Archive for Februar, 2009

20. Januar 1989 - Mozart

Mittwoch, Februar 11th, 2009

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 C. geht heute Abend mit Wulf und Werner in “Germania”.

# Heute, 12.2.2009, wird in der Zeitung über den Dokumentarfilm “Material. Deutschland 1988-2008″ von Thomas Heise berichtet. Ein Film, der mich enorm interessiert. Darin spielt auch diese Inszenierung von “Germania” eine Rolle:

“1988 inszeniert Fritz Marquardt Heiner Müllers »Germania Tod in Berlin« am BE. Das Stück ist da 18 Jahre verboten, durfte weder gespielt noch gedruckt werden. Ein Jahr vor dem Mauerfall verstand Klaus Höpcke nicht mehr, daß er es einmal mit auf den Index gesetzt hatte. Wer die Geschichte von 1989 erzählen will, muß spätestens 1988 beginnen. »Material« zeigt die Quälerei, die Ernsthaftigkeit der Probenarbeit.”#

Für mich habe Werner keine Karte mehr bekommen. Das ist zwar schade, auch weil sie damit unser Skaby-Wochenende platzen läßt. Ich habe aber keine Probleme damit, weil ich die Begründung glaube und kein absichtliches Ausschließen vermute. Daß Wulf freilich dieses Motiv haben könnte, ist dennoch nicht auszuschließen.

Wir waren gestern im Schauspielhaus (trafen G., Krebsverdacht bei K.). Ich sagte C., daß in Mozarts Musik immer vorhanden sind (verbunden, widerstreitend, immer recht hart und unvermittelt gegeneinander gesetzt) zarte, spielende (unschuldige) Kindlichkeit und Gewalt, erhabene oder/und erschreckende Macht. Und ich sagte ihr, daß das genau auch ihr Persönlichkeitserleben, ihre Persönlichkeitstruktur sei. (Sie fand das treffend.)

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Wie doch der sexuelle Reiz einer Frau allein durch etwas mehr Fleischlichkeit zunimmt.

 

19. Januar 1989 - Leiten

Mittwoch, Februar 11th, 2009

Gestrige WBA-Beratung erfolgreich…

Heute Einweisung KA weitergeführt.

# KA- Kollektivarbeit. Unsere Kollektivarbeiten habe ich hier bereits einmal erläutert. Für mich, eigentlich Theoretiker und jetzt neu als verantwortlicher Leiter, war es immer eine besondere Herausforderung, unsere Lehrgangsteilnehmer/gestandene Praktiker für eine relativ aufwendige empirische Analyse eines Leitungsproblems qualifiziert anzuleiten. #

Gute Stimmung im Lehrgang (die aber gegenwärtig auch gute “Heimatort”bedingungen haben ) (Ich muß kräftig die Anforderungen erhöhen! - langfristige Linie!)… Habe das Gefühl, die Aufgaben zunehmend zu beherrschen. Meinen Leitungsstil muß ich noch finden. aber ich glaube er “geht”. (Ein Stil, der auf Vertrauen und Freiwilligkeit baut.)

 

Was es so gibt.

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# Diese, heute würde man sagen, “läppische” Meldung hielt ich der Beachtung wert. Bis dato war es  absolut ungewöhnlich, daß Presseagenturen “sozialistischer Bruderländer” sich gegenseitig widersprachen.#

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 Kunst zum kleinen Preis.

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Was es auch noch gibt: Am Montag, glaube ich, ein Dementi der TASS-Meldung über die Rettung von weiteren sechs Erdbebenopfern in Armenien. Diese stellte sich als Ente heraus. (Schade, daß ich den Zeitungsausschnitt nicht aufgehoben habe.) Auf jeden Fall wirft dieser Vorgang ein Schlaglicht auf die Qualität mancher sowjetischer Berichterstattung. Daran läßt mich auch der Artikel denken, den ich morgen einklebe.

# Dementis in den Massenmedien. Bisher galten sie als unfehlbare “Sprachrohre der Partei”. Solche Veränderungen wurden sensibelst registiert. #

 

18. Januar 1989 - Quartierwerbung Wahlkreis 3

Montag, Februar 2nd, 2009

Habe heute C. in ihrem Betrieb besucht…

Einweisung in die Kollektivarbeit.

Hans Sauerbrei erzählt, daß sie bisher 65 Quartiere von 750 beauflagten im WK3 # Wahlkreis 3 # haben. Er schätzt, etwa auf 100-130 zu kommen. (Paar persönliche Worte mit ihm)

# Wenn ich mich recht erinnere, ging es um eins der regelmäßigen DDR-weiten Jugendtreffen der FDJ in Berlin, z. B. Pfingsttreffen, für das möglichst viele Berliner Einwohner freiwillig Privatquartiere zur Verfügung stellen sollten. Solche Aktionen wurden von den DDR-Führern (mit ihrer “legendären” FDJ-Vergangenheit) als eine wichtige Form der “politischen Mobilisierung” angesehen. (Und in der Tat waren sie eine Art Stimmungsbarometer) Ich empfand solche Aktionen mit ihren “Kampfzielen” weitgehend als Krampf. Man versuchte die ehrenamtlichen WBA -Wohnbezirksausschüsse - für solche Werbearbeit einzuspannen. Viel Druck ausüben konnte man aber nicht, denn die WBA arbeiteten nur so viel oder so wenig , wie sie Lust hatten. Damit blieb blieben solche Aktionen an den hauptamtlichen Funktionären auf Wohngebietsebene hängen. Das waren, zumindest in Berlin, die Staatlichen Beauftragten der Wahlkreise, mehr oder weniger Mädchen für alles. Zu diesem ganzen System erläutere ich später mehr. (Im Frühjahr standen ja die Kommunalwahlen bevor.) #

 Heute Abend Beratung zum Wohngebietsfest im Altberliner Cafe.

 

16. Januar 1989 - Alltag

Sonntag, Februar 1st, 2009

… Am Freitagnachmittag mit C. im Klub “Peter Edel” - angenehmes Essen. 

Danach zum “Toni”, “Die Stadt Hibiskus”, ein sehr guter chinesischer Film….

Am Sonntag Liebknecht-Luxemburg-Demonstration (wenig Teilnehmer?)…

Heute nun ist C.s erster Arbeitstag.

Auf Arbeit die ersten vier Einzelarbeiten diskutiert.

Nachher noch Kreisschule ML # Marxismus-Leninismus #…

Ausstellung chinesische Volkskunst.

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 # Das Tagebuch führt hier weder Zusammenhänge aus, noch Probleme an. Es gibt nur wenige knappe Signale, die sich dem Außenstehenden -so fürchte ich - kaum erschließen. Bedauerlich, denn eigentlich sind es Signale einer bedenkenswerten, in mancher Hinsicht reichen Normalität.

Peter Edel, heute kaum noch bekannt, war jüdischer Schriftsteller, KZ-Häftling, SED-Funktionär. In jedem Ostberliner Stadtbezirk gab es Klub- bzw. Kulturhäuser mit vielfältigem Veranstaltungsangebot und meist ganz ordentlichen Restaurants. In Weißensee war dieses Klubhaus nach dem 1983 verstorbenen Peter Edel benannt.

An den genannten chinesischen Film kann ich mich nicht mehr im Einzelnen erinnern. Mein googeln eben brachte kaum brauchbare Hinweise. Amüsant kontrastierend aber dieser Bericht aus einem Leipziger Jugendklub: Der einzige Filmvorstellung die abgebrochen werden mußte, (Buh-Rufe en masse), war am 1.7.89 “Die Stadt Hibiskus” - ein furchtbarer Film. Interessanterweise wurde der Film, in Unkenntnis der Sachlage, zwei Tage nach seinem Verbot aufgeführt. Interessanterweise hat das nie jemanden interessiert.”

An der alljährlichen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration (brrr, immer in der kältesten Jahreszeit!) nahm ich natürlich teil. In Berlin hatte diese Demo eine ziemlich große Tradition. Ich fühlte mich immer als Nichtberliner und mochte mich deshalb dieser Tradition nicht automatisch anschließen. Dementsprechend gering war meine Teilnahmebegeisterung. Aber nicht hinzugehen, kam für einen SED-Genossen nicht in Frage.

C. nahm nach ihrer schweren langwierigen Erkrankung eine Arbeit beim Verband der Film- und Fernsehschaffenden auf. Zu meiner eigenen beruflichen Arbeit erläutere ich später etwas mehr.

Kreisschule ML - Diese Form gehörte zum Parteisystem der Schulung und Propaganda. Jedes Parteimitglied mußte einmal im Monat an einem zweistündigen Parteilehrjahr teilnehmen. Diese Seminare wurden von (möglichst befähigten) Genossen aus den eigenen Reihen, den Propagandisten, geleitet. Die Propagandisten selbst wiederum wurden durch sog. Leitpropagandisten, die natürlich eine entsprechende Ausbildung haben mußten, monatlich angeleitet. Ich war als studierter Philosoph und Ökonom zum Leitpropagandisten berufen worden. Als Leitpropagandist hatte ich/nahm ich mir lange Zeit die Freiheit, meinen Propagandisten, angelehnt an den vorgegeben Lehrplan, interessante Fakten und Problemsichten zu vermitteln, die ich mir selbständig erarbeitete. Ab 1988 wurde diese Freiheit in dem Sinne beschnitten/modifiziert, daß ich zur (nebenberuflichen) Weiterbildung an der Kreisschule ML (etwa Fachhochschulniveau) verpflichtet wurde - ein Vorgang, halb Disziplinierung, halb echte Bildungsauffrischung. Das ganze Parteilehrjahr schwankte zwischen dogmatischer Exegese “aktueller Parteidokumente” (wie es besonders in den letzten Jahren von der Zentrale (Joachim Herrmann) immer rigoroser angestrebt wurde) und unkonventioneller, theoretisch bemühter Diskussion von Problemen, die uns auf den Nägeln brannten. Es gab eine ziemliche Bandbreite. Wie es konkret aussah, war sehr vom Stil der jeweiligen Parteiorganisation/Parteileitung einerseits und den teilnehmenden Genossen andererseits abhängig. Es gab auch hier, wie so oft in der DDR, einen Raum, den man so oder so ausfüllen konnte. Heute wird all das mit “Gehirnwäsche” abgetan.

Die Aufgabe, das eigene soziale Leben (z. B. unser gegenwärtiges tolles Krisengeschehen) geistig, theoriegeleitet, zu druchdringen, ist heute weniger gelöst, denn je. Ein Beweis dafür, daß diese Aufgabe sinnlos ist oder von “BIld” massenhaft oder von der Religion gehoben bestens erfüllt wird, ist das wohl kaum.

Ausstellung chinesische Volkskunst - DDR-Berlin hatte ein reiches Kunst- und Kulturangebot. In DDR-Berlin gab es Beschränkungen des Kunst- und Kulturangebots. Beide Sätze sind zutreffend. Ich teile nicht die Anklagen, daß wir unter einer geistigen Käseglocke leben mußten. #