Archive for April, 2008

24. September 1982 – Clemens zum Geburtstag

Montag, April 14th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost, Sauna,

Frau Beyer bringt eine ihrer Weintrauben zum Kosten.

[...] Hören: (Kopfhörer): Beethoven, Klaviertrio Nr. 1, Klavierquartett von Dvorak

[...] nachmittags zum Garten, F., der mir freudig entgegenläuft

[...] abends Konzert in der Schlosskirche Buch

Konzertprogramm

 

 

21.45 Uhr, Schwester Evi läßt den Fernseher abstellen!! Ein prächtiger Stich ins Wespennest. Sie ist schon ein prächtiges Mädel und nichts für einen bequemen Partner (hat nicht nur manchmal Schroffheit, sondern sicher auch Eigensinn). Ich verteidige sie in der Zimmerdiskussion entschieden und mit Lust, und es entsteht das schönste Tohuwabohu.

[...] Heute hatte ich einen süßen Traum. Mit einer fremden Frau war ich unterwegs, wir kehrten zurück, ich glaube, es war ein sintflutartiger regen gefallen. Zu Hause spielten Kinder. F./Clemens # F. – mein Sohn mit L., Clemens, Stefan, Christof – meine Söhne aus meiner Ehe #

erkannte mich sogleich und schmiegte sich an mich und drückte mich. Er rückte mir nicht von der Pelle und schlief schließlich zusammengerollt in meinen Armen ein.

 

Hebbel: Jede neue Idee führt in den Köpfen der Menschen, die sich ihrer bemächtigen, „ein solch wahnsinniges Traumleben“. (S. 138).

Mit jedem neuen Menschen beginnt ein „neuer Taten- und Schicksalskreis“ (S. 139). [...]

Nichts ist so tief und bedeutend, daß ihm nicht ein ganz ordinärer, alltäglicher Sinn unterlegt werden könnte (S. 142). (vorschnelles Verstehen ohne Verständnis)

Satire, die nicht von dem freiesten Geist ausgeht, ist unausstehlicher, wie der ärgste Pedantismus“ (S. 144). (Deshalb gibt es im Sozialismus bis jetzt noch keine großen Satiriker.)

 

Viele Menschen sind beständige Schemata, die der nächste, beste Zufall ausfüllt.“ (S. 147) (Gerade die drastischen Bemerkungen Hebbels über den Massemenschen sind für unsereins wichtig, auch wenn sie manchmal pessimistisch sind, denn wir sind in dieser Frage mit einigem Wunschdenken geschlagen.)

 

es gibt Momente, die mir den Samen der Freude ins Herz streuen, die der Gegenwart nichts bringen, als einen leisen Schmerz, und die im eigentlichen Verstande erst unter dem Brennglas der Erinnerung in ihrer Bedeutung, ihrem Reichtum aufgehen. Mancher dieser Momente mag mit einer Stunde, die uns erst jenseits des Grabes erwartet, korrespondieren.“ (S. 146)

Ein schöner Gedanke, der hilft dem zarten Gespinst des Gefühlslebens auf die Spur zu kommen. Samen der Freude, die erst keimen müssen! Doch auch: Leise Schmerzen, die ich lerne zu lieben!

 

Unschuld ist erwachende Sinnlichkeit, die sich selbst nicht versteht.“ (S. 147)

 

Gegen jede sogenannte neue Wahrheit bin ich mißtrauisch, die nicht in mir ein Gefühl erregt, als hätte ich ihre Existenz schon lange zuvor geahnt.“ (S. 147)

 

Das Leben hat keinen anderen Zweck, als daß sich der Mensch in seinen Kräften, Mängeln und Bedürfnissen kennen lernen soll. Wenigstens ist dies der einzige Zweck, der immer erreicht wird, das Leben mag nun sein, wie es will.“ (S. 147) (Damit ist der Sinn des Lebens zwar nur individualistisch aber doch empirisch, nicht spekulativ bestimmt. Und mehr ist wirklich nicht herauszuholen.)

# zu Clemns’ 14. Geburtstag # 

 

Lieber kleiner Clemens!

Mit der Überschrift hat es eine besondere Bewandtnis, das will ich gleich erklären. Heute Nacht habe ich nämlich von Dir geträumt, genauer, von einem kleinen, vielleicht drei- oder vierjährigen Jungen, der Deine Züge trug, vermischt mit den Zügen von F. Vielleicht hängt dieser Traum damit zusammen, daß mir vor kurzem unser gemeinsamer Winterurlaub in der Sächsischen Schweiz eingefallen ist. Kannst Du Dich daran noch erinnern, an die Forstmühle? Auch z. B. daran, wie wir von Decin zurück kamen und im Bahnhof von Bad Schandau soviel gefressen haben, daß dir dann ganz schlecht war? Überhaupt hatte ich ein paar Mal Kuchen besorgt (auf dem Großen Zschirnstein und in Pirna) und dabei wohl nur an meinen Magen gedacht, denn Du hast ja gar nicht viel davon gegessen. Oder weißt Du noch von unserem Besuch bei dem Schnitzer und Holzschneider oder von den Olympiaübertragungen? Na, vielleicht hast Du auch ganz andere Dinge behalten.

Eigentlicher Anlaß meines Briefes ist natürlich Dein Geburtstag und in Anbetracht Deines nun erreichten Alters, werd ich bestimmt nicht wieder vom „kleinen Clemens“ reden.

Möge der ganze Tag schön verlaufen und für das dann folgende Jahr eine angenehme Erinnerung sein. Und dieses Jahr hat ja wieder ‘ne menge Erlebnisse und Erkenntnisse bereit, so daß es bestimmt Spaß macht. Gewiß, all das ist mit Arbeit verbunden, mit Mühen, die manchmal nerven, aber wie schön ist es im Grunde doch, ein gesundes und gesichertes Leben führen zu können. Man ist im Grunde selbst verantwortlich dafür, was daraus wird. Na, Deine großen Brüder geben Dir ja auch Anregungen.

Am 28.9. werde ich übrigens 1 ½ cm größer. Soviel kriege ich unter den rechten Schuh gesetzt, damit wird jahrelange Schieflast und Wanken und Schwanken behoben, denn das ist wohl die letzte Ursache meiner Ischiaserkrankung. Mit der geht es nun schon wesentlich besser. Ich darf spazieren gehen, die Belastung wird langsam gesteigert, und so rückt endlich langsam der Entlassungstermin in Sicht. Vor einem halbe Jahr hatte ich noch nicht gedacht, was einen so erwischen kann. Meine Schlussfolgerung ist jedenfalls: Wehret den Anfängen! Man kann tatsächlich nicht früh genug anfangen sinnvoll und diszipliniert zu leben, natürlich ohne Kleinlichkeit.

Entschuldige, das war mehr Selbstgespräch, sollte keine Predigt sein.

Sei herzlich gegrüßt und mit den besten Wünschen bedacht von Vati und grüß auch Stefan, Christof und Mutti.“

 

Alles für nichts! Ist der irdische Imperativ.“ (Hebbel, S. 148) (Einfach köstlich in der Verkürzung.)

 

Heine wirft den Fackelbrand des Witzes in die werdende Welt hinaus und läßt sie gestaltlos für nichts und wieder nichts verflammen. (S. 148) (Das ist nicht gerecht gegen Heine aber hat einen rationellen Kern.)

 

# Aus einem Brief… #
Mir geht es immer besser. Jeden Tag gehe ich mindestens 2 Std. spazieren, fahre auch Hometrainer und ging heute erstmals zur Sauna. Merke aber auch, daß ich wirklich nur allmählich steigern darf, nach 2 Std. draußen bin ich schlapp wie ein Waschlappen, auch heute noch, obwohl doch schon seit einer Woche geübt…“

 

Die geheimnisvolle Schönheit junger Männer!

Das Erlebnis Evi (und Grit) ist für mich vielleicht wichtiger, als ich mir träumen lasse. Das Vertrauen dieser Mädchen zu mir als einem väterlichen Freund ist überraschend und schön für mich. (Ich verhehle mir nicht die erotische Komponente dabei, doch ein erotisches Moment hat auch die leibliche Vater/Tochter-Beziehung, ist also nichts Besonderes). So wohl mir diese Beziehung tut, läßt sie mich meine Sehnsucht nach großen Kindern, vielleicht besonders nach Töchtern entdecken. Ich begreife mich so selbst besser. (Das ist eine wirkliche Entdeckung, jedenfalls gehört das freudige Erstaunen dazu.) Und mit dem menschlicheren, uneigennützigeren Verhältnis zu solchen jungen Frauen wird auch ein anderes Verhältnis zu Männern, speziell den jungen Partnern solcher Frauen möglich! Mich interessierten bisher ja ohnehin nur Frauen, Männer höchstens als potentielle Rivalen. Nun gewinne ich einen Blick auf sie als Partner „meiner Tochter“. Freilich war mir Stefan auch schon so reizvoll, jünglingshaft, geheimnisvoll erschienen. Dies neue Verhältnis letztlich deshalb möglich, weil frei, weil nicht eigener Begierde unterworfen, weil in diesem Falle aus dem Käfig „Ich“ herausgetreten.

 

Die Dominanz der der Ichform in meinen Gedanken, Beschreibungen, Briefen. Ich versuche das stilistisch zurückzudrängen, sozusagen kosmetisch. Das wär mal eine gründliche Überlegung wert.

 

Es peitscht uns nichts zu Spitzenleistungen. Die Verhaltensweisen und dementsprechenden Ergebnisse der Radfahr-Fenstergruppe sind undiskutabel, als Forschungsarbeit wohl kaum von besonderem Wert. Verantwortlich dafür sind Dr. Janietz und Dr. Steglich. Vergeudung von Vermögen und Mittelmaß sind das Ergebnis. (Freilich auch bequemes Leben.) Für Spitzenleistungen bedarf es immer der Peitsche, ob von anderen oder von mir selbst geführt.

 

23. September 1982 – wieder bei Hebbel

Samstag, April 12th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Velomed, Blutabnahme; Gewicht 74,3 kg, Blutdruck 125/75

[...] Lesen: Eule, Berliner, horizont, BZA # „Berliner Zeitung am Abend“ #

Hebbel, Tagebücher 1 Und 2, Jean Paul, „Schulmeisterlein Wuz“

[...] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Beatkiste, gute Sachen dabei: Puhdys „Jahreszeiten“ (6. Platz)

Raggy play („Floßfahrt“), Karussel „Mein Bruder Blues“ (5. Platz), NO55 „Geburt“ (4. Platz), Stern Meißen „In derselben Bahn“ (3. Platz), Berluc „Öffne ich mein Fenster“ (2. Platz), Rockhaus „Bonbons und Schokolade“ (1. Platz); engl. Folk. [...]

Wir leiden unter den Belastungen, die Wissenschaft und Technik mit sich bringen. Doch vor der reaktionären Romantik Vorsicht! Welchen Reichtum haben diese Kräfte hervorgebracht, Reichtum der Lebensbedingungen der Massen! Hebbel schildert die Armut in seiner Kindheit und was sie physisch und psychisch bedeutete. Aber auch Jean Paul. Oder Zille, Kollwitz, und letztere lebten vor weniger als 100 Jahren.

Hebbel-Auszüge. Ich setze mit dem Jahr 1838 ein (Bd. I S. 126):

Aus der Menschenwelt geht zuweilen als Menschenwirkung ohne erfaßbare Ursache etwas Geheimnisvolles hervor; dies ängstigt den Geist am meisten.“ (S126) (Gorki („Klim Samgin“) ist, soweit es um soziale, revolutionäre Wirkungen geht, ein Meister in der künstlerischen Darstellung solcher Situationen. Ängstigt sich nicht vornehmlich der Geist des isolierten, bürgerlichen Intellektuellen?) Lenin (Gorki) ist der solchen Menschenwirkungen zutiefst zugetane Geist.

Nur schärfstes Trennen führt weiter zur Erkenntnis, und die zur Bewältigung.“ (S. 128) (Dieser Nutzen der „schärfsten Trennung“ gilt nicht nur für die Erkenntnis. Jede (?) Steigerung, Kräftigung setzt anders schärfste Trennung voraus.)

Wir besitzen auch in geistiger Hinsicht immer nur auf einige Zeit. Dies gilt von Einsicht, wie von Kraft.“ (S. 130) (Dies Bewußtsein der Flüchtigkeit der Zeit und aller unserer Äußerungen in der Zeit ist so wichtig und keineswegs selbstverständlich, besonders nicht für die Jugend.)

Diejenigen Menschen, die sich auf demselben Weg befinden, aber in verschiedenen Stadien, sind am weitesten auseinander.“ (S. 132) Das ist z. T. wahr und z. T. Schein: Ja, sind weit auseinander, weil eine Notwendigkeit (ihr gemeinsamer Weg) sie trennt. Diese kann nicht einfach beiseite gewischt werden. Aber es ist dies doch letztlich eine besondere und enge Form der Verbindung (die berücksichtigt werden muß, will ich die Einheit beider schaffen).

Hebbel hält die Vergangenheit für die Zeit der bedeutenden Einzelnen, während sich heute die Masse geltend mache. (S. 134) Natürlich sagt der Marxismus-Leninismus viel und Tieferes über Masse und Persönlichkeit in der Geschichte aber dennoch finde ich hier ein entscheidendes Kriterium des Fortschritts, ein Charakteristikum einer ganzen geschichtlichen Übergangsepoche, in der wir stehen (seit Beginn des Kapitalismus und endend mit einem relativ ausgebildeten Kommunismus). Die neue Qualität in der Rolle der Masse!

Ob es wohl 6000-jährige Irrtümer gibt, ich meine solche, zu denen alle, auch die größten Geister Gevatter gestanden haben?“ (S. 135) Das ist ein Gedanke, so originell, daß ich dazu meinen Senf nicht geben mag, ebenso der folgende: (S. 136)

Es ist die Frage, ob wir jemals eine ganz neue Wahrheit erfahren werden, eine solche, von der wir nicht von Anfang an schon eine Ahnung gehabt hätten, ja, es ist fast unzweifelhaft, daß dies nicht geschehen wird, eben weil es nicht geschehen kann, da ohne den vollständigsten Kreis aller Wahrheiten die menschliche Existenz, die durchaus eine solche Atmosphäre verlangt, gar nicht denkbar ist.“ 

(In einer Hinsicht wußte der erste Mensch genauso viel, wie wir heute. Dieser Tatbestand ist die eine Hälfte dessen, was wir Fortschritt nennen. Obwohl der „Fortschritt“ selbst, wie schon der Name sagt, als seine andere Hälfte verstanden werden will. Der Fortschritt mystifiziert so sich selbst, obwohl doch eigentlich auf der Hand liegt, daß es einen Fortschritt nur bezogen auf einen Fortbestand geben kann.)

Immer wieder gibt es Goldkörner bei Hebbel: Philosophie ist eine höhere Pathologie.“ (S. 157)

 Doch auch Hebbels Tagebuch ist ein Buch seines geistigen Lebens (wobei er die Beziehung des Geistes zur Sinnlichkeit durchaus erwähnt, reflektiert). Mir schwebt vor, das Tagebuch zunehmend auch zum Protokoll des somatischen Lebens und seiner Wechselbeziehung zum geistigen L. zu machen (obwohl dabei noch keine Systematik oder gar Tiefe erreichbar).

22. September 1982 – wenn Haß sich sammelt

Donnerstag, April 10th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost;

[...] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 158-167; „horizont“, Wochenpost

[...] Hören: (Kopfhörer): Schubert, Haydn

[...] Wir kamen auf Grenzen zu sprechen, in denen man sich einrichtet. Der Käfig, in dem man sich fängt. So etwas gibt es ganz besonders (in naiver, unbezweifelter Weise) auch bei jungen Menschen. Was in unserem Leben erzieht zu diesem „Grenzenbewußtsein“? Die Rolle der Massen, die Industrie? Das (zumindest für das individuelle Empfinden) pattartige der Situation im Klassenkampf.

Babsy“, die Fasterin, die in Rostock im „shop“ arbeitet. # gemeint ist ein Valuta-Laden „Intershop“ # Die gesichtslose, moderne, „perfekte“ Frau, ihrer „Stellung“ bewußt. (!)

Eine Fasterfrau, „Gabi“, hat von einer CSSR-Reise mit Familie ein Erinnerungsbuch angelegt. Im Juni 1968 haben sie in 19 Tagen 2600 km mit ihrem Wartburg-Kombi zurückgelegt. Armselig, was da übrig geblieben ist: Ein detailliertes Festhalten der mit welchen Verkehrsmitteln zurückgelegten Strecken, ziemlich viel über speisen und Getränke, einige Preis- und Kaufkraftvergleiche, wenige politische Einsprengsel (Ost- und Westtouristen wandern gemeinsam, Slowaken auch gegen Sozialismus und Kommunismus, Manövertruppen, Partisanendenkmäler), nette Wirtsleute; dazu Etiketten von Flaschen und Schachteln aller Art, Fahrscheine, getrocknete Pflanzen – Müll! Das ist – nur bezogen auf das für mich Fremden sichtbare Ergebnis – hart gesagt aber nicht zu hart. (Aber es wurde aufgeschrieben! – Mal die eigenen Reiseaufzeichnungen nach längerer Zeit erneut kritisch lesen!)

Gestern im „Thema“: Rainer Kunze und andere Ex-DDR-Autoren treten aus dem von Bernt Engelmann geführten westdeutschen Schriftstellerverband aus. Ich sage verknappt: Sie wollen eine harte CDU/CSU-Politik. Sie leitet ein Maßstab: Haß auf die DDR, auf dies Herrschaftssystem. (Auch in mir sammelt sich ohnmächtiger Haß – Was fang ich mit ihm an, um nie mich dahin zu versteigen?)

# Hier ( http://opablog.twoday.net/stories/4855912/) hab ich aus heutiger Sicht zu dieser und ähnlichen Erfahrungen  etwas gesagt. #

Wie schon gesagt, als ich Bernd Wagner schrieb kam ich zu der Formulierung von der Gefahr des Erstickens. Dies Gefühl ist – wie ich weiter schrieb – unauflöslich verbunden mit dem Genuß dieses „Ungeheuers Leben“. „Das geht schon ins Monströse“. Mir ist bewußt, daß ich gefährlich, sozusagen ohne Netz lebe. Dadurch bleibe ich jung und all den Eingeschachtelten gegenüber so stark, überlegen, unabhängig. Weiß ich tief genug, daß es nach jedem Niederschlag einen Aufschwung gibt? (Und immer ist gerade dieser letzte der schönste.) Ich weiß es aber es hilft nicht viel. Nicht gefeit bin ich vor dem Augenblick, in dem ich alle Waffen nieder sinken lasse.

Entwicklungsphasen der Fastergruppe (die recht spontan abliefen):

In den ersten Stunden – jeder markiert seine „Erstposition“ (tosendes Gerede, jeder redet mit).

In den ersten Tagen – ausgedehntes Erzählen Einiger. Es wird die vorläufig stabile Position eingenommen; individuelle Differenzierung, Beziehungen entstehen, sehr aktive Phase. Das vorläufige Gesicht der Gruppe bildet sich.

In den ersten 10 Tagen – der Alltag kehrt ein. Zufälliges tritt zurück, erste Konfliktsituationen, zu denen sich die Einzelnen differenzierter verhalten, erste Auseinandersetzungen und teilweise Umbewertungen bzw. tiefere Bewertungen der Partner.

In dieser dritten Phase werden die Möglichkeiten mit der Gruppe zu arbeiten und negative Momente zurück zu drängen größer.

Das Problem der Evi könnte sein oder werden eine gewisse Nüchternheit, Phantasielosigkeit (Man kann damit anfangen aber darf dabei nicht bleiben.) Phantasiemangel, weil die Kindheit nicht glänzte?

21. September 1982 – Einladung von Evi

Mittwoch, April 9th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel, 6 Schwesternschüler

Behandlungen: Lakenbad, Wickel; große Visite

[...] Lesen: Hebbel, Tagebücher 1 Und 2 S. 125-158

[...] Hören: (Kopfhörer): O. Resphigi („Römische Feste“), Beethoven, Schubert. „Thema“ gegen B. Engelmann (Friedensbewegung)

[...] Wie ich mich über die flüchtigste Begegnung, das kürzeste Gespräch mit Evi freue – ganz närrisch. Ich koste diese Augenblicke aus, die Möglichkeit und Fähigkeit so zu empfinden, so jugendlich. Solche „Jugendeselei“ werde ich nie verlieren und mich ihrer nie schämen.

Schreibe Bernd Wagner meine Evi-Verse. (Grad während ich dies schreibe, flimmert die Sonne durch die windbewegten Bäume auf dies Buch, ein zauberhaftes Spiel.) Schildere Bernd meine Situation und kam beim Schreiben darauf, daß es ein Erstickungsgefühl ist, das mich an ihn schreiben ließ.

Abends sitz ich, auf ihre Einladung, lange bei Evi. Ihr Familienname ist übrigens Steppan. Neu, diese Aktivität von ihr. Sie erzählt mir bald von ihrem Zukünftigen („Instandhalter“), der ihr kürzlich einen 10 Seiten lange Brief schrieb. (Er ist noch bis Anfang 83 bei der Armee.) Was war? „Durchzuckte es mich heiß“? Schmerzte mich der Verlust des noch nicht Gewonnenen? Es war auch in meinem Innern ganz undramatisch, obwohl ich doch wirklich auf eine Liebesbeziehung aus war, wenn auch keineswegs forciert. Geht in Wirklichkeit die Sehnsucht nach einer innigen, zärtlichen Freundschaft, die sich erst später zur Liebe entwickelt? (Vergl. Hebbel, S. 58. Manchmal denke ich schon:Freundschaft, die zur Liebe verkommt. Zur Freundschaft hat es nicht gereicht, also „liebten“ sie sich.) So habe ich doch auch meine Beziehung zu Marita angefangen und einstmals zu L. Jedenfalls fühl ich mich nun, da es nun keine Liebesträume mehr gibt, fast gar nicht ärmer in Bezug auf Evi. Nur von diesem vagen Traum mußte ich mich trennen und habe dabei – wie schön! – deutliche Äußerungen ihres Vertrauens und ihrer freundschaftlichen Offenheit und Zuneigung gewonnen.

Sie sehnt sich zweifellos nach einem Vater. Aber ich – erstaunlicher Gedanke – freue ich mich auf ein großes Kind, noch dazu eine Tochter? [...]

Wichtig: das Erlebnis der Naivität, Zartheit, „Unverdorbenheit“ solcher jungen Menschen (Grit, Evi, Martina). Evi fragt mich, ob sie sich schminken solle – einstmals ein Thema zwischen Christel und mir. Ihr (Evis) aktiveres, freieres Verhalten zu mir ist zweifellos Folge ihres Zusammenseins mit ihrer „Mutti“, am Sonntag. (Meine Verse wird diese Frau in ihrer Situation gut verstanden haben. Was für eine Frau mag sie sein, von der die Tochter so liebevoll spricht? Ihr Mann, auf Kur, habe ihr jeden Tag einen Brief geschrieben. (Er war auch nicht fürs Schminken.))

20. September 1982 – Durcheinander in meinem Kopf

Dienstag, April 8th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel

Behandlungen: Perl, Periostmassage, Lakenbad, Wickel [...]

Lesen: Zeitungen und Zeitschriften – Magazin 8/82;

Dante, “Göttliche Komödie” III – 9. Gesang (Ich verstehe nichts mehr.) Hebbel, Tagebücher ! -129

[...] Hören: (Kopfhörer): Verschiedenes, Prof. L. Bisky über Kultur

Kleiner Schwatz mit Schwester Martina, arbeitet seit 1 Jahr, lernt noch, hat knapp 500,-M. Ist begeistert von ihrem Beruf (immer neuen Menschen helfen). Unangenehm ist die Arbeit mit dem Schieber, Ente usw.

Was Schwester Evi zu ihrem Beruf sagte (sinngemäß): Ich: “Kann man ein Leben lang Schwester sein?“ Sie: “Manche machen es ein Leben lag, also kann man…. Man darf sich erstens nicht übernehmen, überverausgaben. (Ich frage mich: Ist das die Jugend von heute? Woher diese Abgeklärtheit? (Selbstgenügsamkeit?)? Was bedeutet sie?) und zweitens muß man mit Freude darangehen. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf.“

Das Wort, das irgendjemand zu den Arbeiten der Kollwitz sagte – ein „Arme-Leute-Edel-Ballett“ – ist sicher nicht ganz wahr, aber es trifft mit hinterhältiger Genauigkeit ihre schwächste Stelle. Wie viel bedeutender ist Barlach! Kann es jedoch sein, daß für die Entwicklung des Kunstverstandes (meine Kindheit) Kollwitz eine hervorragende Rolle spielen kann? Überhaupt Entwicklungsstufen des Kunstverstandes.

Ein anderes Beispiel dazu: A. Bostroem. Einst (noch in der Armeezeit) schrieb mir Christel, meine Geliebte, viele „Terzinen des Herzens“, gewidmet Friedrich Eisenlohr (!) von Bostroem ab. Und auch ich schmolz dahin in diesem Sang. Später – ich kannte schon manches von Nazim Hikmet – kaufte ich erwartungsvoll einen Band Gedichte von ihm und war enttäuscht. Übersetzungen von A. Bostroem. Gestern im Rundfunk: Armenische Lyrik. Etwas Fernes, das als nahe begriffen wird – schön, aber störend das Tönen der Bostroem.

# Erst heute, da ich dieses Tagebuch abschreibe, informiere ich mich kurz über Annemarie Bostroem und stelle mit Erstaunen fest, daß sie Jahrgang 1922 ist. Sie war also damals zur Zeit ihrer „Terzinen“ nur wenig über 30 Jahre alt.#

Die Diskussionen in unserem Zimmer – vieles deprimierend an dieser Lebensweise. Die Berufe meiner Zimmerkumpel sind gefragt. Käuflichkeit! Sozialistische Verkommenheit! Aber wie normal ist dies?

[...] Doris erwähnt die in ihren Augen sehr egoistische Art der Selbstverwirklichung z. B. bei L. Ich erwähne dazu Dante, Homer… Sie wehrt ab, in der Art „Das kann doch keiner praktisch gebrauchen.“ Die höchsten (aber unpraktischen) Ideale (auch hier Selbstgenügsamkeit). Doris meint, daß sie ihre geistige Ausdehnung erreicht hat.

Rudi“ # meine Masseuse # meint, daß Mediziner solche Massaker wie in Beirut nicht anders erleben als andere Menschen.

Nietzsche-Vortrag im Rias gestern. Werbung für seine Renaissance, schamlos werden die Weichen gestellt. Man möchte rufen: „Merkt ihr nischt!“ Doch wir („Einheit“) # theoretisch-ideologische Monatszeitschrift der SED # haben es schon gemerkt. Nur das Rufen unseres fetten, selbstzufriedenen, langsamen, herzlosen, feigen, langweiligen Aufklärungsapparates findet immer weniger Hörer. Und andere kommen nicht zu Wort.

Lenin zum demokratischen Zentralismus: Er könne straff, fast militärisch gehandhabt werden, aber auch wie das Dirigieren im Konzert. Natürlich hinken Bilder immer. Aber ist darüber hinaus etwas grundsätzlich falsch an dieser Auffassung? Kann man die Gesellschaft in ihrer Dynamik mit einem Orchester vergleichen? Wo gibt es das Orchester, in dem ein Stück gespielt (also auch dirigiert) wird und zugleich die Musikanten improvisieren? # Eine meiner seltenen kritischen Bemerkungen zu Lenin. #

Lese das Reclam-Bändchen Kollwitz von hinten nach vorn. Ihre Stellung zum 1. Weltkrieg, zu ihrer Arbeit usw.! Vieles erinnert an L. Wie sie doch nur aus dem Erleben, aus dem unmittelbaren Erleben zum Denken angeregt werden!

Worin besteht heute der Fortschritt (auch auf Westeuropa bezogen)? Krieg zu glorifizieren ist vielleicht schwerer geworden. Dafür ist die Lust am Bösen, an der Niedertracht, gesellschaftsfähig geworden, so daß vielleicht die harte Münze des Ruhms und der Selbstopferung nicht mehr nötig ist, um zum Kriege bereit zu machen. Ist die Kriegsbereitschaft heute wirklich geringer? Ursachen in der Gesellschaft deckt nur die Theorie auf. Unsere Theorie ist in den Massen nur ganz schwach verwurzelt.

Hebbel: Die Dichter sollen erlösen

die Natur zu selbsteigenem

die Menschheit zu freiestem

die unendliche (unfaßbare) Gottheit zu notwendigem Leben. (S.60)

Versuche Hebbel zu lesen, gestört von den laut fernsehenden Zimmerkumpeln (Dieter Thomas Heck). Diese Dummheit, Dummheit, Dummheit, diese Zeitvernichtung, mit der die Zeit ausgefüllt wird!

In meinen „großen Lektüren“ der letzten Zeit ist eins nicht zu finden (mal von Jean Paul abgesehen) – Humor!

Welch Durcheinander in meinem Kopf: Gegen eine verordnete Nietzsche-Renaissance bin ich allergisch, der extreme Egozentrismus Hebbels (der freilich ein humanistischer ist) zieht mich an. Für mich persönlich möchte ich wohl eine Ausnahme machen? Angesichts Hebbel erneut die Frage: Was will ich mit diesem Protokollieren? Ich habe noch immer kein klares Ziel. Ist das Schreiben nur Lebensersatz? Wovon lebte Hebbel? Hebbel kritisch lesen!

Wie wichtig es doch ist, zumindest den Willen zum „Gutsein“ zu haben (zu Mitgefühl, Aufgeschlossenheit usw.). Oft habe ich zwar nicht die Zeit oder Kraft, entsprechend zu handeln, aber wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann tue ich es doch. Andere (meine Zimmerkumpel), die nicht einmal diesen (ohnmächtigen) Willen haben, handeln dann selbst unter günstigen Bedingungen nicht besser. Die Vergeudung von menschlichen Möglichkeiten dadurch, daß günstige Bedingungen nicht ausgeschöpft werden! # (Am 16.10. 1985 hierzu ergänzt:) # Das ist offensichtlich nicht nur eine Frage der Selbsterziehung, sondern auch einfach der aktuellen Selbststeuerung. Möglichkeiten in einer Persönlichkeit sind das Eine. Was sie unter wechselnden Bedingungen aus ihnen macht, ist das Andere.

Dichten im Gehen. Mit den „Schwestern“ geht es während des Spazierengehens langsam voran. # Ich versuche eine Dankgedicht an die Schwestern zu machen. # Der Spaziergang kann doch den fehlenden Inhalt nicht bringen. Bei vorhandenem Inhalt einen Rhythmus zu finden, dazu kann er wohl beitragen.

19. September 1982 – Kunst für den Nichtüberfütterten

Dienstag, April 8th, 2008

[...] 7 Zimmerkumpel anwesend, vormittags Spaziergang im Park von Buch mit Eva, Monika, Reiner, schöner Park, danach bin ich ganz schön kaputt, Kopfschmerzen; abends Skat mit Monika und Reiner; Monika, 30 J. Ist Ökonomin im Patentamt, Kind 5 J, in 14 Tagen ist Scheidung. Jede Regung ist in ihrem Gesicht zu lesen, ein netter Mensch, strahlt mich an, ganz unanregend.

[...] Hören: (Kopfhörer): Orgelmusik von J. G. Walter, Lieder mit jungen sowjetischen Solisten, abends: Rias: Nietzsche

In der Nacht zu heute höre ich von dem furchtbaren Massaker Israels/Haddads in Beirut. Schrecklich diese Ohnmacht.[...]

Finde seit einiger Zeit oft Schreibfehler aus Nachlässigkeit. Sicher Folge der derzeitigen Schwäche. Oder auch schon erste Abbauerscheinungen? (Die Verkalkung kommt schleichend.)

Trockener Humor Reiners: Ein Mann fährt im Auto an uns vorbei. Er hat sehr rote Lippen. Ich sage:“Entweder spricht er viel, oder er küßt viel.“ Reiner:“Oder er fährt jetzt zum Abschminken.“

Wenn eine Gruppe zusammen ist und die anderen passiv sind, fängt bald Einer an, sich zu spreizen. [...] Wichtig, daß die Bewunderung stets auch kritisch ist, daß die eigene Position gewahrt bleibt. Wie kann man kritiklose Bewunderung schadlos überstehen? Man muß sich die Kritiker suchen

Die Orgelmusik von J. G. Walter (noch nie gehörter Name) jagt mir Schauer über den Rücken (wie tags zuvor manche Passagen der „Rusalka“). Wie wichtig, neu, kraftvoll ist Kunst für den Nichtüberfütterten (der sie verstehen kann)! Ihre Notwendigkeit erlebe ich neu. [...] Bachs Oratorien vollauf erlebt zu haben (nicht, sie entdeckt zu haben), das gehört in die Zeit mit L, gehört zu dem Dank, den ich ihr schulde. Ich kann schon mit Freude an das denken, was ich L. Verdanke.
Neue Deutsche Welle“ – „Detlef“ z. B., raffiniert gemacht, d.i. schon ästhetischer Genuß der Gemeinheit – Dekadence.