Lieber C. 7.3.89
Zum Geburtstag möchte ich Dir ja gern mal wieder schreiben, da ich aber nicht weiß, ob Deine Cottbuser Adresse noch gültig ist, schreibe ich sicherheitshalber nach Hause, “zu Muttern”….
Von mir gibts manche Neuigkeit mittlerer Bedeutsamkeit zu berichten. So habe ich seit gut einem halben Jahr eine neue Wohnung bekommen, hoch über dem Arkonaplatz im 6. Stock. Dort gefällt es mir sehr gut. Es war sozusagen meine Wunschwohnung (2 Zimmer, hell, geräumig). Ich bin ja in diesem Wohngebiet seit etlichen Jahren als WBA-Vorsitzender verwurzelt, falls Du Dir unter dieser Funktion etwas vorstellen kannst. Die Wohnung habe ich bezogen mit dem Gefühl, daraus vielleicht nie wieder auszuziehen – das war ein wenig eigentümlich.
Meine Arbeitsstelle hat sich nicht verändert. Allerdings ist mein Leiter in Rente gegangen, und ich habe seit einem Vierteljahr den Auftrag, mein eigener Leiter und Mitarbeiter zu sein. So kann das nicht lange gehen. Aber eine notwendige Entscheidung wird verzögert. Diese zwiespältige Situation ist unangenehm, aber sie belastet mich nicht ernsthaft. Ehrgeiz ist für mich seit langem kein Motiv mehr, und ob ich nun Leiter oder Mitarbeiter bin – in beiden Richtungen kann ich sinnvoll arbeiten. Nur eben nicht in beiden zugleich. In den letzten 1 1/2 Jahren hab’ ich Einiges getan, um mit einem Personalcomputer arbeiten zu können – eine interessante und befriedigende Sache.
Natürlich besteht nicht das ganze Leben aus Arbeit, keineswegs. Seit einem Jahr (übrigens fast auf den Tag genau) bin ich mit meiner Gefährtin C. zusammen. Sie ist sehr intelligent, empfindsam und eigenwillig (ich weiß nicht, was am meisten), und wir haben in dieser Zeit oftmals miteinander gerauft. Mit dem Ergebnis, daß wir uns immer besser, einfach großartig verstehen. Sie hat in dieser Zeit eine schwere Krankheit durchgemacht, und wir hoffen mit aller Kraft, daß sie endgültig überstanden ist.
Mit F., den ich Euch einmal als Baby angeschleppt habe, der natürlich bei seiner Mutter lebt, bin ich oft zusammen. Wir verstehen uns prima. Oft sind wir auch alle drei (also mit C.) am Wochenende zusammen in der Laube, in Sch. Das kleine Grundstück dort ist (und bleibt) ganz schön wild. Spaß macht es mir aber, Obstbäume, Beerensträucher, Weinreben zu pflanzen und zu betreuen.
Nun habe ich schon 2 1/2 Seiten Briefbericht gegeben und noch kein Wort zur “Boletik” gesagt. Daraus ist nicht zu schließen, daß ich mich davon zurückgezogen hätte (dagegen spricht ja auch die WBA-Funktion). Nein, das nimmt großen Raum ein. Ich habe u.a. die sowjetische “Neue Zeit” abonniert, C. die “Budapester Rundschau”, und oft diskutieren wir heftig Artikel, die wir dort gelesen haben. In der Partei und bei vielen anderen Gelegenheiten mache ich oft das Maul auf gegen die vielen unakzeptablen Erscheinungen, die sich in diesem unseren Land breitmachen.
Ich vermute, daß Du die Verhältnisse als nicht weniger mühselig erlebst. (Freilich ist es nur Vermutung.) Man braucht einen langen Atem aber ich verliere nicht den Optimismus, daß auch bei uns, was sich an Spätstalinismus fortschleppt, niedergerungen wird. (Das sei gesagt, auch wenn es möglicherweise Mutter verärgert, wenn sie davon erfährt.)
So leb ich arbeitend, oft gespannt, nicht unfroh, oftmals sehr froh, älter werdend, kaum krank, von meinen drei Ältesten leider fast gänzlich abgekoppelt und denke an Dich und Euch, nicht zuletzt anläßlich Deines Geburtstags, ganz herzlich.
Vati.