Im Seminar Hilfeplanung ist es mir heute zu meiner eigenen Überraschung gelungen, Studierende vom Reiz einer gemeinwesenorientierten, präventiven Jugendamtsarbeit zu begeistern.
Ich habe beiläufig von meinem Besuch mit Studierenden vor ein paar Jahren in Altenessen erzählt, wo die BezirkssozialarbeiterInnen dieses Stadtbezirkes statt sich in Amtsstuben hinter ihrem Schreibtisch zu verschanzen – in einer kleinen Parterrewohnung eine Art Nachbarschaftszentrum betrieben und neben Beratung und Fallarbeit im Hinterraum einfach nur als Ansprechpartner für alle möglichen Fragen und Anliegen zur Verfügung standen. Hierfür stand der vordere Raum zur Verfügung.
Gleichzeitig trafen sich hier Bewohner des Viertels bei Kaffee zum Reden. Während ich mit den StudentInnen zu Besuch war, gaben sich tatsächlich ständig Menschen aller Altersstufen die Klinke der Eingangstür in die Hand.
Und ich habe erzählt vom Stadtteilfest, wo traditionell der Waffelstand vom allgemeinen Sozialdienst betrieben wurde und auf diese Weise Menschen so ganz nebenbei Ihre Sozialarbeiter begutachten, mit Ihnen unverbindliche, freundliche Worte wechseln konnten, wo beide Seiten sich gegenseitig als Menschen begegnen und mehr sind als Hilfebedürftige auf der einen und Amtspersonen auf der anderen Seite.
„Warum gibt es das heute nicht mehr?“, haben sie erstaunt gefragt. Ihre Begeisterung hat mich gerührt aber auch fest erschreckt. Dass sie sich so etwas nicht einmal mehr vorstellen können? Ist es wirklich so anders geworden in unseren Jugendämtern?
Liegt es nur an dem chronischen Geldmangel in der Jugendhilfe, der scheinbaren Notwendigkeit, jede Reform zwangsläufig als Sparmaßnahme zu funktionalisieren.
Oder liegt es (auch) am veränderten Berufsverständnis der SozialarbeiterInnen in den Ämtern selber?
Eine der Studenten sagte: Ich glaube die Kolleginnen aus meinem Jugendamtspraktikum hätten einen Schreikrampf bekommen, wenn man von ihnen erwartet hätte, auf einem Stadtteilfest einen Waffeln zu backen! Das hat mich ernsthaft erschreckt!
Warum eigentlich begreifen die Menschen, selbst so viele Sozialarbeiterinnen nicht, von Politkern ganz zu schweigen, dass Prävention sozialverträglicher, nachhaltiger und effektiver und letztlich auch effizienter wäre? Vielleicht: weil Waffelnbacken nicht so viel hermacht wie das Schreiben von Akten und das Anwenden von Gesetzestexten? Oder auch weil Klienten, die meine Waffeln essen, mir viel zu nahe kommen? Vielleicht auch, weil Klienten, die uns Waffeln abkaufen, nicht mehr als Bittsteller auftreten und nicht nur Menschen sind, die unsere Hilfe brauchen sondern in vieler Hinsicht gleichwertige und gleichberechtigte Partner?
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Auf ein Neues
Nach sieben Jahren nehme ich diesen Blog wieder auf.
Inzwischen ist das Wort „Krieg“ kein abstraktes Wort mehr, sondern harte Realität.Auch sonst ist die Welt nicht besser und nicht unkomplizierter geworden.Ich, Ms. Tapir, bin seit einigen Jahren in Rente. Meine aktive Zeit der letzten 5 Jahre in der Kritischen Sozialen Arbeit habe ich vorerst beendet. Noch immer sitze ich im Glashaus. Ich habe Steine geworfen. Einige. Und ich habe so manchen Stein abbekommen. Manche haben Narben hinterlassen.
Aber Glashäuser haben auch einen Vorteil: man kann verdammt viel von dem sehen, was da draußen abgeht: auf der Straße, in den Städten, bei den Ausgestoßenen und denen, die meinen, ihnen gehöre die Welt.
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