Archive for März, 2008

18. September 1982 – in unseren Betrieben: Der Mensch zählt nichts

Donnerstag, März 27th, 2008

[...]  die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Schuheinlage basteln, Wechsel von Schmerzen und gutem Gefühl im Bein. Abends: Das Schmerzkarussell dreht sich wieder.

[...] Lesen: Dante, “Göttliche Komödie” „Das Paradies – 5. Gesang,

[...] 7 Zimmerkumpel anwesend, abends mit vier Kumpelinen aus dem Nebenzimmer;

[...] Hören: (Kopfhörer): „Rusalka“ von Dvorak, weiterer Dvorak, Debussy

 Schwester Karin, 25. J. Im Dienst, davon 10 Jahre Poliklinik, hat sich „mit dem Beruf ausgesöhnt“. Kann sich nun keinen anderen Beruf vorstellen.

[...] Mein gestriger Besuch im Garten, wo Vieles verwahrlost wirkt. Empfinde das schon, wie ein Fremder. Meine eigenen Bäume sind mir fremd geworden. Die Himbeerhecke ist hin. Bohemiens sind keine Gärtner. Es geschieht, daß das Bohemeleben auch Poesie produziert, doch es selbst ist noch lange nicht, nicht aus sich selbst, Poesie.

Die plastischen Entwürfe Fränzes (Kinder-Reliefs). Es ist etwas – „Pornografisches“ dabei und zugleich eine Wahrheit. (Es ist wohl Pornografie überhaupt eine Art von Wahrheit.) Wieviel höher die Bilder L.s von F.

 

Die schier „göttliche“ Poesie eines Dante, Homer, Goethe, Hölderlin, Gorki! Daran gemessen ist unsere tägliche Kunst auch allen Mängeln der Zeit unterworfen, gerade auch und je mehr sie sich anders gebärdet. (Wenn sie’s offen zugäbe, wäre ja nichts weiter dabei.)

Anneliese und Renate erzählten, daß Kaderleiter Schulze abgelöst wurde. Vielleicht erblindet er. Die Entscheidung wurde solange aufgeschoben, bis der Mensch kaputt war. Schrieb Kurt in seinem Brief, daß in den Betrieben nur noch technisch-ökonomische Probleme zählen, Fragen der Kultur überhaupt nicht, so kann man noch krasser sagen, daß allzu oft der Mensch gar nichts zählt. Die Arbeitsagonie des Heinz Schulz vor unser aller Augen (nur ich hab mal gewarnt), ist ein beredtes Beispiel. Eine spezielle (politisch-parteiliche) Verantwortung dafür trägt G.

Labilität des Erlebens der Kranken, ihrer Stimmungslage. [...]  Die Leidenschaften der Faster nach 14 Tagen Fasten. Fastenkoller! Manche wollen alles haben, ohne viel zu tun. Sie wollen alles fressen, ohne dick zu werden, und schließlich soll sie der Arzt noch dünn machen ohne eigenes Zutun. Das geht mir zeitweilig auf die Nerven. Mancher – und Mancher ohne es zu wollen – lebt zu sehr auf Kosten anderer.

17. September 1982 – das GANZE leben

Freitag, März 21st, 2008

[...] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perl, Periostmassage;

# Dr. Krause erläutert mir ausführlich die Bedeutung des verkürzten Beins. #

Zum Orthopäden, Schuh bestellen, zum Friseur, Abstecher in den Garten;

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – BZ, Magazin, Weltbühne. NBI;

Dante, “Göttliche Komödie” „Fegefeuer“ Ende,

[...] 7 Zimmerkumpel anwesend, Skat;

[...] Hören: (Kopfhörer): J. K. Forest, Schubert, Vivaldi, Brahms

[...] Schwester Evi, geb. 1961, 1967 bis 1972 im Heim, ab 1972 bei Pflegeeltern (Lehrer (gestorben) Erzieherin), Pflegemutter ist jetzt 40 Jahre, seit einem Jahr in Berlin, Evi seit 2 Jahren in Berlin. Sie hat im Armaturenwerk Herzberg Dreher/Schleifer gelernt. Ihr Pflegevater starb 1980, 44-jährig.

Aus der Stadt zurück, bin ich ganz erschöpft – bis zur Deprimiertheit. Anfangs hatte ich erhebliche Schmerzen, doch ab Mitte der Strecke merkte ich, daß ich mehr humpelte als Not tat.

Das Leben „drin“ und „draußen“ hat ganz verschiedene Gesetze, ist ganz verschiedenes Leben. Wie kann man so leben, daß einem immer das ganze Leben gegenwärtig ist?

(Das war eine Funktion, die früher der Gottesdienst hatte. Einmal in der Woche Besinnung. Welchem Gott dienen wir ähnlich bewußt? (Im Reclam-Bändchen über Käthe Kollwitz S. 50 wird die Kraft der Einheitlichkeit des katholischen Glaubens, die sich in den Kirchen verkörperte, hervorgehoben!)

Freilich, so auf das Ganze gerichtet leben zu wollen, kann heißen, in einer Welt der Einseitigkeit zwischen allen Stühlen zu sitzen, recht einsam zu sein.

Auch diese Unwiderruflichkeit: Das Ganze zu wollen, heißt irgendwann auch, nur noch das Ganze zu können.

16. September 1982 – Gedicht für Evi

Freitag, März 14th, 2008

[...]

Die täglichen Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periostmassage; Dr. Krause schickt mich nach Hause, damit ich Schuhe hole, an denen eine Absatzerhöhung gemacht werden kann.

# Er hat beim nochmaligen Messen festgestellt, daß mein eines Bein 1 cm kürzer ist. Der sich daraus ergebende Schiefstand führt zu den Belastungen, Schmerzen meiner Wirbelsäule. Diese wiederum führten unter den Streßbedingungen der letzten Monate zu einer chronischen Nervenentzündung. #

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND;

Dante, “Göttliche Komödie” II 31. Gesang, [...]

7 Zimmerkumpel anwesend, Manfred schwadroniert (unernst) rassistisch, nationalistisch.

[...] Ich habe ein Gedicht für Evi geschrieben.

 

Für E.

Ziellos, auf breitem Strom, treibt meines Lebens Floß.

Müd’ ruhen meine Hände auf dem Steuer.

Schon herbstlich Land vorüberzieht?

Doch satt sind diese Augen nicht!

Und Du, staunendes Herz?

 

Lichthelle Taube streift mich mit dem Flügel.

Bist Friedensvogel Du, bist lieber Bote mir?

Oh halte ein im schnellen Flug

und setze Dich zur Rast!

Das schwere, dunkle, kalte Floß,

es freut sich Deiner Last.

 

Diese lyrische Erklärung überreicht, befallen mich sofort Zweifel, ob dieses Mädchen Evi tragen kann, was ich ihr aufbürde. Ist es schon ein künstliches Elektrisieren von Sympathie?

[...] Voller Schwäche auf dem Weg von und nach Buch. Schöne Frauen. Ich bin ganz gleichgültig. Jenseits aller Begierden. Der Ausflug war anstrengend aber nicht schmerzvoll.

15. September 1982 – „Nofretete“ von Tendrjakow

Donnerstag, März 13th, 2008

[...] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perl;

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Berliner, „horizont“;

Dante, “Göttliche Komödie” II 29. Gesang, Tendrjakow, „Nofretete“,

Hören: Streichquartette von Haydn, Vortrag über Psychophysiologie

[...] 7 Zimmerkumpel anwesend, Skat mit Monika und Rainer, Streit mit Manfred und Siggi über Türken, Zigeuner usw.

[...] Nofretete“: Sowjetunion der Nachkriegsjahre (S.423):“Mit den feuchten, düsteren Stehbierkneipen verschwand nach und nach auch die erschwinglichste Freiheit jener Jahre: für seinen hart erarbeiteten Lohn, Wodka zu trinken.”

Der Maler Sawwa Iljitsch (S.441):“Du und die Birke in lautlosem, trautem Zwiegespräch. Ein Zweiglein der Birke hat einen Knick und sie sagt zu mir:“Sieh genau hin, das ist kein Zufall, das hat seinen Sinn!…“

Die Russen haben schon eine Kultur des Romans. Selbst in diesem nicht hervorragenden Werk gibt es schöne Stellen.

14. September 1982 – seit 5 Wochen zum 1. Mal aus dem Haus

Donnerstag, März 13th, 2008

[...] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perlsches Gerät, Bindegewebsmassage;

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – BZ,

Dante, “Göttliche Komödie” II 23. Gesang, Tendrjakow, „Nofretete“,

[...] 7 Zimmerkumpel anwesend, Skat mit Monika und Rainer

[...] Seit dem 5. 8. gehe ich zum ersten Mal aus dem Haus, für 10 Minuten. Dieser Spaziergang beschert mir sofort wieder heftige Schmerzen und macht mich zur schnellstmöglichen Operation entschlossen. Hier und bisher wird nur graduelle Besserung durch Ruhe erreicht. Die Ursache kann nur die Operation beseitigen.

[...] Vorfreude, Träume von Evi. Ich zweifle sehr, daß sie Wahrheit werden, aber noch würde es keinen tiefen Schmerz bedeuten.

Zu dieser Stimmung paßt ein Satz aus „Nofretete“ von Tendrjakow (S.303):“Es ist so wichtig, an sich selbst zu glauben. Dank sei denen, die dir, ohne es zu wissen, diesen allmächtigen Glauben schenken. Dank denen, die dich wärmen.“ Sonst enttäuscht aber dieser Roman. Lange habe ich an Bernd Wagner gedacht, möchte ihm schreiben.

[...] Schwester Evi sagte ich die Fieber- und Pulswerte aller Zimmerkumpel an. Nach jedem Namen schaute ich voller Freude in ihr Gesicht; schöner Mund, schöne Nase. Sie ist vielleicht (unmerklich) verlegen. „Ich möchte ihnen eine Stunde lang ansagen.“ Sie lacht. Ich wieder:“Der macht Komplimente, nicht?“ Beim Rausgehen wünscht sie einen schönen Nachmittag. Ich:“Wenn Sie hereinschauen“. Sie:“zum Abendessen.“

13. September 1982 – OdF – Opfer des Faschismus

Donnerstag, März 6th, 2008

[...]  die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel, Perlsches Gerät;

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – BZ, BZA,

Dante, “Göttliche Komödie” II 16. Gesang, Tendrjakow, „Nofretete“ (enttäuschend),

Hören: Neue Deutsche Welle,  [...]

7 Zimmerkumpel anwesend, ein Neuer – Heinz Lauenrot, Patentingenieur, 110 kg [...]

Heute fühl ich mich so schmerzfrei, wie seit langem nicht (Noch gestern dachte ich: Lieber Operieren, wenn es sich doch nicht bessert.), glaube auch wieder, gerader geworden zu sein. Gleich, sofort habe ich wieder ein schlechtes Gewissen, hier zu liegen.

BZ berichtet von der OdF-Kundgebung am 12.9.

# OdF – Organisation der Opfer des Faschismus. Der 12. 9. war /ist der Gedenktag für die Opfer des Faschismus und die antifaschistischen Widerstandskämpfer. #

Reden von Axen und A. Banfi. Axen: “… im Gedächtnis der Völker eingeschreint…“ und noch Vieles dieser Art. Banfi findet Sätze, die zu Dir Mensch als Partner sprechen. (Wie Fürnberg: So hab doch mit dir selbst Erbarmen.)

# Hermann Axen war langjähriges Politbüromitglied der SED. Da er Auschwitz überlebte, wo er eine Funktion in der Widerstandsorganisation innehatte, war er oft der Redner bei antifaschistischen Gedenkkundgebungen. A. Banfi, Italiener,  war, soweit ich mich erinnere, Präsident der FIR, der Internationalen Organisation der Widerstandskämpfer. Übrigens gibt die FIR vierteljährlich ein Informationsbulletin heraus. #

Zimmerkumpel Manfred Krüger, den ich darauf aufmerksam mache, wehrt ab: „Mich interessieren diese Kumpels nicht. Die reden, aber es wird doch alles nur schlimmer, ändert sich doch nichts.“

Massen von Liedern der „Neuen Deutschen Welle“ – Daran kann man nicht einfach vorbeigehen. [...]

 

12. September 1982 – Gorki: „Klim Samgin“

Mittwoch, März 5th, 2008

[...] heute Sonntag keine Behandlungen, Schmerzen im Bein deutlich

[...] Lesen: Gorki, „Klim Samgin“, Tendrjakow, „Nofretete“, keine rechte Konzentration,

[...] 6 Zimmerkumpel anwesend, Träume in der Nacht.

Gorki spricht davon, wie sich die Menschen erfinden. Ist es wirklich nur Erfindung? Wo hört die Erfindung auf und fängt die Wirklichkeit an (das Ursprüngliche)? – All das hab’ ich auch schon oft erlebt. Jetzt gerade erfinde ich mir Evi. (Eben war es still. Jetzt wieder Radiodusche, Quatschen und jede Stimmung ist zerstört. Nichts geht mehr zu Finden oder zu Erfinden.)

Das Leitmotivische im „Klim Samgin“: „Ist denn überhaupt ein Junge dagewesen? Vielleicht war gar kein Junge da?“ Mir sind auch solche leitmotivischen Eindrücke, Erlebnisse bewußt (Mutters erschrockenes „ Ach, ja“ als der Ball in der Ostsee abtrieb, die Schallplattenrede von Peter E. bei meiner Schulentlassung, später ein Filmtitel: „Never lets go!“).

Gern möchte ich wissen, wie es anderen geht. Mich trifft der Gorki mit vielen Charakterisierungen des Klim Samgin schmerzhaft genau, ärgerlich genau.

Gemessen an den Gesprächen meiner Zimmerkumpel dominiert eindeutig die bürgerliche Welt in ihrer geistigen Welt.

Eine eigenartige Fesselung durch „Klim Samgin“ (bis S. 105). Wieder (auch beim 2. Lesen) bleiben mir viele Gestalten etwas blaß, unanschaulich. Zugleich habe ich das Gefühl, daß Gorki z. B. in den geschilderten Teegesprächen soviel mehr sagt, als ich verstehe, Perlen verstreut, für die ich Sau bin. (Ob der Roman an diesen Stellen doch „zu russisch“ ist?) Und Gorki hat einen Reichtum solcher Perlen, wie ihn nur die Größten haben. Er steckt in drei Zeilen, woraus andere eine ganze Erzählung machen. [...]  Es steht soviel zwischen den Zeilen. Bei Andrej Platonow steht auch viel „zwischen den Zeilen“. Dort ist es ein Springen von Stein zu Stein, von Scholle zu Scholle. Nach jedem Sprung steht der Leser wieder fest und zugleich an einem neuen Punkt und erschrickt oft im Nachhinein über den Sprung, über das, was er übersprungen hat; doch diese Sprünge entlang einer Linie!

Bei Gorki aber: Sprünge in einem Netz, in einem Geflecht mehrerer Linien, in einem Feld, Beziehungsgefüge vieler Individuen. Bisher kann ich das nur ahnen, kaum nachvollziehen, aber schon diese Ahnung ist atemberaubend. [...]

Manfred Krüger, der viel und gut erzählt, ist der Erste hier, der mir in seiner Widersprüchlichkeit faßbarer wird. Grobheit und Zartheit. Es gibt keine Frau, mit der er es länger als 5, 6 Wochen aushält. Er ist allein. [...]

Leseanfang Tendrjakow „Nofretete“. Dabei eine Erinnerung aus den Jahren 1961 oder 62. Die Rede ist von einem Uni-Dozenten, der nach dem 13.8. 61 in seine Vorlesung einflicht, daß er froh sei, sich vor der Mauer noch einmal die Nofretete (in Westberlin) angesehen zu haben. Wir sind empört ob dieser infamen, hinterhältigen Kritik an der Mauer.

Wie glücklich wäre ich heute, die Nofretete gesehen zu haben.

Eigentlich hören die Leute ungemein viel Musik, Unmengen! Welche Musik hören sie? Wie hören sie? [...]

Besuch von L. und F.  F. kommt herein und stürzt sich begeistert auf mein Nachtschränkchen (in dem eine Straßenbahn ist). Auf dem Bett sitzend, essen wir gemeinsam Abendbrot.

 

 

11. September 1982 – Fernsehen, Literatur, Kunst

Mittwoch, März 5th, 2008

[...] die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel;

[...] Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – BZ, BZA, Eule, Magazin

Dante, “Göttliche Komödie” I, Hegel, „Logik“, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[...] Reden mit den Mitpatienten: Thema Straßenbahn, Nahverkehr,

[...] Immer noch rasche Wechsel der Befindlichkeit. Eben ganz schmerzfrei, locker (sofort das schlechte Gewissen), 20 min später (nach Abendessen, kleiner Wäsche) kräftiges Brennen

[...] Erstaunlich, wieviel Werbung die Menschen (meine Mitmenschen hier) hören und sehen! Ebenso, wie gering das Interesse für Sport allgemein und für DDR-Sport im besonderen ist!

sportkanonen.jpg

Seit einigen Tagen ist ein Fernseher im Zimmer. Aus zu großer Entfernung (die im anderen Sinne gerade die richtige ist), sehe ich auf das Geflimmer und den Kreis von Menschen, der sich jenem aussetzt. Die Urmenschen, die ins Lagerfeuer stierten, haben Lebendigeres geschaut. 10-mal gekochtes, getrocknetes, konserviertes, dann wieder elektrisiertes Leben wird da vorgeführt und hemmungslos inhaliert (Mir fällt wirklich kein anderes Wort ein, um die dabei zu beobachtende Teilnahmslosigkeit wiederzugeben („Angeeignet“, „Aufgenommen“ drückt viel zu viel eigene Aktivität aus.) Tote, die auf Totes stieren!

Jedoch:Wie viel Lebendiges trotz allem im täglichen Umgang, in Worten, Gesten, Scherzen, Melodiefetzen – Lebendiges, das sich sogleich wieder mit Erstarrtem, Verkrustetem mischt bzw. mit bestimmten verfestigten Elementen (Jargon z. B., Fetzen aus der Werbung) jongliert.

Summa summarum bin ich ebenso abgestoßen, wie fasziniert, bin kaum bereit und fähig, darüber in Metasprache zu sinnieren, wohl aber komme ich zu einer Art Metaverhalten: angepaßt zwar, weil fast nie protestierend (und das mit Absicht), alles hörend und wenig sprechend, jedoch die Menschen in wenigen („gewissen“) Augenblicken als Menschen ansprechend (also die Schicht des Üblichen durchstoßend). Dies besonders aber bei Frauen (Grit, Monika, „Rudi“, möglichst Evi).

Die „wahren Geschichten aller Ardt“ von Strittmatter gekauft, durchstreift, wieder verkauft an „Rudi“, nein, ihr geschenkt. Viel braucht man dazu nicht zu sagen. Immer läßt sich ein bißchen bei ihm finden: Erleben, Denken, Poesie, Galligkeit. Dafür Dank! Doch auch ‘ne Menge Eitelkeit, Lausitzer Knickrigkeit, die mir das Gefühl gibt, über diese Seite seines Wesens hinaus zu sein. Es trügt, zu glauben, er sei ein so Großer, daß noch sein Abfall bedeutend sei; von Souffleuse Eva zu schweigen. Ihr Nachwort ist ein einziger Kotz.

Wenn ich nun einen Schritt zurücktrete von dieser Lektüre, so erhebt sich neu die Frage: Wohin schreibe ich mit meinem Tagebuch? Diese Frage ist nicht beantwortet. Es eilt auch nicht damit. Aber sie muß bewußt bleiben. Was aufschreiben? Wie aufschreiben? (Was ich aufschreibe ist oftmals – wortreich/geschwätzig, ungeformt (unschön), ich-vordergründig. Es spart manches Üble nicht aus (was andere Tagebuchschreiber machen). Erlebnisse, Sinn paart sich mit (möglicher) systematischer Zeitanalyse. Es sind, so hoffe ich, auch Körnchen Originelles dabei. (Im Magazin 9/82, St. Kurella: „isolierte Graphomanen“)

Triumphieren darf ich (doch das klingt wie Fußballsieg), selig, glücklich darf ich sein, daß der Stern des Dante nun auch für mich aufgegangen ist: Welch ein Bild, um das zögernde Voranschreiten einer Schar schamhaft beglückter Geister auszudrücken („ausdrücken“ – wie häßlich meine Sprache ist):
So wie die Schäflein aus der Hürde kommen

zu zweien oder drein, indes die andren

furchtsam so Aug’ als Schnauze niedersenken,

und was das erste tut, das tun die andren;

einfach und still und das Warum nicht wissend,

stehn sie ihm angedrängt, sobald es stehnbleibt.“

(„Fegefeuer“, 3. Gesang)

Doch wozu schreibe ich das heraus? Mein Lesen ist ein einzig Wandern von Schönheit zu Schönheit, zu hoher menschlicher Schönheit! Das heißt zu der Schönheit, die mit dem Guten eins ist. Wie dumm und in unseren Zeitwidersprüchen befangen sind alle Meinungen, die Schönheit von Güte, Ästhetik von Ethik, Kunst vom sozialen Kampf, von Politik trennen wollen! Ich wußte das immer. Doch welch eine Bestätigung sind die Jahrtausendwerke der Menschheit, zu denen ich mich hinaufarbeite. (Man lächle über meinen Stolz.) – „Odyssee“, „Göttliche Komödie“, „Faust“.

Gestern ein erster ruhiger Blick auf L.s Studien aus Warwara.

# Warwara – ein Dorf an der südlichen Schwarzmeerküste Bulgariens, von L. und mir bei einer Tramp-Reise 1976 entdeckt und seitdem Jahr um Jahr von L. zum Erholen und Arbeiten (Zeichnen) aufgesucht. #

Von vielen bin ich wieder sehr angetan. Farbigkeit und Strichführung finde ich „heftiger“, „Leidenschaftlicher“ (schärfer?). Die Beherrschung der technischen Mittel (Farbe, verschiedene Arten des Kohlestrichs) wirkt ganz selbstverständlich. Natürlich fesselt auch wieder die Exotik, jedoch sind Skizzen dabei, in denen die Gesichter und Haltungen (und auch Landschaften) sehr viel mehr als nur exotisch sind; mal eine Erinnerung an Barlach. Auch zwei rührende Zeichnungen von F.

 

 

04. September – 10. September 1982 – fünfte Woche Krankenhaus

Sonntag, März 2nd, 2008

# Die Eintragungen der Woche fasse ich angesichts des Krankenhauseinerleis wieder zusammen. #

Die täglichen Behandlungen, Lakenbad, Wickel; ferner, Bindegewebsmassage, Schlammpackungen; Reizstrom, Gymnastik, Duschbad mit Haarwäsche, peinlich: Während ich im Lakenbad liege, wächst beim kurzen Gespräch mit der jungen, sympathischen Bademeisterin, unversehens mein Glied empor.

[...]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – ND, BZ, BZA, Kleingarten, Wochenpost, Eule, Weltbühne, Magazin, Sportecho, Sport und Technik,

Illustrierte: NBI, “für dich”, Freie Welt,

Gorki, “Klim Samgin”, G. d. Bruyn, „Leben des J.P.F. Richter“, Dante, “Göttliche Komödie” I, Tendrjakow, “Nofretete”, Strittmatter, “Geschichten aller Ardt”,

[...]

Reden mit den Mitpatienten: Armeestories, Essen, Arbeit auf dem Bau, Ficken, Manfred spielt ein Pornotonband aus dem Westen vor. Rolf erzählt begeistert von einem Bergurlaub, Probleme der Arbeit, Japan, Witzkassette, Skat spielen,

[...]

Viel Lektüre, “bedeutende Empfindungen”. Was bewirkt das alles in mir? Fülle ich einen Topf, der dann keine andere Bestimmung hat, als einstmals in die Grube gesenkt zu werden? So Vieles bewegt mich beim Lesen. Was bau’ ich daraus? “Das Werk” doch wohl kaum, wenn ich betrachte, wie wenig dies Protokoll der Gedankenbewegung folgt, wieviel verlorengeht. Bau ich mich selbst zum bewußteren Menschen? Zweifelhaft.

Ich bin unfähig, das zu beschreiben, was ich hier mit den Zimmerkumpeln erlebe. Soviel deftiges, spontanes “Volksleben”. Es ist wie eien Neuauflage meiner Armeezeit.

 

Die fessenlde Lektzüre des Jean Paul-Buches von de Bruyn beendet: Anschaulich gemacht wird der Kulturstand vor 200 Jahren. Wie schwer hatte es der Dorfschulmeister. Welch geistige Armut (letzte Hexenverbrennung, Gespensterfurcht, auch die größten Geister in Deutschland gelangten nicht bis zum Materialismus. Die Schwere des Lebens der Studenten (J. P.s Freund Hermann, der Hunger aber auch die sexuelle Not, der Wahnsinn) Die Knechtschaft der Frau – der Lebensweg der Charlotte von Kalb als Beispiel. Das “Schlummern” der Volksmassen, die dünne Schicht Geisitigkeit, das Elend der Soldaten nach der Völkerschlacht.

All das wirtd anschaulich überzeugend erzählt und wirkt den unwillkürlich idyllischen Vorstellungen von der Vergangenheit entgegen und einer ungerechten, weil ahistorischen Kritik der Gebrechen unserer Zeit

Die Begeisterung de Bruyns für J. P. bringt mir diesen natürlich näher, reizt mich aber zugleich zum Widerspruch. Überspitzt: J. P., der nie Mann war, der schwärmerischer Jüngling und Opa war; demokratisch-realistische Fülle, jedoch in ungezügelter Wucherung; Schwärmerei, good will, die sich dem sozialen Kampf nicht stellt. Das sind keine Vorwürfe an Jean Paul. Seine persönlichen Grenzen sind oft exakt die historischen Grenzen der deutschen Enhjtwicklung.

J. P. der Girondist. Der Friedenswünscher, der erst in letzter Sekunde den gerechten Krieg feiert. In den Wertungen dieser Sachverhalte ist de Bruyn recht subjektiv. Aber ein J. P. mit seinem sozialen und poetischen Sinn und wirklichen theoretischen Geist ist nicht möglich. Die Zeit gab es nicht her.

Heute nacht ein detaillierter erotischer Traum mit A. St.

Wesen meiner pornografischen Wünsche? Absolut die Freiheit von gesellschaftlichen Normen ausleben? (Aber doch in Beziehung auf ein anderes Menschenwesen.) Den anderen Menschen absolut meinen Wünschen unterwerfen (die nicht darauf zielen, ihn zu unterwerfen, immerhin aber doch darauf, ihn absolut zu meinem Mittel zu machen.) Doch bin ich bereit, im gleichen Unmaß der Schamlosigkeit sein Mittel zu sein.

 

Erstaunen über die Denkweise des “gemeinen” Mannes: Welche Selbstkritiklosigkeit! Welche spontane, ungebrochene, (gewissenlose) Denk- und Existenzweise im Käfig des eigenen Ich .

Frau Rudolph, die Physiotherapeutin, mit der sich so gut reden läßt, stellte heute fest, daß es “so erstaunlich wenig positive Menschen gibt”. Das ist auch politisch zu versatehen: Die Sucht, negative Erfahrungen zu sammeln und wie Fahnen zu schwenken.

Die Erziehung des Einzelnen in dieser Gesellschaft durch die harten Tatsachen reicht bei weitem nicht aus. Wohin führt das? Ich weiß es wirklich nicht. Die Borniertheit des Konsumdenkens! Dieses produzieren wir selbst!

Jargonsplitter: “Ablachen”, (überhaupt die ganzen Zusammensetzungen von Verbien mit Vorsilbe ab… abschminken, abruhen).  “ein Rohr verlegen”, “rumpeln”, “spitz sein”, “geht los wie’n Gewitter”, “…ist alles zu spät”, “…dann ist Pumpe” . Doch auch wieviel Humor!
Weiter das starke pornografische Interesse, in dem ich ihnen gleiche, das bei mir aber schneller befriedigt ist. [...]

Man vergißt zu viel: In Gesprächen kommen wir auf einen Film zu sprechen, der heute hier gespielt wird. Ich kenne ihn schon: Ein italienisches “Lustspiel”, von einer Kindesentführung handelnd. Ich war erschrocken über dieses “Kulturangebot” bim Sozialismus.

Man muß Distanz haben (einnehmen) zu solchen Teilen unseres Überbaus im Sozialsimus. – nicht nur Distanz, Feindseligkeit ist angezeigt.

Weiter zu den Diskussionen der Zimmerkumpel: Ständiges Räsonieren darüber, was “sie” versaut haben (Doch unerwartet flicht sich bei (fast?) jedem von ihnen auch mal ein “wir” ein.) Das Schimpfen auf “sie” gleicht einer Selbstbefriedigung und –entschuldigung, jedoch hat auch jeder Tatsachen erlebt, wirklicher Mißstände. Wenn die Verantwortlichen Mißstände dulden und selbst verursachen – das untergräbt jedes Vertrauen. Und dabei kommt oftmals die Ohnmacht des Einzelnen zum Ausdruck, wirklich etwas zu verändern. Das formale, bürokratische Arbeiten ist das größte Gift für uns. Das führt bis zur Selbstzerstörung unseres Systems (VR Polen).

# Sehenden Auges in die Krise! #  

Ein Überbau, dem traditionelle Herrschaftssymbole immer wichtiger werden (die Denkmäler der Preußenzeit) und der neue Herschaftssymbole von gleicher Qualität schafft (das Denkmal Thälmannpark, Leninplatz). Nichts Neues, Befreiendes!