Archive for Juli, 2009

13. Juli 1989 – Die Macht der Solowezki-Inseln

Montag, Juli 13th, 2009

# Eingelegt in den Protokollband 34 fand ich diesen Auszug aus der Zeitschrit “Sowjetfilm”, offensichtlich von April 1989. Dieser Bericht über den Dokumentarfilm “Die Macht der Solowezki-Inseln” hat mich tief beeindruckt. Schritt umd Schritt wurde mir durch solche Berichte das Ausmaß des Stalinschen Terrors bewußter. Die wichtige Frage nach dem Verhältnis Lenins zum (späteren stalinistischen) Terror wurde durch solche Beiträge nicht beantwortet. Obwohl es heute viele Veröffentlichungen gibt, die beanspruchen, auch die letztgenannte Frage zu beantworten, ist mir dazu keine profunde, historisch-kritische Darstellung bekannt. Die mir bekannten Arbeiten zu diesem Thema sind entweder unerträglich parteiisch oder begnügen sich mit einer “vornehmen” Distanz zu ihrem Gegenstand. Mir scheint, das Thema “Lenin” ist heute noch so heiß, daß es nicht möglich ist, die Wahrheit darüber einfach nachzulesen. #

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12. Juli 1989 – vergnügt im Haus der DSF

Sonntag, Juli 12th, 2009

# Haus der DSF - “Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft” in Berlin am Festungsgraben. Solche Häuser gab es wohl in jedem Bezirk der DDR. Öffentliche Häuser mit einem reichhaltigem Angebot von Kunst-, Kultur-, Wissenschaftsveranstaltungen, sowie mit einer recht guten (Zumindest in Berlin war es so.) Gaststätte. #

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Bei Popper das Bild der Wege: Alle kommen von woher, alle führen wohin. (Mehr kannst Du als Individuum eigentlich nicht wissen.)

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11. Juli 1989 - Tagebuchband 34

Samstag, Juli 11th, 2009

# Abschrift Band 34, Zeitraum 11.7.1989-19.11.1989, beginnt. #

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10. Juli 1989 - Soldatenbriefe - Zusammenbruch des Individuums

Freitag, Juli 10th, 2009

Tagesschau gestern sendet einen langen Spitzenbericht über die Republikaner. Waigel bestätigt seine revanchistischen Äußerungen. Honecker mit Gallenreizung in Bukarest ausgeschieden.

# Soweit ich mich richtig erinnere, erklärte auf dieser Tagung der Warschauer Vertragsstaaten Gorbatschow das Ende der “Breshnew-Doktrin”. #

Lektüre Popper - wichtig! N. Schmeljow ebenfalls wichtig.

“Zieh dich warm an” - Soldatenbriefe an Großvater Hebig zu seinem 75. Geburtstag geschickt.

Popper sagt - was ich zutiefst teile - der schwerste Angriff auf die Würde des Menschen ist die Angst. Gewalt gegen Menschen anwenden, heißt Kraft, Energie vernichten (statt sie Arbeit verrichten zu lassen). Bei uns werden unliebsame Vorschläge, so formulierte einst Rolf, “geerdet”. Seine Energie wirkungslos zu sehen, kann kein Mensch ertragen. er sucht nach anderen Formen der Kraftverausgabung. Unter ungünstigen sozialen und/oder subjektiven Bedingungen findet er diese nicht. Findet er auch keine Ersatz- oder Betäubungsformen, zerstört er die Energiequelle in sich selbst. (Wie alles Menschliche ist diese Energiequelle kein Fixum, sondern hat ein sozial und subjektiv bestimmtes (also veränderbares) Maß.)

Die Soldatenbriefe zeigen schreiend deutlich, wie der Radius meines Lebens kümmerlich bleibt, wenn ich nicht anders will. Der Mensch muß sich total als soziales Wesene verhalten, soll heißen:”als wenn er der König wär”. Marx: “enormes Bewußtsein”. Jedes Individuum ist ursprünglich “eNorm”. Die Soldatenbriefe enthüllen die unerbittliche Logik des totalen Zusammenbruchs. Sie besteht in der vollständigen Unterordnung unter einen fremden Willen. Formale Disziplinierung ist der Keim des totalen Zusammenbruchs. All das sehr heutig gemeint.

Mit großer Freude beobachte ich den Flug der Schwalben in Skaby und der Mauersegler am Arkonaplatz.


# Damit, am 10. Juli 1989, endet der Band 33 meiner Tagebücher, den ich beginnend mit dem 03. Januar 1989 hier im Blog begonnen hatte. #

08. Juli 1989 - vom Abwürgen der Subventionsdiskussion

Mittwoch, Juli 8th, 2009

Spätabends gestern nach Skaby raus, Bad im fauligen Störitzsee. Heute fleißige Sensaktion bei drückender Hitze.

Angespannte, dabei gute Beziehung zu C. Angespannt wegen der Bedeutung der in mir gefallenen Entscheidung: Z. B. könnte ich einen Brief an das ZK schreiben, in dem ich meine Besorgnis über die Ersetzung von Überzeugung durch Diktat durch unsere Partei ausdrücke. Beispiele:

Sputnikverbot, Zurückziehen der sowjetischen Filme

Abwürgen der Subventionsdiskussion

Undurchsichtigkeit des Wahlergebnisses.

# “Subventionsdiskussionen” - ein schon groteskes Beispiel dafür, wie die DDR-Herrschenden sich selbst blockierten: Um jeden Preis wurde an den hohen Subventionen = niedrigen Preisen für bestimmte Waren und Leistungen des Grundbedarfs festgehalten (z. B. Brot, Mieten), weil so die Überlegenheit unseres Systems bewiesen werden sollte. Eine Diskussion über eine sinnvolle Anpassung der Preise an die Kosten wurde buchstäblich verteufelt, obwohl es bei vielen anderen Waren Preiserhöhungen gab und obwohl man ja soziale Härten durch Lohnerhöhungen oder Ausgleichszahlungen hätte vermeiden können. Die Unfähigkeit zum rationalen Umgang mit solchen, eigentlich ganz normalen Entwicklungsproblemen einer Gesellschaft, zeigte, welchen Grad der Dogmatisierung bis zur völligen Erstarrung des gesellschaftlichen Lebens der absolute Machtanspruch kleiner und kleinster Gruppen politischer Führer dem Leben aufzwingen wollte.

Meine Erwägung, einen Brief an das ZK zu richten, zeigt einerseits, daß mein Protest im Rahmen des Systems verblieb und andererseits, daß ich bereit war, den Fehdehandschuh hinzuwerfen, selbst wenn mir Ausschluß drohte. Das System bot keine wirkungsvolle Möglichkeit seiner eigenen Reformierung und zügigen Vervollkommnung.#

Jeder dieser Punkte reicht aus - hartnäckig vertreten -um aus der Partei ausgeschlossen zu werden. Darüber besteht Klarheit.

 

07. Juli 1989 - unerwartet Stasi

Dienstag, Juli 7th, 2009

Gestern Geburtstagsgeschenke für C. und Katja in “Skarabäus” gekauft. Bullenhitze (37°C).

Heute APO-Leitungssitzung mit sinnvollem Vorschlag von mir.

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# Wegen der Lesbarkeit schreibe ich den Text auf der abgebildeten Tagebuchseite ab. #

Dies war im Marx-Engels-Auditorium der HUB. Danach:

Wir waren dort einige 100 “Agitatoren” # Ich erinnere mich nicht mehr, unter welcher Maßgabe ich zur Teilnahme an dieser Veranstaltung veranlaßt wurde. # - kurzerhand bis Samstagvormittag zu Mitwirkenden der Staatssicherheit erklärt und wurden eingewiesen in unseren Einsatz zur Verhinderung einer Provokation, betitelt “Zwei Monate danach” am Alex. Die vorgesehene Demonstration wurde tatsächlich verhindert. Ich war dabei. Der äußere Vorgang war nicht besonders dramatisch. Aber innerlich zu verarbeiten gibt es genug. Vermutlich waren das die letzten Tropfen für mein Faß, das nun überläuft. Die nächste Zeit wird es zeigen.

# Wir - hunderte Leute aus Berliner Institutionen - waren also nichtsahnend zu einer etwas merkwürdigen, weil festlich-kulturellen Agitatorenzusammenkunft versammelt worden. Dort wurden wir, wie im Text beschrieben, völlig unvorbereitet und unerwartet zu zeitweiligen Mitarbeitern der Staatssicherheit erklärt/vergattert. Viele waren damit nicht einverstanden, Etliche erklärten sich nicht bereit, so mit sich verfahren zu lassen und verließen den Raum. Ich war in einem besonderen Zwiespalt: Die handstreichartige Verpflichtung durch das MfS ärgerte mich zwar, aber als IM der Staatssicherheit, der ich seit langem war, hatte ich natürlich grundsätzlich mit dieser jetzt erfolgten “Inpflichtnahme” kein Problem. Jedoch ging es darum, eine demonstrative Mahnveranstaltung von Oppositionellen aus Anlaß der vor 2 Monaten durchgeführten Kommunalwahl zu zerstreuen, zu unterbinden. Dazu konnte ich mit meinen Erkenntnissen über die Wahl nicht bereit sein. Ich beteiligte mich trotzdem an dieser Aktion; in der Erwartung und Absicht, dort tatsächlich mit Oppositionellen zu einem Austausch über die Wahl zu kommen. (Ich hatte möglicherweise die hunderte freien Diskussionsgruppen auf dem Alex zu Zeiten der Weltfestspiele oder der Deutschlandtreffen im Hinterkopf.) Die Veranstaltung am Alex lief dann ganz anders ab. Es standen hunderte “Agitatoren” herum. Ich bekam EINE Oppositonelle/Bürgerbewegte zu Gesicht, die mit Baby auf dem Arm durch die Menge hastete, und das war’s.

Was blieb, war nicht nur das Gefühl benutzt worden zu sein, sondern auch die Erfahrung, daß man von den Mächtigen in Situationen, potentiell Handlungsweisen, verstrickt werden konnte, zu denen man keinesfalls bereit war.#

06. Juli 1989 - politische Krise und persönliche Krise bedingen sich

Montag, Juli 6th, 2009

Ruhiges Gespräch mit C. über das Deprimierende unserer Lebenssituation. (Ihre Kollegin, Frau Schmidt, war in grotesker Weise 1 1/2 Monate in den Kampf um eine Jugoslawien-Reise verwickelt, die ihr nun abgelehnt worden ist. Frau Müller erzählte von einigem Drumherum um den Hausbau für Katharina Witt und erzählte, daß es in Hohenschönhausen Häuser bzw. Wohnungen für Stasi-Angehörige gebe, deren jede mit Sauna ausgerüstet sei.)

C. klagte über Magenschmerzen, sie meinte, aus diesen Gründen. Mir geht es ja ganz ähnlich, wenn ich gegen Beton renne.

Der kürzliche VP-Geburtstag, die Agitatorenanleitung - das Fehlen jeglichen Selbstzweifels bei dieser Nomenklatura. Das Fehlen jeglicher Wahrhaftigkeit. Es läuft darauf hinaus auf das unverblümte Bekenntnis zur Macht. Jedes Mittel ist Recht und wird geheiligt, das die Macht stabilisiert. Absolute Verneinung jeder anderen Position. Massenhaftes offenkundiges Mittel: Das Totschweigen.

Das Trommeln an der Kirche gegenüber der Ackerhalle klingt mir (leider?) wie Musik (auch gestern wieder).

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Was tun? Wo doch fast jedes Tun unmöglich ist.

Möglich ist - Anpassung, Resignation x

- Märtyrer/Kampf xx

- Aussteigen xxx

x Das kann ich nicht wegen Gewissen und F.

xx Das kann ich nicht aus Schwäche und Realismus.

xxx ?

C. erzählte, wie sie eingesetzt werden sollte, um von dem Verbandssekretär Prof. Ulbrich (”PU”), der am Moskauer Filmfestival teilnimmt, früh um 6 Uhr ein Telefonat aus Moskau entgegenzunehmen, mit dem er das Freßpaket anmeldet, das ihm (natürlich auf Verbandskosten) nachgereicht werden soll.

R. will nach Westberlin zu einem Begräbnis fahren. Ich werde ihr Urlaub geben.

In der gestrigen Agitatorenanleitung wurde informiert, daß in diesem Jahr, verglichen mit dem Vorjahr, 50% weniger junge Leute den Weg zur Partei gefunden hätten. Deshalb Honeckers “großzügige Geste”. Es sei nicht gelungen, die Jugendlichen an die Wahlen heranzuführen. Wieder habe man den Fehler “großer Foren” gemacht. (So werden am Schluß die armen Schweine, die “vor Ort” organisieren, noch beschimpft.)

 

# Die Eintragungen dieser Tage geben mir zu denken. Mehr dazu im aktuellen Opablog. #

05. Juli 1989 – das Totschweigen!

Samstag, Juli 4th, 2009

Gestern F. und L. zur Bahn gebracht, nach Rumänien/Bulgarien.

C. erzählte von der kontroversen Diskussion bei der Vorstandstagung des VFF # VFF- “Verband der Film- und Fernsehschaffenden”, wo sie arbeitete # und davon, wie Erich Hahn unter aller Kritik aufgetreten sei.

Heute Agitatorenanleitung im MSAB. Ich bin mal wieder dabei. Denda und Ritter greifen den Bericht M. Dittrichs an (zur “Konterrevolution in Peking”, er selbst ist nicht da.) Ich nehme noch einmal zur Kommunalwahl Stellung. Ich erlebe wieder, (genau wie C. am selben Tag) die Taktik des Nichreagierens der Verantwortlichen, des Totschweigens.

Tiefe moralische Krise unseres Systems!

Hab’ wieder etliche APN-Broschüren gekauft, so auch N. Schmeljow - überzeugende Qualität!

# APN-Broschüren - APN war ein sowjetischer Verlag, der aktuelle politische Materialien fremdsprachig, darunter auch in deutsch veröffentlichte. In Berlin war es möglich, diese Perestroika-Literatur (die inzwischen offiziell verpönt war) im HdSWK, dem “Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur” in der Friedrichstr. zu bekommen. #

 

04. Juli 1989 – Pekingtrommeln, mein Schweigen

Samstag, Juli 4th, 2009

C. las mir ein Interview mit dem Prawda-Korrespondenten in Peking vor (aus der “UZ”).

Gestern als WBA-Vorsitzender zum “Tag der VP” im neuen Revier Brunnenstraße gratuliert. Man unterhält sich über das gleichzeitig (15-18 Uhr) stattfindende Pekingtrommeln, das herüberschallt. Der VP-Revierleiter sagt, er könne nicht einschreiten, weil niemand wegen “ruhestörenden Lärms” eine Anzeige erstattet. Man sagt: “Bei uns wird es das (Tien an men) nicht geben.” Es heißt, daß die Kirche weiterhin die Wahl angreifen werde.

Ich sage dazu nichts,… hätte sagen müssen, daß auch in meinem Wahlkreis andere Ergebnisse als die offiziellen erreicht wurden. Ich “fresse es in mich hinein” - spüre es am Magen - und denke zum 1. Mal, daß ich bei der nächsten derartigen Situation (Wahl) demonstrativ den WBA-Vorsitz niederlegen sollte.

In Gewi 2/89 M. Mamardaschwili - zu Descartes, Kant, Kafka - Rolle der Individualität in der Zivilisation. Auch heute ein Lesetag - in sowjetischen, gesellschaftswissenschaftlichen Publikationen.

Ich bin ein politisch-ideologisch enorm aktivierter und zu weitgehender Untätigkeit gezwungener Mensch.

Doris erzählte, daß wir ab September 89 keine Hörer mehr an die Parteihochschule der KPdSU schicken. Sie erwähnte den Aufbau der Freidenkerbürokratie.

02. Juli 1989 – Zeitungsausschnitte

Samstag, Juli 4th, 2009

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