Archive for Mai, 2008

02. Oktober 1982 – „Kleines Testament“

Donnerstag, Mai 22nd, 2008

[…] 5 Zimmerkumpel,

[…] Hören: (Kopfhörer): Haydn, Oratorium

Behandlungen: 3/4 Bad, Wickel, Gymnastik,

[…] Mit Schwester Evi im Alten Museum, Orgelvesper in der Marienkirche, Grillrestaurant im Palasthotel. Ein schöner Nachmittag, nicht enttäuschend aber anstrengend. Wir sind beide geschafft. Natürlich ist sie 2 Stufen „einfacher“ als ich, doch ein „kompletter Mensch“. Sie ist keine Intellektuelle („von Natur aus“).

Gefährliche Gedankenspiele: Wenn es Intellektuelle und Nichtintellektuelle sui generis gibt, so käme es darauf an, die Nichtintellektuellen in solche Verhältnisse zu versetzen, daß sie zu Fortschritt und Wohlfahrt der Menschen maximal beitragen, während Intellektuelle sich über die gegebenen Verhältnisse erheben können (oder darunter bleiben).

# Mein Abschieds- und Dankgedicht an die Mitarbeiter des Krankenhauses #

Allen, die ihre Kunst an mich gewendt

vermache ich mein kleines Testament:

 

Ich bitte sehr, mir zu verzeihn,

besonders bitte ich den alten Franz.

Mit Mühe find’ ich hin und wieder einen Reim,

jedoch die Melodie gehört ihm ganz.

 

Verzeih er mir, Herr Chefarzt Dr. Steg

(„lich“ passte in die Zeile nicht mehr rein).

Gekrümmt, gebeugt, so eilt er seinen Weg.

Wer weist ihn mal in eine Klinik ein?

 

Mit Dr. Krause bin ich quitt.

Anfangs er schweigend nur Visite schritt.

Mich tröstete manch mitternächtlich Plausch,

doch den durchkreuzt’ er – schweigend – auch.

Nun köpf’ er Sekt, die Flaschen gleich zu drein.

Die Rache mag er mir verzeihn.

 

Reich an Erfahrungen im Schwesternstand

hält Christa fest die Zügel in der Hand,

packt selber jugendfrisch mit zu,

sorgt da für Tempo, dort für Ruh!

Für Ilse, Karin, Monika,

Petra, Martina, Barbara,

für jede ein Poem (und sei’s auch klein)

blieb ungereimt. - Das ist nicht zu verzeihn.

 

 

Frau Piotrowski möcht verzeihn,

die jeden Krankentag wie eignen Kummer spürt.

Man richtet gern sich auf neun Wochen ein,

wird man so kenntnisreich mit soviel Ernst geführt.

(Doch nur für mich gesagt und im Vertraun:

Mit ihrer Folgefrau tät ich ‘ne 10. Woche baun.)

 

Mit kluger Hand, handfestem Geist

Frau Rudolph manchen noch vom Messer reißt,

und fällt ‘ne Therapie ihr vor den Ärzten ein,

wenn ihr mich fragt, ich täts verzeihn.

 

Frau Beyer mit dem Lakenbad

vollbracht’ an mir manch gute Tat.

Sie riss mich in den starken Arm,

da wurd’ mir schwarz (kurz vorher warm)

und sich drückt sie ‘ne Rippe ein.

War’s Leidenschaft? - Wir wolln verzeihn.

 

Doch nun sei alle Witzelei vergessen.

Gesund und schmackhaft war das Essen.

Nur einmal quält ich mir’s mit Mühe rein.

Daß ich den Kürbis beigeschafft, sollt ihr verzeihn.

 

Besingen würd’ ich gern ihr weiches Haar,

jedoch sie quasselt, redet immerdar.

Ich sags wie’s ist, wenn auch nicht fein.

Ach“, Schwester Heidi, „Können Sie verzeihn?“

 

Gleich alle Kranken lächeln mit,

wenn freundlich auftaucht Schwester Grit.

Sie wird ‘ne Kleinigkeit verzeihn.

Welche genau? Das bleibt geheim.

 

Lieb’ Schwester Anmut hat nichts zu verzeihn.

Ihr bin ich einfach gut.

Dem brech’ ich alle Knochen kurz und klein,

der ihr was tut.

Doch dieses Prahlen lauthals in die Luft hinein,

wird sie’s verzeihn?

 

Annettchen in der Küche schafft,

arbeitet und schimpft mit gleicher Kraft.

Ich überhörte manchmal ihren Reim.

Das bitte ich sie zu verzeihn.

 

Daß Schwestern, Ärzte, Physios, Küche, Bad

ich hab’ gepresst in einen Raum hinein,

das ist vielleicht die allerschlimmste Tat.

Auch diese solltet ihr verzeihn.

 

Wer unerwähnt blieb, bitte, muss verzeihn!

Der Dichtergeist war allzu träg und dumpf.

Wen freut ein schlecht gefügter Reim?

Doch alle hebt das Glas auf Eure Zunft!

 

 

 

 

01. Oktober 1982 – mißglücktes Gedicht „Schwestern“

Mittwoch, Mai 21st, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, 2 Neue.

Walter Sickfeld - 36 J., Chemie-Ing., Ökonom, Außenhandelsbetrieb Chemieanlagenimport, bereiste die ganze Welt, orientiert sich jetzt, eine Kneipe zu übernehmen, früher Turniertänzer;

Arno Spielberg - arbeitet in Abdeckerei, ramscht dabei viel noch unverdorbenes Fleisch.

[…]

Lesen: Wochenpost

Hören: (Kopfhörer): Beethoven, Streichquartett a-moll, op. 132

Behandlungen: Sauna, Wickel, Periost-Massage, Gymnastik, Perl

Nachlese vom Europapokal-Mittwoch. Alle DDR-Mannschaften schieden aus. Erschreckend, wieweit schon die Disziplinierung und Entmündigung geht: Besonders im ND. Das Debakel wird beschönigt, ist kein Anlass zu ernsthafter Kritik. Schmale Spalte Kritik in der BZ (von W. Hartwig) aber sachlich und klar.

Wenn über solche Scheiße wie Fußball schon kein offenes Wort mehr gesprochen wird! Was ist dann faul an unseren Medien, an unserem Staat?

Gestern Blick in die Zeitung der LDPD. Da wird deutlich, was „gleichgeschaltet“ heißt.

 

Trotz großer Bemühungen und guter Absicht bewältige ich das Gedicht „Schwestern“ nicht. Ich kenne meinen Gegenstand ungenügend, habe nur einzelne, zufällige Eindrücke, kann seine Spezifik kaum benennen und daher schon gar nicht bildkräftig darstellen. Die Unterscheidung der Schwestern gegenüber anderen (Ärzten, Physiotherapeuten), die auch helfen, gelingt daher nicht. Der Gegenstand selbst ist allgemein, höchst komplex, vielfältig, widersprüchlich, also an sich schwer zu fassen. Der Antrieb zum Dichten war mehr als ich es mir eingestehe der freundlich-erotische Reiz einiger Schwestern. Das unterschlage ich im Gedicht. Ein Nebenmotiv ist der Wunsch, glänzen zu wollen. Das unterschlage ich auch. Das angestrebte Preisgedicht verführt zusätzlich zu Abstraktionen, zum „Ein-Fußhoch-Schweben“ über dem Erdboden, er erhebt sich ja bewußt über einzelne Seiten des Gegenstandes und will ihm ganz gerecht werden.

Soviel Punkte, soviel Mißlingen. Ein Pluspunkt: Dies selbst erkannt zu haben. Vielleicht kann etwas Scherzhaftes, Ironisches, erklärt Anspruchsloses gelingen.[…]

Und ich glaube es gelingt sofort etwas – mein kleines Testament.

30. September 1982 - „Wohin soll das noch führen?“

Montag, Mai 19th, 2008

6 Zimmerkumpel, 1 Neuer. Er ist Syrer.

[…]

Hören: (Kopfhörer): Mahler, 8. Sinfonie,

Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Gymnastik, Blutzucker

[…]

Reportage in der „für dich“ über Wanderimker.

wanderimker1.jpg

 

Wenn ich Rentner bin (und noch rüstig) werde ich Wanderimker. Daran ist mehr als ein Gramm Ernst. Dann schreibe ich das Buch meines Lebens, besser: Ich stelle es fertig, denn schon heute schreibe ich daran. Sein Thema ist die Einheit von Wissenschaft und Kunst, von Prosa und Poesie im Leben. […]

Wanderimker

Dieter Stiegemann, bei seinem Besuch am 27.9. sagte mir, wie ihn (und auch Siegfried Both) der Mißbrauch, den der Chef mit „Tulli“ treibt, befremdet.

# Dieter St. und Siegfried B. sind die Ehemänner meiner Arbeitskolleginnen. “Tulli” wurde unser Kraftfahrer genannt. Ein eigener Kraftfahrer war in unserer kleinen Einrichtung überhaupt nicht nötig, zumal unser Chef zugleich noch als sogenannter “Selbstfahrer”seinen persönlichen Dienst-Pkw hatte. Die Ausstattung der Dienststelle hatte das Prestige des Chefs zum Ausdruck zu bringen. Der zeitweilige besondere Mißbrauch “Tullis” bestand darin, daß der Chef als er sein Wohnhaus baute, ihn schrankenlos für sich persönlich als Arbeitskraft einsetzte. #

Es ist überall so, sage ich. Er fragt mich: „Wohin soll das noch führen?“ Ich weiß keine Antwort. Ich sage es und: „Nach Polen“. Ich fühle mich mitschuldig und hilflos. […]

Eine Fastergruppe sammelt sich, „organisiert“ sich (findet Regeln und hält sie ein) und löst sich wieder auf, zerflattert – wie jede Vereinigung von Menschen.

# Oft beinhalten meine Tagebucheintragungen ja tägliches zufälliges Einerlei. (Manchmal frage ich mich, ob ich das wirklich alles abschreiben und veröffentlichen soll.) Manchmal aber, so heute, bin ich doch erstaunt, welch klarer “Subtext” da zu lesen ist - Die allgegenwärtige kleinbürgerliche Schändlichkeit des Systems, die Schwierigkeit und Feigheit dagegen etwas zu unternehmen, meine Realitätsflucht (Wanderimker), das “Lebensthema” Wissenschaft und Kunst, also Wahrheit und Schönheit, eine Perspektive , die zugleich Möglichkeit und Selbstbetrug war. #

27. - 29. September 1982 – Krankenhaus bald zu Ende

Mittwoch, Mai 7th, 2008

[…]  7 Zimmerkumpel […]

Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“, „für Dich“

Dante (III 9-11- Gesang)

Hören: (Kopfhörer): 2. Brandenburgisches Konzert, 5. Sinfonie Prokofjew, Haydn, Mozart, sehr schön ist die konzertante Sinfonie Es-Dur für Bläser und Orchester, „Neue Deutsche Welle“-Kassetten überspielt; Schostakowitsch, Streichquartett op. 8, Beethoven, Klaviertrio Nr.1 op.1

Lichtbildervortrag über Indien

 Behandlungen: Lakenbad, Wickel, Perl, Periost, Velomed, Sauna, Muskeltest

Hebbel:

Der Mensch ist ein etwas, das nur zwischen zwei Grenzen zum Vorschein kommt, ein Strom, der nur mittels seiner Ufer erfaßbar wird.“ (176) 

[…]

Besuch bei F. Glückseliges Spielen mit F., mit der Straßenbahn, der Eisenbahn, den Spielkarten und dann gemeinsames Knabbern am Maiskolben, gegenseitiges Füttern.

Abends eine Stunde ungestört mit Evi im Schwesternzimmer. Sie knabbert den ganzen mitgebrachten Maiskolben auf und verstreut um sich „Späne“, wie ein Eichhörnchen. Mit Bechern Milch stoßen wir an und geben uns den Bruderkuß. Wir haben unser freundschaftliches, väterlich-töchterliches Verhältnis besiegelt und sind beide gleichermaßen froh darüber. […]

26. September 1982 – unnütze Klarsicht

Dienstag, Mai 6th, 2008

[…] 7 Zimmerkumpel, Männix, Mischa und Reiner erzählen Armeestories:

“Schildkröte”, “Musikbox”, “Cremen und Löffeln”, “Schwarze Kuh”, “Schmeicheln”.

[…] Lesen: „Wissenschaft und Fortschritt“ 9/82. (Ökosystem Müggelsee), Goethe: „In meinem Beruf als Schriftsteller

Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, Lieder mit Ernst Busch, Robert Schumann, Messe op. 147 (nicht hinreißend)

Hebbel:

Kriege zu führen, ist die menschlichste Versuchung eines Fürsten“ (S.151) Und wenn er Recht hätte? Auch für unsere sozialistischen Fürsten? Gibt es Machtmißbrauch, so gibt es jeden Machtmißbrauch (zumindest der Möglichkeit nach). (Ist es ein Vorteil, wenn wir eine Art menschliche Automaten (anscheinend) an der Spitze haben? Sie kommen nicht in menschliche Versuchung? Aber als Automaten der Macht?)

 

# Eine charakteristische Eintragung: Hebbel regt mich zu einem sehr „bösen“, sehr „schlimmen“ Gedanken über unsere realsozialistischen Führer an. Mehr nicht. Ich bildete mir etwas auf mein „illusionsloses Denken“ ein, zog aber weder praktische (Zur gleichen Zeit war die Afghanistaninvasion der Sowjetunion.) noch ernsthafte theoretische Schlüsse. Ich erlaubte mir, vor mich hin zu „denkeln“. Weder von einem „eingreifendem Denken“, noch überhaupt von einem klaren, folgerichtigen und auf denkerische Konsequenz zielendem Denken kann die Rede sein. Ich „Kämpfer für eine bessere Welt“ hatte meine (selbst gestellte) Aufgabe längst verraten und mich, kritische Nörgelei pflegend, in den Verhältnissen eingerichtet.
In den Verhältnissen eingerichtet, meine kritisch nörgelnde Stimme via Blogs pflegend, bin ich auch heute. #

Nicht nach der Länge seines Armes, nach der Länge seines Auges muß der Mensch sein Glück messen.“ (154) Ja, aber… Ja, bin für Bewußtheit. Aber sollte es nicht Glück für Arm und Auge und Sexus und Gaumen und … also ein allseitiges menschliches Glück geben? Wobei jeder dieser Glücksmomente seinen Mangel an sich selbst haben müßte. Und vielfältige Spannungen zwischen diesen verschiedenen Glücksmomenten.

Emanzipation des Gassenkots muß man nicht verlangen.“ (154)

Daß so wenig Schriftsteller Stil haben, liegt in ihrer Unfähigkeit, dem letzten hohen Zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren zu opfern, überhaupt in der menschlichen Unart, mit jeglichem Schritt eine Art von Ziel erreichen zu wollen.“ (155)

Das ist eine grobe Wahrheit oder eine wahre Grobheit, keine Dialektik. Nimm „Klim Samgin“. Hier ist Stil und hoher Zweck, jedoch die Kleinigkeiten werden nicht geopfert, sondern für diesen hohen Zweck zum Leben, zum Tanzen gebracht.

Ist manches, was bei Hebbel als Geist erscheint, nur Extremismus? Ist kluger Extremismus nicht in Wahrheit eine wichtige Art von Geist? Ist wahrer Geist nicht immer auch extremistisch?

Niemand umfaßt das Element, worin er lebt, sondern das Element umfaßt ihn.“ (156) Solche Erkenntnisse sind ein Damm gegen den Brechstangenoptimismus mancher, die sich Marxisten-Leninisten nennen.

… wenn du wahrhaft liebst, mußt du wieder geliebt werden, denn die Natur berechnet immer eine Kraft auf die andere.“ (159)

Die Natur zerstört ruhig und gleichgültig das Schönste, was sie hervorgebracht. Das „erregt die Empfindung ihres unvergleichlichen Reichtums, ihrer unerschütterlichen Sicherheit, ihres unverrückbaren Ziels.“ (160)

[…]Dichten: Der gemeine Stoff muß sich in die Idee auflösen und diese sich wieder zur Gestalt verdichten (164). Statt das Geistige zu verkörpern, vergeistigen sie gern das Körperliche. (169).

Das Kunstwerk: Grenzenlos in Bezug auf den Inhalt, begrenzt in Bezug auf die Form. (166).

Das Denken erscheint als bewußtes Gefäß des Unbeschränkten und ist daher beschränkt. Das Darstellen wirkt im Beschränkten ein Unbeschränktes. (Daher sind alle philosophischen Systeme abgetan worden mit der Zeit, aber kein einziges Kunstwerk.) (168)

 

 

25. September 1982 – „Klim Samgin“

Donnerstag, Mai 1st, 2008


[…]
7 Zimmerkumpel
Behandlungen:Lakenbad, Wickel
[…]
Lesen: „Neues Leben“ (Jugendmagazin), Gorki „Klim Samgin“ (127-131, begeisternd), Hebbel Tagebuch (Einleitung)
Hören: (Kopfhörer): Schostakowitsch, Sinf. Nr. 5 Op.47, (schönes Scherzo), Oratorium „Savonarola“ eines modernen Ungarn.
Im Garten: Weinstock, Apfel „Auralia“, Schattenmorelle, „Ostheimer Weichsel“, alle geschnitten.

Hebbel:
„Die Masse macht keine Fortschritte“ (S.162)

„Die meisten Menschen haben gar nicht das Bedürfnis, klar über ihre Zustände zu werden; sie wollen nur hindurch, wie etwa durch eine Krankheit. Diese gewinnen im Leben keine Resultate, sie machen nicht einmal Erfahrungen; ihr ganzes Leben ist vielmehr eine immer währende Flucht durch Gefängnisse, und sie täten wahrlich wohl, sich an das erste beste zu gewöhnen, weil sie dann doch einen Standpunkt hätten, von dem aus sie die Welt, gut oder schlecht, betrachten könnten.“ (!48f)
Hebbels Gedanken über den Massenmenschen sind für mich immer etwas wert, Nachholeerkenntnisse, auch wenn sie das geschichtliche Schöpfertum der Massen nicht abbilden. Heute wollen die o.g. Menschen ebenso unbewußt wie früher durch ihre Zustände hindurch, aber weniger wie durch Krankheiten als vielmehr wie auf einer Lustreise, weniger Flucht als Wettlauf. Doch letztlich ist das kaum ein Unterschied.

„Oft ist es, als ob im Menschen ein hohes geistiges Bedürfnis erwachte, in dem er ein körperliches befriedigt. Gewiß ist die Sinnlichkeit die Klaviatur des Geistes.“ (S.150)

Fastertypen:
Peter Ripke, der Bahnpostbeamte, Trinker, 4 Kinder, er kam mit ins Orgelkonzert, ein krankhafter Angeber, Wichtigtuer, nicht besonders intelligent dabei.
Männe (Manfred Krüger), er ist im Käfig seiner Roheit gefangen (Neger = „Preßkohle“, magerer Mensch = „Buchenwaldprothese“), die sich unversehens mit Sensibilität beißt.
Dr. Ingo Heda, der feige Schwadroneur, Frauentyp, Zuhältertyp, ob er zu Hause was zu melden hat?

[…]

# Aus einem Brief an die Eltern. #

„… Nachdem ich nun 12 Wochen Krankenlager hinter mir habe, ist wohl doch ein Ende abzusehen. Seit einer Woche gehe ich täglich etwa zwei Stunden spazieren, fahre Hometrainer und tue einiges mehr, um wieder ganz ins Lot zu kommen. Eine Ursache für diese ganze Entwicklung scheint darin zu liegen, daß mein rechtes Bein 1-2 cm kürzer ist als das linke. Das hat, zusammen mit Abnutzungs- und Belastungserscheinungen zu der seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule geführt. Diese ist nun schon weit zurück gegangen aber halt immer noch nicht ganz verschwunden. Krankenhausmühlen mahlen langsam (zumindest bei mir wohl zu Recht) und so muß ich immer noch nach Wochen und kann noch nicht nach Tagen rechnen. Das Spazierengehen, In-den-Garten-Fahren, sogar mal nach Hause oder in die Stadt zu fahren, genieße ich aber sehr…“
[…]

# Aus einem Brief an einen Freund. #

„… Was die Klinik hier angeht, so bin ich, ohne zu idealisieren, des Lobes voll. Es wird intensiv gearbeitet in einer ruhigen, ja fröhlichen Atmosphäre. Viel könnte man dazu im Einzelnen sagen aber wichtig ist das Summa Summarum, ein - ich nehme ein sehr großes Wort – gelebter Humanismus, ein alltäglich spürbarer. Beeindruckt hat mich das Ethos einiger Mitarbeiter hier (Schwestern, Physiotherapeuten, Küchenkräfte, Ärzte). Daß für relativ wenig Geld so hart so gerne gearbeitet wird!…“
[…]
Beim Kranksein ist mehr als nur geduldiges Ertragen möglich. Man kann sich Mühe geben, Anderen Freude zu machen, gut zu sein, kann sich für die anderen zusammennehmen. Wenn ich’s recht bedenke ist das für mich ein starker Antrieb und ein möglicher Sinn des Krankseins. (Dies ist kein eingebildeter Sinn! Einstmals Marita und vor kurzem Schwester Grit erzählten mir, wie besonders sympathische Kranke, die dann starben, sie beeindruckt haben. So kann man (als Kranker) dann doch über seinen Tod hinaus leben.) Also auch hier: Aus dem Käfig heraus!

„Klim Samgin“ I, S. 127-130
Auf drei Seiten hintereinander kann ich nur sagen: Genial! Wunderbar! Ein Empfinden hab ich, wie bei den allergrößten Kunstwerken (aber wohl noch nie bei einem Roman): Atemberaubend; die Schönheit, Bewußtheit, Menschlichkeit, die ich hier spüre, ahne und nicht erklären kann, verschlägt mir einfach den Atem.

Die Eisenringe ums Herz:
Als ich L. kennen- und lieben lernte, spürte ich diese Ringe springen, die sich während der Ehe um’s Herz gelegt hatten; Ringe der Traurigkeit, des Deprimiertseins. Nach L. trage ich keinen neuen Ringe. Ich halte das Herz ohne sie im Gleichgewicht, ertrage das zitternde, bloße Herz. (Stimmt, was ich schreibe?)
In meiner Ehe gab es eine lange, lange Agonie.
Mit L. gab es eine solche Agonie nicht. Es war ein bewußter herbeigeführtes Ende.