Archive for Januar, 2009

13. Januar 1989 - Beschwerde an den Oberbürgermeister von Berlin

Freitag, Januar 23rd, 2009


… Gestern interessant Wahlkreisstab und WBA-Sitzung. Kampf mit KWV - Edda Schmidt. Eingabe wegen Pflegeverträgen heute abgeschickt. Durchschlag an Fachabteilung des ZK, Dr. Sorgenicht.

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Durch diese Diskussionen wichtige Eindrücke zur “Rädchen”-mentalität der Funktionäre im Verwaltungsapparat. Und prinzipielle Anstöße, über das Verhältnis Partei/Staat nachzudenken.

Die Partei muß den richtigen Weg erstreiten. Der Staatsapparat muß funktionieren (verkürzt gesagt).

 

11. Januar 1989 - Beziehungszwiespalt, Beziehungsqual

Donnerstag, Januar 22nd, 2009

Es ist z. Z. eine absolut zwiespältige, geradezu unehrliche Situation: Ich stehe unter dem Eindruck

* ihrer Lügnerei vom Freitag und Montag

* daß sie sicherlich ohne mich zu Wulfs Geburtstag zu gehen beabsichtigt

* vorher ihrer extremistischen Reaktion am 1.1. abends im Zusammenhang mit der Mauer

* ihrem Abkehrverhalten danach (vorige Woche).

So bin ich in meiner Beziehung zu ihr erschüttert. Die Zweifel sind da, ob uns wirklich genug verbindet. Welche gemeinsamen Ziele? Innere Kühle? (Bloß, wenn sie dann schlicht sagt:”Na, dann müssen wir uns eben trennen.” dann ist mir gar nicht mehr kühl.) …

Ich glaube, daß sie ihre Heimlichkeiten gleichsam als eine Sicherheitszone braucht, einen Bereich ihrer Intimität, den keiner kontrolliert, in den keiner eindringen darf. (Die Vertraulichkeiten mit Wulf könnte ich als solche Sicherheitszone aus Selbstzweck verstehen.) Ich muß diese Zone ihrer Heimlichkeit akzeptieren. Darauf kann ich nur meinerseits mit derselben Zone reagieren. Ich kann unmöglich in dieser Situation weiter so völlig offen bleiben. Das heißt, wir dulden Zonen der Sprachlosigkeit, der Fremdheit zwischen uns. Wenn solche “Zonen dominieren”, also Sprachlosigkeit herrscht, brauchen wir nicht beieinander zu sein. Das sind dann verlorene Zeiten.

Also sollten wir nur aufeinander zugehen, wenn wir wirklich etwas voneinander wollen. (Ich kann nicht ausschließen, daß der eigentliche Kern, der uns unvereinbar macht, eine politische Haltung bei ihr ist, die Feindseligkeit zum realen Sozialismus mit einschließt.)

Immer wieder derselbe Widerspruch: Ich kann nicht, will nicht glauben, daß ihre Heimlichtuerei einen ernsten Grund hat. Und zugleich die Befürchtung, daß das Wunschdenken ist. Denken: Wer so konsequent verheimlicht, der muß einen Grund haben.

Soll ich mich, ob Grund für Heimlichkeit oder nicht, zu mir bekennen und sagen: Ich ertrage diese Art nicht - also trennen.

Oder kann ich sagen: Ich toleriere jede Heimlichkeit, da ich glaube, daß sie sie zu nichts Schlechtem benutzt.

Kann ich uneingeschränkt an sie glauben? Ohne jeden Vorbehalt? Nein.

Wenn sie aber nun gerade diesen Glauben braucht? Wie auch immer: Diese Quadratur des Kreises geht nicht.

So handeln: Prinzip: Im Bestreben, ihr jedes Recht auf Heimlichkeit zuzugestehen zugleich bei mir bleiben.

* Heute Abend wie o. angedeutet sprechen. Das Problem des Verheimliches artikulieren.

* Ihr offen und entschieden und ganz konsequent das Recht auf jede Art von Heimlichkeit zugestehen (dies sagen und tun!)

* Entsprechende Handlungen von ihr werden mich schmerzen (bzw. befremden). In solchen Situationen mein Befremden, meinen Schmerz ihr gegenüber aussprechen, ausdrücklich aber mit meiner erklärten Bereitschaft, sie gewähren zu lassen.

* Den Schmerz nicht durch Zuwendung zu ihr, durch Kampf um sie aus der Welt schaffen wollen, sondern durch Abwendung von ihr und Besinnung auf das Eigene überwinden.

Das ist der Weg des konfliktarmen (an äußerlichen Konflikten armen) Auseinanderlebens.

Übrigens wird vermutlich die “BR” nicht mehr ausgeliefert.

# Ich habe keineAhnung, wie dieses deprimierende Beziehungs-Hin und Her auf einen außenstehende Leser wirkt. Mich berührt es noch heute sehr ernst. Und zwar gar nicht wie eins der üblichen, lange zurückliegenden Beziehungsprobleme. Heute wird mir viel klarer, wie damals kolossale gesellschaftliche Prozesse in unseren Alltag hineinwirkten. Ich sehe uns als zappelnde Figürchen in einem Bergrutsch. # 

07. - 10. Januar 1989 - Theater, Film, Kunst

Freitag, Januar 16th, 2009

Mit C. am Freitag in “Lenins Tod”.

Film “Mein Freund Lapschin” im Babylon.

Ausstellungszentrum am Fernsehturm.

“Tabu”, Film von Murnau.

Slawomir Mrozek, “Fuchsquartett”, großartige Aufführung in der Kammer. C. ist begeistert. Wir sind guter Stimmung zueinander.

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Wir lesen abends noch “BR” 1/89 (die sie vom ungarischen Kulturzentrum erhielt) und polemisieren dazu.

# “Budapester Rundschau”, deutschsprachige Monatsschrift aus Ungarn, mit heftiger antistalinistischer Parteinahme  (wichtige historische Artikel!) und für Demokratisierung des Realsozialismus - letztlich für Anschluß an den Westen. #

Vorm Einschlafen will ich zärtlich werden, was sie so konsequent abweist, daß ich mich abwende.

06. Januar 1989 - “Dann ist die Liebe eben nicht so groß”

Freitag, Januar 16th, 2009


C. erzählte von ihrem Arztbesuch bei Dr. Jakob. Ab 16.1. ist sie für 6 Wochen 4-Stunden arbeitsfähig geschrieben.  Ich hatte ihr ein Blumensträußchen geschenkt. Unser Gespräch war kühl, vorsichtig, um Freundlichkeit bemüht.

Sie hat mir wieder eine Begegnung mit R. L. verheimlicht. Also wieder ein Zusammenstoß.

Ich ärgerte mich selbst über mich,… daß ich diese Problematik, die ich doch, wie mir scheint, begriffen habe, nicht besser “wegstecken” kann. Ich entschuldigte mich wenige Minuten später, und sie las mir noch interessante Artikel aus dem “Sonntag” vor.

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# “Sonntag”, Wochenzeitung  des Kulturbundes; intellektuell, oftmals langatmig, wenig brisant. Hin und wieder aber war doch eine Perle versteckt. Über etliche Metamorphosen geht der heutige “Freitag” auf den “Sonntag” zurück. #

Wir schliefen dann harmonisiert ein. Vorm Einschlafen reflektierten wir noch ein wenig:

Sie stellte fest, daß durch ihr Vorlesen alles wieder geglättet worden sei. Ich erklärte sofort, daß sie meine Entschuldigung ganz vergessen habe. Ich qualifizierte diese Denkweise als Weiterbestehen des Schützengrabendenkens zwischen uns. Wir stellten fest, daß wir jeder sich selbst am meisten lieben.

Sie: “Dann ist die Liebe eben nicht so groß”.

Ich sagte, daß wir uns auf unsere Fähigkeiten mit Einsamkeit fertig zu werden viel einbilden. Ich: “Vielleicht hab’ ich noch gar nicht erfaßt, daß ich ohne dich nicht leben kann. - Ich glaube es ist so.” Daran, wie sie da meine Hand drückte, merkte ich, daß das vielleicht das wichtigste Wort war.

05. Januar 1989 - “Philotas”

Freitag, Januar 16th, 2009


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gestern “Philotas”, Lessing, gut.

Weiter auseinandergesetzt mit C. - keine gute Zeit.

Zahnärztin

 

04. Januar 1989 - Angst in unserer Partnerschaft

Donnerstag, Januar 15th, 2009

…  Ich bin enttäuscht von C.

Ich muß ihr meine Meinung klar machen, ohne dabei Vorwürfe zu erheben.

Angst und Schwäche sind starke Komponenten, Hauptkomponenten ihrer Person. Das ist mir vielleicht jetzt erst richtig bewußt geworden. Ich möchte hier viel Rücksicht nehmen, viel verstehen - aber natürlich gibt es dafür Grenzen.

Ich werde ihr die Feststellung nicht ersparen, daß sie sich von uns weg bewegt hat, seit der Auseinandersetzung von Sonntag, nicht auf den Partner zu, wie ich es versucht habe.

18.20 Uhr: Von der Kreisschule Marxismus-Leninismus kommend bin ich seit anderthalb Stunden in weitem Bogen hierher gelaufen, habe berührt Haus der jungen Talente, Fernsehturm, ungarisches und polnisches Kulturzentrum, französisches Kulturzentrum, Becherclub und etliche Cafes - immer in der Hoffnung (aber dies natürlich absurd) auf C. in Begleitung zu stoßen. Dabei natürlich viel Zeit zum Nachdenken (und immer Belastung im Magen). Ergebnisse bis hierher: Momentan scheint mir C.s ganze Lebensstrategie ganz entscheidend auf Angst und der “Rettung” vor der Angst gegründet und zwar Letzteres durch

a.) Verdrängung und

b.) Sicherung von Alternativen (fast um jeden Preis).

In beiden Fällen Vermeiden des Durchlebens existentieller Angst.

Auf diesen Grundpunkt gestellt, scheint mir fast alles folgerichtig erklärbar.

Als wir uns kennenlernten, fragte ich sie beim ersten Konflikt, ob sie einen Anderen liebe. Das verneinte sie. Mit der heutigen Lebenserfahrung würde ich darüber hinaus zu ergründen suchen, ob sie sich ein vollkommenes Lieben (in Liebe aufgehen) für sich überhaupt vorstellen könne.

Zur Angst C.s in unserer Beziehung:

Gibt es eine Entwicklung, Vertiefung, Festigung unserer Beziehung? Ich möchte “ja” sagen. Mein Gefühl sagt das deutlich. Praktische Beweise sind wesentlich dünner gesät.

Ihre Worte letzten Sonntag, daß sie, wenn ich so spreche, Angst vor mir habe, haben dies zum ersten Mal so deutlich verbalisiert. - Ist das ein Vertrautheitsbeweis? War es nur ein spontaner Leidensausbruch?

Unsere ernste Auseinandersetzung hatte große Schärfe, auch Einsicht und führte so relativ schnell, noch am selben Abend uns in Richtung Versöhnung. War das für sie zu schnell? Hat sie selbst ihrem Wunsch nach Zueinander zu schnell nachgegeben, so daß sie die Abwendung der letzten beiden Tage machen mußte?

Liegen noch tiefere Angstpotentiale/Sachkonflikte zwischen uns? Ich glaube ja.

Es geht um die Frage der Gewalt, gar des Terrors, für den Sozialismus. Kann sie dem von ihrer tiefsten Lebenswurzel aus nicht zustimmen?

Wenn es so ist, haben wir dann überhaupt eine Chance?

# Heute, mit dem Wissen, wie sich alles weiterentwickelt hat, finde ich es immer noch bedrückend aber auch verblüffend, was da so fundamental in unser Leben hineinwirkte und von uns nicht begriffen oder “bewältigt” werden konnte. #

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# Ein  interessantes Thema in der Zeitung und Theaterkarten. Niemals vorher oder nachher besuchte ich soviel Kulturveranstaltungen aller Art. #

03. Januar 1989 - Zukunft mit C.?

Donnerstag, Januar 15th, 2009

Protokolle Band 33

# So sieht er aus, der äußerlich etwas lädierte 33. Band meiner Tagebücher. #

 

 

…  Am Wochenende sprachen wir über das Altern, über die Situation im Alter. C. erzählte, daß sie sich darüber auch mit Wulf unterhalten habe (sicher ausgehend von Bernlef).

# J. Bernlef: “Hirngespinste”, ein Roman aus der Spektrumreihe von Volk und Welt, Berlin 1988. Bernlef ist ein niederländischer Autor (geb. 1937), über den Google auch heute noch nicht viel mitzuteilen hat. “Hirngespinste” beschreibt den geistigen und körperlichen Verfall eines Einundsiebzigjährigen aus der Sicht dieses Einundsiebzigjährigen. Das Buch hat mich tief beeindruckt. #

Bernlef

 

Er habe ihr gesagt, sie C. sei dann vielleicht ähnlich wunderlich geworden, er, Wulf, sei dann vielleicht bewegungsunfähig (# W. war früher Spitzensportler, Leichtathlet über 400 m. #) und mich gäbe es dann wohl gar nicht mehr in ihrem Gesichtskreis.

Das ist ein anschaulicher Einblick für mich in die Art und den Inhalt ihrer Beziehung - eine Beziehung, in der für mich kein Platz ist .

Und weiter: C. kultiviert Beziehungen bzw. eine Lebensvariante ohne mich. Zu ihrer Sicherheit hat sie immer eine Variante ohne mich.

 

02. Januar 1989 – Jahreswechsel

Donnerstag, Januar 8th, 2009

    Silvester in Skaby. # Dort, östlich Berlins, besaß C., meine damalige Gefährtin, eine Ferienwohnung. #

    Am Silvestertag sehr schöner Spaziergang zur Spree, Mönckehofer Brücke. Abends „Anders“ von Brigitte Burmeister entdeckt. Am 1.1. nachmittags/abends Besuch bei C.s Mutter.

    Während des Heimgehens entlang der Mauer und danach schwere Auseinandersetzung mit C. - wegen der Mauer und wegen der Angst, die ich ihr wegen meiner Haltung dazu, eingejagt habe. Ernste Aussprache.

    Nun also hineinfinden in die Arbeit als mit der Wahrnehmung der Leitung beauftragter Chef der ZF.

    27. Dezember 1988 – Pflegeverträge

    Donnerstag, Januar 8th, 2009

    … Heute mit Pötter bei Edda Schmidt, KWV. Es ging um die Pflegeverträge.

    # Ich leistete seit einigen Jahren ehrenamtliche Arbeit als Vorsitzender eines WBA (Wohnbeziksauschuß der Nationalen Front) in Berlin-Mitte. Eine wichtige Aufgabe des WBA war es, zwischen Bürgern (bzw. HGL - Hausgemeinschaftsleitungen) und der KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung) Verträge für die Pflege der Grünanlagen des Wohngebiets zu vermitteln. Alle hatten etwas davon: Die Vertragspartner-Bürger ein geringes Entgelt, alle Bürger gepflegte Grünanlagen und der WBA einen Entgeltanteil zu seiner Finanzierung. Es gab immer wieder einmal Bestrebungen der Stadt, die Bezahlung der Pflegeleistungen zu verringern oder ganz wegfallen zu lassen.#

    Hier kommt eine ganz böse Situation auf uns zu:

    • Es geht um eine Senkung des Entgelts der KWV an die Bürger

    • Es bedeutet eine enorme Bürokratisierung

    • Es ist ein enormer Schlag gegen die „Bürgerinitiative“ (es ist daher ein enormer politischer Fehler).

    • Es ist ein Beweis für die „Rädchenmentalität“ der Zwischenglieder -

      die Leiterin der KWV ist nicht einverstanden…

      der Staatliche Beauftragte des Wahlkreises ist informiert….

    Keiner rührt sich zu einer entschiedenen Ablehnung.

    21. Dezember 1988 – Kadergespräch

    Donnerstag, Januar 8th, 2009

    Kadergespräch H. Dö. mit mir (und G.).

    Sie sagen, daß meine Erfahrungen aus der Praxis (Leitung großer Kollektive) zu gering seien. Und, daß ich ein ehrlicher Genosse sei, meine Ansichten und Zweifel aber manchmal unpassend nach Ort und Form äußere. G. veranschaulicht dies an meiner Sputnikdiskussion in seiner Arbeitsberatung.

    # Ich hatte mich dort gegen das zeitweilige Verbot der sowjetischen Monatszeitschrift „Sputnik“ gewand. #

    Ich entgegne, daß ich mich für befähigt halte, die ZF zu leiten, dies auch gern tun würde und eine Menge Ideen zur Weiterarbeit hätte. Punktum. Ich sei aber nicht auf den Leiterposten fixiert und könne auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter sinnvoll arbeiten. Was meine politischen Äußerungen betrifft, so seien sie – von immer möglichen mißverständlichen Formulierungen abgesehen – Ausdruck gerade einer bewußten Position eines ehrlichen, verantwortungsbewußten Genossen, gerade in heutiger Zeit.

    So sind wir uns in schönster Weise einig.

    Ich spreche die Weiterentwicklung der Nachwuchskaderentwicklung an (Modell Leichtindustrie) und H. Dö. lehnt das als unrealisierbar (praktische 9-Monatsetappen) ab.

    Wer wird neuer ZF-Leiter werden? Mornhinweg? Wäre passabel.