 55)
“Selbstkrummschließer” (I,65)
‘Die Musik reizt Nachtigallen zum Schlagen aber Hunde zum Heulen.’ (I, 68)
“vielleicht darf nur einer, der im Stande ist, denselben Infinitiv, von welchem Zeitwort man will, im Genitiv, mehrmals hintereinander zu schreiben, zu sich sagen: ich philosophiere.”(I, 81)
“Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben.” (I, 88)
Rezensenten – “wie Kochbücher arbeiten sie für den Geschmack, ohne ihn zu haben.” (I, 95)
‘Freundschaft, diese Doppelflöte des Lebens’ (I, 116)
‘heilige Freundschaft und ihr hoher Unterschied zur Liebe’ – “das Trachten… eines Ganzen nach einem Ganzen,… eines Gottes nach einem Universum, mehr um zu schaffen und dann zu lieben, als um zu lieben und dann zu schaffen” (I, 124)
[...]
In seiner Knappheit, im Erklingen des Ungesagten erinnert mich Lu Xun manchmal an A. Platonow. Glänzende Satire der Würdenträger in der ” Regulierung des Wassers”, beklemmend geradezu.Weiter mit der Jean Paul – Ernte:
“Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu stören.” (I, 127)
“So sehr setzt der Mensch, der älter kaum bedeutenden Menschen und Büchern zuläuft, jünger schon bloß neuen Leuten und Werken feurig nach.” (I, 129)
Die Weiber kehren “stets im Leben und sonst wie an ihren Fächern, gerade die reichste bemalte Fläche anderen zu und behielten die leere” (I, 130)
“Reisen, die immer das Hölzerne aus den Menschen wegnehmen, wie das Versetzen das Holzige aus den Kohlrüben” (I, 132)
“Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund – daher kann uns Demut ebenso gut quälen” (II, 138)
“So geht eigentlich in dieser Minute kein Jüngling in ganz Jena, Weimar, Berlin und so weiter über den Markt der nicht glauben müsste, als Schrein, Sacramenthäuschen, Heiligenhaus oder Mumienkästchen irgendeines jetzt oder sonst lebenden Geisterriesen heimlich herum zu laufen….. Ja, Schreiber dieses war früher fünf bis sechs große Männer schnell nacheinander….Kommt man freilich zu Jahren, nämlich zu Einsichten, besonders zu den größten, so ist man nichts.” (II, 140)
“Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, großmütige, obwohl zerreißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille, sich einbeißende, fortsaugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der anderen das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine.” (II, 144)
“Ach, auf jedem frischen Druckbogen des Lebens kommt immer unten der Haupttitel des Werkes wieder vor.” (II, 145)
‘abreisen, um mit den Menschen nicht schon zu zanken, sondern noch zu lieben’ (II, 146)
“In gewissen Jahren versteht das männliche und das weibliche Geschlecht unter Niemand das eigene und unter Jemand das andere.” (II, 159)
“Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um fünf oder sieben Jahre jünger als eine Jungfrau von 30 Jahren.(II, 161)
Glänzend der Vergleich der Großen der Welt mit Quecksilber (II, 168 folgende)
Herrlich auch ein ” feines Gespräch” zwischen Graf und Madam (II, 170)
“Ehren-Punctirkunst” (II, 171), (Orden und Urkunden ausstellen)
‘Wenn der Mensch an seine Geburt denkt ist er so wenig lächerlich, als wenn an den Tod denkt. “da wir zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht groß.” (II, 172)
Geburtstagsfeiern, besonders an Höfen: Das neue Dasein wird mit der lärmenden Wiederholung des Alten gefeiert, anstatt mit neuen Entschlüssen (II, 172f)

# Und hier eine Beilage des Protokolls, monströses realsozialistisches Zeitdokument. #

honeckergeburtstag1.jpg

Honecker 70

14. August 1982 – 20. August 1982 – zweite Woche Krankenhaus

Montag, Februar 11th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

[...]
die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner Blutanalysen, Reizstrom, Schlammpackungen; Ruhe, Ruhe, festes Liegen.
[...]
Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND, BZ, Wochenpost
Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Homer, „Odyssee“, Lu Xun,
[...]
Viele Gespräche mit den Zimmerkumpeln, Tier-, Armeerlebnisse, Kriminalfälle, Witze, Garten-, Kindheitsstories, Armee-, Russen-, Nachkriegsstories, Fernstudium,

# Ich lag mit 4 bis sechs Mitpatienten im Zimmer. Sie waren (mit einer Ausnahme) Adipositas-Patienten, bis zu 150kg schwer und machten eine vier- bis fünfwöchige ärztlich gesteuerte Abmagerungskur. Ihre einzige Ernährung bestand aus Wasser und Fruchtsaft, sowie einmal am Tag aus irgendeinem Schleim. Sie fuhren täglich (in ärztlicher Begleitung) 20 bis 40 km Fahrrad, machten Gymnastik, Wasser treten und Sauna. Außerdem gab es eine psychologische Beratung (Besprechung von Lebenskonflikten). Sie nahmen im Laufe der vierwöchigen Behandlung mindestens 12 kg ab und konnten auf Wunsch eine Woche verlängern. Alle hatten Ausgang. Nicht alle hielten diese Kur durch. Im Zimmer gab es eine lebhafte bis laute, grimmig-fröhliche Atmosphäre, viel Humor, tolle Menüschilderungen vor dem Einschlafen. Paralell gab es eine weibliche Adipositas-Gruppe. Ich konnte miterleben, wie zwei “Kummerspeckies” zarte Bande knüpften, eine toll erfolgreiche Kur machten und sich tatsächlich dauerhaft verbanden. #

[...]
Gespräch mit der Wirtschaftshilfe Annette, die Epileptikerin ist, 22J., bei den Eltern, kein eigenes Zimmer;
schöner erotischer Tagtraum mit Schwester Evi,
Magenspülung bei einem Zimmerkumpel – “große weiße Wolke”,

14.8.: Die Wunder der Erinnerung: Die süß verträumte Straßenbahnschaffnerin, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Gehlsdorf sah.
Die alte Frau, die L. und ich in Helmers trafen, die von ihren beiden gefallenen Söhnen, U-Boot-Fahrern, erzählte.

Schreckliche Bilder von verwundeten Palästinenser-Kindern.
Je älter ich werde, um so weicher werd’ ich zu Kindern, um so mehr lieb’ ich den Frieden und haß’ ich den Krieg. Entsetzliche Ohnmacht gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen.

Ziemlich oft Traumwirrnis in den Nächten, buntes Durcheinander, fast nie belastend. Gelange halbwegs gut in den Schlaf. Träume, dass A. sich während eines Krankenbesuchs zu mir ins Bett legt. Träume mir Szenen mit Iris. Solche ablenkenden, doch nicht aufstachelnden Szenen, sind gute Schlafhelfer. Träume einen Krankenbesuch von Heidi.

Gutes Gespräch mit Karl-Heinz Schatte. Er erwähnt, dass die Verlage zum Zwecke des Exports terminologische Zugeständnisse an den Westen machen.

Aus den erzählten Armeeerlebnissen wird spürbar, wie sich der Ton in der Armee mit dem Übergang zur Wehrpflicht anscheinend gewandelt hat (in Richtung auf Drill und Willkür).

Letztendlich Schmerzzunahme durch Reizstrom?

15.8.: Die wiederkehrenden, formelhaften Wendungen der Odyssee:
“und sie hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle” oder
“als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte” oder
“und sie traten ins Schiff und setzten sich hinauf die Bänke, saßen in Reihen und schlugen die graue Woge mit Rudern”
“Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen, froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.”
Solche Wendungen halten den Hörer/Leser wie an einem langen Seil, sind Momente des Vertrauten in diesen Geschichten voll fremdartiger Erlebnisse, sind wie Bekräftigungen des Subjekts, das aus allem Wechsel immer wieder als das Unwandelbarer auftaucht (Vergl. Marx: “Grundrisse” Seite 600).
Zugleich wollen diese Wendungen nicht extra bedeutungsschwer sein, was sie sympathisch macht (Das ist Aitmatow mit seinen Motiv-Sätzen zum Beispiel von den Zügen, die nach Ost und West fahren, nicht so gut gelungen.)
Die vielen Einzelerlebnisse und Gedanken, die in die Odyssee eingegangen sind! Zum Beispiel Elpenors Tod, zum Beispiel X. Gesang, Vers 84/85. Schade, dass man durch Übersetzungen nur ungefähr erfahren kann, wie die Odyssee wirklich ist.

Die größten Kunstwerke haben einen gewissen Objektivismus: Faust, Odyssee, Klim Samgin, Rembrandt.

16.8.: Ziemliche Schmerzen. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Am Tage ist das Befinden besser.

Der 42. – Hälfte des Lebens!

Wieder solche Einzelheit aus der Odyssee: Die Geschenke des Alkinoos für Odysseus (13. Gesang, 14f, 20ff). Höchst charakteristisch:”Lasst uns noch jeden ein groß dreifüßig Geschirr und ein Becken ihm verehren. Wir fordern uns dann vom versammelten Volk wieder Ersatz, denn einen belästigen solche Geschenke” und rührend:
“Aber die heilige Macht Alkinoos legte das alles, selber das Schiff durchgehend, mit Sorgfalt unter die Bänke, dass es die Ruderer nicht an der Arbeit möchte verhindern.”
Oder auch ebenda Vers 30 bis 35. Begeisternde Odyssee!

17.8.: Die Odyssee gipfelt im Blutbad des O. an den Freiern und Mägden, Verstümmelung des Ziegenhirten.
Mein weichliches Herz will daran keinen Gefallen finden. (Es will sich wohl vor den Tatsachen des Lebens drücken.) Gehört es zum Leben, dass auch Leben ausgerottet wird?

Unzweideutige Annonce in der BZ von heute:
“Lustiges Pärchen sucht gleich gesinntes, dass alles mitmacht und genießt, Feiern, FKK und Wasserspiele mag. Wenn ihr denkt wie wir, dann schreibt uns.”

In Granins “Gemälde” beeindruckt mich die dialektische Sicht auf die Figuren. Oftmals lässt der Autor den Leser unmittelbar miterleben, wie sie ihre Meinung ändern, anders werden. Oder er zeigt, wie sie in anderen Beziehungen anderes sind. In diesen Roman geht viel Wissen, sogar Wissenschaft ein, was ich geradezu für ein Merkmal der Kunst der Zukunft halte.
Doch Granin greift nicht direkt ans Herz (wie oftmals Aitmatow).
Alle drei bedeutenden Russen, die ich jetzt las, blicken voller Skepsis auf die Repräsentanten der Gegenwart ihres Landes. Im Grunde ist das die Frage: wie groß ist der Sozialismus wirklich? Die Antwort fällt nicht berauschend aus. Ich finde, wir alle sind auf dem Wege, erst langsam den Sozialismus wirklich zu begreifen. Der Rauch der Kämpfe und der Nebel der Vorstellungen weicht der Realität. Wenn Ursel schreibt, Ute habe wohl noch gar nicht begriffen, was Sozialismus ist, so fängt die wirkliche Frage hier erst an.

18.8.: Der “Schmerzpegel” steigt – nach dem Wohlgefühl im Gefolge des Geburtstags – wieder etwas an.

Anna Seghers meinte zur Plenzdorf-Diskussion, daß Talent etwas Kostbares sei und man sorgsam damit umgehen müsse. Sehr wahr! Diese Sorgfalt ist auch von dem Talent selbst im Umgang mit sich zu verlangen.
Talente, die sich trotz größter Sorgfalt ihre Umwelt selbst zu Grunde richten, wie Wolf Biermann.
Überhaupt dürfte das der häufigste Fall sein, dass Talente aus sich selbst nicht das Bestmögliche machen, aus inneren Gründen. Das Talent wird von eigenen Schwächen gehindert, ein großer Meister zu werden.

Ältere Kranke, die sich als ein einziger Vorwurf an die Welt empfinden. (” Haben wir das verdient?”)
Drum warte nicht darauf, dass dir einstmals mit paradiesischen Wonnen oder auch nur mit Dank “vergolten” wird. Allein auf Vergeltung zu warten, ist schon eine Ungezogenheit.

Der Mensch will persönlich angesprochen werden. Vermisst er dies, sehnt er sich danach. Das merke ich besonders als Kranker. (Bei der Bewertung der Schwestern und Ärzte zählt dies Moment ganz besonders.) Ein starrer demokratischer Zentralismus, wie bei uns, bringt die Tendenz mit sich, statt persönlicher Beziehungen formale aufzubauen.

19.8.: Spekulation: Mir scheint die sozialistische Gesellschaft der DDR bringt eine Unmenge von Mittelmaß hervor. Mittelmaß ist charakteristisch für uns. Vielleicht ist die Tatsache der Existenz und Stabilität dieser Gesellschaft eine solche historische Größe, dass jeder ein Gutteil seiner möglichen, speziellen, persönlichen Größe opfern muss, um jene zu erhalten. Auch die (notwendige) Mauer pfercht uns zusammen. Die einzelne Leistung ist gefesselt, überall, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst. Weltspitze sind wir im Sport – ist das nicht der schlagenste Ausdruck unserer Mittelmäßigkeit? (Nur im Fußball, vielleicht die einzige Sportart in der alle um die Spitze ringen, sind wir auch Mittelmaß.)
Der Einzelne bei uns trifft überall Grenzen, muss überall fragen. Wenn er diese Grenzen verinnerlicht hat, schafft er keinen “Wurf” mehr. Wenn er die Grenzen überspringt bricht er sich das Genick (W. Biermann), nicht unbedingt physisch, das heißt, er wird bedeutungslos.
Wie das Leben der Menschen an die Grenzen drängt, darin kocht, zeigen auch Gerichtsberichte, Annoncen, Hobbys (Krankheiten auch).
Du siehst dieses Leben und fragst: “Wofür das alles?” Und antwortest: “Für den Frieden!” (In dieser Frage und Antwort liegt unsere ganze Größe und Tragik beschlossen.)

Wie A. Q. (des Lu Xun) all seine Niederlagen zu Siegen macht, hat viel Ähnlichkeit mit dem Walt (Gotwald Harnisch) von Jean Paul. Natürlich deckt sich diese Ironie nur partiell, und im Grunde sind das völlig verschiedene Gestalten.

20.8.: In den letzten Tagen habe ich nur selten Westrundfunk gehört, kein Westfernsehen, kein “horizont”, “Weltbühne”. Meine Informationsquellen waren fast nur ND und BZ. Dabei schwindet das Gefühl, gut informiert zu sein sehr schnell. Nein, der Informationsgehalt dieser Organe ist sehr ausgesucht, auf wenige Themen beschränkt, die in zweckbewusster Weise dargestellt werden. So entsteht bald das Gefühl, schon Bekanntes wieder zu lesen und daraus entsteht Desinteresse. Keine gute, keine freie Informationspolitik (in dem Sinne, wie Lunatscharski über Lenins Auffassung dazu berichtet), keine konkrete, keine komplexe, keine dialektische, ungenügend historische Information, und natürlich auch nicht genügend anschaulich und “menschlich”.

In der Wochenpost ist ein Interview mit dem Stabschef Generalmajor Stechbarth. Darin wird auch erwähnt, was er liest (in seiner Freizeit): Tschakowski, “Die Blockade”, Memoiren von Heerführern, Biografie Honeckers, Bastian, “Gewalt und Zärtlichkeit”, irgendeinen Roman über die NVA. Also mit anderen Worten (gemessen an Lenins Worten, dass die Kommunisten sich die Schätze der ganzen Menschheit aneignen müssen) ein Analphabet. Die erdrückende Mehrheit unserer politischen Führer ist in diesem Sinne nach meiner Überzeugung Analphabet.

07. August 1982 – 13. August 1982 – erste Woche Krankenhaus

Sonntag, Februar 10th, 2008

# Die Eintragungen dieser Woche fasse ich zusammen. #

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die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Blutanalysen, Blutegel, Reizstrom, Schlammpackungen – Geduld, Geduld, sanfte Ankündigung einer Operation;

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Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND, BZ, Illustrierte, Weltbühne, horizont, bildende Kunst, NBI, für dich, Armeerundschau;

Aitmatow, „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“, Jean Paul, „Flegeljahre“, Arkadi und Boris Strugazki, „Stalker“, Homer, „Odyssee“,

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8.8.: In der Nacht gibt es Momente, wo ich schier ersticke. – Die dumpfe Hitze. Wegen der Mücken alle Fenster zu, durchschwitztes Bettzeug, durchschwitzter Schädel, Bewegungsunfähigkeit, schnarchende Nachbarn. Du kannst nichts machen, nur ausharren. So ähnlich muß es einem verschütteten Bergmann zu Mute sein. Im Ganzen hier aber Milderung der Beschwerden.

Manchmal wird mit bedenklichem Gesicht mitgeteilt, daß sich diese oder jene Völkerschaft überdurchschnittlich schnell vermehre. (Ich rede hier nicht von der BRD, sondern von Bürgern der DDR, auch Kommunisten.) Im Grunde keimt hier bereits Nationalismus, Rassismus.

Aitmatows „Jahrhundertweg“ erschließt sich tatsächlich erst vom Ende her. Erstaunlich. Aitmatow beobachtete (S. 359) ‘den Neid auf die Persönlichkeit des anderen Individuums!’ Auch die Betonung der (Gott)-Gläubigkeit des Edige in Gegenüberstellung zu „modernen“ Maschinenmenschen hat einen tiefen Sínn. (Gott)-Glaube als Menschlichkeit!

(Die Leute von heute denken an ihre Hintern, damit sie es süß im Maul haben.)

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10.8.: Kein Trieb zum ausführlichen Protokoll. Nehme auf, mag nicht reflektieren bzw. Reflexionen aufschreiben.

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12.8.: Interessantes: Wie die Leute Radio hören; die Grafiken, die L. mir zum Geburtstag schenkte; das Erlebnis der sowjetischen Romane (Granin, Aitmatow, Trifonow), glauben die Russen noch an ihre Revolution? Dialektik im Kunstwerk; die Dichter „heften die Augen“ (Hölderlin); das Erlebnis „Odyssee“; das Vergnügen „Jean Paul“ (der Traum von der Freundschaft, „Flegeljahre“ (Reclam) S. 124)); Manipulation in den Westmedien; Zynismus bei uns: Der Beirut-Berichterstattung folgen Informationen über Schwimm-WM-Triumphe.

Artikel von Thea Kowar über Besuch in SU

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depressive Momente (keine Fortschritte, Angst vor dem, was mich erwartet, keiner, den es wirklich schmerzt, daß ich hier bin)

Sowohl Schlammpackung, als auch Reizstrom lassen mich wieder etwas hoffen.

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13.8.: Reizstrom war mir gestern so gut bekommen! Heute morgen tun die entsprechenden Stellen ziemlich weh, wie ein starker Muskelkater. Typisch für diese Krankheit, daß es Grund zu großer Hoffnung und ebenso schnell zu keiner Hoffnung gibt. Wenig Kontinuität, jedoch: Eine winzige Tendenz zur Besserung scheint übergreifend. Nur ist sie so winzig, daß sie in Wirklichkeit Stagnation ist?

Homer ist ein großes Erlebnis (Wenn ich ihn doch im Original lesen könnte!) Mir erscheint er als der Stammvater – Hölderlins. Dieser wie jener hat eine unvergleichliche poetische Genauigkeit. Damit meine ich, daß ein innerer (psychischer) oder äußerer (objektiver) Sachverhalt in einem einzigen Wort oder Bild vollkommen genau (ohne Rest) und atemberaubend schön ausgedrückt wird.

Dann die Objektivität, die sich mit einer skrupellosen rhetorischen Apologetik der Mächtigen mischt bzw. ihrer Einbettung in die Idylle. Der Sänger preist jeden, an dessen Tafel er willkommen ist oder es einmal sein könnte.

Die Verantwortung für alle wichtigen Entscheidungen wird mit naiver Konsequenz den Göttern zugeschoben. Das ist im Grunde heute auch noch so bei den vielen herzenskalten Christen (Elke, Christine, Hartmut). Gott als ein Zweckbegriff des Menschen, des Individuums. Anders bei Aitmatow (Vergl. Eintrag 8.8.), wo Gott die Aneignung der Menschheit und Menschlichkeit durch das Individuum bezeichnet.

Ich preise – wie früher schon mal geschrieben – das Individuum, das tabula rasa machte als Voraussetzung dafür, alles zu werden.!

Doch wie wird dieses tabula rasa-Individuum ein totales menschliches? Diese Möglichkeit wird keineswegs spontan zur Wirklichkeit!

06. August 1982 – Alltag im Krankenhaus beginnt

Mittwoch, Februar 6th, 2008

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diverse Behandlungen, Blutabnahmen, Lakenbad, danach Wickel, Perlsches Gerät nicht überstanden

[...] Lesen: Jean Paul, „Flegeljahre“,

[...] Schlafversuche ab 21.30 Uhr, Hitze, unglaublich geschwitzt und schier erstickt. Die Anderen schnarchen. Zwischendurch immer wieder wach, Schmerzen.

05. August 1982 – endlich im Krankenhaus

Dienstag, Februar 5th, 2008


wachsende Schmerzen
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telefonisch Dr. Rose erreicht.
Sie überweist mich zur Klinik für Physiotherapie, nach Berlin-Buch mit Taxi
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Schwester Evi, Zimmer 119, 6 Mitkranke, Schwester Irina, Dr. Piotrowski, gründliche Untersuchung, macht mir Mut
[...]
Lesen: Aitmatow, “Der Tag zieht den Jahrhundertweg”
21.30 Uhr, ich versuche zu schlafen.

04. August 1982 – keine schmerzfreie Lage möglich

Dienstag, Februar 5th, 2008


Physiotherapie abgesagt, Ärztin Dr. Kumke nicht erreicht
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Lesen: Trifonow, “Der Alte”,
Hören: etwas über Psychologie, danach “Rock over Rias”
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keine schmerzfreie Lage möglich

03. August 1982 – Die Schmerzen lassen mir immer weniger Spielraum

Dienstag, Februar 5th, 2008


[...]
Lesen: Trifonow, “Der Alte”,
[...]
Kann mir jetzt vorstellen, wie es ist, wenn man nicht mehr aufstehen kann. Und kann mir auch vorstellen, wie es ist, wenn man keine Lage mehr ohne starke Schmerzen hat.
Heut morgen hat sich alles beruhigt. Ich bewege mich vorsichtig und melde mich vom Reizstrom ab.

Geträumt habe ich auch, irgendwie tauchte dabei auch Minister Kersten auf und brüskierte mich.

Plötzlich sind die starken, von “LWS” ausgehenden Schmerzen des gestrigen Abends wieder da. Dann ziehen sie sich langsam wieder zurück.

02. August 1982 – Schmerzen

Dienstag, Februar 5th, 2008

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Lesen: Granin, “Das Gemälde”,
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Peinlicher Traum. Ich sollte Parteilehrjahr durchführen, war völlig unvorbereitet. Goli hospitierte.

Heute stürzt mit empörtem Geheul F. herein:”Mama haunt!” Er hatte sie gehauen und sie hatte wieder geklapst. Ich sage: “Mama haut nicht, wenn du lieb bist. Geh zu ihr und sage das du lieb bist.” Was er auch prompt machte.

Heute Reizstrom, Rheumabad, Stufenbett, Schmerzen. Die Schmerzen im Bein sind heftig, nur in der Seitenlage gehen Sie zurück. Anscheinend Wechselbeziehung: Mehr Schmerzen/weniger Taubheitsgefühl und umgekehrt. Jetzt kann ich wieder besser sitzen als gehen oder stehen.
Unterwegs zum HdM, auf dem U-Bahnhof Luxemburg Platz, fragte mich eine alte Frau mitfühlend: “Sie haben wohl große Schmerzen?” Kurzes Gespräch. Ich war eher abweisend. (Die Gesunden können ihr Mitgefühl nicht ausdrücken, meist haben sie gar keins. Die Kranken können Mitgefühl nicht annehmen.)

Das ewige Tosen der Stadt ähnelt manchmal verblüffend dem Meer. Habe Sehnsucht nach Sonne, Wasser, Menschen.

Das Rheumabad heute Abend war wohl zu viel. Vor Schmerzen liege ich in einer Stellung, gleichsam an Bett geschmiedet.
Trunkenes Reden auf dem Hof.

02. August 1982 – Band 5

Montag, Februar 4th, 2008

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# Deckblatt Band 5 des Tagebuchs #