mitten in der Nacht

Jena

Ich bin noch einmal aufgestanden, genießend die Tatsache, dass ich mir das skrupellos leisten kann: ich wecke keinen Ehemann, muss morgen nicht früh raus, muss niemandem das Frühstück machen….

Ich sitze hier und frage mich, was das ist: Ich spüre eine unsägliche Lust drauf loszuschreiben, einfach so, zu plaudern über meinen Tag, meine Gedanken.

Ob das jemanden interessiert? Ich weiß nicht und wage es kaum zu hoffen. Und dennoch geht es mir gut dabei, besser, als wenn ich für mich selber Tagebuch schreibe. Da neige ich eher zu depressiver Nabelschau. Aber hier, quasi auf der www.Bühne, unter einer gewissen sozialen Kontrolle, spüre ich , wie meine Lebensgeister rege werden und wie ich anfange, bewusster und lustvoller zu leben, um Gefühltes, Gedachtes, Erlebtes wieder- und weitergeben zu können.

Ist das Exhibitionismus? Oder ein ganz und gar normales menschliches Bedürfnis nach sozialem Kontakt? Aber es ist ja sehr fraglich, ob meine Sachen je eine oder einen herausfordern werden zu irgendeiner Reaktion. Dennoch: Es ist schon angenehm, sich vorzustellen, dass andere zur Kenntnis nehmen, was ich eben einfach so bei mir gedacht habe.

So, so! Und ich weiß nicht, ob mir das vielleicht besser peinlich sein sollte. Egal. Ich leb’s jetzt aus.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Klausi’s Kommentar – deine Blumen und mein Gemüse

   klausiminikorr.jpg   

Jena

Als sie neu zusammen waren haben meine Alten schon gedacht, es könnte mit ihnen vielleicht langweilig werden, weil sie sich so ungemein gut verstanden und in allem harmonierten. Kein Dissens weit und breit zu sehen…Heute können wir alle über einen Mangel an Dissensen nicht mehr klagen. Kleine Kostprobe? Ist ein Garten dazu da, Gemüse zu liefern oder ist es viel schöner und wichtiger, aus ihm ein blühendes Blumenparadies zu machen?„Was er nicht essen kann im Garten, das kennt er nicht“, sagt meine Mutter. Und so zerren sie hinter verhaltener Hand aber stetig an der Frage herum, was denn nun der wichtigere Gartenteil seit. Sie ärgert sich, wenn er am Telefon die aufregende Tatsache unterschlagen hat, dass die Waldanemone blüht. Und er hat Angst, dass sie wieder aus Versehen auf seine Erdbeeren tritt, wenn sie ihre Blumen gießt. Da kann ich nur müde mit der Tatze winken.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

die leidige Steuerklärung

Jena

Den ganzen Vormittag mit dem Einkommensteuerbescheid zugebracht. Dieses Jahr will ich das ganze Geld nicht mehr dem Steuerberater in den Rachen werfen, zumal es ja nicht mal mehr absetzbar ist. Habe angenehme Eingabehilfe im Internet gefunden.

Aber die Arbeit quält sich doch dahin. Und die ganze Zeit befällt mich Verwunderung angesicht dieses zu Geldsummen, Bankbelegen und unverständlichen Paragraphen geschrumpften Lebens eines ganzen Jahres.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Gedanken an die Zukunft

Jena

Zurück von Ikea. G. ist gefahren. Sie fährt inzwischen erfreulich sicher. Ihre Freundin K. war auch mit. Es tut mir gut, mit den jungen Leuten zusammen zu sein. Dennoch stehe ich so oft daneben und wundere mich, über das, was sie so umtreibt. Sie sind so anders als wir damals. Als ich so alt war wie G., war es 1968 … Wie immer frage ich mich, ob es an mir und ihrem Vater liegt, dass alle drei so unpolitisch, so pragmatisch geworden sind. Oder sind sie es gar nicht? Sind sie doch alarmiert durch die Kriege unserer Tage und den steifen Wind, der über den Sozialstaat hinfährt, auf eine andere Weise alarmiert, die ich nicht verstehe?

Meine Tochter H. hat mir vor ein paar Tagen erzählt, dass sie es ganz o.k. findet, später keine Festanstellung zu haben und sich von Projekt zu Projekt durchhangeln zu müssen. Sie sei eh nicht scharf darauf, sich festzulegen und irgendwo am Schreibtisch zu versauern. Natürlich, die von allen so intensiv abverlangte Flexibilität kommt jungen Menschen ja entgegen, zumindest denen, die halbwegs Ressourcen mitbekommen haben. Der Turbokapitalismus ist also eine Gesellschaft für Junge, Unabhängige. „Gut dass ich keine Kinder und keine feste Bindung habe, dann sähe das natürlich für mich ganz anders aus“, sagt sie. Nach ihrem Abschluss in Ethnologie wird sie erst mal keinen Job zu haben und Hartz IV beantragen müssen. Das sei schließlich auch nicht viel weniger, als das, was ich ihr nun 5 Jahre lang gezahlt hätte.

Im nächsten Herbst sind alle drei im Ausland. Ich sage gar nichts dazu, was soll ich schon sagen: G. ist dann in Irland als Au Pair, M. macht ein Auslandssemester in England und H. geht für drei Monate mal wieder nach Nepal, diesmal auf dem Landweg.

 

Es wird ein stiller Winter werden für mich in Deutschland.

.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Klausi’s Kommentar – Sohn der Liebe

klausiminikorr1.jpg  

Jena

Ich bin der letzte Spross meiner Eltern. Als sie sich kennen lernten, wollte meine Mutter unbedingt einen Teddy mit so schwarzen, graumelierten Haaren haben, so wie mein Papa sie hatte. Damals war mein Papa so verliebt, dass er diesen Wusch einer älteren Dame noch nicht für peinlich hielt. Vielleicht hat er sich auch nur Mühe gegeben, es nicht zu zeigen. Und so haben sie zuerst im exklusiven Bären-Shop an der Jacobikirche gesucht, aber nichts Passendes gefunden. Ich stamme schlicht von Globus und habe alle Wunsche erfüllt.

Meine beiden Alten haben also erst vor 5 Jahren noch mal neu angefangen. Es wird ja nicht einfacher mit den Jahren und überhaupt pflegen Menschen in Sachen Liebe immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Ich glaube, einer muss hier darauf achten, dass sie halbwegs bei der Stange bleiben. Und wenn es eben nur so „Übergangsobjekt“ ist wie ich, das immer nur in der Gegend herumsitzt, alles sieht und hört und sich seinen Kuscheltierreim darauf macht…

Meine Mutter ist schon immer ein Kuscheltier-Fan gewesen. Aber nachdem ihre 3 Kinder aus dem Hause sind samt den blauen Säcken mit ca. 300 Kuscheltieren, bin ich übrig geblieben und so ein uraltes Exemplar, das schon 52 Jahre zählt und immer noch mit wackeligem Kopf bei uns auf dem Sekretär herumsitzt.

Aber wir beide haben uns geeinigt, dass ich hier die fällige Hofberichterstattung übernehme, ich der Sohn der Liebe.

Man wird von mir hören…

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

meine Jüngste

Jena,

Wieder ein einsames Wochenende. Ich habe zu tun und ich habe dennoch Zeit. Wenn ich in die Stadt gehe, um einmal unter Menschen zu sein, duften die Straßen überwältigend intensiv nach Flieder.

Meine jüngste Tochter hat heute ihren letzten Schultag, auch für mich ein Grund zu feiern: 3 Kinder durch deutsche Schulen hindurch bekommen zu haben, das ist schon eine Leistung. Da weiß man sozusagen, was man hinter sich hat.

 

schlaf.jpg

 

 

Im Sommer wird G. diese Stadt verlassen. Und obwohl sie seit 4 Jahren nicht mehr bei mir sondern bei ihrem Vater lebt, werde ich mich sehr einsam fühlen. Zur Zeit ruft sie täglich an und erzählt mir ihre Schulneuigkeiten, ihre Aufregungen bei der Suche nach männlichen Wesen, in die sie sich verlieben könnte, dass sie endlich wieder mal ihr Zimmer aufräumen müsste.

Als die beiden älteren Jena verließen, hatte ich keinerlei Trauergefühle. Jetzt wird es mich erwischen, fürchte ich und ich sehe mich schon heulen wie die Mütter bei der Hochzeit ihrer Kinder.

 

Schon damals, als sie sich entschlossen hatte bei ihrem Vater zu wohnen, hatte ich dieses Trauergefühl:

Nun bist du wirklich fort

Die Sonne scheint durch alle meine Räume,

die fortan nur noch mir gehören werden.


Die Glotze schweigt. Die Bilderflut ist fort.

Die schrillen Töne sind mit dir verweht.

Hier sieht es nicht mehr wie ein Schlachtfeld aus

und alle Tuben werden wieder zugedreht.


Ich habe meine Freiheit für ein neues Leben.

Das Muttertier ist seine Jungen los.

Die gehe fröhlich durch die aufgeräumten Zimmer und

merke plötzlich ich, dass ich weinen muss.


Da ist dein Buch, dort finde ich noch eine Socke,

hier liegt ein Zettel, der ist noch von dir.

Du wirst mich morgen doch besuchen kommen?

Komm wenigstens mal nächste Woche her zu mir!


Ich werde es bestimmt vermissen, wie du am Morgen

dein langes Haar zum Zopf zusammenfasst,

und wie du dann den schweren Rucksack schulterst

und sicher wieder irgendwas vergessen hast.


Am Fenster werde ich wohl manchmal stehen

und denken, dass dort hinten meine Tochter geht.

Zum Telefon werd ich herüberstarren,

mich immer wieder fragen, wie es um dich steht.


Dann werd ich durch die stille Wohnung wandern,

wo alle Stühle immer noch so stehn, wie ich es mag,

werd Fotos anschaun, werde an dich denken

und bitter weinen wie an diesem Abschiedstag.

 

Dennoch, die letzten drei Jahre war sie mir näher als in den Zeiten davor, als wir zusammen lebten.

Das ist in 2 Monaten für immer vorbei.

 

.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

viel zu tun

Jena

Während sich draußen der Bilderbuchsommer im April entfaltet, liege ich auf meinem Sofa und sehe die ca. 25 Bücher durch, die ich in der FH-Bibliothek ausgeliehen habe, in der Hoffnung, das eine oder andere wieder zurückgeben zu können, weil ich es nicht wirklich brauche.

Es gelingt mir, ein einziges Buch auszusortieren. Die anderen müsste ich lesen. Bei einigen lese ich mich gleich fest. Wieder neue Aspekte und Perspektiven für mein Buch über die klientenzentrierte Beratung in der Sozialen Arbeit, mit denen ich mich auseinandersetzen sollte. Ich sortiere die Bücher in verschiedene Päckchen und mache mir eine grobe Liste, wie ich das bewältigen will.

Aber viel lieber würde ich auf einer Frühlingswiese liegen und träumen.

.

 

 

p5160016.JPG

.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar

Die Retter unserer Gesellschaft

Jena

Zwischen Mozartklängen und Debussi überrascht mich in MDR Kultur ein Interview mit einem Wiener Soziologie-Professor, der sich darüber auslässt, dass unsere Gesellschaft sich zu wenig Gedanken macht über die Definition von Reichtum. Herr Thomas setzt zum Überleben unserer Gesellschaft auf die Reichen, Vermögenden, die ihren Reichtum für die Gesellschaft produktiv machen, die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zeigen. Es sind die Vermögenden in unserer Gesellschaft, die die Schere zwischen Arm und Reich schließen können, sagt er. Ich spitze die Ohren.

Es gibt Reiche, so höre ich beeindruckt, die einfach nur für sich ihren Reichtum nutzen und behalten. Aber es gibt auch Vermögende, die ihren Reichtum für die Gesellschaft produktiv nutzen. Die Gegenüberstellung des Fußballstars mit der Beamtenwitwe, die kiloweise Plätzchen für Migrantenkinder bäckt, ist ja noch amüsant. Die Differenzierung zwischen den Managern mit den Spitzengehältern und den Unternehmern, die aus sozialer Verantwortung heraus Stiftungen unterstützen und soziale Projekte, alarmiert mich. Und dann kommt es so ganz nebenbei: Die Unternehmer, die für andere Arbeitsplätze bereitstellen, das z. B. sind unsere Wohltäter.

Aber ja, natürlich, wie könnte man in so einer Lesart unserer Gesellschaft als Arbeitnehmer etwas fordern von dem, der mir freundlicherweise einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellt. Wie könnte man so unverschämt sein, diese Wohltat von ihm zu fordern oder unzufrieden sein mit dem, was er freiwillig und bereitwillig hergibt? Wie könnte man das Recht ableiten, zu streiken, mitbestimmen zu wollen? Man darf die gebende Hand nicht schlagen. Ist es nicht so?

Der philanthropische Unternehmer als Retter der Armen und der ganzen Gesellschaft. Und wir alle als Bittsteller und dankbare Empfänger von Gnade.

Mir kommt das merkwürdig bekannt vor. Gab es in feudalen Gesellschaften nicht auch gute und schlechte Herren, solche, die sich um ihre Untertanen kümmerten und solche, die sie verkommen ließen.

 

Ein Zitat fällt mir ein, dass ich letztes Semester in meiner Powerpoint Präsentation verwendet habe:

„Eine Gesellschaft, in der die Bedürftigen ein Anrecht auf Unterstützung haben, ist grundsätzlich weniger entwürdigend als eine Gesellschaft, die auf Barmherzigkeit beruht…“ (Margalith 1998, S. 276).

Entnommen wurde das Zitat dem Buch von Galuske, „Flexible Soziale Arbeit“, ein gutes Buch, das nicht nur für Sozialpädagogen deutlich macht, was die neoliberale Gesellschaftsphilosophie uns allen zumutet.

Veröffentlicht unter Allgemein | Schreib einen Kommentar