Archive for the ‘Macht’ Category

15. März 1990 – wie der ideologische Bruch verläuft

Mittwoch, Februar 1st, 2012

Gestern übrigens befragte Gaus Christof Hein. Die Sendung brachte wieder nicht sehr viel. Wie auch diese Literaturbeilage zeigt,

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sind viele Literaten von tief greifender Verwirrung und Resignation befallen und neigen dazu – ihrem Metier entsprechend – diese ihre Befindlichkeit sehr subjektiv zu nehmen und dann zum Weltproblem aufzutürmen. Bei dieser Beschränkung auf’s Subjektive schieben sie sich unter oder lassen sie sich unterschieben viel Meinen des Tages für ernste Tatsache. Solche Sätze wie: “Wie konntet ihr das nur alles mit ansehen…“ oder „Vom Westen aus ist da natürlich leicht zuzuschauen…“ und „Obrigkeitsmentalität in der DDR“ und „welch ein Umschlag in jenem Herbst“ – solche Sätze anscheinender Gewißheit greifen doch entschieden zu kurz; stellen fest, sind fertig, wo doch eigentlich die ersten Fragen anfangen müßten.

Die Ideologen spüren, dass wir uns (ungewollt schnell) aus dem „realen Sozialismus“ verabschieden müssen, und alle stehen unter dem Druck, mit dem realen jedem Sozialismus abschwören zu sollen und ebenso unter dem Druck, zu leugnen, dass der „reale Sozialismus“ doch auch schon Sozialismus war und …

Druck, Druck, Druck, (übrigens nicht nur „des Volkes“ sondern ebenso deutlich „des Klasssenfeinds“) und dabei vergessen sie, dass man den Marxismus-Leninismus nicht per Volksabstimmung abschaffen kann. Durch das, was wir erleben, ist der Marxismus-Leninismus nicht widerlegt. Er bedarf der tiefgründigen Kritik, der Erneuerung. Er ist fähig, eine höhere Stufe zu erreichen. Die Voraussetzungen dazu sind gegeben. Welche?

 # Heute, 22 Jahre nachdem ich das geschrieben habe, halte ich den M-L nach wie vor für nicht widerlegt. Das ist eine Aussage, die angesichts der Tiefe und Dauer seiner Niederlage, gewagter als damals erscheinen mag. Seine andauernde Stagnation erkläre ich zu einem guten Teil mit dem Ausbleiben bzw. der Oberflächlichkeit seiner Selbstkritik. Ich hatte kühn geschrieben, daß die Voraussetzungen seiner Erneuerung gegeben seien. Das war bloße Behauptung. Ich habe dazu nichts ausgeführt. Heute (in diesen Tagen) sollte ich mir die Mühe machen, diese Behauptung zu begründen. Auch wäre heute mal zu schauen, ob vielleicht doch Momente seiner Erneuerung bereits existieren. #

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So sieht der Wahlzettel unserer ersten demokratischen Wahl aus.

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Gestern hat Schnur nun seine Stasi-Mitarbeit zugegeben.

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Gestern Abend die Idee, aus der ZF eine Managervermittlung zu machen. 

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12. März 1990 – Brief an Kurt Riemer

Sonntag, Januar 22nd, 2012

# “Freiheit braucht Raum” # 

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Am Wochenende war eine Flut von Westzeitungen im Angebot. Beim Einkaufen in der Ackerhalle sehe ich den Leistenhändler, dort, wo ich die runden Spiegel gekauft hatte, der an seiner Ladentür steht und  - ledergeschürzt – die Bildzeitung verkauft. Sie gehen weg, wie warme Semmeln, die Leute stürzen sich darauf wie auf ein endlos lang entbehrtes Labsal. Am Freitag hatte sie als Werbeexemplar im Haus der Statistik gelegen.

 # Das “Haus der Statistik“, Sitz der DDR-Zentralverwaltung für Statistik war ein am Alex gelegener Bürokomplex. „Bild“ war nun also bei den zentralen Staatsorganen der DDR präsent. Ich nahm ein Exemplar mi, um das Gesamtkunstwerk „Bild“ im Tagebuch zu  dokumentieren. #

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Die Beispiele der letzten Seiten zeigen, dass die Dämme gegen den ideologischen Dreck endgültig gebrochen sind.

Beiliegende Seite brachte der Sonntag ins Haus. Die Hilflosigkeit bedeutender Schriftsteller ist ein erstaunliches Phänomen.

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Meine geistigen Prozesse unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von denen dieser Leute:

-                      ich hatte nie ein euphorisches Verhältnis zum 4.11., habe vielmehr dieses Ereignis und noch mehr den 9.11. mit gemischten Gefühlen erlebt.

-                      Ich bin mir jederzeit der „Errungenschaften“ der DDR-Wirklichkeit bewusst. Wenn ich jetzt erlebe, dass sie physisch bedroht sind und teilweise schon zerstört werden, so heißt das keineswegs, dass sie in mir moralisch zerstört werden.

-                      Und wenn jetzt BRD-Imperialismus uns übernimmt, dies zumindest sehr entschieden betreibt, so ist das zwar ein physisches Faktum; also anerkenne ich diese Gewalt, aber sie hat auf mich kaum eine Überzeugungswirkung. Die „Gebrechen“ dieses Marktsystems sind offensichtlich.

Nötig, hierüber mal gründlicher zu schreiben. Schriftsteller – Leute, die, koste es was es wolle, ständig Ideen aus sich ‚rauspressen müssen – das kommt mir oft ziemlich krampfig vor. 

# Brief an Kurt Riemer. Einiges zum Hintergrund:

Kurt war für mich eine außerordentlich wichtige, orientierende Persönlichkeit. Zum Programm der Halbjahreslehrgänge unserer ZF (für das ich verantwortlich war)  gehörte immer ein Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Natürlich organisierte ich dazu eine kompetente Führung, und für diese wurde seit Ende der siebziger Jahre Kurt Riemer gewonnen. So lernten wir uns kennen. Kurt war etwa Jahrgang 1915 und Widerstandskämpfer von 1933 an. Er gehörte zur  Berliner Gruppe Robert Uhrig. Er war viele Jahre in Haft, darunter auch mehrere Jahre im KZ Sachsenhausen, an der Seite Matthias Thesens. Als die illegale Lagerleitung in Sachsenhausen im Oktober 1944 aufflog (und in der Folge auch Matthias Thesen ermordet wurde) verdankte Kurt Riemer der Standhaftigkeit Thesens, daß er überlebte. Kurt war bis zuletzt im KZ Sachsenhausen und nahm auch am Todesmarsch teil.

Kurt war für unsere Gruppe von Nachwuchsführungskräften auch deshalb besonders geeignet weil er in der DDR wichtige Funktionen in der Partei und als staatlicher Leiter ausgeübt hatte, er kannte sich also auch auf diesen Ebenen aus. Aus diesen Funktionen war er zur Zeit unserer Zusammenarbeit ausgeschieden und Rentner. Dies vordergründig wegen seiner angeschlagenen Gesundheit, wohl aber auch wegen einer Maßregelung (von der mir aber nichts Näheres bekannt ist).         

Von Kurt erfuhr ich viel von der, sozusagen, „Innenseite“ des Widerstandskampfes. Er mystifizierte nicht. In gewisser Weise sei es 1933 sehr einfach gewesen, meinte er. Man mußte sich einfach treu bleiben Punkt. Mein Brief drückt wohl deutlich aus, daß ich dem alten Genossen versichern wollte, daß ich unter den Bedingungen des Tages treu zu bleiben gedachte.

Wenig später hat er mir geantwortet. Dann noch einige weitere Ergänzungen.# 

„Lieber Kurt!                                                                                                                                                                                                     12.3.90

Ich möchte mich mal wieder kurz melden. Dir geht es hoffentlich gesundheitlich gut und überhaupt nicht schlecht. Aus dem beigelegten Papier # Es geht um mein persönliches Wahlflugblatt # siehst Du, wie bei mir die Arbeit, die Parteiarbeit, weitergeht. Eigentlich sollte es ein Flugblatt werden. Jeder in unserer Parteigruppe hatte sich vorgenommen, einen Entwurf zu machen.) Aber dann waren genügend gute gedruckte Flugblätter gekommen. Und ich habe mehr einen knappen Brieftext geschrieben, der hoffentlich eine gewisse Wirkung durch die persönliche Bekenntnisform gewinnt. Dies Papier habe ich 90x vervielfältigt und gebe, schicke es an alle, mit denen ich durch die WBA-Arbeit bekannt geworden bin. Eine Einwohnerversammlung zur Wahl hatte der WBA kürzlich auch veranstaltet. Wir hatten fünf konkrete Fragen an die wichtigsten Parteien/Vereinigungen gerichtet und sie um Sprecher gebeten. Ca. 60 Einwohner kamen aber nur wenige Parteien waren vertreten. Es war dennoch eine lebhafte Diskussion und PDS konnte dabei weine gute Rolle spielen. Solche Parteien, wie SPD oder CDU/DSU/DA waren nicht vertreten. Ich will aber nicht in’s lange Erzählen kommen, wollte Dir (Euch) nur ein kleines Lebenszeichen und einen Gruß schicken. Das Leben ist ja nicht dazu da, um sich unterkriegen zu lassen. So geht es mir ganz gut – auch im Garten habe ich schon wieder gewerkelt und sogar übernachtet.

Sei herzlich gegrüßt

Und ebenso Deine Frau

…“

 

09. März 1990 – mein persönliches Wahlflugblatt

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Erfolgreicher Abschluß Dreitageskurs.

Nachher Infostand PDS?

Ich habe mein Flugblatt neu geschrieben und vervielfältigt. Ich werde es in der nächsten Woche allen mir im Wohngebiet bekannten zustellen. # Hab es 90x verteilt #

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25. Februar 1990 – im Garten

Mittwoch, Januar 11th, 2012

So schön wie das Wetter war der ganze Aufenthalt in Schmachtenhagen. Gestern habe ich alle Bäume und Sträucher geschnitten…und war fleißig beim radikalen Aufräumen… Nun ist Raum für Neuwuchs. Er soll jung und dicht werden, Zitterpappeln vor allem, die nun mal zu diesem Grundstück gehören, durchsetzt mit einigen Schönheiten, wie Vogelbeeren, Haselnüssen, Sanddorn, Heckenröschen. Lebenskräftig und dicht soll es an etlichen Stellen wachsen, damit Unterschlupf da ist, für Vögel und für uns…

So viel junges Grün, so viel Knospen! Geschlafen habe ich dort, wie immer, ausgezeichnet. Beim Aufwachen träumte ich von Hans Modrow. Er saß neben mir auf einer Bank. Ich fasste ihn um, zog ihn an mich uns sagte: “Hans, wenn du nicht kandidierst, ist die Partei kaputt, wenn ja, dann haben wir eine Chance.“ Dann wachte ich auf. Als ich im Rundfunk den Mitschnitt vom Parteitag hörte, den erleichterten Beifallsaufschrei, als er „Ja“ sagte, kamen mir die Tränen in die Augen.

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Irgendwo las ich von den Problemen des Mannes jenseits der 50. Pro Jahr nehme seine Kraft um 1% ab…. Fast immer wollen Männer in dieser Situation Leistung erzwingen. Eigentlich aber müssten sie etwas Neues tun, was ihren abnehmenden Kräften angemessen ist. Auch unter diesem Gesichtspunkt sehe ich meinen  Entschluß, die andere Arbeit zu machen.

Ich fühle mich gut erholt – abgelenkt und aufgeheitert  - durch Schmachte.

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23. Februar 1990 – Streit um Weiterbildung. Wer ist der beste Kapitalist?

Dienstag, Januar 10th, 2012

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Nun, 16 Uhr, nach der Beratung bei Dr. W., ist wohl entschieden, daß meines Bleibens hier nicht länger ist.

# Im Tagebuch steht nur dieser Satz. Dahinter verbirgt sich aber eine Erfahrung von Gewicht. Dr. W., vormals Kaderchef des Ministeriums für Elektroindustrie, war nun Kader- und Bildungschef des neuen Wirtschaftsministeriums. Er war ein äußerst flexibler Mensch und konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt bereits (wie ich später erfuhr) voll und ganz auf die Bildungszusammenarbeit mit der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein in Kiel. (Später sollte aus dieser Zusammenarbeit seine eigene private Weiterbildungsakademie hervorgehen; doch ich greife vor.) In irgendeiner Form die Zusammenarbeit mit Dozenten aus der DDR fortzusetzen, diesen allesamt belasteten Kadern, kam ihm nicht in den Sinn. Folgerichtig hatten wir in dieser Beratung sofort einen Frontalzusammenstoß. Ich war sofort und komplett abgemeldet.

Zwei Tage später wurde das von mir vorgeschlagene Sofortprogramm der Weiterbildung von Dr. W. voll und ganz akzeptiert und in Kraft gesetzt. Was war geschehen? Eine Gewerkschaftsberatung hatte stattgefunden und Dr. W. war auf das Heftigste kritisiert worden, daß er nichts für die Weiterbildung der Mitarbeiter tue. Da holte er mein Konzept aus der Tasche, es war genau das Richtige. Er war gerettet. Ich war gerettet. Und die Mitarbeiter hatten ihren Rettungsstrohhalm Bildung. #

 Auf der Suche nach Schreibpapier für den folgenden Brief habe ich diese Zeitungsauschnitte gefunden („Sonntag“ Nr. 45 von 1982).

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# Im Tagebuch folgt hier ein Brief an meinen Freund Kurt. Ausnahmsweise habe ich dessen vollen Wortlaut nicht hier, sondern ins opablog eingestellt. #

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20. Februar 1990 – Kleine Ereignisse, Einzelmomente, aus denen sich der historische Prozess zusammensetzt

Sonntag, Januar 8th, 2012

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Mir scheint, daß dieser Brief viel Wahlkampfdemagogie enthält. Vielleicht ist das aber die Form und der Ausgangspunkt des Weges, der damit beginnt, daß man irgendwie versucht wieder miteinander zu sprechen.

Mein gestriger ötv-Partner in WB jedenfalls lehnte eine Teilnahme an der Veranstaltung am 27.2., an einer PDS-Veranstaltung, ab. #Vergl unser Flugblatt# Man akzeptiere PDS nicht als Partner, kaum den FDGB, der ähnlich diskreditiert sei.

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# Damals freute man sich noch über Bonmots dieser Art. Das war doch mal ein Parteiführer, der rhetorisch etwas drauf hatte. Erst später begriff ich, daß nun Bonmots und rhetorische Floskeln klare (und theoriegeleitete) Aussagen ersetzen würden. #  

Der Linie des nebenstehenden Briefes entspricht übrigens der von Henrich vor einigen Tagen im ND, der das weiterbestehende Medienmonopol meiner Partei anprangerte. Diese Leute reden schon mit uns in unseren Zeitungen aber noch und vor allem, um uns anzuklagen und uns möglichst viel zu unterstellen. Ihr Verhalten ist noch zweispältig.

Übrigens gestern auch bei der AL in WB. Sie wollen nach Möglichkeit jemanden zu uns schicken.900220-7.jpg

 Ich war dann noch in der dortigen Staatsbibliothek und hab mich orientiert. Dort gibt es passable Arbeitsbedingungen. Eigenartiges Erinnern an Studentenzeiten. Bei mir leider alles von sexueller Unbefriedigung überschattet.

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 # Den guten Herrn Thomae hab’ ich dann doch nicht geschafft, gründlich zu lesen. # 

Auf dem Rückweg treffe ich Peter ..?  von der Betriebsschule M-L. # Marxismus-Leninismus # Für seine Arbeit „Berufsbildung“ sieht er auch künftig eine gute Perspektive. Auch für ihn löst die völlige Niederlage des Systems des realen Sozialismus die Frage aus, ob nicht das kapitalistische System für den Menschen das bessere sei. Den guten, den reformierten („sozial-ökologisch“) Kapitalismus wollen viele enttäuschte Fortschrittler (so auch Günther Just im Fernsehen). Sozialdemokratismus.

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Erstaunlich, dass in dieser Zeit weitreichender Verwirrung, meine innere Stimme nicht im geringsten zweifelt an der Notwendigkeit, dass große Privateigentum an den Pm abzuschaffen. Und ich glaube auch nicht, dass das 1917 anders als gewaltsam möglich war. Diese Enteignung bleibt die größte Tat des realen Sozialismus (der damals übrigens noch kein stalinistischer war). Seine größte Untat war, dass ihr keine gesellschaftliche Aneignung folgte.

Parteigruppenversammlung abends. Wir sind wenige. Aber wir werden optimistischer. Wir beginnen zu handeln.  

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17. Februar 1990 – Arbeiten für den Kapitalismus

Freitag, Januar 6th, 2012

# Zu den Tagebucheintragungen dieser Tage auch mal im opablog aus Sicht von 2012. #

Ich gehe morgens einkaufen (ND mit Statutenentwurf PDS). C. geht zu ihrer Meinungsbefragerschulung.

Vormittags lese ich viel, # u.a. kluge Gedanken des Schrifstellers Joochen Laabs #

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mache sauber in der Wohnung, koche mir was, nachmittags dann wieder zur ötv, audi max der TU. Und wieder findet dort nichts statt. Es ist ärgerlich. # Politisch habe ich das damals nicht interpretiert. # Das folgende Papier ist aus der TU, aus dem audi max, wo die ÖTV-Versammlung stattfinden sollte.

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Ich mache einen langen Spaziergang durch die Straße des 17. Juni, zur Siegessäule und durch den Tiergarten zum Übergang Potsdamer Platz.

Abends, gegen 20 Uhr, kommt C. (Sie hatte übrigens keine Lust mitzukommen, weder zu Eva Gürtler, noch zur ötv – was mich kränkte – aber es interessiert sie nun einmal meine PDS-Arbeit nicht.)

Sie erzählt von ihrer Einweisung (USUMA), ist ganz begeistert, praktisch ist sie EMNID-Befragerin. Ich sage ihr, daß nicht auszuschließen sei, daß sie damit Unterlagen zu erarbeiten helfe, die Kohl und Dregger im Kampf gegen die DDR brauchen. Sie könne es aber machen, denn sonst mache es ein anderer. Für mich verbiete es sich ja schon von vornherein, eine Arbeit zu machen, bei der ich politisches Wohlverhalten zeigen muß (keine frühere SED-Mitgliedschaft). Sie kriegt pro Interview (30‘-60‘) 6,- bis 15,-DM, was sie angeblich schon vergessen hatte. Zur Wahl am 18.3. machen sie eine spezielle Untersuchung. Sie will pro Woche 5 Std. dafür verwenden. Ich nehme an, daß es ein ziemlicher Aufwand wird. 

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Was für eine Arbeit ist es? Es ist eine „ganz normale“ Arbeit, die der Markt verlangt. Es ist daher eine Arbeit, die ganz normal denjenigen BRD- Kräften dient, die den Markt beherrschen. Wenn sie einst die absoluten Herrscher sind, muß jeder ihnen dienen. (Auch ich werde in meinem Kiosk entsprechende Zeitungen verkaufen.) Solange sie nicht die absoluten Herrscher sind, werde ich meine Kraft meiner Partei und nicht ihnen geben, und ich werde ihnen immer so wenig wie möglich geben. So, wie es einst die Opposition in der DDR tat.

C. reizt die Befragungsmöglichkeit, das zuerst; ihr imponiert die Seriosität der Unternehmung; sie findet das Geld sehr passabel.

Für uns ergibt sich Konfrontation, Spaltung, Nebeneinanderherleben? 2x Sb  #Selbstbefriedigung#

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16. Februar 1990 – bei einer alten Genossin

Freitag, Januar 6th, 2012

Gestrige erweiterte WBA-Sitzung erfolgreich.

C. die sich bei der USUMA-Firma beworben hat wegen Intervieweranzeige, findet sich dort am Samstag zu einer Beratung ein. Sie hatte angerufen, war am Telefon gefragt worden, ob sie ehemaliges SED-Mitglied sei, hatte das bestätigt und sich dazu noch etwas länger ausgelassen # ihre Maßregelung erwähnt # Nun will sie mal hin, „um zu sehen“. C. – im Denken oft radikal, oft illusionslos (und immer mit diesem Anspruch), im Handeln dagegen manchmal gerade dann kompromißlerisch, wenn es darauf ankäme. Na gut, ich fühle mich nicht zum Richter berufen.

Es beginnt die Zeit, wo man zum ersten Mal stolz darauf sein kann, Mitglied der Partei (PDS) zu sein.

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Frau Luft ist zu einer politischen Wertung solcher Meldung nicht fähig.

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Solche Meldungen (ND von heute) charakerisieren einmal mehr, wie konsequent die „Große Koalition“ funktioniert. Es gibt gelegentlichen SPD-Theaterdonner aber davon abgesehen ist die SPD auch heute was sie immer war, kleinbürgerlicher Partner, Helfer, auch Korrekturfaktor der großbürgerlich-imperialen Partei.

Anruf bei Frau Beringer mit meiner 90%igen Zusage, daß ich bei der Post anfange.

# Diese später nicht realisierte Perspektive wäre mit erheblichen Gehaltseinbußen verbunden gewesen. #

Fahrt nach WB zur ÖTV-Veranstaltung, die aber ausfällt (auf morgen verschoben). 

Dann zu Eva Gürtler, # eine alte Genossin aus meinem Wohngebiet #  anderthalb Stunden Gespräch. Es passiert eigentlich nichts weiter; wir sprechen eben miteinander; man darf sich nicht allein lassen; und besonders die Alten sollen nicht denken, daß jetzt gar nichts mehr zählt und daß auch die neuen Genossen sie jetzt möglichst schnell vergessen wollen. 

Abends warten wir auf den Erotikfilm in SAT1 – C. schon im Bett, ich bleibe bis spät auf – so ein Unsinn.

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14. Februar 1990 – Letzter Tag meines Arbeitskollektivs (bzw. des von ihm verbliebenen Restes)

Donnerstag, Januar 5th, 2012

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Letzter Tag mit R. und Nasdala. Ab morgen allein.

# Nach 23 Jahren Zusammenarbeit mit R. und A. auf dieser Arbeitsstelle! Leute im Realkapitalismus, die nur „Jobs“ machen, können nicht ermessen, was das bedeutet. #

Diese Stunden und Tage zeigen: Wir haben kein Konzept, uns selbst zu erlösen. So werden wir zu Recht untergehen. Bestehen wird nur, was wir uns selbst nehmen.

Abendliche WPO-Versammlung mit sehr geringer Beteiligung. Wir kommen nur unter sehr großen Mühen und Zeitaufwendungen in Gang. Ich habe eine öffentliche Diskussionsrunde vorgeschlagen und werde sie durchführen.

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Erfahre, dass der Schuldirektor Schuster aus der PDS ausgetreten ist. Das ist ein Gewinn.

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13. Februar 1990 – Pressekonferenz Modrow – Kohl

Montag, Januar 2nd, 2012

R. hat mich heute in die Arbeit als Finanzsachbearbeiter eingewiesen.

# Ich war als einziger der früheren Mitarbeiter der ZF übrig geblieben und mußte nun alle Arbeiten der Abwicklung dieser Einrichtung erledigen. #

Seit Mittag war ich zu Hause – für den WBA und den Fensterputzer.

Pressekonferenz Modrow/Kohl original gesehen. Modrow hat nicht kapituliert und keinen Stich verschenkt. Es bleibt die Hoffnung, dass die DDR ein zu sperriger Fisch ist, als dass sie ihn einfach schlucken könnten. 

Brief an meinen Freund K.:

„… daß Euch zu allem Überfluß nun auch noch die LPG beunruhigen muß! Oder haben sich Eure Befürchtungen inzwischen nicht bestätigt?

Deine Gefühle der Müdigkeit, der Resignation, sind mir sehr vertraut. Darüber soll mein „progressives Papier“ nicht hinwegtäuschen. Diese Gefühle sind kostbar. Dieses unser Unglück müssen wir annehmen. Diese Niederlage, diese Schmach und Schande sind unsere Chance. (Du solltest wegen solcher Worte keine christliche Anwandlung bei mir vermuten.)

Zu diesem Thema die Kopie eines Tucholsky-Briefes von Dezember 1935….

# Diese Kopie findet sich nicht in meinem Tagebuch. Es handelt sich zweifellos um die bekannten Äußerungen Tucholkskys, in denen er die Unfähigkeit aller Demokraten und Linken anprangert, aus der historischen Niederlage gegen die Faschisten wirklich tiefschürfende Lehren zu ziehen. #

Nur so können wir uns von allen Wendeärschen wirklich absetzen. Du bist natürlich viel stärker als ich betroffen, gegenwärtig, weil Du viel direkter und ausschließlicher auf praktische Umsetzung orientiert warst. Für mich ist es dagegen schon ein gewisser „Trost“, daß das, was wir heute erleben unsere vergangenen 40 Jahre in keiner Weise wirklich geistig überwindet. Das, was heute –nach massenhafter Übereinkunft – tot ist, wird so leicht keine Ruhe finden/geben. Ob es nun erstmal 15 Jahre lang nur in Zirkeln weiter existieren wird oder doch bald wieder einen politischen Raum findet – das weiß keiner, ist mir auch nicht so wichtig.

Ich mache jedenfalls aus meinem Herzen keine Mördergrube und bekenne mich sehr deutlich zu dem, was ich in mir lebendig spüre.

Auf Brüche muß man sich einstellen.

Die Zentralstelle scheint mir zwar noch weiter Lohn und Brot zu geben, aber ich werde immer schwankender, ob ich das wollen sollte. Neugier und „Ungebundenheit“ (was natürlich eine andere Art Gebundenheit ist) könnte für uns (C. und mich) die Übernahme eines kleinen Buchladens oder Zeitungskiosks bedeuten (ist ernst gemeint).

Vielleicht für Dich/Euch käme in diesem Sinne die Übernahme der künftigen LPG-Nobel-Pension auf Rügen in Frage. Könntest Du Dich der LPG nicht als Aufbauplaner und –leiter unentbehrlich machen oder auch als Chefökonom? (Auch diese Vorschläge meine ich ein bißchen ernst.)…“

 Keinerlei Illusionen darüber, daß es in der Frage des DDR-Anschlusses in der BRD – mit Ausnahme der Grünen – eine große Koalition gibt.