Gymnastik,
Lesen: “Sinn und Form”, 5/82, “Weltbühne” 41/82, BZ, “Budapester Rundschau”, “Kleingarten”
Noch einmal zum Hebbel-Bild des Menschen als Fluß:
Ja, und selbst ist man wie ein Wanderer, der die Flüsse quert. Ich steige in den Fluß hinein, er erscheint mir breit, unendlich wie das Meer (besonders, wenn ich halb verdurstet und in Finstern einstieg), seine Strömung trägt mich; doch schwimme ich unablässig weiter, so kommt das andere Ufer in Sicht, ich gehe an Land und überschaue rückblickend von der Uferhöhe den ganzen Strom in seiner Breite (während seine Länge, sein Lauf weiter Geheimnis bleibt).
Heute früh kommt L. Auf die “Spitzenklöpplerin” zurück. Die unerfüllte Sehnsucht sei die wirklich vollkommene, ideale Liebe (sinngemäß). Sie hebt am stärksten empor und läßt die größte Kunst entstehen. Ich vergaß, daran zu erinnern, daß nur die Erfüllung wirkliche Kinder zeugt, was in gewisser Weise über jedem Kunstprodukt steht. [...]
Alles in allem: Ich vertrete das übergreifende, das goethesche, das faustische, realistische Ideal; das Werden und Vergehen, das Sehnen (Knospen)/Blühen/Reifen/Sterben (Winterschlafen). Poesie im ganzen Kreislauf, also subjektive Erhöhung, Belichtung, Vergeistigung des ganzen profanen Prozesses, während andere (L.) mit einer Art poetischen (oder auch ängstlichen?) Starrsinns auf der Phase beharren, die alles Schöne im Kern enthält (ohne seinen Untergang mitzufühlen, ohne sein Janusgesicht zu erkennen….
Mit der idealen Sicht zerbricht die Sicht oder es kommt die freie Sicht.

Else Lasker-Schüler, um 1905

Neue Deutsche Welle:
Wir sind glücklich!
Solange der Bildschirm die Träume uns gibt,
Solange der Kanzler uns so innig liebt,
Solange die Hoffnung im Frühformat winkt,
Solange die Sonne im Osten versinkt…
[...]
Ein Lied der aufs Streckbett gespannten Ironie, nicht das einzige dieser Art; wieviel noch deutlichere mag es geben, die nicht gesendet werden?
Auch das Lied “Vergiß es, vergiß es…” drückt durchaus “Zeitgeist” aus, besonders der Refrain:
“Vergiß es, das Leben geht weiter,
bis zur Grenze, dann kommt mal’n Ende.
Vergiß es, vergiß es, es kommt, wie es kommt,
Ist doch klar, daß nicht jeder oben schwimmt.”
“Gehirnamputiert”
“Da war so ein Traum.
Es ist was Tolles passiert,
Ganz aus Versehen, gehirnamputiert.
Nie mehr Probleme,
Egal was passiert,
Bist Du gehirnamputiert.
Durch Realität schon völlig frustriert,
Doch dann dieser Traum gehirnamputiert.
Problemloses Dasein ist garantiert,
Bist Du gehirnamputiert.
Du fühlst Dich wohl, es geht Dir gut,
nie mehr Probleme,egal, was passiert
bist Du gehirnamputiert.
Warum wurde diese “Welle” produziert? Wird sie mit Kohl als Bundeskanzler weiter produziert?
Die ausgewählten Texte repräsentieren aber nicht das ganze Gesicht dieser Welle. Sie deuten mehrt an, woran die Manipulatoren anknüpfen.
Und das Meisterstück, textlich, wie musikalisch, wie interpretatorisch, das “Lied von der Königin” (wie die Szene einer Oper!).
“Na so eine komische Königin,
die hat ja Räder unten dran.
Na, das ist ja eine Königin,
Wärst Du da gerne Untertan?
Rollt sie durch ihr Reich,
Vom Gebirge bis zum Deich.
Sie rollt und rollt ganz ungeniert,
Wie toll sie dabei noch regiert,
Eine tolle Königin.
Bergab regiert sie ziemlich milde,
Bergauf schimpft sie auch manchmal wilde,
Bergab weht ihr Gewand, das Schöne,
Berauf senkt sie auch mal die Löhne.
In der Stadt ist ihr das Volk lieb und teuer.
Im Wald erhöht sie dann die Steuer…
Eine perfekte Königin,
Prima, prima
Mit Rädern unten dran.
Hebbel: “Ich glaube eine Weltordnung, die der Mensch begreift, würde ihm unerträglicher sein, als diese, die er nicht begreift. Das Geheimnis ist seine eigentliche Lebensquelle, mit seinen Augen will er etwas sehen, aber nicht alles; sieht er alles, so meint er, er sieht nichts.” (182) Vergl. S. 188: “Der Mensch ist die Kontinuation des Schöpfungsaktes, eine ewig werdende, nie fertige Schöpfung.”
Interessant zum (systematischen) Denken, das nicht eine allgemeine Gabe, sondern ein ganz besonderes Talent sei…. (184). Er betont die Produktivität (Kreativität) des echten Denkens.
“Beschäftigung, nur Beschäftigung, und man ist geborgen, man weiß solange nichts von sich, als man etwas tut.” (185)
“Goethes spätere Urteile… sind nicht Urteile seines Magens, sondern seines Gaumens.” (186)
Einen Sachverhalt in ein richtiges, reiches, leicht verständliches Bild setzen, wie hier H. können wir heute so schlecht. Wir versuchn eine Gestalt durch Abstraktionen zu umreißen. Doch die Abstraktionen sollten selbst wieder in Gestalten sclüpfen, sollen “tanzen”, wenn sie für uns da sein wollen.
“Ehemals waren die Erwachsenen, wie die Kinder; wie hoffnungslos sind die Zeiten, wo die Kinder wie die Erwachsenen sind. Warum lernen wir so viel und so schnell!” (187)
(Kaum ein Gedanke von H., der nicht “aufgehoben” werden muß.)
“Es ist kaum ein Trost, daß wir immer höher kommen, da wir immer auf der Leiter bleiben.” (189)
Zum Geist: Es könnte sein, weil er aus fremden Welten stammt, daß er “uns nur besuchte, nicht aber in uns wohne.” (191)
(Er tappt auf etwas Richtiges, Tiefes. Das Wesen des Menschen ist kein dem Individuum innewohnendes Abstraktum.)
“Nicht, was der Mensch soll: was und wie er’s vermag, zeige die Kunst!” (193) (Dann wird sie realistisch sein.)
“Nichts kann bewiesen werden, als – was zu beweisen sich nicht verlohnt.” (193)
“Man verfault im bloßen Umgang mit sich selbst.” (193)
“Stoff ist Aufgabe:Form ist Lösung.” (194)
“Die Prosa stellt das Gedachte, die Poesie das Gelebte dar.” (195)
“Unsere Tugenden sind meist die Bastarde unserer Sünden.” (198)
“Die Erinnerung ist das einzig Feste, was dem Menschen bleibt; dies sollte der Bösewicht bedenken, daqnn würd’ er sich nicht aus so vielen Stunden Höllen zusammenzimmern.” (198)
(Die Erinnerung! – ein großartiger Gedanke (für junge Menschen).)
“Philosopheme: Verstandesträume” (199)
“Das Aufbrausen ist die Lebensäußerung des Zorns und zugleich sein Tod.” (200)
“Jeder Klotz paßt hin, wo man ihn hinstellt.” (201)!
“Die Poesie soll alle Strahlen des Menschen, dieser Nebelsonne, auffangen, sie verdichtet auf ihn zurückleiten und ihn so durch sich slbst erwärmen.” (201) “Das Leben gehört soweit in die Poesie, als es innerlich produktiv ist.” (210)
“Nur das Geendete ist unendlich.” (202)
“Das Gemeine ist verloren, sobald es kämpft.” (205) (Wenn’s doch so wäre!)
“Es ist ungleich sündlicher, das Göttliche inm unserer Nähe nicht zu ahnen, es ohne weitere Untersuchung für sein schzwarzes Gegenteil zu halten, als es in weltmörderischer Raserei zu zerstören, weil wir es nicht besitzen können.” (208)
Sagen wir “das Neue”, statt “das Göttliche”, wie steht es dann um uns?
Das Göttliche in seiner Nähe zu ahnen – ist das nicht der einzige wirkliche Auftrag des Menschen?
“Schon Ratschläge sind in vielen Fällen Angriffe auf die Selbständigkeit;…” (211)
(Helfen heißt auf dem vom Subjekt eingeschlagenen Weg helfen.)
“Das Bewußtsein ist nicht produktiv, es schafft nicht, es beleuchtet nur, wie der Mond;” (213)
“Die Frucht des Baumes ist nicht für den Baum.”(218)
Notiz übert das Entleeren:
Mein Prinzip in diesem Buch ist doch, nichts Menschliches auszusparen, nichts “Unmoralisches” zu verdrängen. Es kommt viel Sex zur Sprache. Noch nie kam ich darauf, den Gang zum Abort zu registrieren (wohl aber die Orgasmen). Was ist dafür der eigentliche wesentliche Grund? Physische Selbstverständlichkeiten sind uninteressant; die Atemzüge usw.
Die Lidbewegungen lohnt es nicht, zu registrieren (solange sie sozial bedeutungslos sind).
Heidrun stimmte heftig zu, als ich sagte, nichts Menschliches sei mir fremd. (Für mich kulminiert dies in “Schweinereien”. Für sie offensichtlich in Mordgedanken. – Als wir hier nicht dasselbe meinten, nahm sie gleich zurück.)
Heidrun, eine sensibel-sinnlich-leidenschaftliche Frau mit einem (vielleicht von Kindheit herrührendem) Defizit an kluger Selbstlenkung, -führung. In dieser Hinsicht von gewisser Grobheit, Unbeholfenheit, Ratlosigkeit, die zu ihrer Depressivität führt. H. erwähnte, wie leicht sie manchmal zui rühren ist.
Ahne ich damit etwas von den “Ufern” dieses Stroms?
Jedenfalls bin ich ihr gut gesonnen. Doch werde ich mich nicht auffressen lassen.
