Sozialpolitik

Wanderausstellung: Der Mensch ist keine Ware

Beitrag 25.6.2018

Menschenwürde

Ein Freund von mir sprach in seinem Uni-Seminar das Thema Menschenwürde an.
Da waren die Studierenden sofort dabei: „China“, sagten sie und „die Türkei“,  und sie nannten so allerhand andere Länder, in denen unser Deutschland unterwegs ist, um den dort Lebenden die Menschenrechte beizubringen.
„Wie sieht es denn bei uns aus mit Menschenrechten und Menschenwürde?“
Den Studierenden fiel dazu nicht viel ein.

Mein Freund erzählte Beispiele aus den Jobcentern. Die Studierenden staunten. Einige beschlossen, sich einmal dort umzusehen.

„Und was ist mit Ausländern, Flüchtlingen, Obdachlosen, Hartz IV Empfängerinnen? Wie sieht es denn da aus mit ihrer Menschenwürde?“, fragte mein Freund. „Vorgestern stand es in der Zeitung“, erzählte er, „In einer Berliner Bank bricht ein Rentner, nachdem er sein Geld geholt hat, im Vorraum der Bank zusammen. Er stürzt, versucht zweimal aufzustehen, verletzt sich beim 3. Aufprall den Kopf, bleibt regungslos liegen. Laut Videoüberwachung gehen 3 Bankkunden tatenlos an ihm vorbei, beim Rein- und beim Rausgehen.Der 4 Kunde ruft endlich den Notarzt. Der Rentner stirbt im Krankenhaus.
Die Drei – davon eine Frau – werden angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung. Keiner von ihnen kommt zum Anhörungstermin. Einer lässt über seinen Anwalt mitteilen, er habe geglaubt, das sei ein Penner.“
Also bei Penner und Besoffenen darf man vorbeigehen?

Die Studierenden, die ihre Recherche im Jobzentrum gemacht haben, kommen empört in das nächste Seminar. Was sie erlebt haben, hat sie erschüttert.
Die Menschen, die sich dort melden, kommen meist schon mit demütiger Haltung und sind völlig eingeschüchtert. Sie haben Angst vor dem, was sie erwartet. Leider muss man sagen: Zu recht!

Sie erleben, wie einer Sozialarbeiterin  von dem Sachbearbeiter der Zutritt verweigert wird, als sie mit ihrer Klientin sein Beratungsbüro betreten will.  5 Minuten später kommt die Frau wieder heraus, einen Stapel Papier in der Hand. Sie sucht mit hilflosen Blicken ihre Begleiterin. Und die sieht: Man hat ihr lauter Fragebögen und Papiere in die Hand gedrückt und ein Schreiben dazu, dass sie unbedingt unterschreiben soll. Sie versteht kein Deutsch, jedenfalls nicht genug, um dieses Amtsdeutsch zu begreifen. Man hat ihr keinerlei Hilfe angeboten. So solle nur unterschreiben. Und die Sozialarbeiterin entdeckt mit Entsetzen, dass die Frau ein Papier unterschreiben soll, mit dem sie von allen Ansprüchen auf finanzielle Unterstützung zurücktreten will.  Die Frau ist verängstigt und will unbedingt unterschreiben, weil sie spürt, dass sie nur so die Gunst des Sachbearbeiters erlangen kann.
Mit Mühe kann die Kollegin die Frau davon abhalten. Aber Perspektiven kann sie ihr auch nicht wirklich bieten.
Ein junger Mann meldet sich an der Anmeldung und erklärt seinen Fall. Er habe seine Wohnung verloren. Er habe die Miete nicht mehr habe bezahlen können, weil die Bafög Gesellschaft seinen Kredit aus irgendwelchen Gründen gestoppt hat und bis zur Aufklärung dieses Falles schon Monate vergangen sind. Aber statt verständnisvoller Worten ergießt sich über den Mann eine Schimpftirade. Er wird von der Anmeldedame sofort schuldig gesprochen, weil er angeblich, nein, weil er bestimmt etwas falsch gemacht hat. Er weiß allerdings gar nicht was. Die 50 jährige Frau an der Anmeldung macht ihn zur Schnecke und wirft ihm vor, mit öffentlichen Geldern offenbar nicht verantwortungsvoll umgegangen zu sein. Der junge Mann versucht noch zu erklären. Er kommt gar nicht zu Wort. Er bekommt einen Termin, aber ihm werden die Hoffnungen auf die Übernahme der Mietkosten genommen. „Selbst verschuldet“, ruft die Dame hinter ihm her.Als die Studierende zwischen zwei Klienten-Anmeldungen ein Gespräch mit dieser Frau anzetteln, erzählt die, dass sie vor drei Monaten selbst noch arbeitslos war und auf der anderen Seite gestanden hat. Und sie weiß nicht, ob sie nach Ablauf ihres Zeitvertrages nicht wieder dort stehen wird. Aber jetzt, sagt sie, jetzt bin ich oben und ich zeig‘s denen jetzt mal richtig. Außerdem wünsche die Geschäftsleitung, dass schon an der Anmeldung den sogenannten Kunden gleich klar gemacht würde, dass es sich hier nicht um einen Selbstbedienungsladen handele.
Eine junge Frau steht in der Ecke und weint. Man hat ihr eben mitgeteilt, dass sie ein Arbeitsangebot annehmen müsse, auch wenn das die in der Nachbarstadt ist. Das Kind solle sie eben bei Nachbarn unterbringen.
Ein etwa 20 jähriger Mann kommt aus einem Beratungszimmer und flucht. Sie haben ihn sanktioniert, weil er den letzten Termin vermasselt hat. Und er muss jetzt wieder bei den Alten wohnen. Das ist unerträglich für ihn. „Da bin ich doch eben erst endlich raus!“, meint er zu der Studentin.  Wie kann man junge Menschen so in ihren Entwicklungsmöglichkeiten hemmen?   Die Frage, was dann in der Familie los sein wird, die stellt sich offenbar hier keiner.

„Wie sieht es aus mit dem Land der Menschenwürde?“, fragte mein Freund in der nächsten Seminarstunde nachdem alle diesen Erfahrungsbericht angehört hatten. Die Studierenden drucksten herum. Wohl doch nicht so gut. Na ja, aber sie selbst merken eigentlich nichts davon, sagen einige. Eine junge Frau kontert: „Dass ich jede Nacht kellnern muss, damit ich als Studentin überhaupt leben kann. Bafög bekomme ich nicht, weil meine Eltern mit ihrem Einkommen gerade an der Grenze liegen. Aber sie können wir nichts geben. Ich habe noch 3 Geschwister, die noch zur Schule gehen. Das halte ich auch für menschenunwürdig. Will unser Staat nicht, dass auch Leute studieren, die nicht aus wohlhabenden Elternhäusern stammen?“

Bei einigen Studierenden fängt es an zu dämmern. „Gestern brachten sie die Nachricht, dass in Deutschland noch immer in der großen Mehrheit nur Akademiker-Kinder studieren. Gab es da nicht mal den Gedanken der Chancengleichheit! Auch das finde ich nicht menschenwürdig.“
„Und  der Umgang mit den Flüchtlingen. Jetzt ist im Gespräch,  Flüchtlinge erst mal in zentrale Lager zu ferchen, bis für die das Asylverfahren abgeschlossen ist. Die Kinder sind eingesperrt, sie bekommen keine Schulbildung, auf engem Raum werden Menschen aus den verschiedensten Ethnien und Kulturen künstlich zusammengepresst. Und dann wundert man sich über Schlägereien und Gewaltausbrüche…“
„Oder man lässt sie gleich ertrinken.“
„Was ist mit ….?“

Die Liste der Menschenrechtsverletzungen und die Beispiele von unwürdiger Behandlung bestimmter Bevölkerungsgruppen und der Ausgestoßenen wurde immer länger…

Am Ende stellten die Studierenden  selbst die Frage: „Wie kommen wir eigentlich dazu, die anderen Völker Menschenrechte und Menschenwürde lehren zu wollen?“

Die Frage scheint mir mehr als berechtigt.