Archive for Dezember, 2009

08. Dezember 1989 – Kultur in Westberlin

Dienstag, Dezember 8th, 2009

 # Die letzten Wochen des Jahres 1989 und die ersten des Jahres 1990 waren voller politischer Dramatik. Für mich persönlich war es die Zeit, in der mir klar wurde, daß die DDR untergehen würde. Mein Tagebuch zeugt von intensiver Informationsaufnahme. Es enthält besonders viele Zeitungsausschnitte und andere Dokumente. Eigene Notizen sind dagegen fast immer kurz und bruchstückhaft. Es war einfach nicht die Zeit für lange Betrachtungen. Die Ereignisse ermöglichten blitzartige, klare Einsichten. Aber auch verzerrte Wahrnehmungen und extreme Wertungen passierten mir mehrfach. Erst am 13. und 14. Januar fand ich erstmals ein wenig Zeit zur Reflexion und versuchte das auch zu formulieren. #


In meiner Aktivitätsstatistik neue Kategorie 5.60 einführen: “Besuch von West-Kulturveranstalungen”?

Letzter Arbeitstag im Broiler-Lager.

Nachmittags nach WB. Sehr schöner Egon Schiele-Kalender für C. Und Sexfilm „Emanuelle 5“ – hat mich kurzzeitig animiert aber dann gelangweilt.

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Abends lange Fernsehen vom außerordentlichen SED-Parteitag.

Spätes Schlafen.

 


07. Dezember 1989 – schwere Arbeit – Zeitungsschau

Dienstag, Dezember 8th, 2009

Schwere Arbeit! (9 1/2 Stunden), 20 Kunden mit Geflügel beliefert (Trinkgeld 17,-M:2, zwei Mahlzeiten).

# Vielleicht erscheint es als Zumutung nachfolgend einen Zeitungsausschnitt nach dem andern einzustellen. Mein Tagebuch sieht wohl deshalb so aus, weil ich von der Arbeit wirklich erschöpft war und keine Kraft zu langen Einträgen hatte. Andererseits waren die Zeitungen voller bisher ungehörter Stimmen, und ich verfolgte sie intensiv. Es herrschte das Gefühl eines unerhörten Tempos. Das Leben schien sich täglich zun beschleunigen. Ohne mein Zutun. #

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# Gibt es eine gründliche, wissenschaftliche Darstellung und Analyse der Arbeit des Ausschusses zur Untersuchung der Ereignisse vom 7. und 8. 10.1989? Ich weiß es nicht. Wie hier schon früher dargestellt, haben auch mich diese Ereignisse stark beeindruckt und beeinflußt. Den Untersuchungsprozeß habe ich nur am Rande verfolgt, bin aber sicher, daß er prinzipielle Einsichten in die Denk- und Verhaltensweisen von Mächtigen in der Endphase der DDR ermöglicht. #

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# Solche Bedenken waren neuartig. Beobachtungen einer Telnehmerin an den Leipziger Montagsdemonstrationen. Ein Bild von Differenzierung, wie es heute nach 20 Jahren längst unter die Räder der offiziellen “historisch-heroischen Erinnerung” gekommen ist. #

 # Es folgt ein repräsentatives Meinungsbild der DDR-Bevölkerung von Ende November 1989.#

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# Und zwei interessante, sensible Stimmen, die im “Sonntag” (Vorläufer des “Freitag”) zu finden waren. #

06. Dezember 1989 – Auslieferung von Tiefkühlfleisch

Sonntag, Dezember 6th, 2009

Gestern Weihnachtsfeier der Volkssolidarität.

Schwere Arbeit! (11 Stunden), 20 Kunden, u.a. in Rahnsdorf, Schmöckwitz (Trinkgeld 38,-M:2, zwei Mahlzeiten).

# Wir fahren täglich Geflügel und Wild aus. Wir beliefern Gaststätten aller Art und Betriebsküchen. Ich bin Beifahrer und der eigentliche Träger. Wir haben einen der modernen Merzedes-Lkw. Der Fahrer und ich, wir kommen gut miteinander aus. Er faßt durchaus kräftig mit an. Das Trinkgeld nimmt er entgegen und teilt es halbe halbe mit mir. Er weiß welche Abnehmer uns ein Mittagessen anbieten, wenn wir dort um die Mittagszeit auftauchen und wo es nachmittags Kaffe gibt. Wenn Abnehmer “stur” sind, beeinflussen wir (in Grenzen), wie gut sie beliefert werden. #

03. Dezember 1989 – zwei Flugblätter der SDP

Sonntag, Dezember 6th, 2009

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Der Rundfunk (West) meldete Kulturminister Keller habe Rücktritt des Politbüros gefordert, Hungerstreik in Bautzen I,

C., die sich zu ihrer Frauenveranstaltung (Volksbühne) 10.00 Uhr fertig machte, überraschte mich soeben mit der Frage, ob ich gerne einen Kakaokuchen, d.h.einen sog. “kalten Hund” möchte. Auf diese indirekte Art erfahre ich, daß sie erst nachmittags zurückzukommen gedenkt. (Ich denke sie will sich an der “Menschenkette durch die DDR” beteiligen, eventuell auch mit Gilbert treffen dabei.) Daran ist nichts Schlimmes, nur daran, daß sie zu mir nicht offen ist, wie eh und je. Nun also wieder Unfreundlichkeit, Verstimmung – hols der Teufel!

F. bei mir.

02. Dezember 1989 – Die “Linken” in der SED rühren sich

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

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Tag des Saubermachens!

Über Rundfunk erfahre ich: Heute Abend 18.00 Uhr zum ZK.

F. bei uns.

Kundgebung vor dem Haus des ZK. Wir „Linken“ fordern den Rücktritt von Krenz mit dem Politbüro.

Biermann (u.a.) – Konzert im Fernsehen. Beeindruckend: Bettina Wegner.

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01. Dezember 1989 – Die Krise der SED treibt zum Höhepunkt

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

Konzeption ZF mit N. # meinem Chef # abgestimmt. # Hat was Groteskes, das wir weiter an der Zukunftskonzeption unserer Einrichtung gearbeitet haben. #

Skandal Gotsch/Lauck um Parteitagskandidierung, Achim Döhler ist auf Draht. Charakteristisch Wohlbür und Fischer Franz.

# Plötzlich erscheinen in meiner Abschrift Namen statt nur Anfangsbuchstaben. Zugleich keine Beschreibung der Vorgänge. – Ich möchte damit die Turbulenz der Ereignisse dieser Tage andeuten. Der Wirbelsturm ist jetzt im Innern der Partei und langsam beim letzten Genossen angekommen. Jetzt beginnen die Kämpfe “mit Haken und Ösen” ums eigene Überleben.

Zugleich gibt es Andere, denen es weiter, vielleicht mehr denn je, um “die Sache” geht. Man muß sich die eigentlich unglaubliche Situation klar machen, daß die sog. ehrlichen Genossen, “die Linken in der SED”, wie ich sie nenne (und zu denen ich mich zähle) bis zu diesem Tag noch in keiner Weise öffentlich sichtbar, selbständig aufgetreten sind. Meine illusionslose Kritik der Führer des realsozialistischen Kommandoapparats muß ich erweitern auf die eigene Unfähigkeit, eine durchdachte Alternative zu formulieren und laut und deutlich politisch wahrnehmbar zu vertreten. #

Volkskammer zu Verbrechen – Krenz erweist sich als unfähig.

Der verzweifelte Genosse Arbeiter im Ratskeller am Bersarinplatz!

30. November 1989 – “Für unser Land”

Dienstag, Dezember 1st, 2009

891129.jpg# Die Zeitungen bringen den Entwurf eines Reisegesetzes, das diesen Namen verdient. Jetzt, nachdem “alle Messen gesungen” sind! Das Trauerspiel in mehreren Akten um das DDR-Reisegesetz verdiente eine gesonderte Darstellung. Es veranschaulicht und beweist die totale Unfähigkeit des Machtapparates und der amtierenden Führung, das Unaufschiebbare und Notwendige zu tun. #

Gestern zum Gespräch in F.s Schule.

Auf Einladung von C. bei Gilbert. Er ist Kontaktmann für „Neues Forum“ im Prenzlauer Berg.

# In Zeitungen (Vergl. die folgenden beiden Ausschnitte) haben diejenigen, die verantwortungsbewußt auf wirkliche Erneuerung drängen Stimme und Tribüne. Die Macht haben sie nicht. Die realsozialistische Apparate- und Funktionärsmacht ist nicht fähig, den Weg zu etwas Höherem einzuschlagen. Sie klammert sich an den alten Stand. Später wird sie radikal beseitigt werden durch die BRD-Macht, eine andere alte Macht. Diese “radikale Beseitigung” ist ein deutsches, insofern historisch zufälliges Phänomen. In den anderen Ländern des Realsozialismus verwandelt sich die alte Apparate- und Funktionärsmacht in die neue alte Macht des Realkapitalismus. Das geschieht in der Form chaotisch, im Wesen bruchlos und geschmeidig. #

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# Eben habe ich noch den revolutionären Charakter des Prozesses beschworen, den ich miterlebe, da wird das “Entweder Oder” offen ausgesprochen. Meines Wissens wurde der Aufruf “Für unser Land” bis Anfang März 1990 von 1,5 Mio Menschen unterzeichnet (was ich natürlich nicht beweisen kann). Wikipedia spricht (ebenfalls ohne Quellenangabe) von 200000 Unterzeichnern. #

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