Naturgewalt Bologna

Im nächsten Semester wird auch bei uns nun nicht mehr fürs Diplom sondern für den Bachelor immatrikuliert.

Hinter uns liegt eine stressige, arbeitsreiche Zeit, in der wir diesen neuen Studiengang entwicklen und für die Akkreditierungskommission und das Ministerium gleichermaßen gängig machen mussten.

Die erhoffte Gelegenheit für notwendige inhaltliche Studienreformüberlegungen blieben in diesem Kontext mehr oder weniger im Ansatz stecken. Devise: kürzer aber besser, billiger aber mindestens genauso gut wie das alte Diplom.

Dass das nicht so ohne Weiteres geht, liegt auf der Hand.

In den Nachdenkseiten mal wieder ein guter Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht und der vor allem deutlich macht, mit welch irrationaler Dringlichkeit und Zwangsläufigkeit dieser „Reformprozess“ im Hochschulbbereich durchgesetzt und durchgedrückt wurde.

Hier nachzulesen:

Lernen im Gleichschritt – die schöne neue Hochschulwelt

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Gedanken am Rande: schöne neue Welt

„Ich glaube“, sagt meine Älteste, die heute zum Mittagessen eingeflogen ist bevor sie wieder nach Nepal abreist, über den Landweg diesmal, um dort ihre letzten Interviews für ihre Examensarbeit zu machen, „ich glaube“, sagt sie also mit größtmöglicher Nachsicht in der Stimme, “ ihr könnt sowas einfach nicht hinnehmen und so sein lassen wie es eben ist, ihr wollt inmmer die Welt verändern!“
Ich stelle fest: Sie hat Recht. Und hätte diese unsere Welt es nicht verdammt nötig? Erst in den letzten Jahren ist mir aufgegangen, dass die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die weiß der Himmel auch nicht unbedingt die beste Welt war, die man sich denken kann, dass diese Welt sich vollständig verändert hat. Ich weiß mitunter nicht, ob ich noch so große Lust habe, in dieser Welt zu leben.
Zumindest habe ich keine so große Lust, mich an diese Welt zu gewöhnen, so wie sie ist.

Vor ein paar Jahren, aufgefordert in Analogie zu Brechts „An die Nachgeborenen“ ein Gedicht zu schreiben, habe ich Folgendes verfasst.
Und auch heute könnte ich nicht viel hinzufügen:

 

An die, denen die Zukunft gehört gesicht-32.jpg

I

Ja sicher, uns geht es gut.

Sogar unsere Armen sind meistens satt.

Die auf der anderen Seite stehen,

sehen uns mit Neid und Hass.

Man sagt euch, ihr müsst verteidigen,

was euer ist. Und warum?

Ich kann die Tür nicht verschließen vor denen,

die Einlass begehren.

Ich kann nicht sagen: Dies hier gehört uns.

Es gehört den Menschen.

Ich kann auch nicht sagen:

unsere Götter sind die besseren,

unsere Sitten sind die richtigen,

unsere Gedanken sind wahrer als ihre.

Rom bleckt mal wieder die Zähne.

Es hat die besseren Waffen

und einen großen Hunger.

Recht hat, wie immer, wer stärker ist:

Im Namen Gottes, der Demokratie und

was sonst noch so einfällt.

Dies ist keine Welt,

die wir euch mit Stolz hinterlassen.

Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.

An seinem Hof herrscht der allmächtige

Spaß, und das Gerassel der Kassen

füllt die Hirne und Herzen.

Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.

Darüber sind wir alt geworden.

Diese hier wollten wir verhindern.

Es ist uns nicht gelungen.

II

Damals, zwischen Kuckucksnelken

und zerbrochenen Bodenfliesen in Ruinen,

haben wir gelernt zu überleben

und zu träumen.

Die Kletterpartien über die Trümmer der Welt

unserer Vorfahren und über die

Eisenträger des Wirtschaftswunderlandes

konnten seelische Schieflagen

nicht verhindern. Dennoch:

Das Gute schien machbar.

Wir wollten, wie viele vor uns,

die Welt wieder auf die Beine stellen, wir,

die Kinder von Lenin und Brecht,

(von Marx und Coca Cola. Wer kennt den noch?).

Damals hätte ich sofort gewusst,

was es zu sagen gäbe an die Adresse der

Nachgeborenen: Menschenwürde

und Gerechtigkeit hätte ich besungen, und

gesprochen hätten wir voll Klugheit

über die dornigen Wege bis dahin.

Die sich als unbegehbar erwiesen. Wenig später.

Als ihr dann kamt, Hoffnungsträger, Schreihälse,

waren mir die Argumente

schon aus den Händen gefallen.

Ich fand mich auf einmal wieder

in der besten aller derzeit möglichen Welten.

Alle Leuchttürme waren erloschen. Es wurde kalt.

Euch sah ich heranwachsen. Ich brachte euch

das Überleben bei, aber ich wagte es nicht mehr,

eurem Werden eine Richtung zu geben.

Ich hatte die meine verloren.

III

Heute gehe ich angewidert und tatenlos

ein und aus in der plastikknisternden Welt

des Wolfes. Hofnärrin und müde.

Das Leiden der Menschen sehe ich

auf dem Bildschirm und manchmal

an den Straßenecken. Noch immer

schlägt dann mein Herz die Hände

vors Gesicht und weint. Ihr aber

schreitet achselzuckend mitten durch.

Das macht mich sehr traurig.

 

Ich sehe euch andere Wege beschreiten,

zu anderen Zielen.

Was soll ich euch also sagen?

Unsere alten Träume

entlocken den Heutigen

doch höchstens ein Lächeln.

Was ich euch mitgeben konnte,

trägt nicht weit.

In dieser Welt, die die eure ist,

braucht man ganz andere Schuhe.

Ihr aber fürchtet euch nicht.

Ihr geht einfach nach vorne.

Der Hof des Wolfes ist euer zu Hause.

Ihr habt gelernt,

nach seiner Pfeife zu tanzen und

hinter seinem Rücken euer Ding zu drehn.

Das ist eure einzige Chance.

Denn ihr werdet leben,

wo ich nicht mehr leben muß.

Ich denke an euch mit Nachsicht.

Veröffentlicht unter Allgemein | 2 Kommentare

Enklave westliche Welt

Ein Radiobericht über Sao Paulo, die dritt größte Stadt der Welt…..
In Brasilien besitzen 1% der Bevölkerung mehr als die ärmste Häfte der Bewohner dieses Landes. Die Reichen leben außerhalb der Mega-Millionenstadt in einer gepflegten Landschaft, umzäunt, bewacht, mit eigenen Schulen, Kindergärten, Geschäften, Parks, in einer eigenen, heilen, guten Welt, in der die anderen, die in dieser Stadt leben, nicht szu suchen haben. Ihnen wird der Eintritt mit Gewalt verwehrt.
In der Stadt können sich die Reichen nur mit gepanzerten Autos bewegen. Sie befinden sich unter der armen Bevölkerung ständig in Gefahr überfallen, bedroht, ausgeraubt zu werden. Und sie wissen sich zu schützen und zu wehren….
..
Vor Jahren lebte eine Bekannte von mir mit ihrem Mann und ihrer Familie in so einer Enklave und hat es nicht ertragen können, ist wieder zurück gekommen nach Deutschland…
..
Ich frage mich, wie die Kindergärtnerin den Kindern erklärt, warum es bei ihnen in ihrer Enklave so friedlich und schön ist und draußen in der Stadt so böse und gefährlich. Und warum sie hier alle zu essen haben und hübsch angezogen sind und Kinder in der großen Stadt abgerissen und hungrig auf der Straße leben müssen und für ihr Essen stehlen, sich verkaufen oder Menschen berauben müssen.
Werden sie ihnen sagen, dass die Menschen in der Enklave die Guten, die Besseren Menschen sind und die anderen böse und gefährlich? Wird es ein Kind geben, dass von sich aus auf die Idee kommt, dass es nicht verwunderlich ist, dass die anderen böse sind, wenn sie von all dem hier mit Gewalt ausgeschlossen werden?
..
Sao Paulo ist die Welt. Wir sitzen im reichen, wohlhabenden, sauberen, guten, gebildeten, kultivierten, auch noch christlichen Westen und tun alles dafür, dass die anderen nicht zu uns rein können. Stattdessen planen wir Kriege, um uns vor den Angriffen der Armen zu schützen. Oder besser, wir fangen die Kriege lieber selber schon mal an, damit sie keine Chance haben, uns angreifen und uns das wegnehmen zu können, was, verdammt noch mal, uns gehört in dieser Welt.
Und wehe dem, der hierzulande nicht begreift, dass es gilt, diese unsere Welt zu verteidigen. (Und außerdem uns auch noch ihr Öl zu sicher, das dummerweise bei ihnen im Boden steckt und nicht in der Nordsee oder in Texas.)

Veröffentlicht unter Allgemein | 4 Kommentare

Hansestadt Wismar

Sogar die Sonne schien für ein paar Stunden, als wir am Mittwoch in Wismar spazieren gingen.
Ich hatte vor 4 Wochen von dieser Stadt nur ein ganz klein wenig gesehen. Der Wasserlauf, der durch die Stadt geführt wird, hatte mir sehr gefallen. Nun nutzten wir den Besuch meiner Tochter, die mit ihrem Segler am alten Hafen inWismar angelgt hatte, zu einem kleinen Stadtbummel.

wismarblog2.jpg

wismarblog4.jpg

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Wismar hat mir sehr gut gefallen, war gemütlich zu erlaufen und für Touristen einladend und interessant erschlossen. Cafes wo man ging und stand, schön rstaurierte Fassaden, harmoische Blicke uf Häuserzeilen, geräumige, ansprechende Plätze. Aber dennoch eine ganz normale, lebendig Stadt.

wismablog1.jpg

wismarblog3.jpg

Eine belebte, farbige Stadt mit erstaunlich vielen reichen Hansehäusern.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Segelschiffprojekte

Seit vielen Jahren fährt die Fridtjof Nansen als 3mastiges Selgelschiff durch die Meere, vornehmlich die Ostsee, aber auch weiter, bis in die Karibik, nach Amerika.

blogfr.jpg

bloggru9.jpg

2004 wurde auf diesem Schiff die Fernsehserie „Windstärke 8“ gedreht, eine historische Auswandererüberfahrt nach New York, ein ernstzunehmendes Abenteuer und Projekt für eine Mannschaft, ein Filmteam und etwa 20 Passagiere, die sich als „Auswanderer“ zur Teilnahme bereit erklärt hatten. Ein Bildband, der mir, der Mutter der derzeitigen Praktikantin, ausgehändigt wird, kostet nur 5 Euro und ist mit Stempel und Autogramm des heutigen Crew-Mitgliedes Jörg versehen, der damals als Steuermann mitgefahren ist. Es erzählt in wunderschönen Bildern und interessanten Texten von diesem Erlebnis.

blofr1.jpg

Derzeit fährt das Schiff jeden Sommer wochenweise mit Gästen auf der Ostsee, oft sind es ganze Schulklassen, die sich verpflichten müssen, selber mit Hand an zu legen. Die Crew besteht aus lauter ehrenamtlichen Leuten, ehemalige Gäste, die „hängen geblieben sind“ und immer wieder ihren Sommerurlaub auf der Fridtjof Nansen verbringen, echte Seeleute, die sonst auf riesigen Frachtern fahren und hier zu den Anfängen ihres Berufes zurückfinden und auch Menschen mit ganz normalen Berufen, die das Jahr über an ihrem Schreibtisch auf die paar Wochen warten, in denen sie wieder die große Freiheit erleben können: zwischen Wasser und Himmel in der Takelage zu hängen, von Windstärke und Windrichtung abhängig zu sein, bei jedem Wetter aufs Deck zu müssen, sich manchmal vor Nässe und Kälte und von der anstrengenden Arbeit völlig kaputt zu fühlen, bei der Wache mit dem Sternenhimmel alleine zu sein und nachts wie ein Stein zu schlafen…
Wenn ich meiner Tochter so zuhöre, die nun seit 4 Wochen dabei ist, kann ich nur staunen: Sie hat erstaunlich viel gelernt über die Notwendigkeit, sich auf den anderen verlassen zu können, über Genauigkeit und Gründlichkeit, über das Miteinander auf so einem engen Raum, über ihre Grenzen und Schwächen und über ihre Fähigkeiten, in harten Situationen, die Ohren steif zu halten. Ich höre ihre empärte Beschwerde über einen der Gästejugendlichen, der nicht bereit war, in der Küche abzuwaschen und nach sich die Küche aufzuräumen und denke schmunzelnd an manchen Sonntag Nachmittag, als ganz dicke Luft bei uns war, weil unsere Jüngste ihr Zimmer aufräumen sollte und dieses nicht wollte…
Ich frage mich: Ist das jetzt einfach das Erwachsensein oder kann diese eingeschworene Gemeinschaft tatsächlich Erkenntnisse und Erfahrungen vermitteln, die sich unserem Nachwuchs in einer Welt, wo sonst alles vorgefertigt oder automaitisert ist, einfach sonst nicht mehr vermitteln.
An den bekannten Segelschiff-Projekten, die die Jugendhilfe (nach § 35 KJHG) einige Zeit sehr gerne mit Jugendlichen gemacht hat, „bei denen sonst nichts mehr zu helfen schien“ wurde oft kritisiert, dass es auf den Segelschiffen autoritär zu ginge und die Jugendlichen lernten zu gehorchen aber nicht, aus freiem Willen zu entscheiden.
Ich denke, was hier gelernt wird, ist weniger Gehorsam als die unmittelbare, sinnfällige und ganz exitentielle Einsicht in die Notwendigkeit zusammen zu arbeiten, auf den anderen zu achten, gemeinsam ein Ziel anzustreben und selber sein Bestes zu geben. Gehorsam wird hier zu einer einsehbaren Notwendigkeit um eines besseren Gelingens in eine gemeinsame Sache willen. Das ist ganz sicher etwas anderes als blinder Gehorsam um des Gehorsams willen.

Ich denke, seit ich die Crew gesehen habe, des öfteren an das Segelschiff und seine Besatzung zurück. Es muss für die Vereinsmitglieder so etwas wie eine Heimat sein, ein zu Hause, wo man jederzeit hingehen kann und auch immer willkommen ist, weil dringend zur Unterstützung gebraucht. Es ist ein Ort, wo man alte Freunde wieder treffen kann und immer auch wieder neue Leute kennen lernt. Und das Ganze ist eingebunden in ein großes, romantisches aber ganz handfestes Abenteuer, den Kampf mit Wind und Segeln, mit der Möglichkeit, zu reisen, neue Häfen anzufahren, seine Kräfte zu erproben und seine Fähigkeiten zu erweitern. Eine nachvollziehbare Leidenschaft!

Veröffentlicht unter Leute & Geschichten | Schreib einen Kommentar

Höhenangst?

Da blieb mir dann doch die Luft weg, als meine Jüngste, die Zeit ihres Lebens unter Höhenangst gelitten hatte, vor meinen Augen in der Segeltakelage hinaufkletterte und dann, 16 Meter über mir, auf der Plattform saß und mir zuwinkte!

bloggru3.jpg
Nun hatte ich Höhenangst!

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Lärmexport

Zweifellos ein erfreuliches Ereignis, dass der Bundeswehr bis auf Weiteres vomn Verwaltungsgericht Potsdam untersagt ist, das Bombodrom in Wittstock als Truppenübungs- und Luft-Boden Schießpaltz zu benutzen. Die Klagen der Anwohner und der Umweltverbände haben geholfen!

Der Radiokommentator ist ebenfalls angetan von diesem Ergebnis bürgerlicher Gegenwehr: Und er erinnert sich an seine frühe Kindheit, als er riesige Angst hatte vor dem Lärm der Tiefflieger und wie irre durch die Felder nach Hause gelaufen ist, wenn er sie über sich hörte. Er kann die Anwohner also nur zu gut verstehen, dass sie den Tornadolärm über sich nicht dulden wollen.
Und auch der Mann von der Bundeswehr ist gar nicht wirklich böse. „Wenn wir da nicht üben können, so ist das nicht weiter tragisch“, so ähnlich lässt er verlauten. „Es gibt genug geeignete Orte im Ausland, wo wir unsere Übungen durchführen können.“
Lärmexport, nennt der Reporter das.
Tornados in Afganistan sind ja nicht unser Problem. Was Kinder da denken und fühlen, wenn sie unsere Tornados hören, kann uns offenbar egal sein.
Und nicht zu vergessen:
Wir exportieren nicht nur den Lärm der Tornados, wir exportieren auch ihre Fähigkeit, Tod und Vernichtung von Menschenleben zu einem planbaren Ereignis machen.

Deutschland ist bekanntlich Exportweltmeister.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

So begann etwas vor genau 5 Jahren…..

kuchenherz-klein.jpg

2.8., 9.00 Uhr
Tagebucheintragung Tapir

K. schweigt. Ich fürchte es wird ein Verlauf wie bei anderen hier bei liebe.de: Erst volle Begeisterung und dann kommentarloser Abbruch. Schade. Ich wäre morgen schon fast nach L. gefahren Aber irgendwie ist es so auch entlastend. ….

Ich habe heute einen freien Abend. Und dann habe ich das ganze lange Wochenende. Könnte arbeiten. Könnte alleine in die Weltgeschichte fahren. Dachte schon an Berlin. Was werde ich tun?

2.8.2002 16.00 Uhr
Lieber K.
da ich heute wahrscheinlich erst sehr spät nach Hause kommen werde und für das kommende Wochenende überlege, ob ich nicht irgendwo ins Blaue fahre (habe dieses Wochenende Kinder- und Hunde frei und kann so richtig machen was ich will!!), bin ich vielleicht schlecht zu erreichen. Wenn du dich heute Abend noch mal meldest, werde ich dann auf jeden Fall noch zurück schreiben, heute spät oder morgen früh.
Dir liebe Grüße! T.

2.8. 18.45 Uhr
Tagebucheintragung kranich:
Deine Mail aller Mails!
In typisch weiblicher Manier!
Diesmal kapiere ich sofort.
Und greife zum Telefonhörer.

2.8. 19.30 Uhr
Tagebucheintrag Tapir

Es kommt eine Antwort, ein Vorschlag wie gehofft: ich könnte doch nach Berlin kommen. Es ist keine mail. Du hast einfach angerufen.
Ich erinnere mich: deine Stimme war sympathisch. Und ich war keineswegs überrascht und auch nicht böse, wegen des Telefonierens. Ich hatte ja genau so was haben wollen.
Wenn du darauf nicht eingegangen wärst, hätte ich vielleicht nicht wieder geschrieben.

Aber ich erbitte mir Bedenkzeit. Es sei so viel zu klären. Vor allem muss ich noch mal in mich gehen, ob ich das wirklich will!

2.8. 21.00 Uhr
Lieber K.,
also ich denke es könnte gehen.
Meine Telefonverabredung habe ich auf Sonntagabend vertagt. Jetzt muss ich noch mit meinem Ex regeln, wer meinem Sohn das Paket mit den angeforderten Sachen schickt und wann.
Und dann setze ich mich gegen 8.30 Uhr ins Auto und fahr los. In Berlin wäre es für mich am einfachsten, wir könnten uns am Mexikoplatz in Zehlendorf treffen. Da komme ich mit dem Wagen sozusagen vorbei. In der Nähe wohnt meine Freundin, die allerdings nicht zu Hause ist. Wir könnten von da leicht an irgendeinen See fahren oder auch in die Stadt. Hast du ein Auto. In der Stadt bin ich nämlich noch nicht so oft gefahren – obwohl ich nächstes Wochenende für meine Tochter irgendwo einen gebrauchten Kühlschrank abholen werde, den sie bis dahin hoffentlich gefunden hat……
Bis gleich
T.

2.8. 21.45 Uhr
Tagebucheintragung kranich

Nicht weniger als 5 Mails wechseln wir, nur, um die Verabredung zu treffen.

2.8 .22.00 Uhr
Also o.k.
Wir nehmen den Ausgang am Mexikoplatz, bei dem schräg gegenüber ein Italiener liegt, also ein Restaurant natürlich. Und wenn ich komme und du bist nicht da, schaue ich mal auf die andere Seite. Es ist nur um die Ecke. Allerdings würde ich sagen 11.30 bis 12.00 Uhr, sonst bin ich so gehetzt. Hast du ein handy, dass wir uns noch verständigen könnten?
Bis gleich
T.

2.8. 22.10 Uhr
lt,
hetz dich keinesfalls
nix handy,
ginge mit dem Teufel, wenn du vor mir da bist
keene angst vor Berliner verkehr,
es gibt Voraussagen, die vom schönsten Sonnabend seit Jahrzehnten sprechen, na, na, k.

Veröffentlicht unter Frauen & andere Menschen | Schreib einen Kommentar

Inventur der Inventur

Hallo ihr da draußen,
Nun schreibe ich – eine von ich weiß nicht wievielen – seit Monaten fast jeden Tag hier ins blog und sende meine Gedanken und Erlebnisse ins www aus.
Manchmal macht es mir Spaß, einfach so eine kleine bunte Duftmarke abzusetzen. Manchmal schaue ich mir meine bisherigen Ergüsse an und finde sie auch ganz schön, schön amüsant und meistens auch eigentlich gar nicht so blöd.
Ich sehe, dass mein Blog täglich eine Gruppe von 100 Leuten oder etwas mehr ansieht. Wenn ich sie mir vorstelle als reale Gruppe, scheint das eine ganze Menge zu sein. Wenn ich mir dabei das www vorstelle, fürchte ich, dass das aber vielmehr genau die Anzahl von Menschen ist, die per Zufall auf meine Seite stoßen, wenn sie rumgoogeln oder per blind durch die Gegend surfen.

kreuzung-kl.jpg

Keine Ahnung, ob es so ist. Jedenfalls meldet sich keiner und sagt: „Behalt mal deine blöden Gedanken für dich!“ oder „Was geht mich deine Streusandbüchse an oder ob du im Fitness-Center deine Kondition verbesserst?“ oder „Dazu haben schon ganz andere Leute Schlaueres gesagt!“. Von Zuspruch ganz zu schweigen oder von Nachfragen. Geschenkt!

kranich sagt, das ist wie im Leben. Wirklich zuhören tut dir kaum einer. Und wirklich ausrichten tust du auch nichts. Aber man kann es ja mal versuchen, es mal anbieten.

Vielleicht ist es doch ganz anders. Vielleicht werde ich ja auch genau beobachtet, habe ja allen freiwillig die Möglichkeit angeboten. Inventur! Alle herein spaziert! Schließlich lebe ich in der Gesellschaft, wo alle (fast)alles laut sagen dürfen und wo keiner es hört.
Aber vielleicht stehe ich ja auf der Liste eines Diplomanden der Kommunikationswissenschaft, der eine langweilige Arbeit über Frauenblogs schreibt? Vielleicht bin ich sogar dem Verfassungsschutz eine Nebennotiz wert? Vielleicht verhallt mein Blog aber auch ohne Echo und ohne Widerhall im www.
Letzeres scheint mir immer wahrscheinlicher.
Jedenfalls ist es ein heimeliges Gefühl zu wissen, alle, alle hätten jetzt die Möglichkeit, an meinen Gedanken und den neusten Ereignissen meines unbedeutenden Lebens teilzuhaben. Und es ist gleichzeitig die anonymste Sache der Welt, so als flöge ein bisschen Weltraumschrott seit Jahrzehnten einsam und ungesehen immer links am Sonnensystem vorbei. Es ist wie eine große Verbrüderung ohne Brüder.
Ich werde dabei übermütig. Das muss ich von meiner Mutter haben. Die sagte immer, „ich gehe mal nackt durch die Bahnhofstraße und du wirst sehen, keiner nimmt davon Notiz“. Vielleicht hätte sie ja doch einer weggeschnappt oder in die Klapsmühle gebracht. Manchmal kommen dann doch unerwartete Reaktionen, um nicht zu sagen Sanktionen.
Mal abwarten. Die Inventur geht weiter.

Veröffentlicht unter Allgemein | 2 Kommentare

Dichtertreffen in Telgte

Nachdem ich heute Nachmittag die – ich weiß nicht wievielte – Korrektur meines Buches abgeschlossen hatte und es draußen schon seit Stunden düster tröpfelte, beschloss ich, mir endlich mal wieder in unserer Laube etwas zum Lesen auszusuchen. In unserer Laube „haust“ unsere gesamte Belletristik und wir nennen sie deshalb die Bibliothek. Meine alte Leseleidenschaft ist in den letzten Monaten wieder mal etwas unter die Räder gekommen. Also frsich ans Werk!

Ich schwanke ein wenig zwischen Heines Gedichten, Defoes „Die Pest in London“ und – ja, das ist es: Das „Treffen in Telgte“, von Günter Grass (1979).

telgte.JPG

Ich bin eigentlich nicht gerade ein Grass-Fan. Aber ich las dieses Bändchen vor zig Jahren und habe es in guter, amüsanter Erinnerung. Außerdem klingeln beim dem Namen Telgte bei mir liebe Jugenderinnerungen, habe ich doch in der Provinzialhauptstadt von Westfalen studiert, anno 68ff.

Und dann noch etwas: Ich möchte nachschauen, wie bei Grass der Paul Gerhardt wegkommt, der Kirchenlieddichter, mit dessen Liedern mir kranich seit ein paar Tagen eine CD vorspielt, die mir gut ins Ohr schmeichelt, aber mich etwas peinlich berührt, weil sie mich an alte Kinder-Gottesdiensttage und an spätere, katholisch-jugendbewegte Jahre erinnert: „Du kannst die Welt verändern, pack mit an“. Das habe ich dann später weniger katholisch ausgelegt….

Das Lied von der güldenen Sonne, das ich so gerne habe und dass jetzt unter Paul Gerhards Liedern auftaucht, hat kranich mir vor ein paar Wochen weggekrittelt , es sei ja doch auch mit der Sonne nur der liebe Gott gemeint. Fand ich nicht. Fand ich zu eng gesehen.
Aber die CD gibt kranich Recht.

Also lese ich an diesem düsteren Sonntagnachmittag Grass, mache mich auf die Suche nach jenem Paul Gerhard, tauche ein in jenen kleinen westfälischen Ort am Emsufer.

Es ist die Landschaft meiner Studienjahre. Wie oft saßen wir abends und in die Nacht hinein am Emsufer und diskutierten über die Welt, weniger über Gott, , über Vietnam, die Notstandsgesetze und natürlich über Kunst. Und mancher sprang nackt zur Abkühlkung ins Emswasser und tummelte sich zusammen mit kleinen Wasserratten am Schilfufer. Mit dem ersten Morgenlicht sahen diejenigen von uns, die noch geblieben waren, Schwäne die Ems entlang gleiten in Richtung der aufgehenden Sonne.

Heute Nachmittag nun sehe in in meiner Jugendlandschaft die Gruppe der Barock-Poeten Quartier beziehen und mit ihrem Treffen versuchen die deutsche Sprache und das zerstörte und zertrampelte Vaterland zu retten. Wie sie sich wichtig nehmen, wie sie debattieren, sich erhitzen! Es ist ein Vergnügen sie zu beobachten mit ihren widersprüchlichen Charaktere und Ansichten,, ihren verschiedenen Richtungen und Stilen, ihren Marotten und geheimen Sorgen und mit ihren Weisheiten und Lächerlichkeiten, ihren Eitelkeiten vor allem – und ich begegne mit Überraschung und Respekt dem, den ich beinahe vergessen hatte: dem Simpel: frech, lebendig und stark, dem späteren Verfasser des ersten deutschen Romans, Grimmelshausen. Hier ist er noch ein unbekannter aber voranstürmender Haudegen mit einem scharfen Blick für die Wirklichkeit, die politischen Verlogenheiten und die Leiden und Leidenschaften der Menschen. Für die versammelten Poeten eher ein Störenfried ihres dichterischen Hains. Von allen steht er als einziger heute in meiner Bibliothek.
Paul Gerhard ist auch dabei und kommt bei Grass recht und schlecht weg als bigotter, biederer, integrer und vor allem tieffrommer Mensch, der die Gottesverehrung seiner Lieder offenbar wirklich ernst nimmt. Also meint er wirklich nicht die Sonne, sie reicht ihm nicht, sie ist ihm nur ein Abglanz Gottes. Nun gut. Dennoch gefallen mir die Melodien, die andere zu seinen Texten gemacht haben.

An diesem langen, verregneten Juli-Sonntag lasse ich die 3,4 Sommertages des Tegter-Treffens an mir vorüberziehen. Es ist merkwürdig, dass das schon 300 Jahre her sein soll, 359 Jahre, um es genau zu nehmen. Als ich las, kam es mir so vor, als sei dieses Treffen eben erst zuende gegangen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar