Zu diesem Tagebuch

15. April 2007

Mein Tagebuch hatte immer den Zweck der Selbstverständigung.

Dazu gehört von Anfang bis Ende Wahrhaftigkeit;
sagen wir, zumindest das Bemühen um Wahrhaftigkeit.

Nicht zufällig beginne ich wirklich systematisch Tagebuch zu schreiben als ich eine Lebenskrise bewältigen muß – die Trennung von der bis dahin wichtigsten Frau meines Lebens.
Es hat mir geholfen, das, was wie Mühlsteine im Kopf kreiste, auf’s Papier zu bringen (von „bannen“ konnte dennoch keine Rede sein), es damit zu objektivieren und so Schrittchen für Schrittchen der Bewältigung näher zu bringen.

Aber auch unabhängig von einer aktuellen Lebenskrise war das Tagebuch, glaube ich, ein nützlicher Helfer, nicht zuletzt um mit meiner eigenen, oft als problematisch empfundenen Sexualität, besser umzugehen.

Eine andere Dimension könnte man als eine Art wissenschaftliches Interesse bezeichnen - Persönlichkeitserkenntnis durch systematisierte Selbstbeobachtung. Ursprünglich angeregt durch Lucien Seve „Marxismus und Theorie der Persönlichkeit“, Berlin 1972, ergänzte ich die qualitative Lebensbeschreibung auf den Seiten des Tagebuchs durch eine quantitative Zeitanalyse all meines Tuns und das viele Jahre lang, zeitweilig erweitert um eine gleichermaßen detaillierte Analyse meiner Geldeinkünfte und -ausgaben. All das verstanden als umfangreiches empirisches Material für eine tief gegliederte Einzelfallstudie.
Ein stets präsenter Nebengedanke dabei war, völlig uneingeschränkt über umfassende empirische Daten verfügen zu können, frei von den Reglementierungen, denen die empirische Sozialforschung in der DDR unterlag.

Damit berühre ich ein drittes stabiles Motiv meiner Tagebuchschreiberei: Meine innere Auseinandersetzung mit der mich umgebenden DDR-Wirklichkeit. Die DDR war immer mein Staat, aber doch nicht ohne Spannungen, ohne vielfältige Lernprozesse, schließlich auch Divergenzen und Widersprüche, die ich nicht auflösen konnte, die sich im Gegenteil allmählich verschärften.
Das ging immerhin in den letzten Jahren der DDR soweit, daß ich mir als (Lebens-)Resultat allen Schreibens und Analysierens die Veröffentlichung einer Studie eventuell nur in Westdeutschland vorstellen konnte.

Immer hatte ich in mein Tagebuch auch Dokumente des Tages, oftmals Zeitungsausschnitte, aufgenommen. Dokumentieren, das wurde später, als die DDR unterging und danach besonders wichtig. Festhalten was war, Bezeugen was wirklich war! Heute, während es um die grundsätzliche Umdeutung der gesamten DDR-Wirklichkeit geht, ist das ein erstrangiges Motiv. Und Bezeugen ist ja auf das Engste mit Besinnen verbunden.

Die Idee, aus meinen Tagebüchern später zu Veröffentlichen, ist, wie gesagt, schon alt. Ich stellte mir vor, dies zu einem Hobby meines Lebensabends zu machen. Der Gedanke an Veröffentlichung stand aber nie so im Mittelpunkt, daß er wie ein Zensor mich beim Schreiben behindert hätte.
Nun haben das Internet, die Zeitumstände und auch die Entwicklung des Bloggens meine Veröffentlichungsidee modifiziert, weg von der persönlichkeitstheoretischen Studie, hin zum Zeitdokument aus betont persönlicher Sicht.

Anfangs nahm ich mir vor, die Tagebücher einfach wörtlich abzuschreiben. Nichts zu verändern, schien mir geradezu ein Gebot der Ehrlichkeit.
Doch sehr bald erkannte ich, daß Bearbeitung nötig ist. Angefangen bei persönlichen Abkürzungen aller Art, die zu „verdeutschen“ waren, über notwendige Hintergrundinformationen, ohne die persönliche Zusammenhänge unverständlich bleiben würden, bis hin zu Erklärungen und Kommentaren zeitgeschichtlicher Art, die heute, fast dreißig Jahre später, unverzichtbar sind, um in einer veränderten Welt lesbar zu sein.
Schließlich werde ich auch die Gelegenheit wahrnehmen, manche meiner damaligen Auffassungen aus heutiger Sicht zu diskutieren.

Bei all dem will ich sorgfältig darauf achten, alle vorgenommenen inhaltlichen Veränderungen, also alles, was über grammatikalische Korrektur und stilistische Glättung hinausgeht, eindeutig zu kennzeichnen. Zunächst wird das durch die Formatierung

 

Rahmen und kursiv geschehen. Später, wenn ich das technisch hinkriege ;-); dadurch, daß ich den später veränderten Text andersfarbig hinterlege.

Die einzelnen Postings werden unter dem Datum abgelegt, unter dem ich sie damals jeweils in meinem Tagebuch geschrieben hab. Zugleich werde ich am Ende des jeweiligen Postings das Datum des Postens angeben.

Das ganze Projekt wird sich über Jahre hinziehen. Es wird nur allmählich wachsen, denn ich habe weder Zeit noch Lust, Tag für Tag stundenlang abzuschreiben. Ein wenig unsicher bin ich: Was, wenn sich das, was ich persönlich so wichtig nehme, im Lichte der Öffentlichkeit am Ende als total langweilig erweist? Auf Reaktionen bin ich natürlich neugierig.

 

22. August 2007

Nun habe ich schon Etliches gepostet, etliche Monate abgeschrieben.

Erste Erfahrung: Ich komme langsamer voran als gedacht.

Zweitens und wichtiger: Mir sind arge Zweifel gekommen hinsichtlich des Prinzips, Nichts zu verändern. Inzwischen glaube ich, daß Vieles nicht von allgemeinem Interesse ist und daher nicht veröffentlicht zu werden braucht. Meine höchstpersönlichen Umstände und Probleme und Problemchen sind einfach streckenweise nicht so bedeutsam.

Ich bekenne mich also zur Bearbeitung des Textes. Der Wahrhaftigkeit soll das trotzdem nicht schaden. Es wird Auslassungen, auch größere Auslassungen geben, sie werden durch Pünktchen in eckigen Klammern angezeigt, also in dieser Form: […]

Veränderungen am Textinhalt aber werde ich weiter konsequent vermeiden. Ergänzungen aus heutiger Sicht werden weiterhin durch kursive Schrift kenntlich gemacht und entweder innerhalb des Textes in runde Klammern eingefügt oder in gesonderter Zeile mit zentrierter Textanordnung.

 

5. September 2007

Beiträge finden:

Beim Suchen in den Monaten des “Archives” stößt mensch auf die Beiträge in der Reihenfolge des Postens.

Sucht mensch nach Beiträgen per Datum des eigentlichen Tagebuchs, so muß er/sie in dieser Form suchen:

“XX. ausgeschriebener Monatsname XXXX”. Der Beitrag vom 6.3.1982 wird also gefunden mit: “06. März 1982″.

4. Oktober 2007

Heute beginne ich mit dem Abschreiben des 2. Tagebuchbandes. Er umfaßt den Zeitraum 28.3.1982-27.5.1982.

3. November 2007

# Ergänzungen aus heutiger Sicht werden weiterhin durch kursive Schrift kenntlich gemacht und entweder innerhalb des laufenden Textes zwischen Rautensymbole eingefügt (nämlich dann, wenn es nur um einzelne Worte oder sehr kurze Ergänzungen geht) oder in gesonderten Zeilen mit zentrierter Textanordnung und ebenfalls von Rautensymbolen eingeschlossen. #

 

29. November 2007

Heute habe ich den 27. Mai 1982 gepostet. Damit endet der zweite Tagebuchband. Band 3 umfaßt den Zeitraum von 28.5. bis 11.6. 1982.

 

3. Januar 2008

Heute habe ich den 11. Juni 1982 gepostet. Damit endet der dritte Tagebuchband. Band 4 umfaßt den Zeitraum von 12. 6. bis 1. 8. 1982.

Zur Zeit experimentiere ich mit dem Spracherkennungsprogramm “Dragon NaturallySpeaking 8″. Ich hoffe, daß ich bald gut damit klar komme und dann statt des langwierigen Abtippens ein flottes Einlesen erfolgt.

21. Mai 2008

Ich korrigiere natürlich alle abgeschriebenen Texte auf Tappfehler ;-). Dabei nervt mich, daß mein Rechtschreibprogramm die neue Rechtschreibung anwendet und z. B. gnadenlos alle “ß” korrigieren will. Im Interesse der “Authentizität” habe ich ihm das bisher verboten. Doch inzwischen wird mir dieser “Kampf” zuviel. Ab sofort wird also meine Rechtschreibung an den gegenwärtig gültigen Stand angepaßt, “behutsam modernisiert”, wie es immer bei Herausgebern heißt.

02. Dezember 2008

Sehr lange, seit 26.6.2008 bis heute, habe ich nichts gepostet, mich überhaupt um dieses Blog  gar nicht gekümmert. Zum kleineren Teil hängt das damit zuammen, daß ich zu viel “auf dem Hals” habe. Zum größeren Teil ist es aber Ausdruck einer Blockade, die mir selbst unklar ist. Eine Unlust, den großen Abschreibeaufwand zu betreiben für vielleicht nichts? Die Zweifel, ob es überhaupt für jemanden wichtig sein könnte. Auch die manchmal merkwürdigen Gefühle, so viel Persönlichstes öffentlich auszubreiten.

Doch langsam kriege ich wieder neue Lust. Nicht zuletzt, weil sich die Medien langsam heiß laufen, das 20-jährige Jubiläum der Endkrise der DDR und des Realsozialismus auf ihre Art zu würdigen.  Ich habe mir jetzt vorgenommen, die Wiedergabe meiner Eintragungen aus dem Jahre 1982 mit dem Ablauf des Jahres 2008 zu Ende zu bringen.

Ab 1.1.2009 möchte ich dann einen Sprung machen und beginnend mit dem 1. Januar die Tagebücher des Jahres 1989 posten. Das stelle ich mir “im Jubiläumsjahr” ganz spannend vor. (Sicher wird auch mich selbst manches überraschen.)  Die Tagebücher der Jahre 1983 - 1988 sollen natürlich nicht im Keller verschwinden, sondern zu einer späteren Zeit nachgeholt werden.

 

23. November 2011

Uff, das war eine lange Zeit des Schweigens. Wie kam es dazu? Ich will darüber nicht philosophieren, zumal es , glaub ich, keine “tieferen Gründe” gibt. Tatsache ist, daß es einen enormen Zeitaufwand bedeutet, dieses Blog energisch weiter zu führen. Wenn das Vorhaben sich nicht Jahre um Jahre hinziehen soll, dann muß ich mehr oder weniger täglich Stunden dafür aufwenden. Jetzt jedenfalls habe ich wieder die Energie dafür und mache da weiter, wo ich vor der Pause stehen geblieben war. Auch an den Arbeitsprinzipien, wie sie auf dieser Seite erläutert sind, ändere ich nichts.