Gedanken zu Flötentönen

Heute nehme ich meine erste Stunde, d.h. wir werden erst einmal sehen, ob der Flötenunterricht Sinn macht. Im Vorfeld habe ich meine alten Noten und Flötenschulen herausgesucht und die Grifftabelle. Manches spielen meine Finger noch wie im Traum.

Dennoch: ob ich meine engen Grenzen endlich überwinden werde? Schaffe ich es endlich, mir die Notennamen in der oberen Oktav zu merken und die barocken Griffe dazu? Und ausgerechnet jetzt sollte ich das schaffen, in einem Alter, wo ich schon lange mit Gedächtnislücken kämpfe und es doch schließlich bei all meinen Flötenspielphasen mit 10, mit 25, mit 35 und 45 nicht geschafft habe! Ich nehme an die Flötenlehrerin wird mich dazu verdonnern ganz und gar noch einmal von vorne anzufangen, damit ich mir meine eingefahrenen Marotten abgewöhnen kann. Nun ja, Einzelunterricht ist eine für mich noch völlig unausgeschöpfte Ressource. Man wird sehen. Jedenfalls habe ich mit leichtem Erstaunen festgestellt, dass mir das Musizieren auf meiner Altblockflöte Spaß macht. Eigentlich ist es eher so etwas wie Freude.  

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Und das, obwohl ich keineswegs gut spiele und ständig überlege, ob meine Vermieter, die unter mir wohnen, wohl kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen, da sie meine Absicht, nun täglich zu üben, ja wohl ahnen werden.

 

Ich könnte mir auch eine CD auflegen mit Flötenklängen alter Meister, wunderbar gespielt und technisch perfekt eingespielt. Ich könnte mich nach Konzertkarten für entsprechende Ohrenschmause umsehen. Aber das selber Spielen, und sei es noch so stümperhaft, ist ein ganz eigener Genuss.
Es entsteht in mir doppelte Freude, wenn ich den Tönen lausche, die ich mit meinem Instrument erzeuge: ich genieße die warmen Klänge und ich genieße es, sie selber hervorrufen zu können, sie zu spüren und lebendig zu machen.

 

Ich kenne dieses stolze Gefühl, die Vision plötzlich fliegen zu können, vom Schreiben. Aber da schaffe ich immerhin etwas Neues. Diese Melodien jedoch, die ich hier spiele, die hat Altmeister Purcell schon vor längerer Zeit komponiert. Ich mache beim Musizieren ja nur etwas lebendig und wiedererlebbar, was ein anderer vor mir geschaffen hat.

Und trotzdem erfüllt mich Staunen, ja Ehrfurcht vor meiner Fähigkeit, Schönheit zu erzeugen. Beim Singen im Chor ging es mir manchmal ähnlich: plötzlich überfiel mich ein Gefühl der Bewunderung und Verzückung, wenn ich hörte, wie unglaublich schön das Zusammensingen klang, zu dem man selber nur einen kleinen Teil beitrug.
Ab mit meiner Flöte bin ich alleine, spiele ziemlich mäßig und dennoch bin ich dabei einem Glück ganz nah, das für mich aus keiner Musikanlage herausgelockt werden kann.

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