meine Jüngste

Jena,

Wieder ein einsames Wochenende. Ich habe zu tun und ich habe dennoch Zeit. Wenn ich in die Stadt gehe, um einmal unter Menschen zu sein, duften die Straßen überwältigend intensiv nach Flieder.

Meine jüngste Tochter hat heute ihren letzten Schultag, auch für mich ein Grund zu feiern: 3 Kinder durch deutsche Schulen hindurch bekommen zu haben, das ist schon eine Leistung. Da weiß man sozusagen, was man hinter sich hat.

 

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Im Sommer wird G. diese Stadt verlassen. Und obwohl sie seit 4 Jahren nicht mehr bei mir sondern bei ihrem Vater lebt, werde ich mich sehr einsam fühlen. Zur Zeit ruft sie täglich an und erzählt mir ihre Schulneuigkeiten, ihre Aufregungen bei der Suche nach männlichen Wesen, in die sie sich verlieben könnte, dass sie endlich wieder mal ihr Zimmer aufräumen müsste.

Als die beiden älteren Jena verließen, hatte ich keinerlei Trauergefühle. Jetzt wird es mich erwischen, fürchte ich und ich sehe mich schon heulen wie die Mütter bei der Hochzeit ihrer Kinder.

 

Schon damals, als sie sich entschlossen hatte bei ihrem Vater zu wohnen, hatte ich dieses Trauergefühl:

Nun bist du wirklich fort

Die Sonne scheint durch alle meine Räume,

die fortan nur noch mir gehören werden.


Die Glotze schweigt. Die Bilderflut ist fort.

Die schrillen Töne sind mit dir verweht.

Hier sieht es nicht mehr wie ein Schlachtfeld aus

und alle Tuben werden wieder zugedreht.


Ich habe meine Freiheit für ein neues Leben.

Das Muttertier ist seine Jungen los.

Die gehe fröhlich durch die aufgeräumten Zimmer und

merke plötzlich ich, dass ich weinen muss.


Da ist dein Buch, dort finde ich noch eine Socke,

hier liegt ein Zettel, der ist noch von dir.

Du wirst mich morgen doch besuchen kommen?

Komm wenigstens mal nächste Woche her zu mir!


Ich werde es bestimmt vermissen, wie du am Morgen

dein langes Haar zum Zopf zusammenfasst,

und wie du dann den schweren Rucksack schulterst

und sicher wieder irgendwas vergessen hast.


Am Fenster werde ich wohl manchmal stehen

und denken, dass dort hinten meine Tochter geht.

Zum Telefon werd ich herüberstarren,

mich immer wieder fragen, wie es um dich steht.


Dann werd ich durch die stille Wohnung wandern,

wo alle Stühle immer noch so stehn, wie ich es mag,

werd Fotos anschaun, werde an dich denken

und bitter weinen wie an diesem Abschiedstag.

 

Dennoch, die letzten drei Jahre war sie mir näher als in den Zeiten davor, als wir zusammen lebten.

Das ist in 2 Monaten für immer vorbei.

 

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