Archive for Dezember, 2008

10. Oktober 1982 – Heidrun und Evi

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

Lesen: Mandelstam “Hufeisenfinder”.

Gymnastik

Finde keinen Schlaf, von Begierde auf Heidrun gepackt. Mitternacht Brief an Heidrun:

Liebe Heidrun! 11.10.82

Enthülle den Bildsäulenleib, den furchtsamen… Mein ungeschlachter Bauernleib höhlt Dich aus…”, möchte ich mit den Worten des Dichters Neruda zu Dir sagen. Es ist schon Montag, geht auf 1 Uhr, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Deine Küsse sind in mich eingedrungen, wühlen mich rum und dumm. Sie wollen wohl Wurzeln schlagen. Ich freue mich auf unser Wiedersehen am Sonntag und erschrecke zugleich darüber, wie lange es noch bis dahin ist. Ich träume davon, Dein liebes Gesicht zu liebkosen und denke immer, daß ich das viel zärtlicher und schöner machen werde, als ich es jemals tat. Trotzdem, bitte, laß mich auch Schlaf finden, mein Tigernäschen.

Du ruhe sanft auf Deinem Kissen und nimm mich in einen schönen Traum auf.

 Dein Peter

Uneingestanden, kaum bewußt: Am meisten lebt seit meiner Entlassung aus Buch Evi im Hintergrund meiner Gedanken. Legierung von Freude und leiser Wehmut…

09. Oktober 1982 – Heidrun

Dienstag, Dezember 2nd, 2008


Ich mache diszipliniert Gymnastik.

# Abendliche Notiz mit Schwips:#

Treffen mit Heidrun, Gaststätten. Phasen mit ihr, bei denen wir süße Küsse tauschen. Beim Nachhauseweg nimmt sie mich nicht bei sich auf. Ich singe den Ohrwurm: “Vom Gebirge bis zum Deich,-… Mit Rädern unten dran…” Sie sagt: “Sei nicht so ironisch.” Sie meldet sich entweder oder meldet sich nicht. (Am 17.10. zum Auto Cross.)

Es ist nicht leicht, wenn die Frau, die man trotz allem am meisten schätzt, ihre Leidenschaft für einen Dritten tiriliert. Doch außer diesem Eingeständnis des Schmerzes ist von mir nichts mehr zu erwarten (im Interesse der Selbsterhaltung).

Sei’s drum, ihr mag dies Theater nicht weniger Schmerzen liefern als mir.

Gebe irgendwer uns allen Frieden.

 

08. Oktober 1982 – Dresdner Kunstausstellung und Sozialismus

Dienstag, Dezember 2nd, 2008

Hören: Haydns “Die Schöpfung” in der Schloßkirche Buch

Gestern beim Spazierengehen erzählt L. von der Dresdner Kunstausstellung. Unsere Auffassungen harmonieren sehr in diesen Fragen. Das Malerische habe keine Chance in dieser Ausstellung. Riesenformate dominieren und “Leipziger Schule”. Sie vermißt die Haltung der Künstler. Jedoch, das Schlimme ohne erkennbare eigene Haltung darzustellen, sei auch wieder eine Art Realismus. Den Politikern müßte, recht besehen, bei vielen dieser Bilder grausen. Sie sagt, man könne nicht den Arbeiter malen, wenn man ihn mal 4 Wochen studiere. Mayerl habe das gekonnt. Vieles in Dresden sei auch Rekordjagd, etwas Ausgefallenes bieten. Viele Arrivierte wiederholen sich. Plenkers sei ihr aufgefallen.

Vieles, was sie da sagt, klingt wie Zustimmung zu mir. … Sie meinte, ich solle ruhig etwas zu Dresden schreiben. Diese Absicht hatte ich nicht, da an eine Veröffentlichung nicht zu denken ist. Jedoch jetzt faßte ich den Entschluß. Ja, ich betrachte diese Ausstellung sehr genau und schreibe rückhaltlos, sogar zugespitzt meine Meinung: für mich, für die Schublade, für einige Freunde (Bernd Wagner, Hans Vent, Dieter Goltzsche, Karl Heinz Schatte, Kurt).

Eigentlich ist der Sozialismus ein umgestülpter Imperialismus. Er schafft die ersten, die allerelementarsten Grundlagen dafür, daß der Mensch einmal anders werde. Diese sind Frieden und sinnvolle Arbeit (Das sagte auch mal Andersen-Nexö.) Wir sind noch weit davon entfernt, diese Grundlagen sicher geschaffen zu haben.

Insofern ist der “vergessene Humanismus” in unserer Praxis einfach Ausdruck dafür, daß sich das Wesen unserer Entwicklung real deutlicher ausprägt. Nur das Bewußtsein dieser Tatsachen dürfen wir anscheinend noch nicht haben. Die Künstler beginnen es zu formen (Granin, Aitmatow). Die Theorie darf (und kann) es bei weitem noch nicht formulieren.