Archive for Februar, 2008

01. August 1982 - Macht und realsozialistisches Leben

Montag, Februar 4th, 2008

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Lesen: Granin, “Das Gemälde”,
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Die Macht in diesem sozialistischen Leben, über dieses Leben steht unerschütterlich und mehr oder weniger autark. Jedem Subjekt aber (zumindest im Sozialismus) ist ursprüngliche Aktivität, ein “mächtiges Streben” zu eigen. Kann es sich nicht direkt politisch äußern, so wendet es sich auf einen anderen Bereich des Lebens, erforscht ihn genau, verändert ihn konkret (oder es verzehrt, zurückgeworfen, sich selbst) und übt über diesen Umweg, sozusagen vom anderen Hebelarm aus, Wirkung auch auf die politische Macht aus. Diese Tatsache ist nach zwei Richtungen zu werten:
Positiv: Macht und Leben sind in einem selbstverständlichen Verhältnis, keins dem andern gegenüber exklusiv.
Negativ: Die Macht ist autark, verselbständigt, und was vom Leben zurückkommt, ist Druck.
Für das Verhältnis von Macht und Leben in unserer Gesellschaft sind beide Seiten charakteristisch und Realität.
Leiter üben Macht aus. Das muss die ZF ihrem Lehrgangsteilnehmern bewusst machen.

# Das Thema “Macht” hat mich durchaus beschäftigt, aber ohne jede Ahnung, was mit dieser Macht 7, 8 Jahre später geschehen würde.

Die realsozialistische Macht (zu ihrer Verbesserung) frontal anzugreifen, war mir ein undenkbarer Gedanke. #  

Meine Krankenperspektive:
August - wie Juli, Warten auf Besserung
September - Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung der Operation
Oktober - Kur
November - endlich wieder Arbeitsbeginn.
Wie groß ist das Risiko der Operation?

Immer wieder Staunen darüber, wie fesselnd jetzt Granin “das Gemälde” für mich ist, ein Buch, über dessen Anfang ich zu anderer Zeit nicht hinauskam. Mit Aitmatows “Jahrhundertweg ” wird es mir wohl ebenso gehen.
Was die Russen schon haben - unsere Kunst dagegen - Cezanne.

# Ende des vierten Protokollbandes. # 


31. Juli 1982 - Antagonismus durchdringt unseren Alltag

Montag, Februar 4th, 2008


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Lesen: Goethe, “West-östlicher Divan”, Fühmann, “Pavlos Papierbuch”, Granin, “Das Gemälde”, “Lexikon der Antike”
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Wir sind uns zu oft nicht bewusst, wie sehr wir Kinder des Antagonismus sind.
Zum Beispiel: Westliche Radiosendungen sind massiert nicht zu ertragen. Erträglich werden sie nur auf der Basis unserer Propaganda.
Ebenso: Es ist die Vaterlandsverteidigungs eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Nur der jahrzehntelange Angriff auf die Existenzberechtigung der DDR kann in so breiten Kreisen eine so selbstverständlicher Abneigung gegen den Wehrdienst hervorrufen.
Eine Gesellschaft des Privateigentums bringt die sozialökonomische Macht des Mannes und zu ihrer Sicherung das Patriarchat hervor. Ohne Privateigentum gibt es keinen sozialökonomischen Zwang bei der Zuordnung der Nachkommen. So entsteht zunächst spontan wieder Matriarchat. Die höhere Stufe besteht eventuell darin, dass in der Perspektive die Qualität der Menschen und der Gesellschaft so steigt, dass es keine relativ naturwüchsige Zuordnung der Nachkommen zu einem bestimmten Elternteil gibt.

Mit Scharmanidis zwei junge Sowjetbürger kennen gelernt, die wohl zu den Privilegierten gehören. Will sie nächsten September besuchen und dann ins sowjetische Leben riechen, in seine Hierarchie?
Granin “das Gemälde” seziert diese Praxis der Administration, der Macht. Fühmann “Drei nackte Männer” hat dasselbe Thema.
Wie die Macht ausgeübt wird ist die zentrale Frage unserer Revolution, unserer Kultur, unserer Moral. Auf diese Rechnung ist der Finger zu legen. (Und wozu gebrauchen wir unsere Macht?)

29. Juli 1982 - weiter krank

Montag, Februar 4th, 2008



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Lesen: Goethe, “West-östlicher Divan”, Fühmann, “Pavlos Papierbuch”
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Meine Ablösung von L. erlebt eine neue Phase. Das Wahrhabenmüssen aber noch nicht wahrhaben können geht zu Ende. Ich empfinde zunehmend Befreiung (neben allem Bedauern, das bleibt, aber nun mehr rational vermittelt wird.) Die Folge ist auch ein ausgeglicheneres Verhalten zu ihr.

Heute viel unterwegs, viel gesessen, viel gelaufen. Jetzt bin ich wie gerädert und 2x ausgerenkt. Ich bleibe Hinkebein. Die Ärztin heute sagte, wenn es keine Fortschritte gibt, wird eine Operation wahrscheinlicher. (”Manuelle Therapie” hält sie nicht für möglich.)

In guter Stimmung heute den Lehrgang verabschiedet. Auch G. bleibt weiter krank.

F. entdeckt im Hintergrund des Fernsehbildes Springbrunnen.
Ich:” du hast aber gute Augen, einen guten Blick.” Er: “Ja, einen guten Augenblick.”

27. Juli 1982 - das Schöne und meine Praxis

Samstag, Februar 2nd, 2008


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Lesen: Goethe, “West - östlicher Diwan”, Hölderlin, “Empedokles”, Walter von der Vogelweide, Brentjes “Mittelasien”,
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In der Nacht vor Schmerzen wieder mal munter. Manchmal glaube ich, es bessert sich gar nichts. Eigentlich warten die Ärzte bloß. Nächste Woche rufe ich Eberhard Quietzsch an und frage genau nach Dr. Jurk.

Ich las Hölderlin, las “Faust” (meist im Urlaub), lese jetzt “West - östlicher Diwan”, wieder Hölderlin (wieder in einer besonderen Zeit). Das normale Leben und diese Lektüren fallen auseinander. Einerseits das Leben der Bedürfnisse, Ziele und Tätigkeit, andererseits das Leben der tieferen Wahrheit und des Schönen. Ich selbst bin die Klammer zwischen beiden. Doch ich weiß selbst am besten, wie wenig ich das bin, wie wenig ich, in dem einen Bereich zuhause zugleich und unvermittelt auch in dem anderen Bereich zuhause bin. Viele Zeitgenossen sind überhaupt nur in einem der beiden Bereiche zuhause und erleben den anderen nur negativ.

Unsere Zeit des gewaltigen Antagonismus zwingt die Millionen zur zweckmäßigen, bewussten Tat. Dabei geht es noch immer um das elementare Bedürfnis: Ums nackte Leben. Diese Bedürftigkeit gebietet die Übermacht des Zweckhandelns und die Ohnmacht, das Randleben, des seligen Spiels der Schönheit. Das ist eine historische Gesetzmäßigkeit, die ich nicht ignoriere oder gar bejammere, sondern begreife und der ich mich unterwerfe. Die damit gegebene Deformation ist unvermeidlich. (Und wir sind unvermeidlich alle deformiert, in individuell verschiedener Weise.) Jedoch Gesetz bleibt es natürlich, daß Wahrheit nur im Ganzen liegt. Meine oben genannten Lektüren stärken ja dieses andere Organ, dieses “zweite Bein” des Ganzen, dessen mangelnder Integration zum wirklichen Ganzen ich mir so schmerzlich bewusst bin. Welche Momente von Ganzheit gibt es bei mir?
Einerseits: Bei der Erfüllung meiner praktischen Aufgaben bewahre ich eine gewisse “lebensphilosophische” Abgeklärtheit. Von Karrierestreben bin ich frei. Von den Diktaten oder Lockungen des sozialen Status wie der Konsumtion (in sehr vielen ihrer Bereiche aber nicht in allen) bin ich nicht korrumpiert.
Andererseits: Beim Genuss der Weisheit und des Schönen bleibe ich mit den Füßen auf der Erde, bleibe Materialist, gebe weder meinen Verstand, noch meinen Bauch, noch meinen Schwanz ab.
Das ist nicht wenig aber auch schon alles.
Worin bin ich durchaus kein Ganzer?
Meine “Ganzheit” ist vor allem eine der Reflexionen, der Einsicht, nicht so sehr der Praxis. Ich produziere fast keine Schönheit. Vom Lebendigen flüchte ich mich oft ins Rationale, ins Abstrakte, ja sogar Zweckhafte (im besten Fall in die Einsicht). Das ist eine Form der Abwendung vom Lebendigen, während das Schöne immer am Lebendigen bleibt. Dem Schönen gegenüber bin ich fast nur Konsument, nicht Produzent. Also geradezu ein Vernichter von Schönheit? (allenfalls ein Umwandler von “Schönheit” in” Weisheit”).
Kann ich Schönheit produzieren? (Noch nicht einmal wer liebt, produziert automatisch Schönheit.) Vielleicht im Garten: Manche Bohnenranke, Tomatensäule, die Eberesche,die Heidelbeeren).
Mit Aktfotografien? Wenn sie ehrlich sind, muß in ihnen zuerst mal mein Unterworfensein unter den Sexus sichtbar werden, eine Zwangssituation, nicht schön. Und dann? Wenn ich die Scheu überwunden und das durchlebt habe. Wird dann das Bedürfnis nach Schönheit zum Hauptbedürfnis und so auch produktivem Antrieb werden?

Und noch dazu:
Ich preiße bei mir in Gedanken immer “die heilige Nüchternheit”, Goethe aber preißt den Wein:
Adam: “Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung,
sobald er sich benetzt,
so wie der Teig durch Säuberung
sich in Bewegung setzt.”
(”Erschaffen und Beleben “, Buch des Sängers, West - östlicher Diwan)
Und ebenso Goethe: Wissen blähet auf.

Jedoch: Diese ganze Problematik (die Widersprüchlichkeit) darf ich auch nicht mystifizieren, bzw. allzu sehr auf das Problem des Schönen einengen. Ich habe ja in diesen Tagen auch die Geschichtsbücher von Brentjes gelesen. Da geht es ja mehr um Wissenschaft.
Im Grunde geht es wohl um die Horizonte des Lebens im Gegensatz zur Tretmühle.

Jedoch: diese ganze Problematik (die Widersprüchlichkeit) darf ich auch nicht mystifizieren, beziehungsweise allzu sehr auf das Problem des Schönen einengen. Ich hab ja in diesen Tagen auch die Geschichtsbücher von Brentjes gelesen. Da geht es ja mehr um Wissenschaft.
Im Grunde geht es wohl mehr um die Horizonte des Lebens, im Gegensatz zur Tretmühle.

26. Juli 1982 - Spannungen mit dem Chef

Samstag, Februar 2nd, 2008

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Lesen: Goethe, “West - östlicher Diwan”, Hölderlin, “Empedokles”
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G. fragt mich am Telefon, ob ich die Beurteilungen so geschrieben habe, dass die Männer sie lesen können, oder ob er wieder glätten muss. (Woher soll ich wissen, ob und wie er glätten würde?) Bin gespannt, wie die Männer reagieren. (In meinem anderen Lehrgang damals, gab es nur mit Dr. Schneemann längere Diskussionen, die aber an der Beurteilung nichts änderten.)

# Da ich den Chef monatelang wegen dessen Krankheit vertreten hatte, hatte ich, obwohl nun selber seit Wochen krank, die Abschlußbeurteilungen der Lehrgangsteilnehmer zu schreiben. Meine Beurteilungen waren meist etwas deutlicher und weniger im “kaderdeutsch” abgefaßt. Damals hatte ich noch keine Ahnung davon, welcher kryptischen Sprache man sich heute in Personalbeurteilungen bedient. #

Meine Ischias-Reime (”horizontal”) habe Ich mitgeschickt. Bin auf die Reaktion des” lieben Chefs” gespannt.
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Wenn ich liege und ruhe, stelle ich immer fest, dass es mir besser geht. Aber heute der Gang zur Post (das sind vielleicht zweimal 250 m) oder meine halbe Stunde Aufstehen, das macht mich völlig fertig.

25. Juli 1982 - Hansi Biebl

Samstag, Februar 2nd, 2008


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Hören: langes Interview mit Hansi Biebl. Zum ersten Mal höre ich seine Musik bewusst. Davon gefällt mir vieles in seiner Schlichtheit, Genauigkeit, Gedanklichkeit. Darin drückt sich unsere Zeit aus, der der hohe leidenschaftliche Flug fehlt. Überhaupt müsste ich mich wieder mehr um Schallplatten kümmern.

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23. Juli 1982 - Protokoll

Samstag, Februar 2nd, 2008


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Lesen: “Antike Kameen”, (Insel-Bändchen), Weltbühne, BZ, ND, “Rheumafibel” (Keitel), von Brentjes,”Die Söhne Ismaels”, von To Hoai “Grashüpfer Men”,
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Ich spüre deutlich, wie mein Interesse für das Protokoll nachlässt, wenn ich so auf mich selbst gelenkt bin, wie in den letzten Wochen. Es kreist weniger in mir, und was da kreist, erscheint mir nicht mehr wichtig.

22. Juli 1982 - Lebensmitte

Samstag, Februar 2nd, 2008


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Jetzt werde ich 42 Jahre alt: Das heißt, ich gehe in die zweite Hälfte des von mir anvisierten Alters (84).
Doch man kann es auch anders sehen: Bald gehe ich auf die 50, und lass es nicht zur 84 kommen, sondern nur zu, sagen wir, 75. Dann heißt das, ich bin schon weit in der zweiten Hälfte, gar schon beim letzten Drittel.
Als ich L. kennenlernte, war ich 35. Das waren noch die letzten Ausläufer des Jung-Mann-Alters. Sind es auch diese Dimensionen, die diese sechs Jahre so bedeutsam und ihren Verlust so schwerwiegend machen?
Mir scheint, dass jetzt jedenfalls eine neue Arbeit einen wichtigen Aufschwung bringen könnte.
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Bisky stellt fest, dass heute viele Informationen des Rundfunks, auch zum Teil des Fernsehens beiläufig aufgenommen werden, als Nebenaktivität. Andersherum kann man sagen, viele Sendungen sind so flach, dass man sie überhaupt nur nebenher konsumieren kann.
Unsere Zeit der ewig hämmernden Beat-Schläge.

Dax # Freundin von L. # fragt (in L.s Gegenwart) was im Garten mir gehört. Ich sage:” Mir gehört hier gar nichts. Ist alles nur geborgt.”

# In den Garten, der L. gehörte, hatte ich viel Zeit aber auch einiges Geld eingebracht. #